Wer seine Leserinnen erreichen will, muss bessere Filme schreiben (Sonntagsperlen 6)

Wer seine Leserinnen erreichen will muss bessere Filme schreiben

Als Autorin solltest du viel schreiben, lesen – und Filme und Fernsehserien gucken.

Schreiben und Lesen ist selbsterklärend. Autorinnen, die nicht viel (am besten täglich) schreiben, entwicklen nicht ihr Handwerk. Lesen hilft, den Sprachschatz zu erweitern, die Regeln der Sprache zu verinnerlichen, den eigenen Stil zu entwickeln, sich inspirieren zu lassen usw.

Aber Filme gucken? Oder Fernsehen? Wozu das?

Film und Fernsehen sind zweifellos die Medien unserer Zeit. Während Kinder und Jugendliche vor rund 50 Jahren noch Groschenhefte und Comics lasen und so ihre Lesegewohnheiten prägten, hängen sie heute vor der Glotze oder gehen ins Kino (oder gucken ihre Lieblingsfilme und -serien auf dem Handy, Tablet usw.).

Wer als Autorin seine Leserinnen erreichen will, muss bessere Filme schreiben.

Mit den starken audiovisuellen Reizen, die das Medium ausübt, kann ein Buch nicht konkurrieren. Dafür haben Bücher andere Stärken, wie zum Beispiel die Bilder im Kopf, die eindringlicher und persönlicher sind als jeder Blockbuster. Romane können sich mehr Zeit nehmen und damit mehr Tiefe erzeugen. Ein Film sollte in der Regel rund zwei Stunden lang sein. Ein Buch kann im Prinzip beliebig viele Seiten haben.

Diese Stärke, ist aber auch die Schwäche. Denn die Notwendigkeit, seine eigene Fantasie zu benutzen und die Möglichkeiten zur Vertiefung fordern vom Leser auch mehr eigene Arbeit und Durchhaltevermögen, die jedoch unter Umständen bei einer Vielzahl potenzieller Leserinnen durch anderen Medienkonsum nicht ausgeprägt genug sind. Ein Problem, das vor allem Autorinnen von Jugendbüchern haben.

Nun kann man viel darüber jammern und fluchen – oder sich diesen Umstand zu eigen machen. Soll heißen: Je mehr du dich beim Entwerfen und Schreiben deines Romans an filmischen Strukturen orientiere, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass du deine Leserinnen auch erreichen – und behalten – kannst.

Ohne Reue vor der Röhre hängen!

Deswegen kann das gezielte Gucken von Filmen und Fernsehserien für Autorinnen sogar Fortbildung sein – wenn du dich auf diese Weise in deinem Genre weiterbildest, das die gleiche Zielgruppe anspricht, für die auch dein eigener Roman gedacht ist und wenn du auch weißt, worauf du achten musst:

  • Zunächst einmal kannst du beim gezielten Gucken viel über Gestik, Mimik und Dialoge lernen. Das kann dabei helfen, diese Dinge auch im eigenen Roman zu entwickeln.
  • Auch „Show don’t tell“ kannst du mit entsprechend analytischem Blick an Film- und Fernsehserien gut studieren, denn natürlich lebt das Medium vom visuellen Erzählen.
  • Etwas schwieriger wird es mit den Strukturen, nach denen Filmhandlungen aufgebaut sind. Mit anderen Worten, du musst auch als Romanautorin etwas über das Drehbuchhandwerk wissen, um Filme und Fernsehserien strukturiert analysieren zu können.

„Drehbuchhandwerk – Technik und Grundlagen“

Zum Glück gibt es auch über das Schreiben von Drehbüchern viel Literatur. Eines meiner Lieblingsbücher zu dem Thema ist »Drehbuchhandwerk – Technik und Grundlagen« von David Howard und Edward Mabley.

Große Überraschungen darf man hier nicht erwarten. Wer bereits Schreibbücher, z.B. von James N. Frey oder Lajos Egri, gelesen hat, wird viele alte Bekannte treffen (wen wundert’s, denn die Grundlagen des dramatischen Schreibens sind halt unabhängig vom Medium).

Aber in der Umsetzung und den Ausprägungen gibt es zwischen dem Erzählen im Roman und im Film doch einige Unterschiede, die dieses lehrreiche Buch vor Augen führt.

So haben die Autoren beispielsweise wunderbar auf den Punkt gebracht, was eine gute Geschichte von einer gut (für einen Film) erzählten Geschichte unterscheidet:

  1. Die Geschichte handelt von jemandem, mit dem wir Mitgefühl empfinden.
  2. Dieser Jemand will unbedingt etwas Bestimmtes erreichen.
  3. Dieses Etwas zu erreichen ist zwar möglich, aber schwierig.
  4. Die Geschichte wird so erzählt, dass die emotionale Wirkung so groß wie möglich ist.
  5. Die Geschichte muss ein zufriedenstellendes Ende, aber nicht unbedingt ein Happy-End haben.

In diesem Stil lernst du in diesem Buch viel über Figuren, Handlung, Prämisse, Konflikt, visuelles Erzählen usw. – alles Dinge, von denen du als Romanautorin schon einmal was gehört haben solltest, nur hier halt aus der Perspektive des Filmschaffenden und kurz und bündig auf den Punkt gebracht.

Beim Lesen von »Drehbuchhandwerk« wird außerdem deutlich, dass die Stärke des Films (und auch seine größte Schwierigkeit) in seiner Komprimierung liegt. Wie Michael Crichton auf den Punkt gebracht hat: Wo der der Romanautor 300 Seiten hat, hat der Drehbuchautor vielleicht 120 – und muss trotzdem mindestens genauso viel sagen.

Darin liegt also ein willkommener Nebeneffekt, wenn man sich als Romanautorin mit dem Drehbuchhandwerk auseinandersetzt: Effizientes Erzählen tut auch Romanen gut.

Was mir besonders gut gefällt ist der zweite Teil des Buchs, indem die Autoren ihr zuvor erarbeitetes theoretisches Rüstwerk bei der Analyse einiger Filme unter Beweis stellen. Das schult das eigene analytische Gucken von Filmen und Fernsehserien ungemein, da du lernst, worauf es zu achten gilt.

Dieser Teil des Buches ist für Romanautorinnen – und eigentlich alle, die Filme gerne besser verstehen wollen – besonders interessant. Von »E.T.« bis »Hamlet« gibt es eine repräsentative Auswahl von Filmen, denen auf den Zahn gefühlt wird, wobei ich als Leser den einen und anderen Aha-Effekt erfuhr.

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Show don’t tell – Pro und Contra

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Kaum ein Schreibseminar, -buch oder -blog verzichtet darauf, neuen Autoren ans Herz zu legen, dass es besser ist zu zeigen, statt zu erzählen. Es entsteht der Eindruck, Show don’t tell sei ein Axiom des Romanschreibens – was auch entsprechend Widerspruch bei vielen hervorruft. Hier ein paar Gründe, die dafür und dagegen sprechen. Weiterlesen „Show don’t tell – Pro und Contra“

Effizient beschreiben

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