Das praktische Feedback Cheat Sheet für (Nicht-)Autoren (Sonntagsperlen 5)

Ich habe das große Glück, mit meinem Writing Buddy Axel Hollmann einen guten Freund und kompetenten Autoren zu haben, der meine Entwürfe mit viel Geduld und Aufmerksamkeit liest und mir gezieltes Feedback geben kann. Dieses Glück hat nicht jeder. Macht aber auch nichts. Mit einem bisschen Hilfe, kann aus jedem engagierten Leser ein Autoren-Coach werden.

Folgendes Cheat Sheet hilft dabei:

Feedback Cheat Sheet

Du kannst dir auch das Feedback Cheat Sheet als PDF downloaden.

Verschiedene Phasen des Schreibprozesses müssen von unterschiedlichen Testleserinnen begleitet werden (Sonntagsperlen 3)

Verschiedene Phasen des Schreibproesses müssen von unterschiedlichen Testleserinnen begleitet werdenEs ist für mich wichtig, Texte so früh wie möglich mit anderen durchzugehen. Ich werde sehr schnell betriebsblind für Fehler. Noch schlimmer: Ich übersehe gerne meine Stärken. Um beides zu verhindern, begleitet mich im unmittelbaren Entstehungsprozess mein Writing-Buddy Axel Hollmann.

Irgendwann ist es jedoch an der Zeit, den Entwurf auch anderen Menschen zu zeigen, die nicht unbedingt selbst Romanautorinnen sind. Hier kommt die Alpha-Lerserin ins Spiel. Doch woher weiß ich, wann dieser Punkt erreicht ist – und was genau hat eine Alpha-Leserin eigentlich zu tun?

1. Wenn die Zeit reif ist, ist sie reif …

Ein Entwurf befindet sich für mich im Alpha-Stadium, wenn ich das Triage Editing abgeschlossen habe. Für mich ist dabei wichtig, einerseits nicht zu perfektionistisch zu sein, was schwierig ist, denn natürlich hat mein innerer Kritiker stets etwas zu meckern und es gibt ja auch immer Dinge, die eigentlich noch besser sein könnten. Andererseits muss irgendwann auch der Punkt erreicht sein, an dem es mal gut ist, sonst dauert das Triage Editing ewig und ich werde nie fertig.

Meine Lösung nenne ich das Konzept des fließenden Abgabetermins. Ich setze mir selbst ein Datum, an dem ich fertig sein will.

Ich abreite zunächst drauf los. Sobald sich das Gefühl einstellt, dass ich einen guten Rhythmus gefunden habe, schätze ich ab, wie lange ich noch für die Arbeitsphase brauchen werde.

Hier ist wiederum der Schlüssel zum Gelingen die innere Einstellung. Der Termin darf nicht in Stress ausarten, weswegen ich mir auch gestatte, ihn aus triftigen Gründen ein wenig nach hinten zu verschieben. Ich darf ihn aber auch nicht einfach unbegrenzt verschieben, denn dann wird er sinnlos.

2. Die Form eines Alpha-Entwurfs

Mein Alpha-Entwurf ist nicht der allererste Entwurf, wie man dem Namen nach vermuten könnte, sondern mindestens ein zweiter. Mein Entwurf für die Alpha-Leserin muss bereits als Roman erkennbar sein, ist aber noch lange nicht fertig. Für mich ist ein Entwurf  für meine Alpha-Leserinnen bereit, wenn die Handlung in ihren Einzelheiten steht, aber noch nicht alles perfekt ausformuliert ist.

Der Plot ist für mich das Gerüst des Textes. Deswegen muss er fertig sein, bevor ich mich daran mache, aus dem bisher eher achtlos dahin geschriebenen Text auch gute Prosa zu machen. Dialoge, Beschreibungen usw. habe ich zwar bereits formuliert, damit erkennbar ist, welche Form der Roman am Ende haben soll, aber sprachlich ist das alles noch kein gutes Deutsch, geschweige denn Literatur. Das ist in diesem Stadium aber auch nicht nötig.

Für den Alpha-Entwurf ist nur wichtig, dass die Details der Handlung alle plausibel aufeinander aufbauen und alles so weit formuliert ist, dass die Alpha-Leserin einen Vorgeschmack auf den späteren Roman erhält (Perspektive, Erzählsituation, Erzählstimme, Atmosphäre und Stil werden also bereits angedeutet).

3. Die geeignete Alpha-Leserin finden

Gute Alpha-Leserinnen zu finden, ist schwierig. Für mich muss eine Alpha-Leserin jemand sein, die selbst kreativ arbeitet. Idealerweise schreibt sie auch, aber das muss nicht sein. Eine Alpha-Leserin muss meiner Meinung nach auch keine Literaturwissenschaftlerin, Lektorin oder ähnliches sein. Sie muss einfach nur einen Blick für Unfertiges haben.

Nur wer selbst künstlerisch tätig ist, weiß, dass der Schaffensprozess verschiedene Phasen und Entwicklungsstufen besitzt. In solchen verschiedenen Schichten muss mein Entwurf beurteilt werden. Ich brauche für meinen Alpha-Entwurf praktisch eine Perlentaucherin, die in den Tiefen meines Textes wühlt, die kleinen, glänzenden Prunkstücke holt und den ganzen schmuddeligen Algenkram auf der Oberfläche wegschiebt.

Vollkommen ungeeignet als Alpha-Leserin sind Erbsenzählerinnen und Rechtschreib- und Grammatikexpertinnen. Nichts gegen Erbsenzählerei, das wird später beim Lesen des Beta-Entwurfs sehr, sehr wichtig – also dem Entwurf, in dem die Sprache auf Hochglanz poliert werden muss. Nur fehlt solchen Leserinnen meistens der Blick für das Potenzial eines Textes. Zeigte ich einer qualifizierten Beta-Leserin einen Alpha-Entwurf, würde sie den Ausdruck mit roter Farbe überfluten, was für sie unnötig viel Arbeit bedeutete und mir nur wenig nutzen würde, denn mir ist ja bewusst, dass der Text sprachlich noch nicht perfekt ist.

Auf gar keinen Fall darf der Alpha-Entwurf einer Test-Leserin in die Hände fallen, also einer Leserin, die den Roman zu lesen bekommt, wenn er praktisch fertig ist. Die Test-Leserinnen sind weder Perlentaucherinnen noch Sprachwissenschaftlerinnen, sondern leidenschaftliche Romanleserinnen, die sich für den Schaffensprozess selbst herzlich wenig interessieren – und das ist auch gut so. Eine Test-Leserin könnte jedoch mit einem Alpha-Entwurf gar nichts anfangen, wäre nur irritiert und würde den Text vollkommen zu Recht gelangweilt weglegen.

 

Schreibgruppen oder Schreibcoaches sind für Autorinnen unentbehrlich (Sonntagsperlen 1)

Schreibgruppen oder Schreibcoaches sind für Autorinnen unentbehlich

Mit dem heutigen Artikel leite ich die Sonntagsperlen ein, die für die kommenden Wochen meinen Blog gestalten werden.

Zunächst einmal will ich damit den Erscheinungstermin für neue Artikel auf meinem Blog vom Samstag auf den Sonntag verschieben. Das hat für mich intern verschiedene Vorteile – und ich vermute, für Leserinnen meines Blogs macht das keinen großen Unterschied.

Hinzu kommt, dass ich in den Wochen bis Ende August hier ein paar ältere, aber komplett überarbeitete Artikel ins Licht der Öffentlichkeit zerren will, die in meine Augen ein wenig Aktualisierung und mehr Aufmerksamkeit verdient haben.

In diesem Sinne viel Vergnügen mit der ersten Sonntagsperle:

Kluge Autorinnen suchen sich eine Schreibgruppe oder einen Writing Buddy, also einen Schreibkumpel. Sozusagen eine Zweier-Schreibgruppe.

Die Vorteile liegen auf der Hand – (mindestens) vier Augen sehen stets mehr als zwei und zwei (oder mehr) Köpfe haben vielfältigere Ideen als einer. Dein eigenes Schreiben verbessert sich in einem nicht zu unterschätzenden Ausmaß und hinzu kommt das gute Gefühl, kein Einzelkämpfer, sondern eher Teil eines Teams zu sein.

Triffst du dich mit anderen Autorinnen, kommst du allerdings in die Verlegenheit, Feedback geben zu müssen. Klingt einfach, ist aber durchaus mit einigen Tücken verbunden.

Einerseits musst du Fehler benennen, andererseits willst du aber auch mit den Leuten im Anschluss noch gemütlich ein Glas Wein trinken – und nicht die Laptops gegenseitig wutschnaubend in den Rachen stopfen.

Folgende Strategien haben sich meiner Erfahrung nach beim Feedback bewährt:

1. Sei ein Perlentaucher!

Kein Text ist weder perfekt noch nur schlecht. In jedem Text, selbst in veröffentlichten Bestsellern oder anerkannten Klassikern, lassen sich noch Fehler, Ungereimtheiten oder wenigstens Dinge finden, die du ganz anders gemacht hättest.

Die Kunst besteht darin, das zu finden, was einen Text positiv auszeichnet.

Ist der Text vielleicht besonders authentisch? Oder sehr lustig? Traurig? Berührend? Trotz handwerklicher Fehler enthält jeder Text etwas, das ihn einzigartig macht. Das musst du finden und hervorheben.

Wer erst einmal ein positives Feedback bekommt, das aufrichtig und treffend Stärken benennt, hat auch ein offeneres Ohr für Schwächen.

2. Sei kein Erbsenzähler!

Rechtschreibung, Grammatik, Zeichensetzung … Alles wichtige Dinge, die sich aber auch später erledigen lassen. Erst, wenn alle anderen Aspekte eines Textes stimmen, stellt sich die Frage nach der korrekten Sprache.

Viel wichtiger sind Fragen nach der inneren Logik und der Wirkungsabsicht eines Textes. Stimmen zeitliche Abfolgen, psychologische Profile der Figuren, gibt es genug Konflikte, stimmt der Spannungsbogen, funktioniert der Plot etc.?

Es ist wenig förderlich, jeden kleinen Fehler in einem Text aufzuzählen. Das ist erst wichtig, wenn es darum geht, einen Text für die Veröffentlichung vorzubereiten. Diese Arbeit erledigt ein Lektor, keine Schreibgruppe oder der Writing Buddy.

Ein gutes Feedback macht keine Liste von Fehlern, sondern sucht den einen heraus, der alle anderen mehr oder weniger von selbst beseitigt.

3. Frage, bevor du urteilst!

Manche Autorinnen experimentieren gerne. Das ist nicht jedermanns Geschmack. Es bringt aber auch nichts, unbedingt Dinge zu kritisieren, die so gemeint sind.

Feedback ist nicht unbedingt (nur) ein Geschmacksurteil, sondern vor allem die Spiegelung der eigenen Wahrnehmung. Das ist ein kleiner, aber sehr wichtiger Unterschied.

Du kannst z.B. einen Roman, der im Präsens geschrieben ist, ablehnen, weil du so was nicht magst. Du kannst aber erkennen, ob dieses Stilmittel in dem vorliegenden Text sinnvoll ist oder auch nicht. Erfüllt es eine Funktion, erhöht es die Spannung oder verleiht es der Perspektivfigur eine eigene Stimme? Ist das der Fall, dann ist dein Geschmacksurteil eigentlich sinnlos.

Im Zweifelsfall ist es deswegen besser, Feedback als Frage und nicht als Urteil zu formulieren. Mit einer Frage gibst du der Autorin die Chance, Dinge zu überdenken – oder halt eben auch nicht. Auf Urteile reagieren manche Menschen – nicht ganz zu unrecht – mit Ablehnung oder Rechtfertigung. Beides hilft aber niemandem weiter.

4. Lies den Text als das, was er ist!

Du bekommst einen Fantasyroman vorgelesen, liest aber selbst nur Science Ficiton? Krimis sind deine Leidenschaft, mit Liebesromanen kannst du nichts anfangen?

Es bringt nichts, in einem Fantasy-Text die fehlenden Raumschiffe zu benennen und nicht jedem Liebesroman tun Leichen gut.

Hier sind wir meiner Meinung nach bei der hohen Kunst des Feedbacks. Du darfst nicht den Fehler machen, Dinge in den Text hineinzulegen, die du gerne lesen würdest. Klingt logisch, ist in der Umsetzung aber häufig gar nicht so einfach.

5. Sei ein Coach!

Jeder Trainer, der was auf sich hält, benennt nicht nur Schwächen, an denen gearbeitet werden muss, sondern sorgt vor allem – und in erste Linie – für Motivation.

Das Wichtigste am Ende einer Feedbackrunde ist nicht die Information, was es denn alles für Schwierigkeiten in einem Text gibt.

Das Wichtigste ist die Motivation der Autorin, der kritisiert wurde.

Sie muss gleich nach dem Feedback das Gefühl haben, nicht anders zu können, als in die Tasten zu hauen, um die vielen tollen Gedanken, die ihr die Kritik verschafft hat, auch umzusetzen. Und sie muss die Feedbackrunde mit der Überzeugung verlassen, dass sie das Zeug dazu hat, Schwierigkeiten und Schwächen auch überwinden und sich verbessern zu können.

Das ist nicht nur netter, sondern auch einfach logisch. Ohne Motivation nutzt das ganze Feedback nichts. Es ist verschwendet, wenn die Autorin im Anschluss an die Kritikrunde die Tastatur an den Nagel hängt.

Wer noch Testleser, einen Writing Buddy oder eine Schreibgruppe sucht, findet diese vielleicht unter diesem Link bei den Die SchreibDilettanten.