Roman-Cheatsheet: So behältst du die Arbeit an deinem Roman im Blick

Roman Cheat sheet so behältst du die Arbeit an deinem Roman im Blick

Folgende Übersicht ist dazu gedacht, dir dabei zu helfen, die einzelnen Phasen der Arbeit an deinem Romanmanuskript zu strukturieren. Ich arbeite so. Das heißt nicht, dass du ganz genauso arbeiten sollst oder musst. Auf der Grundlage dieser Übersicht kannst du dir aber vielleicht deine eigenes Cheatsheet erarbeiten, wozu ich dir dringend rate.

  1. Ideenfindung (maximal zwei Wochen)
    • Brainstorming/Clustering
    • Recherche
    • Mindmapping
  2. Figuren (maximal zwei Wochen)
    • Brainstorming/Clustering
    • Schreiben der Biografien
  3. Plot hinter dem Plot (maximal zwei Wochen)
    • Was ist vor der Romanhandlung alles passiert?
    • Welche Ereignisse geschehen während der Romanhandlung, die das Publikum aber nicht oder nur indirekt erfährt?
    • Falls nötig: Überarbeitung und Änderungen der Biografien der Figuren
    • Erstellen einer Zeitleiste des Plots hinter dem Plot
  4. Prämisse (maximal zwei Tage)
    • Hauptfigur + Konflikt = Lösung
    • Innerer Konflikt: Zentrale Frage auf der Figurenebene?
    • Äußerer Konflikt: Zentrale Frage auf der Handlungsebene?
  5. 7-Punkte-Plot (maximal zwei Tage)
    • 1. Aufhänger (Gegenteil von der Auflösung)
    • 2. Erste Wendung (Stellt den Konflikt vor, die Welt der Hauptfigur verändert sich, sie lernt Neues.)
    • 3. Erster Kniff (Etwas geht schief.)
    • 4. Mittelpunkt (Übergang von der Reaktion zur Aktion)
    • 5. Zweiter Kniff (Erhöht den Druck, bis die Situation hoffnungslos erscheint)
    • 6. Zweite Wendung (Die Hauptfigur erhält die letzte fehlende Sache, um zu gewinnen)
    • 7. Auflösung (Gegenteil vom Aufhänger, der Haupfkonflikt wird gelöst)
  6. Pitch (maximal zwei Tage)
    • Name der Hauptfigur + Beschreibung der Hauptfigur + Setting + Ziel der Hauptfigur + Name des Schurken + Beschreibung des Schurken + Ziel des Schurken
    • Kürzen, kürzen, kürzen …
  7. Exposé (maximal eine Woche)
  8. Treatment (maximal sechs Wochen)
    • Karteikarten einzelner Szenen: Datum und Uhrzeit, Handlung in einem Satz, Konflikt, emotionale Veränderung der Perspektivfigur
    • Ausformulieren der einzelnen Szenen in ca. ein bis zehn Sätzen
  9. Erster Entwurf (maximal acht Wochen)
    • Schnell schreiben! Maximal zwei Monate Zeit!
    • Danach: Mindestens vier Wochen ruhen lassen
  10. Zweiter Entwurf (maximal vier Wochen)
    • Überarbeitung des ersten Entwurfs auf inhaltlicher Ebene
  11. Alpha-Leserinnen (nicht beeinflussbar)
    • Bibber …
  12. Dritter Entwurf (maximal vier Wochen)
    • Einarbeiten des Feedbacks der Alpha-Leserinnen
  13. Beta-Leserinnen (nicht beeinflussbar)
    • Bibber, bibber …
  14. Vierter Entwurf (maximal vier Wochen)
    • Einarbeiten des Feedback der Alpha-Leserinnen
  15. Lektorat (nicht beeinflussbar)
    • Seufz …
  16. Fünfter Entwurf (maximal vier Wochen)
    • Fast noch mal neu schreiben … Nein, nur Spaß … Oder doch nicht?
  17. Korrektorat (nicht beeinflussbar)
  18. Sechster Entwurf (maximal zwei Wochen)
    • Feintuning der Sprache, auch auf stilistischer Ebene
  19. Veröffentlichung
    • Erstellen des Klappentextes (Exposé und Pitch helfen)

Das wirkt wie ein sehr linearer Arbeitsprozess. Das ist auch das Ideal. Am Ende ist diese Linearität aber selten der Fall. Häufig muss ich zwischen einzelnen Phasen vor- und zurückspringen.

Die Zeitangaben hinter den einzelnen Punkten sind durchaus strikt gemeint. Es ist wichtig, dass du dir selbst Deadlines setzt – denn außer dir tut es sonst keiner. Anders als Verlagsautorinnen haben Selfpublisher halt niemanden, der sie zur Abgabe zwingt. Und da Arbeit sich meisten in einem Maße ausdehnt, wie Zeit zur Verfügung steht, kann es durchaus passieren, dass du schon in einer frühen Phase festhängst und mit deinem Projekt nicht mehr weiterkommst.

Strikte Deadlines helfen auch dabei, deinen Perfektionismus und deinen inneren Kritiker zu überwinden.

Wenn du dir die Mühe machst, die Zeiten zu addieren, wirst du feststellen, dass ich ungefähr 40 Wochen für ein Romanprojekt benötige. Plus die nicht kalkulierbaren Phasen, in denen ich auf das Feedback von Testleserinnen, Lektorinnen und Korrektorinnen warte, braucht so ein Roman also rund ein Jahr, bis er veröffentlichungsreif ist.

Das ist wohlgemerkt die Zeit, die ich als nebenberuflicher Selfpublisher benötige, der nicht mehr als zwei Stunden pro Tag zum Schreiben Zeit hat. Hauptberufliche Selfpublisher müssten also ungefähr in einem Viertel der Zeit zum Ziel kommen, in rund drei Monaten.

Entfesselter Tod Preview Klappentext

»Ausgeklügelte Handlungsstränge für Freunde trickreicher Krimis, genug Action sodass auch bei Hardboiled-Fans keine Langeweile aufkommen dürfte und Charaktere mit denen man mitfiebert, lassen die Seiten nur so vorüberfliegen.«

Jan Butte

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Überraschende Wendungen machen deinen Roman noch spannender

Überraschende Wendungen machen deinen Roman noch spannender

»Herr Doktor, ich habe das Gefühl, dass mich alle ignorieren.«

»Der Nächste bitte.«

Du kennst sie von Kleinauf aus guten Witzen: Überraschende Wendungen. Sie sind extrem unterhaltsam und damit das A und O packender Romane. Das Publikum wird verblüfft, indem eine begonnene Handlung sich schlagartig in eine unerwartete Richtung entwickelt. Das Prinzip ist alt, nutzt sich aber im Gegensatz zu vielen anderen Spannungselementen kaum ab.

Sie steigern in einem nicht unbeträchtlichen Maße die Spannung, denn wenn du deine überraschenden Wendungen effektvoll einsetzt, wird das Publikum in eine wohlige »Alles ist möglich«-Haltung versetzt, die Erwartungen weckt – die du dann natürlich auch mit interessanten Wendungen und plausiblen Auflösungen erfüllen musst.

 

Überraschende Wendung ganz am Anfang deiner Story

Selten angewandt und heikel sind überraschende Wendungen zu Beginn eines Romans. Hier ist eines meiner Lieblingsbeispiele die erste Szene von Paul Cleaves Thriller »Der siebte Tod«.

ACHTUNG SPOILER: Wir erleben die Handlung aus der Ich-Perspektive von Joe, der Hauptfigur des Romans. Joe fährt die Auffahrt hoch, flucht über die Sommerhitze, verlässt seinen Wagen, geht im Haus geradewegs zum Kühlschrank und nimmt sich ein Bier. Er hört, wie Angela noch duscht, setzt sich an den Küchentisch, beißt in ein Stück Pizza und schlägt die Zeitung auf. Angela kommt unter der Dusche hervor, trocknet ihr Haar, lässt das Handtuch fallen und fragt: »Scheiße, wer sind Sie denn?«.

Eine überraschende Wendung, die aus einem seichten und sehr alltäglich geschilderten Anfang nachträglich eine packende Szene macht.

Am Anfang eines Romans ist es jedoch wirklich schwierig, überraschende Wendungen so hinzubekommen, dass sie nicht verwirrend werden. Das Beispiel in Cleaves Roman funktioniert, weil die Szene wirklich kurz ist. Sonst wäre der Einstieg zu gemächlich und banal.

 

Kleine überraschende Wendungen in jeder Szene

Überraschende Wendungen können auch weniger spektakulär sein: Wenn deine Hauptfigur ein korrekt gekleideter Geschäftsmann ist, aber unter seinem dunkeln Anzug Ringelsöckchen trägt, kann das schon ausreichen, um für ein Schmunzeln auf den Lippen deines Publikums zu sorgen. Mehr braucht es gar nicht, aber du solltest ein Gespür dafür bekommen, in jeder Beschreibung und jedem Dialog auch eine Prise Unerwartetes zu streuen.

 

Überraschende Wendungen am Ende deiner Story

Ebenfalls recht verbreitet ist die überraschende Wendung am Ende einer Geschichte. Paradebeispiel sind Filme wie »The Sixth Sense«.

ACHTUNG SPOILER: In »The Sixth Sense« erfahren wir ganz am Ende, dass die Hauptfigur Malcolm Crow ein Geist ist, was die gesamte Handlung in einem vollkommen neuen Licht erstrahlen lässt. Wir lernen, dass Crow, ohne es selbst zu wissen oder zu wollen, ein unzuverlässiger Erzähler war.

Die große überraschende Wendung erst am Ende deiner Geschichte zu zu präsentieren, kann beim Publikum allerdings auch Enttäuschung bewirken. Gerade beim Mittel des unzuverlässigen Erzählers ist diese Gefahr groß. Machst du das nicht richtig, fühlt sich das Publikum respektlos behandelt: »Wozu habe ich mir jetzt die Story angetan, wenn am Ende doch alles ganz anders war?«

Die Menschen bauen beim Konsum einer Geschichte eine gefühlsmäßige Verbindung zu den Figuren auf. Sie fiebern mit. Wenn am Ende doch alles ganz anders ist, als gedacht, kann das als ein emotionale Betrug empfunden werden. Dann sind die Leute sauer und lesen nie wieder ein Buch von dir, obwohl die Wendung vielleicht sehr klug und spanend ist.

Du musst dir überlegen, welche Reize du dem Publikum als Belohnung präsentierst, die die Enttäuschung, an der Nase herumgeführt worden zu sein, wieder aufwiegen.

In »The Sixth Sense« funktioniert beispielsweise der unzuverlässige Erzähler, weil der Fokus der Geschichte auf Malcolm und seinen Erlebnissen liegt und darauf, dass Coles Konflikt mit seiner Frau durch die Erkenntnis, dass er ein Geist ist, gelöst werden.

 

Die Königsdisziplin: Die große überraschende Wendung in der Mitte

Am wichtigsten ist für jeden Roman die große überraschende Wendung in der Mitte. Alfred Hitchcock hat hier in seinem Meisterwerk »Vertigo« Maßstäbe gesetzt.

ACHTUNG SPOILER: Scottie, ein Polizist im Vorruhestand, soll die suizidgefährdete Madeleine beschatten, um zu verhindern, dass sie sich umbringt. Es gelingt Madeleine jedoch trotzdem, sich von einem Glockenturm zu stürzen, weil Scottie unter Höhenangst leidet und ihr deswegen nicht in die Turmspitze folgen kann, um sie vom Sprung abzuhalten.

Scottie zerbricht an dem tragischen Ereignis, weil er sich in Madeleine verliebt hat. Nach einem Aufenthalt in einer Nervenheilanstalt, bei dem er das traumatische Ereignis zu verarbeiten versucht, trifft er auf die Kassiererin Judy, die Madeleine verblüffend ähnlich sieht. Scottie erkennt mit der Zeit, dass die beiden tatsächlich ein und die selbe Person sind und er Opfer einer Intrige geworden ist.

Er tyrannisiert Judy, um ein Geständnis zu erzwingen und um herauszufinden, warum er in diese Intrige verwickelt worden ist.

Die gesamte Handlung unternimmt eine überraschende Wendung, wenn der Film von einer Mystery-Story (Warum will Madeleine sich umbringen?) zu einer Suspense-Story wird (Wie wird es Scotty gelingen, die Intrige aufzudecken und sich zu rächen?). Mit dem Selbstmord von Madeleine verwandeln sich Stimmung und Zielrichtung der gesamten Story. Im Prinzip erlebt das Publikum zwei verschiedene Filme, die erst rückblickend miteinander zusammenhängen.

Überraschenden Wendungen finden noch auf vielen anderen Ebenen von »Vertigo« statt. Die Figuren verändern zum Beispiel ihre Rollen und ihre Psychologie im Laufe der Geschichte. Sehr eindrucksvoll, sehr effektvoll, komplex und effektiv. »Vertigo« gilt nicht zu unrecht als Meisterwerk.

Ähnlich gehen viele Thrillerautoren vor, zum Beispiel der Autor John Katzenbach in »Der Patient«. Der Psychiater Frederick Starks wird Opfer eines Intrigenspiels des Serienkillers Rumpelstilzchen, der ihn wie eine Marionette nach seiner Pfeife tanzen lässt. Stark sucht den Ausweg, indem er seinen Tod vortäuscht, um dann aus der Rolle des Gejagten in die des Jägers zu wechseln.

 

Je größer die überraschende Wendung den Charakter deines Roman verändert, desto detaillierter musst du sie vorbereiten

Was du solchen Beispielen wie »Vertigo« oder »Der Patient« lernen kannst – ganz gleich, ob du nun Thriller oder Liebesromane schreibst:

Eine große überraschende Wendung in der Mitte muss in der erste Hälfte der Story gut vorbereitet werden. Alle Elemente der ersten Hälfte müssen einen neuen Sinn ergeben, wenn das Publikum sie mit den Informationen aus der zweiten Hälfte betrachtet.

Überraschung ist im Roman nie etwas, das zufällig und unmotiviert geschieht – so wie im richtigen Leben. Das Publikum verzeiht hier vielleicht innerhalb einer Szene eine Wendung, die unerwartet und amüsant ist – wie bei einem Witz.

Eine Wendung, die jedoch so groß ist, dass der ganze Roman einen anderen Charakter bekommt, muss motiviert und vorbereitet sein.

Insofern ist zum Beispiel der unzuverlässig Erzähler zwar eines der effektvollsten (und auch einfachsten) Mittel, um für eine überraschende Wendung zu sorgen, jedoch auch eine, die das größte Risiko birgt. Manche begehen den Fehler, einen unzuverlässigen Erzähler praktisch als Ausrede zu verwenden, eine überraschende Wendung eben nicht minutiös vorzubereiten. Tu das nicht. Sorge auch mit einem unzuverlässigen Erzähler für plausible Wendungen.

Plausibel sind Wendungen, wenn du die Grundlagen für die überraschende Wendungen zu einem früheren Zeitpunkt der Handlung andeutest, wenn dem Publikum alle Informationen so präsentiert werden, dass es im Nachhinein sagen kann: »Wow, was für eine Überraschung, aber das hätte ich eigentlich kommen sehen müssen.« Sieh dir im Zweifelsfall noch einmal aufmerksam »The Sixth Sense« an, wenn du dich nun fragst, wie genau du diesen Effekt hinbekommen sollst.