Wie lange dauert es, ein Buch zu schreiben?

Wie lange dauert es, ein Buch zu schreiben?Ich stoße immer wieder auf die Frage, wie lange es dauert, ein Buch zu schreiben. Obwohl eine pauschale Antwort schwerfällt, kann es hilfreich sein, anderen Autorinnen mal über die Schulter zu gucken und deren Arbeitsweise mit der eigenen zu vergleichen.

Es gibt erhebliche Unterschiede in der Arbeitsweise und damit auch im Arbeitstempo von Autorinnen.

Mickey Spillane beispielsweise hat nach eigener Aussage seinen Bestseller und Krimi-Klassiker des Hard-Boiled-Genres »Ich, der Richter« an einem Wochenende geschrieben. Immerhin ein 180-Seiten-Roman. Michael Moorcock rühmt sich damit, seine meisten Romane in drei Tagen zu schreiben und hat dazu sogar ein spezielles System entwickelt.

Dem steht das berüchtigte Beispiel von George R.R. Martin gegenüber, dessen Arbeitszeit an seiner »A Game of Thrones«-Serie inzwischen zu einem Running Gag geworden ist und sogar schon besungen wird.

Der Thriller-Autor J.A. Konrath erwähnt auf seinem Blog, dass er in der Regel um die drei Monate für einen Roman von einer Länge von ca. 300-400 Seiten benötigt. Einen Zeitraum, den ich für einen routinierten Vollzeit-Autor für realistisch halte.

Hier zum Vergleich ein etwas detaillierterer Einblick in meine Arbeitsweise und die Zeit, die ich mir nehme, um einen Roman fertigzustellen. Dabei muss beachtet werden, dass ich in der Regel eine, maximal zwei Stunden am Tag zum Schreiben habe, sehr selten mehr.

  1. Phase: Brainstorming und Recherche

Ich erarbeite mir das Grundgerüst eines Romans (Worum soll es gehen? Wer ist die Hauptfigur?) manchmal aufgrund eines spontanen Einfalls. Manchmal starte ich auch ohne eine Idee und brainstorme so lange, bis mir was einfällt. So oder so – anschließend recherchiere ich eine Weile, brainstorme weiter, recherchiere, brainstorme usw. Für diese Phase setze ich mir ein Maximum von vier Wochen. Danach ist Schluss. Ganz gleich, welche Fragen noch alle offen sind. Die Erfahrung zeigt: Setze ich mir hier keine Deadline und halte ich sie nicht strickt ein, dann zieht sich diese Arbeitsphase bis in alle Ewigkeit und ich fange nie mit dem Schreiben an.

  1. Phase: Figuren erschaffen und Plotten

Beides geht Hand in Hand. Mal starte ich mit dem Plot, manchmal halte ich mich länger mit den Figuren auf. Aber es ist ein Puzzlespiel, denn Plot und Figuren beeinflussen sich gegenseitig. Im Schnitt brauche ich einen Tag, um ein Kapitel zu plotten. Ein Roman von mir hat zwischen 30-60 Kapitel. Pie mal Daumen dauert diese Phase also ein bis zwei Monate.

  1. Phase: Schreiben des ersten Entwurfs

Der erste Entwurf eines Romans hat bei mir meistens so um die 100.000 Wörter. Dank des NaNoWriMos bin ich darauf trainiert, 50.000 Wörter in einem Monat zu schaffen. Auch diese Phase dauert also in etwa zwei Monate.

  1. Phase: Erste Überarbeitung

Meisten schaffe ich es, ein Manuskript erst einmal eine Weile liegen zu lassen. In der Zeit kümmere ich mich dann um neue Projekte (Grundideen finden, Brainstorming, Recherchieren …). Dann wird es überarbeitet. Auch das dauert meisten rund ein bis zwei Monate. Das Geschreibsel eines ersten Entwurfs ist häufig so schlecht, was Details der Logik und Dramaturgie angeht, dass ich noch viel Arbeit in den zweiten Entwurf investieren muss. Häufig lösche ich hier ganze Kapitel, schreibe sie grundlegend um und/oder ersetze sie durch neue Texte. Das Manuskript, was aus dieser Phase hervorgeht, nenne ich Alpha-Entwurf.

  1. Phase: Zweite Überarbeitung

Der Alpha-Entwurf geht zu meinen Alpha-Testleserinnen. Jetzt habe ich häufig ein paar Wochen Pause von dem Text, die ich meisten ebenfalls dafür nutze, um neue Projekte zu entwickeln oder zu schreiben. Habe ich die Manuskripte zurück, ist meistens wiederum viel Überarbeitung notwendig. Ich schätze, dass ich nochmal rund ein bis zwei Monate den Alpha-Entwurf überarbeite.

  1. Phase: Dritte Überarbeitung

Nach der 6. Phase halte ich den Beta-Entwurf in den Händen, der dann zu meinen Beta-Testleserinnen geht. Auch hier habe ich wiederum eine Weile Sendepause, in denen ich am nächsten Projekt arbeite. Da die Beta-Entwürfe schon recht nahe an veröffentlichungsreifen Texten sind, ist meistens nicht mehr so viel an ihnen zu überarbeiten, nachdem ich sie zurückbekomme. In der Regel brauche ich also so um die vier Wochen, um das Manuskript dann fertigzustellen.

Fazit:

Insgesamt würde ich also schätzen, dass die reine Arbeitszeit an einem Roman zehn bis zwölf Monate beträgt, den Leerlauf, den ich habe, während ich auf das Feedback von Testleserinnen warte, nicht mitgerechnet. Wie gesagt, das bezieht sich auf eine durchschnittliche tägliche Arbeitszeit von einer Stunde. Würde ich hauptberuflich Romane schreiben, ginge es wahrscheinlich in der Hälfte der Zeit.

Dass du keine Zeit zum Schreiben findest, hat andere Gründe, als du glaubst

Dass du keine Zeit zum Schreiben findest, hat andere Gründe haben, als du glaubst

Du glaubst, Kreativität, Talent oder Sprachgefühl seien die wichtigsten Eigenschaften einer Autorin und du hättest nicht genug davon? Weit gefehlt. Vielleicht meinst du aber auch, dass du nie zum Schreiben kommst, läge daran, dass du keine Zeit hast oder dir deine Zeit falsch einteilst? Die Chancen stehen gut, dass auch das ein Irrtum ist.

Um einen Roman zu schreiben ist es vor allem notwendig, sich täglich zu motivieren. Für wie lange und wann, spielt eigentlich nur eine untergeordnete Rolle. Das gelingt nicht mit künstlerischer Begabung und auch nicht mit einem ausgeklügelten Zeitmanagement, sondern vor allem mit Willenskraft.

Allerdings ist das mit der Willenskraft so eine Sache. Du brauchst sie nicht nur zum Schreiben, sondern praktisch vom ersten Moment an, in dem du morgens einen Fuß aus dem Bett setzt. Ab diesem Zeitpunkt gibt es tausend Dinge, die an deiner Willenskraft zehren:

Du musst dich dazu durchringen, morgens früh aufzustehen, zur Arbeit zu gehen, deine Familie zu versorgen, deine Hausarbeit zu verrichten. Und noch viele andere Tätigkeiten verbrauchen deine Willenskraft, die dir auf den ersten Blick vielleicht nicht bewusst sind:

  • Nein sagen zu den leckeren, aber ungesunden Versuchungen beim Bäcker.
  • Nein sagen zu zehnten Tasse Kaffee.
  • Nein sagen zur Zigarette, denn du willst dir ja gerade das Rauchen abgewöhnen.
  • Während der Arbeit geht es darum, stets freundlich und aufmerksam zu bleiben, auch wenn es dir schwerfällt, weil du müde, hungrig oder einfach nur genervt bist.
  • Sport treiben wäre auch noch eine gute Idee, obwohl du lieber die Füße hochlegen möchtest.
  • Als wäre das alles nicht genug, findet später noch der Elternabend statt, zu dem du dich aufraffen musst, obwohl du viel lieber endlich den Feierabend genießen und schreiben würdest.
  • Solltest du nach einem langen Tag doch noch irgendwann Zeit zum Schreiben finde, ertappst du dich dabei, sinnlos vorm Fernseher durch die Kanäle zu zappen. Und falls du dich dann doch dazu aufraffen kannst, deinen Laptop in die Hand zu nehmen, surfst du statt zu schreiben lieber auf YouTube oder Facebook herum oder verdaddelst gleich deine Zeit mit dem Handy.

Ganz klar – du bist nicht willensstark genug. Glaubst du.

Das Gegenteil ist wahrscheinlich der Fall. Die Chancen stehen gut, dass du im Laufe deines Tages sehr, sehr viel Willenskraft aufwendest. Nur halt leider nicht fürs Schreiben. Es bleibt am Ende einfach nicht genug Willenskraft für das übrig, was dir wirklich wichtig ist.

Viele spricht dafür, dass Willenskraft eine Ressource ist. Es hilft, sich Willenskraft wie einen Muskel vorzustellen. Auch Muskeln haben irgendwann einen Punkt erreicht, an dem sie nicht mehr können.

Mit Willenskraft ist es genauso. Aus irgendwelchen Gründen nehmen viele Menschen an, sie würde uns unbegrenzt zur Verfügung stehen und wir müssten nur hart genug, diszipliniert genug oder sonstwas sein, um einfach das durchzuziehen, was wir uns vornehmen.

Die Kunst erfolgreicher Autorinnen, die ihre Manuskripte beenden und veröffentlichen, besteht also weniger in magischen literarischen Talenten oder im überlegenen Zeitmanagement, sondern darin, dass sie sich ihre Willenskraft so eingeteilt haben, dass sie am Ende des Tages noch zum Schreiben reicht.

Aber das lässt sich unter Umständen ändern. Musst du tatsächlich zu jedem freundlich sein – oder ist es vielleicht sogar besser, authentisch zu reagieren?

Außerdem ist die Willenskraft morgens größer als abends. Wer also  gleich nach dem Aufstehen schreibt, hat auf jeden Fall noch genug Willenskraft, um sich ans Manuskript zu setzen.

Die andere gute Nachricht, die mit der Metapher einhergeht, Willenskraft als einen Muskel zu betrachten: Sie kann regeneriert und trainiert werden.

Nachweisbar schlecht für die Willenskraft sind scheinbar entspannende Aktivitäten, die uns aber tatsächlich eher ermüden, z.B.

  • Binge-Watching,
  • Übermäßiges körperliches Training,
  • zu viel Essen, Rauchen, Alkoholkonsum oder
  • Surfen in den sozialen Medien.

Nachweisbar gut für die Willenskraft sind beispielsweise

  • Meditation,
  • Spaziergänge (oder andere körperliche Aktivitäten mit einem mittleren Anstrengungsniveau),
  • mindestens sechs, besser sieben oder acht Stunden Schlaf pro Nacht oder
  • das Ausüben einer kreativen Tätigkeit.

Gerade Letzteres ist eine gute Nachricht für dich als Autorin: Durch das Schreiben wird dein Willenskraft-Muskel sogar noch trainiert und regeneriert. Wer mehr schreibt, tankt damit mehr Willenskraft für den Alltag.

Mit anderen Worten: Je besser es dir gelingt, dir deine Willenskraft so einzuteilen, dass du zum Schreiben kommst, desto mehr werden auch alle anderen Bereiche deines Lebens profitieren.

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Wer mehr über das Thema erfahren will und Interesse an den biopsychologischen Zusammenhängen des Phänomens Willenskraft hat, dem empfehle ich das wunderbare Sachbuch »Bergauf mit Rückenwind« von Kelly McGonigal.

Warum wir Monster lieben – Ein Gastartikel von John Paxing

Warum wir Monster lieben

Ich freue mich sehr darüber, einmal wieder einen Gastbeitrag präsentieren zu dürfen: Viel Spaß bei einem aufschlussreichen Artikel des Horror-Autors John Paxing. Mehr über John auf seinem lesenswerten Blog Jpaxing.wordpress.com.

Warum ist der Boogey-Mann für viele Menschen gruseliger als der gewöhnliche Mörder? Warum lauert unter dem Bett ein undefinierbares Wesen mit langen Klauenfingern und einem verzerrten Gesicht anstelle eines Wolfs? Aus demselben Grund, aus dem viele Menschen überhaupt Horror mögen: Monster machen uns nicht nur Angst, sondern auch neugierig.

So seltsam das auch klingt: Wir haben nicht nur Angst, wenn wir ein Untier am Waldrand stehen sehen, sondern wir sind auf einer gewissen Ebene auch an ihm interessiert. Ein Teil von uns kann den Blick nicht von der Kreatur abwenden, will sie beobachten und mehr über sie erfahren. Was die Gefahr durch Tiere angeht, hat die Evolution uns nämlich mit einem Mix aus Angst und Interesse ausgestattet. Die Angst dient der schnellen Reaktion, das Interesse der gesteigerten Aufmerksamkeit. Wenn wir an Dingen interessiert sind, sind wir aufmerksamer und lernen schneller Neues über sie dazu. Evolutiv gesehen macht das Sinn, denn es ist vorteilhaft, die Gefahren in der eigenen Umwelt besser einschätzen zu können. So können wir die groben Schablonen, die uns unser Alarmsystem vom Feind mitgibt, mit überlebenswichtigen Informationen füllen, wie zum Beispiel: Braunbären sind am aggressivsten, wenn sie Junge haben; Jaguare sind im Wald extrem gut getarnt; Krokodile sind an Land sehr viel schneller, als man denkt.

Wenn das Wesen ein paar fiktive Eigenschaften hat, die es uns erschweren, es sofort einschätzen zu können, steigern wir im Betrachter die Neugier. Vor einem normalen Wolf läuft man einfach davon. Aber ein Wolf, der (wie die „ Scrunts “ in Lady in the Water) moosgrünes, drahtiges Fell hat anstelle von Haaren und blutrote Augen, gewinnt unsere volle Aufmerksamkeit, denn er gibt uns gleichzeitig zum Fluchtreflex noch Rätsel auf. Ein halb-realistischer Feind versetzt uns in die Lage des Kindes zurück, das einer Gefahr zum ersten Mal im Leben begegnet. Der daraus entstehende Zustand aus Angst und Neugierde macht das halb-realistische Monster zu einem absoluten Hingucker.

Wie immer gilt natürlich, dass keine Regel aus Gold besteht. Natürlich verfehlt eine gute Story auch mit einem normalen Mörder, einem alten Bären oder einer tödlichen Giftspinne nicht ihre Wirkung, nur weil kein fiktionales Element eingebaut wurde. Das ist letztlich auch Geschmackssache des Lesers und des Autors. Es gibt aber einen Grund dafür, dass die Monster in unseren Geschichten über alle Kulturen und Zeiten hinweg oft Mischwesen sind, und dass selbst Aliens all zu oft den Grundbau des Menschen haben: Wir haben alle Angst vor ähnlichen Feinden, und wir sind alle neugierig und leicht zu faszinieren, wenn wir es mit etwas zu tun haben, das nicht so ganz in eine bekannte Schublade passen will.

Wieso das, was du nicht schreibst, genauso wichtig ist, wie das, was du schreibst

Wieso das, was du nicht schreibst, genauso wichtig ist, wie das, was du schreibst

Bücher, die aus Bleiwüsten bestehen, lese ich nicht. Autorinnen solcher Bücher sind das Äquivalent zu einer Gesprächspartnerin, die mich nicht zu Wort kommen lässt. Tatsächlich finde ich, dass der Leerraum eines Textes mindestens genauso wichtig ist, wie der Text. Und das liegt nicht nur daran, dass viele Absätze, ein großzügiger Zeilenabstand, große Buchstaben und ein breiter Rand angenehm fürs Auge sind.

Ja, manchmal sind nicht Autorinnen, sondern Verlage dafür verantwortlich, dass ein Buch zu einer Bleiwüste wird. Auch manche Selfpublisher haben das Problem, dass sie Druckkosten sparen müssen und sich dann entscheiden, kleine Buchstaben mit einem geringen Zeilenabstand und schmalen Rand zu wählen, damit sie einen akzeptablen Verkaufspreis für ein Buch wählen können.

Aber das meine ich nicht. Selbst ein eng bedrucktes Buch kann viel Weiß lassen. Nämlich durch kurze Sätze und viele Absätze.

Kurze Sätze und viele Absätze verraten mir in der Regel über einen Text – ohne dass ich den Inhalt kennen muss -, dass dessen Autorin an die Leserinnen denkt. Autorinnen, die ihre Texte auf diese Weise verfassen, wissen, dass Texte ihre Wirkung nicht dadurch entfalten, dass sie möglichst viel auf möglichst engem Raum mitteilen.

Ein wirklich guter Text kann mit wenig Worten einen Gedanken, ein Gefühl oder ein inneres Bild bei der Leserin auslösen, weil es genau die richtigen Worte sind, die die Fantasie befeuern.

Herausragende Autorinnen vertrauen auf ihre Leserinnen, dass sie mitdenken und mitfühlen und mit ihrer Fantasie ergänzen, was weggelassen wird. Die besten Texte stehen nicht auf dem Papier, sondern entstehen im Kopf der Leserinnen.

Je besser die Autorin, desto weniger Worte benötigt sie, um eine große Wirkung zu erzielen.

Eine der berührendsten Geschichten ist für mich Ernest Hemingways Kürzestgeschichte:

»Zu verkaufen:

Babyschuhe. Nie getragen.«

Das ist nicht etwa der Titel der Geschichte.

Es ist die Geschichte.

Sie entfaltet ihre Wirkung nicht dadurch, dass Leserinnen möglichst viel Informationen erhalten, sondern nur die allernotwendigsten. Eigentlich besteht sie nur aus Stichworten und einem Absatz. Die Geschichte dahinter entsteht in der Fantasie der Leserinnen.

Hemingway hat es nicht nötig, Leserinnen zu zeigen, wie genial er Sätze verschachteln, Metaphern erfinden oder eindeutig beschreiben kann. Er vertraut seinem Publikum. Es kann die Geschichte hinter den wenigen, sehr geschickt und bewusst gesetzten Worten selbst ergänzen.

Eine wirklich gute Autorin schreibt für meine Begriffe ihre Texte nicht, damit die Leserin darüber staunen kann, wie genial sie ist, sondern, damit die Leserin beim Lesen merkt, wie genial sie eigentlich selbst ist.

Eine wirklich gute Autorin lässt alles weg, was nur dazu dient, das eigene Können zu beweisen und damit aber die Fantasie ihrer Leserin einengt.

Eine wirklich gute Autorin vertraut darauf, dass sich ihre Leserin das Meiste selbst ausmalen und vorstellen kann. Sie will nicht ihre Geschichte an die Leserin bringen – sie will, dass ihre Geschichte die Geschichte der Leserin wird.

Deswegen ist der Leerraum in einem Buch mindestens genauso wichtig wie der Text. Er ermöglicht es der Leserin, Pausen einzulegen und so der eigenen Muse Zeit zu geben, das Gelesene auch zu verarbeiten.

Warum wir Geschichten über wahre Helden brauchen

Warum wir Geschichten über wahre Helden brauchen

Gemischte Charaktere sind zur Zeit angesagt – also Figuren, die weder eindeutig gut noch böse sind. Sie sind realistisch und erleichtern es dem Publikum, eine Verbindung mit der Hauptfigur aufzunehmen. Denn im wahren Leben gibt es eher selten wahre Helden und niederträchtige Schurken. Trotzdem gibt es gute Gründe dafür, Geschichten mit wahren Helden als Hauptfiguren zu erzählen.

Philip Zimbardo – bekannt durch das Stanford-Prison-Experiment (sehr populär geworden dank der filmischen Umsetzung »Das Experiment«) – macht in seinem sehr bemerkenswerten Vortrag »The Psychology of Evil« deutlich, dass uns die selbe Situation zu drei verschiedenen Handlungen veranlassen kann: Wir können zum Täter werden, zum passiven Beobachter oder zum Helden.

Nehmen wir an, die Hauptfigur unseres Romans wird unvermittelt Zeuge eines Überfalls. Es ist beim Job mal wieder spät geworden, es regnet, die Straßen sind dunkel und die Luft ist schneidend kalt. Als sie die Treppe zum Bahnsteig hinabläuft, hört sie bereits verdächtige Geräusche: Stöhnen, Keuchen, dumpfe Schläge.

Auf dem Asphalt liegt ein Jugendlicher. Reglos. Zwei weitere treten auf den Bewusstlosen ein.

Drei Reaktionsmöglichkeiten definieren, ob es sich bei unserer Hauptfigur um einen Helden, einen Schurken oder einen gemischten Charakter handelt.

  1. Couragiert eilt sie dem bewusstlosen Jugendlichen zur Hilfe.
  2. Sie berauscht sich an der Gewalt, gesellt sich zu den Tätern und tritt ebenfalls auf das Opfer ein.
  3. Schon beim ersten Anzeichen für Gefahr ergreift sie die Flucht.

Hand aufs Herz: Die meisten von uns würden sich gerne wie in Alternative 1 verhalten, werden aber 3. wählen. Zum Glück werden die wenigsten Möglichkeit 2 wählen.

Wir empfinden es als befreiend, literarische Figuren bei Verhaltensweisen wie in Möglichkeit 3 zu erleben, denn unser Gewissen wird erleichtert: Ja, moralisch und zwischenmenschlich nicht gerade eine beispielhafte Handlung, aber eben menschlich.

Viele Romane, Filme und Serien bedienen sich deswegen gemischter Figuren. Wahre Helden empfinden wir als anstrengend, denn sie zeigen uns, wie wir uns verhalten sollten, es aber in der Regel nicht tun. Wir fühlen uns ertappt und in gewisser Weise beleidigt. Statt Unterhaltung bekommen wir ein schlechtes Gewissen. Viele reagieren deswegen auf Heldendarstellung mit Zynismus oder Sarkasmus und bezeichnen entsprechende Geschichten als unrealistisch oder kitschig.

Tatsächlich gibt es aber in der Realität durchaus Heldentum. Immer wieder entscheiden sich Menschen in extremen Situationen dazu, einfach das Richtige zu tun (Zimbardo nennt in seinem Vortrag selbst ein sehr eindrucksvolles Beispiel).

Wie wir uns entscheiden – zum Guten, zum Bösen oder zum Nichtstun – ist in Extremsituationen meistens kein bewusster Prozess. In der Regel übernehmen unsere Reflexe oder unsere Intuition, das über Jahrzehnte erlernte Verhalten und antrainierte Einstellungen das Handeln.

Eben das ist meiner Ansicht nach der Grund, warum es wichtig ist, Geschichten über wahre Helden zu erzählen. Nach Zimbardos Definition sind Helden eben keine Übermenschen, sondern Menschen wie du und ich, die sich in außergewöhnlichen Situation heroisch verhalten. Psychologisch ausgedrückt verhalten sie sich nicht egozentristisch, wie die meisten von uns, sondern »soziozentristisch«. Sie überwinden also ihren Selbsterhaltungstrieb oder auch nur ihre Bequemlichkeit, um anderen zu helfen.

Die Grundlage dafür, dass Menschen sich soziozentristisch verhalten können, nennt Zimbardo »heroische Imagination«. Sind wir in unserer Selbstwahrnehmung eher Schurken oder gemischte Figuren – oder haben wir das Bild von uns, dass wir Helden sind, die nur auf eine Gelegenheit warten, ihr Heldentum auch in der Realität unter Beweis zu stellen.

Nach Philip Zimbardo ist die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen in einer extremen Situation das Richtige tun, umso höher, je ausgeprägter ihre heroische Imagination ist. Hier sehe ich den Ansatzpunkt, die übergeordnete moralische Aufgabe von Autoren von Thrillern, Krimis und entsprechenden TV-Shows oder Filmen: Es ist wichtig, den Zynismus und Sarkasmus, in den uns unser »Ego-Zentrismus« leicht verfallen lässt, zu überwinden und entgegen dem Zeitgeist immer und immer wieder die Heldenreise zu erzählen.

So können unsere Geschichten zu einem kleinen Baustein werden, im Publikum die »heroische Imagination« zu befeuern.

Challenge: 31 Tage Autorenwahnsinn, Tag 22 – Mein liebstes Schreibutensil

Challenge: 31 Tage Autorenwahnsinn, Tag 22 - mein liebstes Schreibutensil

Ein klassisches Schreibutensil, wie einen Füller oder Block etc. habe ich nicht. Ich schreibe ja ausschließlich auf dem Mac, dem iPad und dem iPhone. Und mein Schreibgerät und meine Methode, Notizen zu machen, habe ich schon vorgestellt.

Was einem Schreibutensil am nächsten kommt ist meine aktuelle Lieblingstasse, die ich meistens wochenlang ausschließlich benutze, bis ich irgendwie eine neue bekomme, sie kaputt geht oder was auch immer

Zur Zeit ist meine Lieblingstasse die Star-Wars-Tasse mit dem Scarif-Motiv, die mir Axel und Viola Hollmann zu Weihnachten schenkten.

 

Challenge: 31 Tage Autorenwahnsinn, Tag 21 – Meine Schreibmusik

Challenge: 31 Tage Autorenwahnsinn, Tag 21 - Meine Schreibmusik

Schreibmusik handhabe ich sehr unterschiedlich. Manchmal will ich sie, manchmal auch nicht. Ab und zu brauche ich auch die Stille zum Schreiben. Ein Muster dahinter habe ich noch nicht gefunden.

Fest steht: Es geht nix mit Text. Bei Schreiben höre ich also keine Popmusik oder Ähnliches. Klassik ist mir ebenfalls zu anstrengend, um sie nebenbei zu hören. Die fordert zu viel Aufmerksamkeit.

Manchmal geht Jazz, aber auch eher selten und nur bestimmte Stilrichtungen. Free Jazz und ähnliches ist einfach wieder zu fordernd – und ohnehin nicht so mein Ding. Aber so in Richtung Oscar Peterson etc. klappt gut. Das hat dann so ein bisschen Café-Atmosphäre.

Apropos Café: Ich bin nicht der Schreiben-im-Café-Typ. Ich hasse es, wenn mir Leute beim Schreiben über die Schulter gucken oder mich in Gespräche verwickeln a la: »Ach, Sie Schreiben, das ist ja spannend. Ich habe auch mal ein Buch angefangen, da muss ich Ihnen von erzählen …«

Ich unterhalte mich gerne auch mit unbekannten Menschen, vor allem übers Schreiben natürlich, aber nicht, wenn ich selbst gerade schreiben will. Dazu ist mir meine Schreibzeit einfach zu kostbar. Und irgendwie ist mir das bisher jedes Mal passiert, wenn ich versucht habe, im Café zu schreiben.

Aber zum Glück gibt es ja in der wunderbaren neuen virtuellen Welt Abhilfe: Häufiger als Musik oder absolute Stille benutze ich Noizio. Eine App, die Cafégeräusche (oder auch andere) simuliert. Denn: Nachweislich ist das Schreiben im Café, genauer: mit der Geräuschkulisse eines Cafés produktiver als das Schreiben in absoluter Stille.

Wenn ich doch zu Musik greife, dann am liebsten zu Film- und Serien-Soundtracks. Bei längeren Projekten mache ich mir extra Playlists mit Soundtracks, die einen Bezug zum Thema haben. Soundtracks haben den Vorteil, dass sie genau für den Zweck komponiert wurden, für den ich sie beim Schreiben ja auch benötige: Sie sollen im Hintergrund laufen, ohne die Aufmerksamkeit zu beanspruchen, wecken aber Gleichzeitig Emotionen. Das ist beim Schreibprozess an vielen Stellen hilfreich.

Besonders eignen sich hier die Soundtracks von Erdenstern, die ich immer wieder gerne empfehle. Denn die Hamburger Musiker machen Soundtracks für Filme, die gar nicht existieren. Das ist natürlich noch praktischer, weil ich dann nicht in die Falle tappe, plötzlich in Erinnerungen an tolle Filmszenen zu schwelgen, die ich mit dem Soundtrack verbinde – was manchmal aber auch gewollt ist.

Puh. Ziemlich komplex, das Thema. Aber tatsächlich ist das für mich ein durchaus wichtiger Punkt.