Entfesselter Tod: Making-of

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Wie du Kapitelüberschriften gestaltest, hängt von deinem Genre ab

Wie du Kapitelüberschriften gestaltest, hängt von deinem Genre ab

Neulich wurde ich einmal gefragt, wie man denn Kapitelüberschriften zu gestalten habe, wenn man ein Buch schreibt. Für einen Augenblick dachte ich über die Frage nach und zuckte dann mit den Schultern. Als ich in einer ruhigen Minute genauer über das Thema nachdachte, fiel mir ein, dass die Frage falsch gestellt war. Man hat Kapitelüberschriften in seinem Roman erst einmal gar nicht zu gestalten. Du kannst sie gestalten – und wie du das genau tust, hängt von persönlichen Vorlieben, vor allem aber vom Genre ab.

Folgende Möglichkeiten sehe ich in Büchern für Kapitelüberschriften:

  • Kapitel Eins
  • Kapitel 1
  • Eins
  • 1.
  • 1

Manche Autorinnen versehen ihre Kapitel auch gerne mit ganzen Titeln.

Kapitel Eins: Wie alles begann

In allen erdenklichen Varianten kombiniert mit den Schreibwesen der obigen Liste, also auch Kapitel 1: Wie alles begann usw.

Es gibt noch origineller Wege, Kapitel zu überschreiben.

Gelegentlich verwenden Autorinnen den Namen der Pespektivfigur, wie es beispielsweise George R.R. Martin in seinen »Das Lied von Eis und Feuer«-Romanen oder Paula Hawkins in ihrem Thriller »Into the Water« machen.

Andere Autorinnen überschreiben ihre Kapitel mit der Uhrzeit und/oder dem Datum und dem Ort der Szene: Kapitel 1: London, 25. 12. 2014.

Sehr viel seltener sieht man einfach ein * oder auch *** als Kapiteltrenner. Das kommt vor allem im Heftroman vor.

Terry Pratchett verwendet in seinen Scheibenweltromanen ebenfalls keine Kapitelüberschriften.

Wieder andere Autorinnen variieren innerhalb eins Romans sogar die Kapitelbeschriftung.

Ein festes Muster oder gar Regeln scheint es also nicht zu geben. Der Duden sagt dazu nichts. Manchmal gibt es Lektorinnen, die bestimmte Vorstellungen haben, wie Kapitelüberschriften auszusehen haben.

So oder so – du hast die Qual der Wahl. Kannst du jetzt also einfach machen, was du willst?

Ganz so einfach finde ich es nun auch wieder nicht. Es kommt meiner Meinung nach auf dein Fingerspitzengefühl an.

Zum Beispiel passt es zu einem märchenhaften oder epischen Fantasy-Roman ganz gut, wenn über einzelnen Abschnitten so was wie »Kapitel zwei: Der Aufbruch der Gemeinschaft« steht.

Manchmal sind in diesem Genre einzelne Kapitel so lang wie Novellen. Nicht selten sind sie so aufgebaut, dass sie auch als eigenständige Texte gelesen werden könnten. Dann ist es wirklich keine schlechte Idee, diesen Geschichten auch Titel zu verleihen. Ich vermute, dass Fans des Genres das auch so wollen.

Schreibst du einen tempobetonten Thriller, finde ich es besser, nur 1 oder 1. als Überschrift zu wählen. In einem Pageturner will ich nicht durch Kapitelüberschriften aus der Handlung herausgerissen werden. Das gleiche gilt für Datumsangaben oder Ähnliches.

Ich will nicht verheimlichen, dass sogar Autoren wie Sebastian Fitzek oder J.A. Konrath stellvertretend für nicht wenige stehen, die zwar Pageturner schreiben, aber trotzdem wenigstens Erstes Kapitel über ihre Abschnitte schreiben – und manchmal sogar noch mehr.

Um ehrlich zu sein, überlese ich solche Überschriften einfach. Wozu sie also verwenden? Bemerke ich sie bewusst, stimmt etwas mit dem Buch nicht, denn dann ist es in meinen Augen nicht spannend genug.

Dan Wells hat sich in »Ich bin kein Serienkiller«, einem meiner Lieblingsbücher, für einen Mittelweg entschieden. Bei ihm gibt es nur Kapitelnummern, aber erscheint sie aus (EINS). Ich finde, das passt in diesem Fall ganz gut, denn sein Roman ist sehr spannend, aber kein echter Pageturner, da es durchaus nachdenklichere Passagen gibt.

Um ehrlich zu sein, verstehe ich nicht, wieso Autorinnen sich die Mühe machen das Wort Kapitel zu verwenden.

Erstens ist es manchmal streng genommen gelogen, denn machmal verbirgt sich unter dieser Überschrift »nur« eine Szene.

Zweitens ist es eines der klassischen Wörter, die eher überlesen werden. Das Wort wiederholt sich ständig und es vermittelt keinerlei Informationen, die für das Verständnis des Romans wichtig wären.

Ganz persönlich bin ich sogar eher ein Fan der Terry-Pratchett-Methode, weil sie am wenigsten dem Lesefluss im Wege steht. Mir sagen aber viele, dass sie wenigstens gerne Nummern über den Kapiteln haben. So als Orientierung. Auch das kann ich nicht nachvollziehen, aber sei’s drum, packe ich halt Nummern über meine Kapitel.

So macht es zum Beispiel Thomas Harris in »Schweigen der Lämmer auch«. Und das ist immerhin der großartigste Psychothriller der je geschrieben wurde.

Überraschende Wendungen machen deinen Roman noch spannender

Überraschende Wendungen machen deinen Roman noch spannender

»Herr Doktor, ich habe das Gefühl, dass mich alle ignorieren.«

»Der Nächste bitte.«

Du kennst sie von Kleinauf aus guten Witzen: Überraschende Wendungen. Sie sind extrem unterhaltsam und damit das A und O packender Romane. Das Publikum wird verblüfft, indem eine begonnene Handlung sich schlagartig in eine unerwartete Richtung entwickelt. Das Prinzip ist alt, nutzt sich aber im Gegensatz zu vielen anderen Spannungselementen kaum ab.

Sie steigern in einem nicht unbeträchtlichen Maße die Spannung, denn wenn du deine überraschenden Wendungen effektvoll einsetzt, wird das Publikum in eine wohlige »Alles ist möglich«-Haltung versetzt, die Erwartungen weckt – die du dann natürlich auch mit interessanten Wendungen und plausiblen Auflösungen erfüllen musst.

 

Überraschende Wendung ganz am Anfang deiner Story

Selten angewandt und heikel sind überraschende Wendungen zu Beginn eines Romans. Hier ist eines meiner Lieblingsbeispiele die erste Szene von Paul Cleaves Thriller »Der siebte Tod«.

ACHTUNG SPOILER: Wir erleben die Handlung aus der Ich-Perspektive von Joe, der Hauptfigur des Romans. Joe fährt die Auffahrt hoch, flucht über die Sommerhitze, verlässt seinen Wagen, geht im Haus geradewegs zum Kühlschrank und nimmt sich ein Bier. Er hört, wie Angela noch duscht, setzt sich an den Küchentisch, beißt in ein Stück Pizza und schlägt die Zeitung auf. Angela kommt unter der Dusche hervor, trocknet ihr Haar, lässt das Handtuch fallen und fragt: »Scheiße, wer sind Sie denn?«.

Eine überraschende Wendung, die aus einem seichten und sehr alltäglich geschilderten Anfang nachträglich eine packende Szene macht.

Am Anfang eines Romans ist es jedoch wirklich schwierig, überraschende Wendungen so hinzubekommen, dass sie nicht verwirrend werden. Das Beispiel in Cleaves Roman funktioniert, weil die Szene wirklich kurz ist. Sonst wäre der Einstieg zu gemächlich und banal.

 

Kleine überraschende Wendungen in jeder Szene

Überraschende Wendungen können auch weniger spektakulär sein: Wenn deine Hauptfigur ein korrekt gekleideter Geschäftsmann ist, aber unter seinem dunkeln Anzug Ringelsöckchen trägt, kann das schon ausreichen, um für ein Schmunzeln auf den Lippen deines Publikums zu sorgen. Mehr braucht es gar nicht, aber du solltest ein Gespür dafür bekommen, in jeder Beschreibung und jedem Dialog auch eine Prise Unerwartetes zu streuen.

 

Überraschende Wendungen am Ende deiner Story

Ebenfalls recht verbreitet ist die überraschende Wendung am Ende einer Geschichte. Paradebeispiel sind Filme wie »The Sixth Sense«.

ACHTUNG SPOILER: In »The Sixth Sense« erfahren wir ganz am Ende, dass die Hauptfigur Malcolm Crow ein Geist ist, was die gesamte Handlung in einem vollkommen neuen Licht erstrahlen lässt. Wir lernen, dass Crow, ohne es selbst zu wissen oder zu wollen, ein unzuverlässiger Erzähler war.

Die große überraschende Wendung erst am Ende deiner Geschichte zu zu präsentieren, kann beim Publikum allerdings auch Enttäuschung bewirken. Gerade beim Mittel des unzuverlässigen Erzählers ist diese Gefahr groß. Machst du das nicht richtig, fühlt sich das Publikum respektlos behandelt: »Wozu habe ich mir jetzt die Story angetan, wenn am Ende doch alles ganz anders war?«

Die Menschen bauen beim Konsum einer Geschichte eine gefühlsmäßige Verbindung zu den Figuren auf. Sie fiebern mit. Wenn am Ende doch alles ganz anders ist, als gedacht, kann das als ein emotionale Betrug empfunden werden. Dann sind die Leute sauer und lesen nie wieder ein Buch von dir, obwohl die Wendung vielleicht sehr klug und spanend ist.

Du musst dir überlegen, welche Reize du dem Publikum als Belohnung präsentierst, die die Enttäuschung, an der Nase herumgeführt worden zu sein, wieder aufwiegen.

In »The Sixth Sense« funktioniert beispielsweise der unzuverlässige Erzähler, weil der Fokus der Geschichte auf Malcolm und seinen Erlebnissen liegt und darauf, dass Coles Konflikt mit seiner Frau durch die Erkenntnis, dass er ein Geist ist, gelöst werden.

 

Die Königsdisziplin: Die große überraschende Wendung in der Mitte

Am wichtigsten ist für jeden Roman die große überraschende Wendung in der Mitte. Alfred Hitchcock hat hier in seinem Meisterwerk »Vertigo« Maßstäbe gesetzt.

ACHTUNG SPOILER: Scottie, ein Polizist im Vorruhestand, soll die suizidgefährdete Madeleine beschatten, um zu verhindern, dass sie sich umbringt. Es gelingt Madeleine jedoch trotzdem, sich von einem Glockenturm zu stürzen, weil Scottie unter Höhenangst leidet und ihr deswegen nicht in die Turmspitze folgen kann, um sie vom Sprung abzuhalten.

Scottie zerbricht an dem tragischen Ereignis, weil er sich in Madeleine verliebt hat. Nach einem Aufenthalt in einer Nervenheilanstalt, bei dem er das traumatische Ereignis zu verarbeiten versucht, trifft er auf die Kassiererin Judy, die Madeleine verblüffend ähnlich sieht. Scottie erkennt mit der Zeit, dass die beiden tatsächlich ein und die selbe Person sind und er Opfer einer Intrige geworden ist.

Er tyrannisiert Judy, um ein Geständnis zu erzwingen und um herauszufinden, warum er in diese Intrige verwickelt worden ist.

Die gesamte Handlung unternimmt eine überraschende Wendung, wenn der Film von einer Mystery-Story (Warum will Madeleine sich umbringen?) zu einer Suspense-Story wird (Wie wird es Scotty gelingen, die Intrige aufzudecken und sich zu rächen?). Mit dem Selbstmord von Madeleine verwandeln sich Stimmung und Zielrichtung der gesamten Story. Im Prinzip erlebt das Publikum zwei verschiedene Filme, die erst rückblickend miteinander zusammenhängen.

Überraschenden Wendungen finden noch auf vielen anderen Ebenen von »Vertigo« statt. Die Figuren verändern zum Beispiel ihre Rollen und ihre Psychologie im Laufe der Geschichte. Sehr eindrucksvoll, sehr effektvoll, komplex und effektiv. »Vertigo« gilt nicht zu unrecht als Meisterwerk.

Ähnlich gehen viele Thrillerautoren vor, zum Beispiel der Autor John Katzenbach in »Der Patient«. Der Psychiater Frederick Starks wird Opfer eines Intrigenspiels des Serienkillers Rumpelstilzchen, der ihn wie eine Marionette nach seiner Pfeife tanzen lässt. Stark sucht den Ausweg, indem er seinen Tod vortäuscht, um dann aus der Rolle des Gejagten in die des Jägers zu wechseln.

 

Je größer die überraschende Wendung den Charakter deines Roman verändert, desto detaillierter musst du sie vorbereiten

Was du solchen Beispielen wie »Vertigo« oder »Der Patient« lernen kannst – ganz gleich, ob du nun Thriller oder Liebesromane schreibst:

Eine große überraschende Wendung in der Mitte muss in der erste Hälfte der Story gut vorbereitet werden. Alle Elemente der ersten Hälfte müssen einen neuen Sinn ergeben, wenn das Publikum sie mit den Informationen aus der zweiten Hälfte betrachtet.

Überraschung ist im Roman nie etwas, das zufällig und unmotiviert geschieht – so wie im richtigen Leben. Das Publikum verzeiht hier vielleicht innerhalb einer Szene eine Wendung, die unerwartet und amüsant ist – wie bei einem Witz.

Eine Wendung, die jedoch so groß ist, dass der ganze Roman einen anderen Charakter bekommt, muss motiviert und vorbereitet sein.

Insofern ist zum Beispiel der unzuverlässig Erzähler zwar eines der effektvollsten (und auch einfachsten) Mittel, um für eine überraschende Wendung zu sorgen, jedoch auch eine, die das größte Risiko birgt. Manche begehen den Fehler, einen unzuverlässigen Erzähler praktisch als Ausrede zu verwenden, eine überraschende Wendung eben nicht minutiös vorzubereiten. Tu das nicht. Sorge auch mit einem unzuverlässigen Erzähler für plausible Wendungen.

Plausibel sind Wendungen, wenn du die Grundlagen für die überraschende Wendungen zu einem früheren Zeitpunkt der Handlung andeutest, wenn dem Publikum alle Informationen so präsentiert werden, dass es im Nachhinein sagen kann: »Wow, was für eine Überraschung, aber das hätte ich eigentlich kommen sehen müssen.« Sieh dir im Zweifelsfall noch einmal aufmerksam »The Sixth Sense« an, wenn du dich nun fragst, wie genau du diesen Effekt hinbekommen sollst.