Überraschende Wendungen machen deinen Roman noch spannender

Überraschende Wendungen machen deinen Roman noch spannender

»Herr Doktor, ich habe das Gefühl, dass mich alle ignorieren.«

»Der Nächste bitte.«

Du kennst sie von Kleinauf aus guten Witzen: Überraschende Wendungen. Sie sind extrem unterhaltsam und damit das A und O packender Romane. Das Publikum wird verblüfft, indem eine begonnene Handlung sich schlagartig in eine unerwartete Richtung entwickelt. Das Prinzip ist alt, nutzt sich aber im Gegensatz zu vielen anderen Spannungselementen kaum ab.

Sie steigern in einem nicht unbeträchtlichen Maße die Spannung, denn wenn du deine überraschenden Wendungen effektvoll einsetzt, wird das Publikum in eine wohlige »Alles ist möglich«-Haltung versetzt, die Erwartungen weckt – die du dann natürlich auch mit interessanten Wendungen und plausiblen Auflösungen erfüllen musst.

 

Überraschende Wendung ganz am Anfang deiner Story

Selten angewandt und heikel sind überraschende Wendungen zu Beginn eines Romans. Hier ist eines meiner Lieblingsbeispiele die erste Szene von Paul Cleaves Thriller »Der siebte Tod«.

ACHTUNG SPOILER: Wir erleben die Handlung aus der Ich-Perspektive von Joe, der Hauptfigur des Romans. Joe fährt die Auffahrt hoch, flucht über die Sommerhitze, verlässt seinen Wagen, geht im Haus geradewegs zum Kühlschrank und nimmt sich ein Bier. Er hört, wie Angela noch duscht, setzt sich an den Küchentisch, beißt in ein Stück Pizza und schlägt die Zeitung auf. Angela kommt unter der Dusche hervor, trocknet ihr Haar, lässt das Handtuch fallen und fragt: »Scheiße, wer sind Sie denn?«.

Eine überraschende Wendung, die aus einem seichten und sehr alltäglich geschilderten Anfang nachträglich eine packende Szene macht.

Am Anfang eines Romans ist es jedoch wirklich schwierig, überraschende Wendungen so hinzubekommen, dass sie nicht verwirrend werden. Das Beispiel in Cleaves Roman funktioniert, weil die Szene wirklich kurz ist. Sonst wäre der Einstieg zu gemächlich und banal.

 

Kleine überraschende Wendungen in jeder Szene

Überraschende Wendungen können auch weniger spektakulär sein: Wenn deine Hauptfigur ein korrekt gekleideter Geschäftsmann ist, aber unter seinem dunkeln Anzug Ringelsöckchen trägt, kann das schon ausreichen, um für ein Schmunzeln auf den Lippen deines Publikums zu sorgen. Mehr braucht es gar nicht, aber du solltest ein Gespür dafür bekommen, in jeder Beschreibung und jedem Dialog auch eine Prise Unerwartetes zu streuen.

 

Überraschende Wendungen am Ende deiner Story

Ebenfalls recht verbreitet ist die überraschende Wendung am Ende einer Geschichte. Paradebeispiel sind Filme wie »The Sixth Sense«.

ACHTUNG SPOILER: In »The Sixth Sense« erfahren wir ganz am Ende, dass die Hauptfigur Malcolm Crow ein Geist ist, was die gesamte Handlung in einem vollkommen neuen Licht erstrahlen lässt. Wir lernen, dass Crow, ohne es selbst zu wissen oder zu wollen, ein unzuverlässiger Erzähler war.

Die große überraschende Wendung erst am Ende deiner Geschichte zu zu präsentieren, kann beim Publikum allerdings auch Enttäuschung bewirken. Gerade beim Mittel des unzuverlässigen Erzählers ist diese Gefahr groß. Machst du das nicht richtig, fühlt sich das Publikum respektlos behandelt: »Wozu habe ich mir jetzt die Story angetan, wenn am Ende doch alles ganz anders war?«

Die Menschen bauen beim Konsum einer Geschichte eine gefühlsmäßige Verbindung zu den Figuren auf. Sie fiebern mit. Wenn am Ende doch alles ganz anders ist, als gedacht, kann das als ein emotionale Betrug empfunden werden. Dann sind die Leute sauer und lesen nie wieder ein Buch von dir, obwohl die Wendung vielleicht sehr klug und spanend ist.

Du musst dir überlegen, welche Reize du dem Publikum als Belohnung präsentierst, die die Enttäuschung, an der Nase herumgeführt worden zu sein, wieder aufwiegen.

In »The Sixth Sense« funktioniert beispielsweise der unzuverlässige Erzähler, weil der Fokus der Geschichte auf Malcolm und seinen Erlebnissen liegt und darauf, dass Coles Konflikt mit seiner Frau durch die Erkenntnis, dass er ein Geist ist, gelöst werden.

 

Die Königsdisziplin: Die große überraschende Wendung in der Mitte

Am wichtigsten ist für jeden Roman die große überraschende Wendung in der Mitte. Alfred Hitchcock hat hier in seinem Meisterwerk »Vertigo« Maßstäbe gesetzt.

ACHTUNG SPOILER: Scottie, ein Polizist im Vorruhestand, soll die suizidgefährdete Madeleine beschatten, um zu verhindern, dass sie sich umbringt. Es gelingt Madeleine jedoch trotzdem, sich von einem Glockenturm zu stürzen, weil Scottie unter Höhenangst leidet und ihr deswegen nicht in die Turmspitze folgen kann, um sie vom Sprung abzuhalten.

Scottie zerbricht an dem tragischen Ereignis, weil er sich in Madeleine verliebt hat. Nach einem Aufenthalt in einer Nervenheilanstalt, bei dem er das traumatische Ereignis zu verarbeiten versucht, trifft er auf die Kassiererin Judy, die Madeleine verblüffend ähnlich sieht. Scottie erkennt mit der Zeit, dass die beiden tatsächlich ein und die selbe Person sind und er Opfer einer Intrige geworden ist.

Er tyrannisiert Judy, um ein Geständnis zu erzwingen und um herauszufinden, warum er in diese Intrige verwickelt worden ist.

Die gesamte Handlung unternimmt eine überraschende Wendung, wenn der Film von einer Mystery-Story (Warum will Madeleine sich umbringen?) zu einer Suspense-Story wird (Wie wird es Scotty gelingen, die Intrige aufzudecken und sich zu rächen?). Mit dem Selbstmord von Madeleine verwandeln sich Stimmung und Zielrichtung der gesamten Story. Im Prinzip erlebt das Publikum zwei verschiedene Filme, die erst rückblickend miteinander zusammenhängen.

Überraschenden Wendungen finden noch auf vielen anderen Ebenen von »Vertigo« statt. Die Figuren verändern zum Beispiel ihre Rollen und ihre Psychologie im Laufe der Geschichte. Sehr eindrucksvoll, sehr effektvoll, komplex und effektiv. »Vertigo« gilt nicht zu unrecht als Meisterwerk.

Ähnlich gehen viele Thrillerautoren vor, zum Beispiel der Autor John Katzenbach in »Der Patient«. Der Psychiater Frederick Starks wird Opfer eines Intrigenspiels des Serienkillers Rumpelstilzchen, der ihn wie eine Marionette nach seiner Pfeife tanzen lässt. Stark sucht den Ausweg, indem er seinen Tod vortäuscht, um dann aus der Rolle des Gejagten in die des Jägers zu wechseln.

 

Je größer die überraschende Wendung den Charakter deines Roman verändert, desto detaillierter musst du sie vorbereiten

Was du solchen Beispielen wie »Vertigo« oder »Der Patient« lernen kannst – ganz gleich, ob du nun Thriller oder Liebesromane schreibst:

Eine große überraschende Wendung in der Mitte muss in der erste Hälfte der Story gut vorbereitet werden. Alle Elemente der ersten Hälfte müssen einen neuen Sinn ergeben, wenn das Publikum sie mit den Informationen aus der zweiten Hälfte betrachtet.

Überraschung ist im Roman nie etwas, das zufällig und unmotiviert geschieht – so wie im richtigen Leben. Das Publikum verzeiht hier vielleicht innerhalb einer Szene eine Wendung, die unerwartet und amüsant ist – wie bei einem Witz.

Eine Wendung, die jedoch so groß ist, dass der ganze Roman einen anderen Charakter bekommt, muss motiviert und vorbereitet sein.

Insofern ist zum Beispiel der unzuverlässig Erzähler zwar eines der effektvollsten (und auch einfachsten) Mittel, um für eine überraschende Wendung zu sorgen, jedoch auch eine, die das größte Risiko birgt. Manche begehen den Fehler, einen unzuverlässigen Erzähler praktisch als Ausrede zu verwenden, eine überraschende Wendung eben nicht minutiös vorzubereiten. Tu das nicht. Sorge auch mit einem unzuverlässigen Erzähler für plausible Wendungen.

Plausibel sind Wendungen, wenn du die Grundlagen für die überraschende Wendungen zu einem früheren Zeitpunkt der Handlung andeutest, wenn dem Publikum alle Informationen so präsentiert werden, dass es im Nachhinein sagen kann: »Wow, was für eine Überraschung, aber das hätte ich eigentlich kommen sehen müssen.« Sieh dir im Zweifelsfall noch einmal aufmerksam »The Sixth Sense« an, wenn du dich nun fragst, wie genau du diesen Effekt hinbekommen sollst.

Die Top 10 Folgen der SchreibDilettanten

Wöchentlich veröffentlichen Axel Hollmann und ich eine neue Folge unseres Vlogs für Autorinnen Die SchreibDilettanten auf YouTube.

Neulich erreichte mich die Frage, welche 10 der inzwischen über 150 Videos ich denn für den Einstieg empfehlen würde. Natürlich beantworte ich die Frage sehr gerne:

 

Die wichtigste Schreibregel: Konflikt! Konflikt! Konflikt!

Eine ganz grundlegende Folge, in der wir uns mit James N. Freys oberster Schreibregel auseinandersetzen. Viel zu häufig vergessen wir sie selbst, deswegen tut es gut, an sie zu erinnern.

 

Von der Grundidee zum fertigen Buch

Wie funktioniert das eigentlich mit dem eigenen Buch – vom Tippen des ersten Buchstabens bis hin zum Erscheinen im Buchhandel. Hier teilen wir unsere Erfahrungen.

 

10 Dinge, die einen Autor als Anfänger entlarven

Kinderkrankheiten, die alle durchmachen, die man aber ablegen sollte, bevor man sich bewirbt oder veröffentlicht.

 

Brainstorming Krimi

Stellvertretend für alle unsere Folgen, in denen wir Romane plotten. Hier kann man am praktischen Beispiel erleben, wie wir unsere Ideen entwickeln.

 

Die Maximalkapazität des Helden

Neben Konflikt! Konflikt! Konflikt! eine der wichtigsten Grundlagenfolgen unseres Vlogs. Häufig lassen wir die Hauptifugren nicht auf ihrer Maximalkapazität handeln – was nicht gut ist. Hier überlegen wir, was wir dagegen tun können.

 

Das 7-Punkte-System in der Praxis

Axel und ich sind große Fans des 7-Punkte-Systems als Hilfsmittel, um Plots zu entwickeln. Hier zeigen wir an einem praktischen Beispiel, wie wir damit arbeiten.

 

Noch einmal – Überarbeitung

Einst gab es die SchreibDilettanten nur als Podcast. Deswegen legen wir von Zeit zu Zeit alte „Audio-Only-Folgen“ als Video neu auf. Überarbeitung ist eines der wichtigsten Themen, mit dem wir immer wieder zu kämpfen haben.

 

Der ideale Leser

Für wen schreiben wir eigentlich und was bedeutet das für unsere Texte? Der ideale Leser ist ein wichtiges Hilfsmittel für die Überarbeitung unserer Romane.

 

Perspektive Reloaded

Eine weitere Neuauflage eines Klassikers. Welche Perspektiven gibt es? Für welche entscheiden wir uns aus welchen Gründen?

 

Warum ist mir in der Mitte immer so langweilig?

Eine meiner Lieblingsfolgen: Die Mitte des Romans kann man schnell unterschätzen, dabei spielen sich dort wichtige Dinge ab. Hier diskutieren Axel und ich darüber, was einen Roman in der Mitte so richtig spanend macht.

Plots entwickeln sich zwischen den drei Eckpfeilern Ziel, Motivation und Konflikt.

Plots entwickeln sich zwischen den drei Eckpfeilern Ziel, Motivation und KonfliktEin Großteil der Handlung deines Romans hängt davon ab, welches Ziel seine Heldin verfolgt. Was motiviert sie und was steht hier dabei im Weg, ihr Ziel zu erreichen?

Mit anderen Worten, der Plot entwickelt sich zwischen den drei Eckpfeilern Ziel, Motivation und Konflikt.

Ziel und Motivation sind zweierlei, obwohl sie häufig miteinander verwechselt werden. Das sollte dir nicht passieren, denn dann wird die Handlung deines Romans verwässert.

Du musst ganz genau zeigen, was deine Hauptfigur motiviert. Mehr noch: Du musst erreichen, dass die Leserin die Motivation deiner Heldin spürt, fühlt und emotional nachvollzieht. Dann hast du einen packenden Roman geschrieben, denn die Motivation deiner Hauptfigur wird im gewissen Sinne zur Motivation deiner Leserin. Am Ende fiebert sie dadurch mit und dein Roman wird zu einem spannenden Lesevergnügen.Weiterlesen »

Plotten für Autoren, die Plotten hassen: Die »›Ja, aber …‹ und ›Nein, und …‹«-Methode

Plotten für Autoren, die Plotten hassen: Die »›Ja, aber ...‹ und ›Nein, und ...‹«-MethodeGeorge R.R. Martin teilt die verschiedenen Typen von Autoren, wie ich finde, ganz treffend in Gärtner und Architekten ein.

Gärtner – auch Pantser oder Discovery Writer genannt – hassen es meisten, zu wissen, wie ihre Geschichten ausgehen, bevor sie mit dem Schreiben des Manuskripts beginnen, weil sie dann ihr Interesse an dem Projekt verlieren.

Gärtner kommen mit dieser Einstellungen an zwei Punkten gelegentlich in Schwierigkeiten:Weiterlesen »

Making of »Lelana« – die Vorgeschichte zu »Tödliche Gedanken«

Lelana Cover Mitte April 2016 erscheint als E-Boock »Lelana«, eine Novelle von ca. 40 Seiten, die in der Zeit vor »Tödliche Gedanken« spielt und sich um einige bekannte Figuren dreht – aber auch neue vorstellt, die erst in der Fortsetzung zu »Tödliche Gedanken« auftauchen. Insofern ist die Novelle ein Prequel und gleichzeitig ein Bindeglied zwischen den beiden Romanen.Weiterlesen »

Schnelligkeit wird beim Schreiben völlig unterschätzt

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Jahr um Jahr werden anlässlich des NaNoWriMos die gleichen Argumente ausgetauscht. Während die einen, wie ich, begeistert davon sind, in vier Wochen ein Romanmanuskript zu beenden, schütteln andere nur verständnislos den Kopf darüber, wie man sich denn dazu zwingen kann so viel wie möglich in so kurzer Zeit zu schreiben. Fast immer kommt von den NaNo-Kritikern das Argument, schreiben sei doch eine qualitative Sache, die nichts mit Tempo oder einem Haufen Wörter zutun habe.

Meiner Ansicht nach eine grobe Fehleinschätzung. Weiterlesen »

Das praktische Feedback Cheat Sheet für (Nicht-)Autoren

Ich habe das große Glück, mit meinem Writing Buddy Axel Hollmann einen guten Freund und kompetenten Autoren zu haben, der meine Entwürfe mit viel Geduld und Aufmerksamkeit liest und mir gezieltes Feedback geben kann. Dieses Glück hat nicht jeder. Macht aber auch nichts. Mit einem bisschen Hilfe, kann aus jedem engagierten Leser ein Autoren-Coach werden.

Folgendes Cheat Sheet hilft dabei:

Feedback Cheat Sheet

Du kannst dir auch das Feedback Cheat Sheet als PDF downloaden.