Warum Antihelden immer beliebter werden

Warum Antihelden immer beliebter werden

Erneut freue ich mich über einen Gastbeitrag des Horror-Experten John Paxing. Ich bin heilfroh, dass mir dieses Thema von einem Gastautor abgenommen wird, da ich bisher geglaubt habe, mit Anti-Helden nichts anfangen zu können. Diese aufschlussreiche Beitrag bringt mich allerdings zum Nachdenken. Vielen Dank dafür.

In klassischen Geschichten sind Helden normalerweise die Guten, und Bösewichte.. Nun ja, die Bösen. Dabei ist der Archetyp des »guten Helden« natürlich eine Illusion. Niemand ist einfach nur »gut«.

Ich meine, ich kenne richtig gute Menschen – absolut selbstlose, nette, hilfsbereite, gute Leute – aber selbst die haben irgend etwas an sich, das ich nicht gut heiße. Scheinbar funktioniert das Leben nicht ohne schlechte Eigenschaften. Und ich will auch beim Lesen, Fernsehen oder Computerspielen längst keinen Protagonisten mehr zuschauen, die einfach nur »gut« sind.

Die Entwicklungen in Fernsehen und Kino zeigen am deutlichsten, dass wir uns immer mehr Antihelden wünschen. Mit »Antihelden« meine ich Protagonisten, deren negative Eigenschaften absichtlich ausgearbeitet werden. Dr. House, Batman (der in »The Dark Knight«) und Max Payne sind solche Helden. Sie lassen Charakterzüge geradezu heraushängen, die eigentlich als unsympathisch gelten.

Dazu zählen Narzissmus (Selbstverliebtheit), Psychopathie (manipulatives, kaltblütiges Verhalten) und Machiavellismus (das eigene Ziel ohne jede Rücksicht und Moral verfolgen, über Leichen gehen). In der Evolutionspsychologie werden diese drei Persönlichkeitstypen als die »Dunkle Triade«* zusammengefasst, und sie gehören zu den unbeliebtesten Charakterzügen überhaupt.

Der bekannteste Antiheld ist vielleicht James Bond. Er bricht regelmäßig das Gesetz, er hat sogar die »Lizenz zum Töten«. Das macht ihn zu einer Ausnahme, zu einem, der über dem Rest der Gesellschaft steht. Er lebt jenseits des »Guten« und »Schlechten«, an dem die anderen sich orientieren sollen. Nur durch seine knallharte, manipulative Art schafft er jede Mission. Ganz klar ist er kein Held mit positiven Qualitäten wie Nächstenliebe, Fairness und Achtung vor anderen. Man kann ihn getrost psychopathisch nennen – wie sonst sollte er nachts ruhig schlafen können? So ähnlich ergeht es dem Punisher, Wolverine und Dexter.

Die Wissenschaft wundert sich, dass wir heute so auf Antihelden stehen, die Eigenschaften der »Dunklen Triade« verkörpern. Denn »schlechte« Menschen – also solche, die gegen bestimmte Regeln verstoßen – werden normalerweise aus der Gesellschaft ausgestoßen. Sie verhalten sich nicht kooperativ. Sie sind egoistisch und richten Schaden an, und deshalb mag sie auch keiner – aus Selbstschutz.

Um in einer Gruppe miteinander klar zu kommen, haben sich bei uns starke Sympathien und Antipathien für bestimmte Verhaltensweisen über den Lauf der Evolution verinnerlicht. Wir haben die Kategorien »Gut« und »Böse« entwickelt, an deren Vorbild sich Gesetze, Moral und Erziehung orientieren. Das Resultat: Jeder gesunde Mensch reagiert emotional ziemlich stark auf Menschen, die sich »asozial« verhalten.

Warum also wünschen wir uns Helden, die ihre schlechten Eigenschaften so offen zeigen? Warum fühlen wir uns mit Antihelden mehr verbunden als mit archetypischen, guten Helden?

Ein Teil der Antwort ist einfach: Natürlich steckt in jedem von uns eine dunkle Seite. Ich bin regelmäßig egoistisch, ich fluche verdammt viel und bin impulsiv, und sicher habe ich auch mal gegen das Gesetz verstoßen. Protagonisten, die keine Spur solcher negativen Eigenschaften besitzen, sind einfach nicht lebensecht und mit ihnen kann man sich schlechter identifizieren. Aber vor Allem werde ich mit ihnen nicht warm, weil sie keine ehrliche Verbindung zu sich zulassen:

Jemandem verbunden zu sein, eine Beziehung zu haben, bedeutet letztlich, sich verletzlich zu machen. Zu perfekte, fehlerfreie Menschen machen mich skeptisch. Irgendetwas scheinen sie zu verbergen, und ich kann sie nie richtig einschätzen. Zeigt mir jemand nicht sein wahres Gesicht, dann bleibt als Konsequenz auch die Beziehung oberflächlich.

Wenn ich aber jemandem mehr von mir preisgebe, inklusive meiner schlechten Eigenschaften und Unzulänglichkeiten, zeige ich damit Vertrauen: Ich vertraue darauf, dass der andere mich nicht verstößt, obwohl ich fehlerhaft bin. Und dass ich dieses Risiko eingehe beweist, dass ich eine echte Beziehung mit ihm möchte.

Deshalb sind Antihelden, die ihre negativen Eigenschaften zeigen, und sich damit verletzbarer, nahbarer und ehrlicher machen, sympathischer als Helden, die einfach nur gut und perfekt sind. Man kann mit ihnen potentiell echte, menschliche Beziehungen eingehen – eines der wichtigsten Dinge, auf denen unser Leben beruht.

Als Schlusswort möchte ich hierzu einen Gedanken zusammenfassen, den ich kürzlich in einer sehr interessanten Dokumentation (»Indie Game: the Movie«) gehört habe:

»Auf Hochglanz polierte, idealisierte Nachahmungen, ohne Macken und Kanten, sind unpersönlich. Wenn etwas dich berühren soll, persönlich werden soll, dann braucht es Macken, Fehler und eine gewisse Verletzlichkeit. Wenn du jemanden betrachtest und keine Verletzlichkeit in ihm entdeckst, dann ist deine Beziehung zu dieser Person wahrscheinlich nicht besonders tiefgründig.«

Als weiterführende Lektüre zum Thema »Evolution von gutem und bösem Verhalten« und »Antihelden in Geschichten« kann ich diesen Artikel empfehlen:

*»The Antihero in Popular Culture: Life History Theory and the Dark Triad Personality Traits« von Peter K. Jonason et al., University of Western Sydney, Australien. Review of General Psychology © 2012 American Psychological Association (2012), 16:2, 192–199. DOI: 10.1037/a0027914

 

Warum halb-realistische Monster am besten funktionieren – Ein Gastartikel von John Paxing

Warum halb-realistische Monster am besten funktionieren

Vor knapp zwei Monaten erschien der erste Gastartikel des Horror-Autors John Paxing auf meinem Blog: »Warum wir Monster lieben«. Ich freue mich sehr über Johns Rückkehr. Viel Spaß mit diesem Artikel, von dem ich viel lernen konnte. Mehr über John auf seinem lesenswerten Blog Jpaxing.wordpress.com.

Die Stimmung passt, die Protagonisten sind interessant, die Geschichte fängt vielversprechend an. Zeit für das, was in vielen Horror-Storys irgendwann kommen muss: Das Monster. Bei der Erschaffung von Monstern können Autoren ihre Kreativität Amok laufen lassen, schließlich gibt es sie ja nicht wirklich – oder?

Es stimmt: Grenzen gibt es eigentlich nicht. Ob Riesen-Seeschlange, Zombie oder Killer-Teddy – richtig eingesetzt kann alles gruselig sein. Aber es gibt einen Trick, dessen sich John Carpenter, Stephen King und andere Monster-Erschaffer immer wieder bedienen. Der Trick besteht darin, sich nicht zu weit von dem zu entfernen, was wir aus unserer Umwelt kennen. Am gruseligsten sind für Menschen auf der ganzen Welt diejenigen Monster, die auf einer realen Gefahr basieren – und damit nur zum Teil unrealistisch sind. Dieses Phänomen ist sogar der wissenschaftlichen Forschung bekannt: Unsere Angst vor Monstern rührt nämlich von einer sinnvollen, tief in uns verankerten Emotion her, und das ist die Angst vor unseren drei wichtigsten Feinden: Fressfeinde, Gifttiere und aggressive Mitmenschen .

Diese Angst hat sich über millionen von Jahren in der Evolution des Menschen als erfolgreiche Strategie etabliert, dank derer wir diesen Gefahren erfolgreich ausweichen können, ohne erst riskantes Versuch-und-Irrtum -Lernen durchlaufen zu müssen. Mit anderen Worten: Die Angst vor dem bösen Wolf ist genetisch festgelegt. Denn ein Kind, das zum ersten Mal einem tödlichen Tier gegenüber steht, sollte nicht erst nachdenken müssen, bevor es wegläuft. Angst ist unser angeborenes Alarmsystem, und mit guten Horror-Geschichten lässt sich der Alarm genauso auslösen wie im realen Leben durch den Anblick gefährlicher Tiere.

Wenn man sich klar macht, dass unsere Angst vor dem Monster einer Horror-Geschichte nichts anderes ist als die Urangst vor feindlichen Menschen und Tieren, versteht sich von selbst, dass wir für die Erschaffung eines Monsters gar nicht weit ausholen müssen. Selbst Stephen King, dem es nun wirklich nicht an Fantasie mangelt, verwurzelt seine erfolgreichsten Monster in der Realität, oft sogar im Menschen selbst: Das überirdische Monster in »Es« erscheint seinen Opfern als Clown, der kleine Gage kehrt vom »Friedhof der Kuscheltiere« als fieses, untotes Kind zurück, und in »The Shining« ist es der Vater, der durchdreht und seine Familie umbringen will. Auch Tiere verwandelt Stephen King immer wieder in Monster, ohne sie groß zu verändern: »Cujo« ist beispielsweise ein tollwütiger Hund, und »Das Mädchen« wird – ACHTUNG SPOILER! – in letzter Sekunde vor einem gewöhnlichen Bären gerettet.

Waren es früher Werwölfe, so boomt der Markt in letzter Zeit mit Zombies und Vampiren, also Wesen, die teils Mensch, teils Fiktion sind. Dass wir uns vor solch halb-realistischen Wesen fürchten, obwohl wir wissen, dass es sie nicht geben kann, liegt daran, dass unser Alarmsystem nur auf eine schwammige »Schablone« des Feindes ausgerichtet ist. Es liefert kein 100%ig festgelegtes Bild vom Feind, denn es muss flexibel und lernfähig bleiben, damit wir uns an neue Gefahren in unterschiedlichen Umgebungen anpassen können.

Vampire und Zombies beispielsweise sprechen unsere Angst vor dem aggressiven Mitmenschen an, und unserem Gehirn ist grundsätzlich egal, warum dieser Mensch uns töten will. Ob durch einen uralten Fluch in Rage versetzt, mit einem verhaltensändernden Virus angesteckt oder weil er gerade im Poker verloren hat. Solange er es auf uns abgesehen hat und gefährlich wirkt, löst er in uns die Urangst aus, die den Menschen über die gesamte Evolutionsgeschichte hat überleben lassen. Dasselbe gilt entsprechend für tierische Feindbilder: Große, gut bewaffnete oder giftige Tiere lösen recht undifferenziert Angst aus. Sagen wir, es gibt die Schablone »großer Fressfeind mit Klauen und Fell«. Ob wir nun von einem gewöhnlichen Braunbären oder Tiger angegriffen werden, oder von einem fliegenden Leoparden mit glühenden Augen: Sie sind alle nur Varianten des Arche-Angst-Typs »Fressfeind mit Klauen und Fell«.

Wie lange dauert es, ein Buch zu schreiben?

Wie lange dauert es, ein Buch zu schreiben?Ich stoße immer wieder auf die Frage, wie lange es dauert, ein Buch zu schreiben. Obwohl eine pauschale Antwort schwerfällt, kann es hilfreich sein, anderen Autorinnen mal über die Schulter zu gucken und deren Arbeitsweise mit der eigenen zu vergleichen.

Es gibt erhebliche Unterschiede in der Arbeitsweise und damit auch im Arbeitstempo von Autorinnen.

Mickey Spillane beispielsweise hat nach eigener Aussage seinen Bestseller und Krimi-Klassiker des Hard-Boiled-Genres »Ich, der Richter« an einem Wochenende geschrieben. Immerhin ein 180-Seiten-Roman. Michael Moorcock rühmt sich damit, seine meisten Romane in drei Tagen zu schreiben und hat dazu sogar ein spezielles System entwickelt.

Dem steht das berüchtigte Beispiel von George R.R. Martin gegenüber, dessen Arbeitszeit an seiner »A Game of Thrones«-Serie inzwischen zu einem Running Gag geworden ist und sogar schon besungen wird.

Der Thriller-Autor J.A. Konrath erwähnt auf seinem Blog, dass er in der Regel um die drei Monate für einen Roman von einer Länge von ca. 300-400 Seiten benötigt. Einen Zeitraum, den ich für einen routinierten Vollzeit-Autor für realistisch halte.

Hier zum Vergleich ein etwas detaillierterer Einblick in meine Arbeitsweise und die Zeit, die ich mir nehme, um einen Roman fertigzustellen. Dabei muss beachtet werden, dass ich in der Regel eine, maximal zwei Stunden am Tag zum Schreiben habe, sehr selten mehr.

  1. Phase: Brainstorming und Recherche

Ich erarbeite mir das Grundgerüst eines Romans (Worum soll es gehen? Wer ist die Hauptfigur?) manchmal aufgrund eines spontanen Einfalls. Manchmal starte ich auch ohne eine Idee und brainstorme so lange, bis mir was einfällt. So oder so – anschließend recherchiere ich eine Weile, brainstorme weiter, recherchiere, brainstorme usw. Für diese Phase setze ich mir ein Maximum von vier Wochen. Danach ist Schluss. Ganz gleich, welche Fragen noch alle offen sind. Die Erfahrung zeigt: Setze ich mir hier keine Deadline und halte ich sie nicht strickt ein, dann zieht sich diese Arbeitsphase bis in alle Ewigkeit und ich fange nie mit dem Schreiben an.

  1. Phase: Figuren erschaffen und Plotten

Beides geht Hand in Hand. Mal starte ich mit dem Plot, manchmal halte ich mich länger mit den Figuren auf. Aber es ist ein Puzzlespiel, denn Plot und Figuren beeinflussen sich gegenseitig. Im Schnitt brauche ich einen Tag, um ein Kapitel zu plotten. Ein Roman von mir hat zwischen 30-60 Kapitel. Pie mal Daumen dauert diese Phase also ein bis zwei Monate.

  1. Phase: Schreiben des ersten Entwurfs

Der erste Entwurf eines Romans hat bei mir meistens so um die 100.000 Wörter. Dank des NaNoWriMos bin ich darauf trainiert, 50.000 Wörter in einem Monat zu schaffen. Auch diese Phase dauert also in etwa zwei Monate.

  1. Phase: Erste Überarbeitung

Meisten schaffe ich es, ein Manuskript erst einmal eine Weile liegen zu lassen. In der Zeit kümmere ich mich dann um neue Projekte (Grundideen finden, Brainstorming, Recherchieren …). Dann wird es überarbeitet. Auch das dauert meisten rund ein bis zwei Monate. Das Geschreibsel eines ersten Entwurfs ist häufig so schlecht, was Details der Logik und Dramaturgie angeht, dass ich noch viel Arbeit in den zweiten Entwurf investieren muss. Häufig lösche ich hier ganze Kapitel, schreibe sie grundlegend um und/oder ersetze sie durch neue Texte. Das Manuskript, was aus dieser Phase hervorgeht, nenne ich Alpha-Entwurf.

  1. Phase: Zweite Überarbeitung

Der Alpha-Entwurf geht zu meinen Alpha-Testleserinnen. Jetzt habe ich häufig ein paar Wochen Pause von dem Text, die ich meisten ebenfalls dafür nutze, um neue Projekte zu entwickeln oder zu schreiben. Habe ich die Manuskripte zurück, ist meistens wiederum viel Überarbeitung notwendig. Ich schätze, dass ich nochmal rund ein bis zwei Monate den Alpha-Entwurf überarbeite.

  1. Phase: Dritte Überarbeitung

Nach der 6. Phase halte ich den Beta-Entwurf in den Händen, der dann zu meinen Beta-Testleserinnen geht. Auch hier habe ich wiederum eine Weile Sendepause, in denen ich am nächsten Projekt arbeite. Da die Beta-Entwürfe schon recht nahe an veröffentlichungsreifen Texten sind, ist meistens nicht mehr so viel an ihnen zu überarbeiten, nachdem ich sie zurückbekomme. In der Regel brauche ich also so um die vier Wochen, um das Manuskript dann fertigzustellen.

Fazit:

Insgesamt würde ich also schätzen, dass die reine Arbeitszeit an einem Roman zehn bis zwölf Monate beträgt, den Leerlauf, den ich habe, während ich auf das Feedback von Testleserinnen warte, nicht mitgerechnet. Wie gesagt, das bezieht sich auf eine durchschnittliche tägliche Arbeitszeit von einer Stunde. Würde ich hauptberuflich Romane schreiben, ginge es wahrscheinlich in der Hälfte der Zeit.

Warum wir Monster lieben – Ein Gastartikel von John Paxing

Warum wir Monster lieben

Ich freue mich sehr darüber, einmal wieder einen Gastbeitrag präsentieren zu dürfen: Viel Spaß bei einem aufschlussreichen Artikel des Horror-Autors John Paxing. Mehr über John auf seinem lesenswerten Blog Jpaxing.wordpress.com.

Warum ist der Boogey-Mann für viele Menschen gruseliger als der gewöhnliche Mörder? Warum lauert unter dem Bett ein undefinierbares Wesen mit langen Klauenfingern und einem verzerrten Gesicht anstelle eines Wolfs? Aus demselben Grund, aus dem viele Menschen überhaupt Horror mögen: Monster machen uns nicht nur Angst, sondern auch neugierig.

So seltsam das auch klingt: Wir haben nicht nur Angst, wenn wir ein Untier am Waldrand stehen sehen, sondern wir sind auf einer gewissen Ebene auch an ihm interessiert. Ein Teil von uns kann den Blick nicht von der Kreatur abwenden, will sie beobachten und mehr über sie erfahren. Was die Gefahr durch Tiere angeht, hat die Evolution uns nämlich mit einem Mix aus Angst und Interesse ausgestattet. Die Angst dient der schnellen Reaktion, das Interesse der gesteigerten Aufmerksamkeit. Wenn wir an Dingen interessiert sind, sind wir aufmerksamer und lernen schneller Neues über sie dazu. Evolutiv gesehen macht das Sinn, denn es ist vorteilhaft, die Gefahren in der eigenen Umwelt besser einschätzen zu können. So können wir die groben Schablonen, die uns unser Alarmsystem vom Feind mitgibt, mit überlebenswichtigen Informationen füllen, wie zum Beispiel: Braunbären sind am aggressivsten, wenn sie Junge haben; Jaguare sind im Wald extrem gut getarnt; Krokodile sind an Land sehr viel schneller, als man denkt.

Wenn das Wesen ein paar fiktive Eigenschaften hat, die es uns erschweren, es sofort einschätzen zu können, steigern wir im Betrachter die Neugier. Vor einem normalen Wolf läuft man einfach davon. Aber ein Wolf, der (wie die „ Scrunts “ in Lady in the Water) moosgrünes, drahtiges Fell hat anstelle von Haaren und blutrote Augen, gewinnt unsere volle Aufmerksamkeit, denn er gibt uns gleichzeitig zum Fluchtreflex noch Rätsel auf. Ein halb-realistischer Feind versetzt uns in die Lage des Kindes zurück, das einer Gefahr zum ersten Mal im Leben begegnet. Der daraus entstehende Zustand aus Angst und Neugierde macht das halb-realistische Monster zu einem absoluten Hingucker.

Wie immer gilt natürlich, dass keine Regel aus Gold besteht. Natürlich verfehlt eine gute Story auch mit einem normalen Mörder, einem alten Bären oder einer tödlichen Giftspinne nicht ihre Wirkung, nur weil kein fiktionales Element eingebaut wurde. Das ist letztlich auch Geschmackssache des Lesers und des Autors. Es gibt aber einen Grund dafür, dass die Monster in unseren Geschichten über alle Kulturen und Zeiten hinweg oft Mischwesen sind, und dass selbst Aliens all zu oft den Grundbau des Menschen haben: Wir haben alle Angst vor ähnlichen Feinden, und wir sind alle neugierig und leicht zu faszinieren, wenn wir es mit etwas zu tun haben, das nicht so ganz in eine bekannte Schublade passen will.

Jede Geschichte wird besser mit einer Liebesgeschichte

Jede Geschichte wird besser mit einer Liebesgeschichte

Liebesgeschichten gehören nicht nur in den Liebesroman. Ich finde, jeder Roman wird besser durch eine Liebesgeschichte. Auch und gerade Thriller. Ich stehe da ganz in der Tradition Alfred Hitchcocks, der einmal gesagt hat, dass seine Filme im Kern Romanzen sind.

Liebesgeschichten sind als Subplot eine ideale Zutat für jeden Roman, weil berühren uns auf einer ganz grundlegenden  emotionalen Ebene berühren. Jeder sehnt sich nach Liebe und Partnerschaft. Deswegen wecken Liebesgeschichten automatisch das Interesse der Leserinnen und lassen sie mitfiebern.

Außerdem ist eine Hauptfigur ohne Liebesleben eine unvollständige Hauptfigur. Eine Liebesgeschichte rundet sozusagen jede Figur ab und macht sie dreidimensional.

Je nach Stimmung und Genre muss das nicht immer eine einfache Boy-Meets-Girl- und/oder Boy-Gets-Girl-Substory sein. Zu einem grimmigen Thriller könnte beispielsweise das Misslingen einer Partnerschaft dazugehören – oder deren plötzlicher Abbruch durch den Tod des Partners oder der Partnerin (womöglich durch die Hand des Schurken).

Realistische, sozialkritische Romane können auch zeigen, wie schwierig es ist, eine Beziehung aufrecht zu erhalten, während man gleichzeitig versucht, Serienkiller zu jagen.

Auch Dreiecksbeziehungen eigenen sich hervorragend als Unterthema für Thriller, die im Polizeimilieu spielen. Die Arbeitstage sind lang, die Nächte werden durchgemacht – dann ist es nicht weiter verwunderlich, wenn der Kollege attraktiver wird als der Ehepartner.

Dienen Liebesgeschichten als Subplot für andere Genres, wie zum Beispiel dem Thriller oder dem Krimi, ist vor allem auf zwei Dinge zu achten:

  1. Der Sublot darf nicht den Hauptplot überdecken.
  2. Die Liebesgeschichte muss (mindestens) eine originelle Wendung nehmen.

Ersteres stellt einen schwierigen Balanceakt dar. Im Thriller oder Krimi bilden der Kampf gegen den Schurken und/oder die Ermittlungsarbeit, die notwendig ist, um ihn zu stellen, den Hauptplot. Einerseits darf also die Liebesgeschichte sich nicht zu sehr in den Vordergrund rücken, andererseits sollte auch die Liebesgeschichte nicht als unabhängiger Handlungsfaden existieren, sondern mit dem Hauptplot verbunden sein.

Ein spannendes Beispiel ist Thomas Harris‘ »Schweigen der Lämmer«. Hier entspinnt sich eine eher abartige unterschwellige Erotik zwischen Hannibal Lecter und der Hauptfigur Agent Starling. Faszinierend und gruselig zugleich. Harris zeigt, wie weit man sozusagen mit der Liebesgeschichte im Thriller gehen kann und wie wichtig sie für die emotionale Intensität eines Romans ist.

Harris‘ Roman ist auch ein gutes Beispiel für eine originelle Wendung, die eine Liebesgeschichte nehmen kann. Sie entsteht an einer Stelle und auf eine Weise, wie Leserinnen sie nicht vermuten würden – und erzeugt dadurch auch Gefühle, die normalerweise nicht mit einer Liebesgeschichte verbunden werden.

Robert Blochs Psychothriller »Psycho« wagt eine andere Gratwanderung. Da hier der Haupteffekt des Romans mit der überraschenden Wendung in der Mitte zusammenhängt, mutet er seinen Leserinnen zu, einen krassen emotionalen Bruch durchzumachen.

ACHTUNG SPOILER:

Die Figur, die uns zu Beginn des Romans als Hauptfigur präsentiert wird, Mary Crane, wird uns vor allem durch ihre Liebesgeschichte nährgebracht. Das, was sie tut, ist zwar böse, aber sie tut es aus Liebe. Das erzeugt in den Leserinnen ein ambivalentes Verhältnis und gleichzeitig eine Verbindung mit ihr. Somit ist ihr gewaltsame Tod in der Mitte des Romans einerseits erschütternd, andererseits empfinden wir ihn aber auch als eine Form von Gerechtigkeit.

Dieser Zwiespalt wird im zweiten Teil der Handlung aufgelöst, wenn Marys Schwester Lila nach ihrer Schwester forscht und quasi stellvertretend für sie den Schurken stellt. Marys Liebesgeschichte mit ihrem Verlobten Sam wird indirekt fortgesetzt, wenn sich Lila und Sam als Paar ausgeben, um »verdeckt« ermitteln zu können. Von untergründiger erotischer Spannung, die gleichermaßen auch ein Tabu darstellt, ganz zu schweigen.

Sehr viel komplexer und enger verwoben mit der Haupthandlung kann eine Liebesgeschichte im Thriller eigentlich nicht sein.

Beide Beispiele zeigen, wie hervorragend Liebesgeschichten zur emotionalen Dichte eines Romans beitragen können und gleichermaßen ins Genre passen und originell sein können.

Challenge: 31 Tage Autorenwahnsinn, Tag 14 – Das letzte Buch, das ich gelesen habe

Challenge: 31 Tage Autorenwahnsinn, Tag 14 –  Das letzte Buch, das ich gelesen habeMein letztes Buch war zufällig tatsächlich auch der letzte Sebastian Fitzek »Das Paket«. Ein Psychothriller mit einem kleinem Figurenensemble, der nur an einer Handvoll Orten spielt, viele überraschende Wendungen  – so mag ich sie am liebsten. Spitze!

Challenge: 31 Tage Autorenwahnsinn, Tag 12 – Ein Zitat aus meinem letzten Manuskript

»Nein, nein«, keuchte Mara, »das dauert zu lange. Ich halt’s nicht mehr aus. Ich habe einen Zweitschlüssel.«
Er nickte. Sein Kopf fühlte sich schwer an. »Und wo?«
»In meiner Tasche.«
Er sah sich erneut um.
»Nein, nicht in meiner Handtasche. In meiner Hosentasche.«
Er starrte wieder auf ihre schwarze Leggings. Sie klebte wie eine zweite Haut auf ihren schlanken, langen Beinen. »Das Ding hat Taschen?«
»Eine Innentasche.«
»Wie praktisch.«
»Ich komme nicht ran.«
»Das macht die Sache ja so praktisch.«
»Wenn du damit fertig bist, dich über mich zu amüsieren, kannst du mich dann bitte losketten? Falls ich es noch nicht genug betont habe: Das hier tut wirklich weh.«
Er humpelte zu ihr, streckte das linke, steife Bein von sich, kniete sich mit dem rechten hin und stöhnte dabei. Er tastete ihre Hüfte ab.
»Nein, auf der anderen Seite.«
»Oh.«
Er fuhr auf der linken Seite ihre Hüfte entlang.
»In der Hose«, sagte Mara nach einer Weile. »Nicht außen. Das ist bei Innentaschen so. Du musst sie ein Stück runterziehen und reingreifen.»
»Äh.«