Warum Antihelden immer beliebter werden

Warum Antihelden immer beliebter werden

Erneut freue ich mich über einen Gastbeitrag des Horror-Experten John Paxing. Ich bin heilfroh, dass mir dieses Thema von einem Gastautor abgenommen wird, da ich bisher geglaubt habe, mit Anti-Helden nichts anfangen zu können. Diese aufschlussreiche Beitrag bringt mich allerdings zum Nachdenken. Vielen Dank dafür.

In klassischen Geschichten sind Helden normalerweise die Guten, und Bösewichte.. Nun ja, die Bösen. Dabei ist der Archetyp des »guten Helden« natürlich eine Illusion. Niemand ist einfach nur »gut«.

Ich meine, ich kenne richtig gute Menschen – absolut selbstlose, nette, hilfsbereite, gute Leute – aber selbst die haben irgend etwas an sich, das ich nicht gut heiße. Scheinbar funktioniert das Leben nicht ohne schlechte Eigenschaften. Und ich will auch beim Lesen, Fernsehen oder Computerspielen längst keinen Protagonisten mehr zuschauen, die einfach nur »gut« sind.

Die Entwicklungen in Fernsehen und Kino zeigen am deutlichsten, dass wir uns immer mehr Antihelden wünschen. Mit »Antihelden« meine ich Protagonisten, deren negative Eigenschaften absichtlich ausgearbeitet werden. Dr. House, Batman (der in »The Dark Knight«) und Max Payne sind solche Helden. Sie lassen Charakterzüge geradezu heraushängen, die eigentlich als unsympathisch gelten.

Dazu zählen Narzissmus (Selbstverliebtheit), Psychopathie (manipulatives, kaltblütiges Verhalten) und Machiavellismus (das eigene Ziel ohne jede Rücksicht und Moral verfolgen, über Leichen gehen). In der Evolutionspsychologie werden diese drei Persönlichkeitstypen als die »Dunkle Triade«* zusammengefasst, und sie gehören zu den unbeliebtesten Charakterzügen überhaupt.

Der bekannteste Antiheld ist vielleicht James Bond. Er bricht regelmäßig das Gesetz, er hat sogar die »Lizenz zum Töten«. Das macht ihn zu einer Ausnahme, zu einem, der über dem Rest der Gesellschaft steht. Er lebt jenseits des »Guten« und »Schlechten«, an dem die anderen sich orientieren sollen. Nur durch seine knallharte, manipulative Art schafft er jede Mission. Ganz klar ist er kein Held mit positiven Qualitäten wie Nächstenliebe, Fairness und Achtung vor anderen. Man kann ihn getrost psychopathisch nennen – wie sonst sollte er nachts ruhig schlafen können? So ähnlich ergeht es dem Punisher, Wolverine und Dexter.

Die Wissenschaft wundert sich, dass wir heute so auf Antihelden stehen, die Eigenschaften der »Dunklen Triade« verkörpern. Denn »schlechte« Menschen – also solche, die gegen bestimmte Regeln verstoßen – werden normalerweise aus der Gesellschaft ausgestoßen. Sie verhalten sich nicht kooperativ. Sie sind egoistisch und richten Schaden an, und deshalb mag sie auch keiner – aus Selbstschutz.

Um in einer Gruppe miteinander klar zu kommen, haben sich bei uns starke Sympathien und Antipathien für bestimmte Verhaltensweisen über den Lauf der Evolution verinnerlicht. Wir haben die Kategorien »Gut« und »Böse« entwickelt, an deren Vorbild sich Gesetze, Moral und Erziehung orientieren. Das Resultat: Jeder gesunde Mensch reagiert emotional ziemlich stark auf Menschen, die sich »asozial« verhalten.

Warum also wünschen wir uns Helden, die ihre schlechten Eigenschaften so offen zeigen? Warum fühlen wir uns mit Antihelden mehr verbunden als mit archetypischen, guten Helden?

Ein Teil der Antwort ist einfach: Natürlich steckt in jedem von uns eine dunkle Seite. Ich bin regelmäßig egoistisch, ich fluche verdammt viel und bin impulsiv, und sicher habe ich auch mal gegen das Gesetz verstoßen. Protagonisten, die keine Spur solcher negativen Eigenschaften besitzen, sind einfach nicht lebensecht und mit ihnen kann man sich schlechter identifizieren. Aber vor Allem werde ich mit ihnen nicht warm, weil sie keine ehrliche Verbindung zu sich zulassen:

Jemandem verbunden zu sein, eine Beziehung zu haben, bedeutet letztlich, sich verletzlich zu machen. Zu perfekte, fehlerfreie Menschen machen mich skeptisch. Irgendetwas scheinen sie zu verbergen, und ich kann sie nie richtig einschätzen. Zeigt mir jemand nicht sein wahres Gesicht, dann bleibt als Konsequenz auch die Beziehung oberflächlich.

Wenn ich aber jemandem mehr von mir preisgebe, inklusive meiner schlechten Eigenschaften und Unzulänglichkeiten, zeige ich damit Vertrauen: Ich vertraue darauf, dass der andere mich nicht verstößt, obwohl ich fehlerhaft bin. Und dass ich dieses Risiko eingehe beweist, dass ich eine echte Beziehung mit ihm möchte.

Deshalb sind Antihelden, die ihre negativen Eigenschaften zeigen, und sich damit verletzbarer, nahbarer und ehrlicher machen, sympathischer als Helden, die einfach nur gut und perfekt sind. Man kann mit ihnen potentiell echte, menschliche Beziehungen eingehen – eines der wichtigsten Dinge, auf denen unser Leben beruht.

Als Schlusswort möchte ich hierzu einen Gedanken zusammenfassen, den ich kürzlich in einer sehr interessanten Dokumentation (»Indie Game: the Movie«) gehört habe:

»Auf Hochglanz polierte, idealisierte Nachahmungen, ohne Macken und Kanten, sind unpersönlich. Wenn etwas dich berühren soll, persönlich werden soll, dann braucht es Macken, Fehler und eine gewisse Verletzlichkeit. Wenn du jemanden betrachtest und keine Verletzlichkeit in ihm entdeckst, dann ist deine Beziehung zu dieser Person wahrscheinlich nicht besonders tiefgründig.«

Als weiterführende Lektüre zum Thema »Evolution von gutem und bösem Verhalten« und »Antihelden in Geschichten« kann ich diesen Artikel empfehlen:

*»The Antihero in Popular Culture: Life History Theory and the Dark Triad Personality Traits« von Peter K. Jonason et al., University of Western Sydney, Australien. Review of General Psychology © 2012 American Psychological Association (2012), 16:2, 192–199. DOI: 10.1037/a0027914

 

Es sind die Figuren, Dummkopf!

Es sind die Figuren, Dummkopf!

Bill Clinton gewann 1992 die Wahlen zum US-Präsidenten mit dem Slogan »It’s the economy, stupid!« (»Es ist die Wirtschaft, Dummkopf!«). Etwas allgemeiner ausgedrückt war er also mit einem Motto erfolgreich, das darauf abzielte, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, das den Menschen wichtig ist und sie wirklich bewegt.

In diesem Sinne gilt für Romanautorinnen: »Es sind die Figuren, Dummkopf!«

Einen Roman zu schreiben ist mindestens genauso kompliziert, wie das Führen eines Staates. Wie auch die Politik besteht ein Roman aus vielen, kleinen Bausteinen, die alle zusammenpassen müssen: Sprache, Plot, Atmosphäre, Spannung, Schauplätze usw.

Und wie auch Politikerinnen können sich Romanautorinnen schnell in den vielen, kleinen – und wichtigen – Details verlieren und das Große Ganze aus den Augen verlieren.

Auf das Romanschreiben bezogen bedeutet das: Was Menschen wirklich interessiert, sind andere Menschen. Deswegen sind die Figuren das, was alle an einem Roman am meisten mögen.

Das wird bei einigen Romanen schon alleine dadurch deutlich, dass die Helden der Geschichte auch im Titel stehen, von »Tom Sawyer« bis »Harry Potter«.

Terry Pratchett meinte einmal, dass er häufig gefragt wurde, doch mal wieder einen Roman mit Rincewind oder Granny Wetterwachs zu schreiben. Man merke: Er hatte nicht darüber berichtet, dass er häufig gefragt wurde, doch mal einen Roman über die moderne Kommunikationstechnik zu schreiben, sondern darüber, dass seine Leserinnen mehr über die Figuren erfahren wollten, die ihnen ans Herz gewachsen waren.

Das Thema eines Romans ist nicht unwichtig. Spannung, Sprache, Plot – das sind alles keine bedeutungslosen Details. Aber im eigentlichen Fokus der Aufmerksamkeit müssen die Figuren stehen.

Mit ihnen solltest du dir am meisten Mühe geben. Erschaffe Figuren, die mitreißend und rund sind, zu denen Leserinnen eine Beziehung aufbauen – mit anderen Worten: die sie in ihr Herz schließen können.

Es gibt sehr viele verschiedene Wege, Figuren für einen Roman zu gestalten. Ganz gleich, wie du zu deinen Figuren kommst – am Ende müssen sie vor allem auf die Bedürfnisse deines Zielpublikums zugeschnitten sein.

Dan Brown (»Sakrileg«, »Inferno«) beispielsweise charakterisiert seinen Serienhelden Robert Langdon bewusst sparsam. Seine Romane sind im Prinzip Rätsel, die die Leserinnen und Leser dazu einladen sollen, mitzuraten. Würde Langdon zu markant sein, dann würde er nicht mehr als Identifikationsfigur, quasi wie eine Art Avatar im Computerspiel, funktionieren. Trotzdem besitzt er ein paar Eigenschaften, die so grundlegend und einladend sind, dass ein Großteil der Menschen sich mit ihm identifizieren kann: Er ist kompetent, verletzlich, gibt nie auf, hat Humor und ist attraktiv für das andere Geschlecht.

Chris Carter hat mit Robert Hunter eine Art James Bond erfunden. Hunter ist körperlich topfit und besitzt gleichzeitig Doktortitel. Er hat Erfolg bei den Frauen und ist einer der besten Polizisten, die es je gab. Mit anderen Worten: Er ist ein Universalgenie im Körper eines Olympiasiegers. Hunter lädt also nicht nur zur Wunscherfüllung ein, sondern erhöht dazu noch den Thrill für die Leserinnen und Leser. Wenn schon so ein Supermann den blutrünstigen Serienkillern kaum Einhalt gebieten kann – wie soll es dann erst uns Normalos ergehen?

Harry Potter ist (in den ersten Romanen der Serie) ein mitleiderregender Junge. Er fühlt sich genauso machtlos der Welt der Erwachsenen ausgeliefert, wie es nun einmal Kinder und Jugendliche tun. Das ermöglicht es dem Zielpublikum, eine Verbindung zu ihm aufzubauen. Gleichzeitig ist Harry aber auch der größte Magier aller Zeiten. Das ist natürlich Wunscherfüllung. Harry vermittelt den Leserinnen den Glauben daran, dass auch sie wichtig sein können und in ihnen ebenfalls große Talente schlummern.

Keine Figur lebt für sich allein. Wenn die Figuren im Fokus stehen, dann stehen auch ihre Beziehungen im Fokus. Freundschaft, Liebe und Partnerschaft sind zentrale Themen, über die die Menschen einfach gerne lesen.

Robert Langdon hat in jedem Roman eine Love Interest, also eine weibliche Beziehungsfigur. Auch wenn es in Browns Romanen eher weniger zu Romanzen kommt, so gibt es doch unterschwellig immer die Frage, ob Langdon mit seinem weiblichen Sidekick mehr als nur ein Rätsel verbindet oder nicht.

Robert Hunter hat seinen treuen Partner Carlos Garcia, mit dem ihm eine tiefe Freundschaft verbindet.

Harry Potter hat mit Hermine Granger und Ron Weasley treue Freunde, mit denen er durch dick und dünn gehen kann, selbst wenn es auch immer wieder mal Streit gibt.

Gemeinsam haben alle Figuren, dass wir sie in unser Herz schließen, mit ihnen mitfiebern und uns noch Jahre später an sie erinnern, wenn wir viele Details der Handlung eines Romans bereits vergessen haben.

Solche Figuren brauchst du für deinen Roman. Also solltest du dir mit ihnen wirklich viel Mühe geben.

Die Top 10 Folgen der SchreibDilettanten

Wöchentlich veröffentlichen Axel Hollmann und ich eine neue Folge unseres Vlogs für Autorinnen Die SchreibDilettanten auf YouTube.

Neulich erreichte mich die Frage, welche 10 der inzwischen über 150 Videos ich denn für den Einstieg empfehlen würde. Natürlich beantworte ich die Frage sehr gerne:

 

Die wichtigste Schreibregel: Konflikt! Konflikt! Konflikt!

Eine ganz grundlegende Folge, in der wir uns mit James N. Freys oberster Schreibregel auseinandersetzen. Viel zu häufig vergessen wir sie selbst, deswegen tut es gut, an sie zu erinnern.

 

Von der Grundidee zum fertigen Buch

Wie funktioniert das eigentlich mit dem eigenen Buch – vom Tippen des ersten Buchstabens bis hin zum Erscheinen im Buchhandel. Hier teilen wir unsere Erfahrungen.

 

10 Dinge, die einen Autor als Anfänger entlarven

Kinderkrankheiten, die alle durchmachen, die man aber ablegen sollte, bevor man sich bewirbt oder veröffentlicht.

 

Brainstorming Krimi

Stellvertretend für alle unsere Folgen, in denen wir Romane plotten. Hier kann man am praktischen Beispiel erleben, wie wir unsere Ideen entwickeln.

 

Die Maximalkapazität des Helden

Neben Konflikt! Konflikt! Konflikt! eine der wichtigsten Grundlagenfolgen unseres Vlogs. Häufig lassen wir die Hauptifugren nicht auf ihrer Maximalkapazität handeln – was nicht gut ist. Hier überlegen wir, was wir dagegen tun können.

 

Das 7-Punkte-System in der Praxis

Axel und ich sind große Fans des 7-Punkte-Systems als Hilfsmittel, um Plots zu entwickeln. Hier zeigen wir an einem praktischen Beispiel, wie wir damit arbeiten.

 

Noch einmal – Überarbeitung

Einst gab es die SchreibDilettanten nur als Podcast. Deswegen legen wir von Zeit zu Zeit alte „Audio-Only-Folgen“ als Video neu auf. Überarbeitung ist eines der wichtigsten Themen, mit dem wir immer wieder zu kämpfen haben.

 

Der ideale Leser

Für wen schreiben wir eigentlich und was bedeutet das für unsere Texte? Der ideale Leser ist ein wichtiges Hilfsmittel für die Überarbeitung unserer Romane.

 

Perspektive Reloaded

Eine weitere Neuauflage eines Klassikers. Welche Perspektiven gibt es? Für welche entscheiden wir uns aus welchen Gründen?

 

Warum ist mir in der Mitte immer so langweilig?

Eine meiner Lieblingsfolgen: Die Mitte des Romans kann man schnell unterschätzen, dabei spielen sich dort wichtige Dinge ab. Hier diskutieren Axel und ich darüber, was einen Roman in der Mitte so richtig spanend macht.

Jede Geschichte wird besser mit einer Liebesgeschichte

Jede Geschichte wird besser mit einer Liebesgeschichte

Liebesgeschichten gehören nicht nur in den Liebesroman. Ich finde, jeder Roman wird besser durch eine Liebesgeschichte. Auch und gerade Thriller. Ich stehe da ganz in der Tradition Alfred Hitchcocks, der einmal gesagt hat, dass seine Filme im Kern Romanzen sind.

Liebesgeschichten sind als Subplot eine ideale Zutat für jeden Roman, weil berühren uns auf einer ganz grundlegenden  emotionalen Ebene berühren. Jeder sehnt sich nach Liebe und Partnerschaft. Deswegen wecken Liebesgeschichten automatisch das Interesse der Leserinnen und lassen sie mitfiebern.

Außerdem ist eine Hauptfigur ohne Liebesleben eine unvollständige Hauptfigur. Eine Liebesgeschichte rundet sozusagen jede Figur ab und macht sie dreidimensional.

Je nach Stimmung und Genre muss das nicht immer eine einfache Boy-Meets-Girl- und/oder Boy-Gets-Girl-Substory sein. Zu einem grimmigen Thriller könnte beispielsweise das Misslingen einer Partnerschaft dazugehören – oder deren plötzlicher Abbruch durch den Tod des Partners oder der Partnerin (womöglich durch die Hand des Schurken).

Realistische, sozialkritische Romane können auch zeigen, wie schwierig es ist, eine Beziehung aufrecht zu erhalten, während man gleichzeitig versucht, Serienkiller zu jagen.

Auch Dreiecksbeziehungen eigenen sich hervorragend als Unterthema für Thriller, die im Polizeimilieu spielen. Die Arbeitstage sind lang, die Nächte werden durchgemacht – dann ist es nicht weiter verwunderlich, wenn der Kollege attraktiver wird als der Ehepartner.

Dienen Liebesgeschichten als Subplot für andere Genres, wie zum Beispiel dem Thriller oder dem Krimi, ist vor allem auf zwei Dinge zu achten:

  1. Der Sublot darf nicht den Hauptplot überdecken.
  2. Die Liebesgeschichte muss (mindestens) eine originelle Wendung nehmen.

Ersteres stellt einen schwierigen Balanceakt dar. Im Thriller oder Krimi bilden der Kampf gegen den Schurken und/oder die Ermittlungsarbeit, die notwendig ist, um ihn zu stellen, den Hauptplot. Einerseits darf also die Liebesgeschichte sich nicht zu sehr in den Vordergrund rücken, andererseits sollte auch die Liebesgeschichte nicht als unabhängiger Handlungsfaden existieren, sondern mit dem Hauptplot verbunden sein.

Ein spannendes Beispiel ist Thomas Harris‘ »Schweigen der Lämmer«. Hier entspinnt sich eine eher abartige unterschwellige Erotik zwischen Hannibal Lecter und der Hauptfigur Agent Starling. Faszinierend und gruselig zugleich. Harris zeigt, wie weit man sozusagen mit der Liebesgeschichte im Thriller gehen kann und wie wichtig sie für die emotionale Intensität eines Romans ist.

Harris‘ Roman ist auch ein gutes Beispiel für eine originelle Wendung, die eine Liebesgeschichte nehmen kann. Sie entsteht an einer Stelle und auf eine Weise, wie Leserinnen sie nicht vermuten würden – und erzeugt dadurch auch Gefühle, die normalerweise nicht mit einer Liebesgeschichte verbunden werden.

Robert Blochs Psychothriller »Psycho« wagt eine andere Gratwanderung. Da hier der Haupteffekt des Romans mit der überraschenden Wendung in der Mitte zusammenhängt, mutet er seinen Leserinnen zu, einen krassen emotionalen Bruch durchzumachen.

ACHTUNG SPOILER:

Die Figur, die uns zu Beginn des Romans als Hauptfigur präsentiert wird, Mary Crane, wird uns vor allem durch ihre Liebesgeschichte nährgebracht. Das, was sie tut, ist zwar böse, aber sie tut es aus Liebe. Das erzeugt in den Leserinnen ein ambivalentes Verhältnis und gleichzeitig eine Verbindung mit ihr. Somit ist ihr gewaltsame Tod in der Mitte des Romans einerseits erschütternd, andererseits empfinden wir ihn aber auch als eine Form von Gerechtigkeit.

Dieser Zwiespalt wird im zweiten Teil der Handlung aufgelöst, wenn Marys Schwester Lila nach ihrer Schwester forscht und quasi stellvertretend für sie den Schurken stellt. Marys Liebesgeschichte mit ihrem Verlobten Sam wird indirekt fortgesetzt, wenn sich Lila und Sam als Paar ausgeben, um »verdeckt« ermitteln zu können. Von untergründiger erotischer Spannung, die gleichermaßen auch ein Tabu darstellt, ganz zu schweigen.

Sehr viel komplexer und enger verwoben mit der Haupthandlung kann eine Liebesgeschichte im Thriller eigentlich nicht sein.

Beide Beispiele zeigen, wie hervorragend Liebesgeschichten zur emotionalen Dichte eines Romans beitragen können und gleichermaßen ins Genre passen und originell sein können.

Warum wir Geschichten über wahre Helden brauchen

Warum wir Geschichten über wahre Helden brauchen

Gemischte Charaktere sind zur Zeit angesagt – also Figuren, die weder eindeutig gut noch böse sind. Sie sind realistisch und erleichtern es dem Publikum, eine Verbindung mit der Hauptfigur aufzunehmen. Denn im wahren Leben gibt es eher selten wahre Helden und niederträchtige Schurken. Trotzdem gibt es gute Gründe dafür, Geschichten mit wahren Helden als Hauptfiguren zu erzählen.

Philip Zimbardo – bekannt durch das Stanford-Prison-Experiment (sehr populär geworden dank der filmischen Umsetzung »Das Experiment«) – macht in seinem sehr bemerkenswerten Vortrag »The Psychology of Evil« deutlich, dass uns die selbe Situation zu drei verschiedenen Handlungen veranlassen kann: Wir können zum Täter werden, zum passiven Beobachter oder zum Helden.

Nehmen wir an, die Hauptfigur unseres Romans wird unvermittelt Zeuge eines Überfalls. Es ist beim Job mal wieder spät geworden, es regnet, die Straßen sind dunkel und die Luft ist schneidend kalt. Als sie die Treppe zum Bahnsteig hinabläuft, hört sie bereits verdächtige Geräusche: Stöhnen, Keuchen, dumpfe Schläge.

Auf dem Asphalt liegt ein Jugendlicher. Reglos. Zwei weitere treten auf den Bewusstlosen ein.

Drei Reaktionsmöglichkeiten definieren, ob es sich bei unserer Hauptfigur um einen Helden, einen Schurken oder einen gemischten Charakter handelt.

  1. Couragiert eilt sie dem bewusstlosen Jugendlichen zur Hilfe.
  2. Sie berauscht sich an der Gewalt, gesellt sich zu den Tätern und tritt ebenfalls auf das Opfer ein.
  3. Schon beim ersten Anzeichen für Gefahr ergreift sie die Flucht.

Hand aufs Herz: Die meisten von uns würden sich gerne wie in Alternative 1 verhalten, werden aber 3. wählen. Zum Glück werden die wenigsten Möglichkeit 2 wählen.

Wir empfinden es als befreiend, literarische Figuren bei Verhaltensweisen wie in Möglichkeit 3 zu erleben, denn unser Gewissen wird erleichtert: Ja, moralisch und zwischenmenschlich nicht gerade eine beispielhafte Handlung, aber eben menschlich.

Viele Romane, Filme und Serien bedienen sich deswegen gemischter Figuren. Wahre Helden empfinden wir als anstrengend, denn sie zeigen uns, wie wir uns verhalten sollten, es aber in der Regel nicht tun. Wir fühlen uns ertappt und in gewisser Weise beleidigt. Statt Unterhaltung bekommen wir ein schlechtes Gewissen. Viele reagieren deswegen auf Heldendarstellung mit Zynismus oder Sarkasmus und bezeichnen entsprechende Geschichten als unrealistisch oder kitschig.

Tatsächlich gibt es aber in der Realität durchaus Heldentum. Immer wieder entscheiden sich Menschen in extremen Situationen dazu, einfach das Richtige zu tun (Zimbardo nennt in seinem Vortrag selbst ein sehr eindrucksvolles Beispiel).

Wie wir uns entscheiden – zum Guten, zum Bösen oder zum Nichtstun – ist in Extremsituationen meistens kein bewusster Prozess. In der Regel übernehmen unsere Reflexe oder unsere Intuition, das über Jahrzehnte erlernte Verhalten und antrainierte Einstellungen das Handeln.

Eben das ist meiner Ansicht nach der Grund, warum es wichtig ist, Geschichten über wahre Helden zu erzählen. Nach Zimbardos Definition sind Helden eben keine Übermenschen, sondern Menschen wie du und ich, die sich in außergewöhnlichen Situation heroisch verhalten. Psychologisch ausgedrückt verhalten sie sich nicht egozentristisch, wie die meisten von uns, sondern »soziozentristisch«. Sie überwinden also ihren Selbsterhaltungstrieb oder auch nur ihre Bequemlichkeit, um anderen zu helfen.

Die Grundlage dafür, dass Menschen sich soziozentristisch verhalten können, nennt Zimbardo »heroische Imagination«. Sind wir in unserer Selbstwahrnehmung eher Schurken oder gemischte Figuren – oder haben wir das Bild von uns, dass wir Helden sind, die nur auf eine Gelegenheit warten, ihr Heldentum auch in der Realität unter Beweis zu stellen.

Nach Philip Zimbardo ist die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen in einer extremen Situation das Richtige tun, umso höher, je ausgeprägter ihre heroische Imagination ist. Hier sehe ich den Ansatzpunkt, die übergeordnete moralische Aufgabe von Autoren von Thrillern, Krimis und entsprechenden TV-Shows oder Filmen: Es ist wichtig, den Zynismus und Sarkasmus, in den uns unser »Ego-Zentrismus« leicht verfallen lässt, zu überwinden und entgegen dem Zeitgeist immer und immer wieder die Heldenreise zu erzählen.

So können unsere Geschichten zu einem kleinen Baustein werden, im Publikum die »heroische Imagination« zu befeuern.

Autorinnen sollten nicht versuchen, die Heldinnen ihrer eigenen Geschichten zu sein (Sonntagsperlen 2)

Autorinnen sollten nicht versuchen, die Heldinnen ihrer eigenen Geschichten zu sein

Kreative, künstlerische Tätigkeiten werden meistens zuallererst aus einem egoistischen Bedürfnis ergriffen. Das Aufgehen in der Kreativität, das Versinken in einer eigenen Welt, der dadurch entstehende Flow sind erfüllende Erlebnisse. Manchmal geht das so weit, dass du als Autorin die Heldin des Romans zu deinem Avatar in der Romanwelt machst, um Wunschträume und Sehnsüchte auszuleben. Das ist verständlich – und bis zu einem gewissen Grad sogar notwendig – aber problematisch.

Die Alter-Ego-Falle

Autorinnen tappen beim Schreiben gelegentlich in die Alter-Ego-Falle.

Damit meine ich, dass Autorinnen sich mehr oder weniger selbst als Heldin in die Romanhandlung schreiben. Wie in einem Computerspiel erlebt dann die Hauptfigur an deiner Stelle Abenteuer, die dir im Alltag verwehrt bleiben.

Ein typischer Alter-Ego-Held ist für mich James Bond, der nicht nur die absurdesten Abenteuer erlebt, sondern dabei auch nahezu unverwundbar ist, die tollsten Frauen mit einem Zwinkern ins Bett bekommt und dem bei alledem nicht einmal die Frisur verrutscht.

Hier hat Ian Fleming seine Wunschträume und ein überhöhtes Spiegelbild seines Selbst in eine abenteuerliche Umgebung gepflanzt, um Dinge auszuleben, die ihm in der Wirklichkeit verwehrt blieben. (Dass James Bond als Figur trotzdem funktioniert und viel Erfolg hat, liegt meiner Meinung nach zum einen daran, dass trotz allem viel Biografisches in der Figur liegt, was ihr Authentizität verleiht, und dass einfach viele die Wunschträume Flemings teilen und sich deswegen von diese Figur angesprochen fühlen.)

»Schreibe, was du kennst« vs. Die Alter-Ego-Falle

Einer der fatalsten Tipps aus diversen Büchern oder Seminaren zum kreativen und dramatischen Schreiben ist die Empfehlung, über Dinge zu schreiben, die du gut kennst.

Eigentlich ist der Tipp natürlich gut, wenn es um Authentizität geht. Warum solltest du einen Roman schreiben, der auf Hawaii spielt, wenn du dort noch nie warst und jeder Hawaiiurlauber ihn dir mit Fug und Recht um die Ohren schlagen wird?

»Schreibe, was du kennst« wird jedoch dann fatal, wenn du nur noch über dich schreibst. Und eben dazu verleitet der Tipp gerade Erstautorinnen. Wählst du für deinen Roman ein Thema und eine Hauptfigur, die zu nahe an deinem eigenen Leben sind, kann es dazu kommen, dass du nur noch über dich und nicht mehr für die Leserinnen schreibst.

So ganz kommst du nicht drum herum, in deinem Roman auch von dir zu schreiben. Dazu ist Schreiben einfach eine zu persönliche Sache. Legst du nicht eine gehörige Portion deiner Persönlichkeit hinein, besteht die Gefahr, dass alles, was du schreibst, oberflächlich und damit leidenschaftslos bleibt, was wiederum ebenfalls für Leserinnen uninteressant ist.

Ein schmaler Grat

Autorinnen tänzeln also beim Schreiben permanent um eine dünne, rote Linie herum, die  »Schreibe, was du kennst« und die Alter-Ego-Falle voneinander trennt. Wo genau die Grenze liegt und wann du sie zum Nachteil der Leserinnen überschreitest, können am Ende nur unabhängige Testleserinnen entscheiden.

Ein paar Techniken gibt es meiner Ansicht nach jedoch schon, mit denen du jedenfalls versuchen kannst, die Alter-Ego-Falle zu vermeiden:

  • Lass deine Heldin durch die Hölle gehen: Es ist ohnehin empfehlenswert, die Heldin deiner Geschichte leiden zu lassen. Denn dadurch erzeugst du Spannung. Außerdem kann es dann dazu kommen, dass du dich innerlich von der Hauptfigur distanzierst.
  • Schreibe nicht, was du kennst, sondern schreibe, was dich interessiert: Ein kleiner aber feiner Unterschied. Über etwas zu schreiben, was du bereits gut kennst, erspart dir zwar die Recherche und erhöht die Authentizität deines Romans, lässt dich aber unter Umständen auch zu leicht in die Alter-Ego-Falle tappen. Musst du erst für ein Thema oder Setting recherchieren, betrachtest du es von außen. Das verhindert, dass du dich zu sehr damit identifizierst. Trotzdem sollte der Gegenstand der Recherche etwas sein, das dich leidenschaftlich interessiert, sonst besteht die Gefahr, dass der Funke zur Leserin nicht überspringen kann.
  • Wechsle das Geschlecht: Als Frau eine männliche Hauptfigur zu wählen oder umgekehrt, kann schon genug Perspektivwechsel bedeuten, um der Alter-Ego-Falle zu entkommen. Andererseits ist es ganz schön schwierig, vom anderen Geschlecht zu schreiben. Hier lauern wiederum Klischee-Fallen. Unbedingt von entsprechenden Testleser(inne)n prüfen lassen!
  • Wähle eine fremde Leidenschaft: Verpasse deiner Hauptfigur eine Leidenschaft, die du nicht teilst. Bist du Hamburger-Liebhaber, mache sie zur Vegetarierin. Bist du Nichtraucherin, lasse deine Heldin quarzen wie ein Schlot. Entdecke das Eigene im Fremden und die Freude am Gegensatz. Wenn dir das gut gelingt, besteht die Chance, dass deine Leserinnen das ebenfalls in deiner Geschichte können.
  • Lies Biografien, am besten Autobiografien: Die Lektüre fremder Biografien, die nichts mit der eigenen Familie, am besten auch mit der eigenen Lebenswelt zu tun haben, kann beträchtlich den Horizont erweitern. Ein gutes Training für das Schreiben fiktiver Biografien von Romanfiguren.

Mitreißende Figuren eines Romans müssen gleichzeitig bekannt und außergewöhnlich sein

MitreiendeFigurenein

Figuren sind für jede Story zentral. Durch sie erleben wir die Geschichte. Mit ihnen fiebern wir mit, Wir bauen eine Beziehung zu ihnen auf, die uns mit dem Plot verbindet.

Damit das funktionieren kann, müssen die Figuren uns bekannt sein und Gemeinsamkeiten mit uns besitzen. Gleichzeitig müssen sie außergewöhnlich und herausragend sein und über Eigenschaften verfügen, die uns fehlen, damit sie interessant sind. Nur wie erreiche ich diesen Effekt als Autor?Weiterlesen »