Widerstehe der Versuchung, Kurzgeschichten zu schreiben

Widerstehe der Versuchung, Kurzgeschichten zu schreiben-2
Kurzgeschichten sind scheinbar eine gute Idee. Überall gibt es Wettbewerbe, bei denen man sie einreichen kann. Du kennst sie aus dem Deutschunterricht, wo sie als hochliterarisch gelobt und häufig besprochen werden. Alle großen Schriftsteller scheinen sie geschrieben zu haben – warum also nicht auch du?

Und, hey, sie sind kurz, was soll schon passieren? Mal so eine Kurzgeschichte schreiben, auch nur zu Übung – das kann doch nicht schaden …

Doch. Kann es. Und hier einige Argumente, warum du der Versuchung Kurzgeschichten zu schreiben, widerstehen solltest, wenn du eigentlich doch Romane schreiben möchtest.

1. Kurzgeschichten sind eine Form der Prokrastination

Die Aufschieberitis lauert überall und hat viele Masken, wenn du so ein langwieriges und schwieriges Projekt wie einen Roman in Angriff nimmst. Gerade Tätigkeiten, die so wirken, als würden sie mit deinem Romanprojekt zutun haben, bilden eine besonders heimtückische Zeitfalle.

Kurgeschichten sind doch eine tolle Übung, liest du vielleicht auf Blogs oder in Schreibratgebern. Versuche dich erst einmal mit einem kurzen Text, bevor du einen Roman schreibst, ist ein gut gemeinter Ratschlag, den ich immer wieder lese.

Aber Romane schreiben lernst du vor allem, wenn du Romane schreibst. Ja, natürlich können Kurzgeschichten in gewisser Weise eine gute Vorbereitung für das Romanschreiben sein. Das kann aber das Auswendiglernen des Dudens oder das Verfassen von Gedichten auch sein. Natürlich lernst du beim Schreiben immer etwas dazu, ganz gleich, was du schreibst. Doch wenn du Kurzgeschichten schreibst, lernst du vor allem, Kurzgeschichten zu schreiben, nicht das Schreiben von Romanen.

Kurzgeschichten sind verführerisch, weil sie eben so schön kurz sind und deswegen beherrschbarer als ein Manuskript von 100.000 Wörtern. Sie mögen dir vielleicht leichter fallen. Aber eine gute Vorbereitung oder Übung für das Schreiben von Romanen sind sie nicht. Sie halten dich nur davon ab, das zu tun, was du eigentlich möchtest.

2. Kurzgeschichten haben mit Romanen wenig zu tun

Kurzgeschichten und Romane wirken auf den ersten Blick verwandt. Beide erzählen eine Geschichte, beide verwenden dazu Prosa, haben Dialoge, Beschreibungen, einen Spannungsaufbau und so weiter.

Viel wichtiger aber als die Gemeinsamkeiten sind die Unterschiede. Auch wenn es auf den ersten Blick nicht danach aussieht: Kurzgeschichten haben viel mehr mit Gedichten gemeinsam als mit Romanen. Kurzgeschichten leben von der Kürze, also der  sprachlichen Verdichtung. Der Roman ist das genaue Gegenteil. Zu ihm greifen die Leserinnen gerade wegen seiner epischen Breite. Eine Kurzgeschichte ist nun einmal Kurz und muss sich deswegen auch sprachlich stark einschränken, wenn sie denn gut sein soll. Sie lebt von Andeutungen und Leerstellen, die der Roman gerade füllt.

Insofern schadet es sogar deinem Stil, wenn du Kurzgeschichten schreibst. Es kann gut sein, dass du dann beim Romanschreiben deinem Publikum exakt die Dinge vorenthältst, die  sie eigentlich gerne lesen wollen.

3. Kurzgeschichten haben eine stark eingeschränkte Zielgruppe

Das Genre der Kurzgeschichten ist bei Germanisten, Literaturkritikern in Schreibseminaren oder bei Literaturwettbewerben sehr beliebt. Diese stellen aber eine Literatenblase dar, die nicht viel mit dem breiten Publikum für Romane zutun hat. Wenn du dich damit zufrieden geben willst, für eine Elite und für Wettbewerbe zu schreiben, dann sind Kurzgeschichten eine gute Idee.

In der Regel möchtest du aber als Romanautorin ja viele Leserinnen erreichen.

Auf den ersten Blick scheinen Kurzgeschichten durchaus erfolgreich zu sein. Immerhin gibt es viele Kurzgeschichtensammlungen auf dem Markt. Immer wieder erscheinen Anthologien, die auch beworben und gelobt werden.

Aber wirf einen Blick in die Amazon-Charts, auf die Spiegel-Bestsellerliste oder auf beliebige andere Verkaufsränge. Hier tauchen so gut wie nie Kurzgeschichtensammlungen auf. Sie fehlen hier nicht nur in den Top 10, sondern auch in den Top 20, 40, 50 …

4. Mit Kurzgeschichten verbrennst du deinen Namen

Kurzgeschichten sind auch deswegen verführerisch, weil du sie vielleicht in der Regionalzeitung in Form eines Kurzkrimis oder bei einer ähnlichen Publikationsform leicht unterbringen kannst. Leichter jedenfalls als ein Romanmanuskript bei einem großen Publikumsverlag. Das kann kleines, aber schnelles Geld bedeuten und dir eine Plattform liefern, die immerhin ein paar hundert, wenn nicht ein paar tausend Leute lesen. Das klingt doch gut, oder?

Diese Veröffentlichungsform ist meiner Ansicht nach eine Sackgasse. Es ist eine Illusion zu glauben, dass die Leute, weil sie eine tolle Kurzgeschichte von dir lesen, sich Monate oder Jahre später auch an deinen Namen erinnern und dann zu deinem Roman greifen. Für eine Handvoll Leute mag das stimmen. Für die Masse eher nicht.

Vor allem funktioniert das meiner Erfahrung nach nicht bei Lektoren oder Agenten. Denen ist in der Regel ziemlich gleichgültig, ob du Kurzgeschichten irgendwo erfolgreich veröffentlich hast, wenn es darum geht, dein Romanmanuskript zu beurteilen.

Nur, weil der umgekehrte Fall funktioniert, tappen viele in diese Wahrnehmungsfalle. Ja, wenn ein bereits etablierter Autor mit einem Massenpublikum, wie z.B. Stephen King, Kurzgeschichten irgendwo veröffentlicht, die begeistert gelesen werden und sich im Anschluss dann seine Romane super verkaufen, heißt das nicht, dass das bei dir auch klappt.

Wenn du Pech hast, setzt ein gegenteiliger Effekt ein: Die Menschen verbinden mit deinem Namen die netten Kurzkrimis und trauen dir nicht zu, auch einen komplexeren Roman schreiben zu können.

Lohnen sich digitale Imprints?

Lohnen sich digitale Imprints

Ich erinnere mich noch gut. Als Midnight, das digitale Imprint des Ullstein-Verlags, vor drei Jahren gegründet wurde, stellte sich Marguerite Joly, Projektleiterin digitale Verlagsprogramme bei den Ullstein Buchverlagen. im Rahmen eines Pub’n’pub in Berlin den Fragen des Publikums zu dieser damals recht neuen Form der Veröffentlichung. Um es mal so zu sagen: Sie wurde vom Publikum nicht unbedingt auf Händen getragen.

Für diejenigen, an denen die Entwicklung digitaler Imprints vorbeigegangen ist, hier eine kurze Erklärung: Digitale Imprints sind E-Book-Sparten der Publikumsverlage. Bastei, Carlsen, Knaur, Ullstein und andere Verlage haben in den letzten Jahren »E-Book-Only-Plattformen« gegründet, in denen Autorinnen nicht im regulären Katalog des Verlags erscheinen. Sie werden nicht über den Buchhandel vertrieben und auch nicht – oder zumindest nicht im herkömmlichen Sinne – gedruckt.

So ähnlich hatte auch damals Joly ihre Projekte Midnight und Forever im Rahmen des Berliner Ullstein-Verlages vorgestellt. Die meisten anwesenden Autorinnen – meinem Eindruck nach überwiegend Selfpublisher und/oder Blogger – löcherten Joly mit kritischen Fragen und wirkten – um es vorsichtig zu formulieren – skeptisch.

Heute, drei Jahre später, gewinne ich den Eindruck, dass digitale Imprints keinen guten Ruf genießen. Kritiker meinen, Digitalimprints kombinieren die Nachteile der Verlagsveröffentlichung mit denen des Selpublishings und haben bei Leserinnen einen schlechten Ruf. Es fällt auf, dass Bücher digitaler Imprints nicht ganz vorne in den Bestsellerlisten dabei sind.

Die Frage ist also, lohnt es sich für dich, dein Manuskript bei einem digitalen Imprint einzureichen? Haben die Skeptiker recht? Oder ist diese Form der Publikation besser als ihr Ruf?

Ich würde sagen: Jein.

Kritiker übersehen, dass digitale Imprints durchaus große Vorteile bieten.

Amazon verzerrt in gewisser Weise die Perspektive auf den E-Book-Markt, weil sich hier in den Top 100 häufig Kindle-E-Books tummeln. Nur, wen wundert es, dass bei Amazon vor allem Amazon-Bücher erfolgreich sind und E-Books anderer Anbieter nicht?

Bislang wurden Autorinnen, die nicht direkt bei Amazon veröffentlichten, sondern den Umweg über Digitalimprints wie die des Ullstein-Verlages nahmen, deswegen belächelt.

Aktionen wie Amazon Prime Reading dürften bei einigen dieses Lachen im Halse stecken lassen. Sie zeigen, wie fragil der Erfolg bei Amazon ist, denn er steht und fällt mit den Konditionen die Amazon anbietet – und jederzeit ändern kann und es auch schon mehrfach getan hat.

Digitale Imprints sind hier vielleicht etwas behäbigere Partner, die auch keine so große Gewinnbeteiligung wie Amazon ermöglichen – dafür aber verlässlicher sind und dein E-Book von vornherein wesentlich breiter aufstellen.

So manche Autorinne bei digitalen Imprints verkaufen sich auch ganz ordentlich und stecken einige Selfpublisher mit ihren Absätzen in die Tasche. Es stimmt, echte Bestseller sind bisher noch nicht über ein Digitalimprint veröffentlicht worden – allerdings ist ja bekanntlich auch nicht jeder Selfpublisher automatisch Bestseller-Autorin. Vielleicht ist dies nur noch ein Frage der Zeit, vielleicht ist dies tatsächlich ein strukturelles Problem. Das wird die Zukunft zeigen.

Meiner persönlichen Meinung nach lohnen sich digitale Imprints auf jeden Fall für Erstautorinnen, die keine geübten Coverdesigner sind, selbst nicht in Vorkasse gehen wollen, um Lektorat und Korrektorat zu bezahlen und die keine geborene Marketingexperten sind. Wir reden immerhin über insgesamt rund 3.000 Euro, die ein Selfpublisher in die Veröffentlichung seines Buches investieren muss.

All dies sind Dinge, die Digitalimprints einer Autorin abnehmen. Hier funktionieren sie wie richtige Verlage: Sie entlasten eine Autorin eigentlich um alle wesentlichen Aufgaben, die nicht mit dem Schreiben zu tun haben.

Gut, ums Marketing muss man sich beim digitalen Imprint in gewisser Weise selbst kümmern. Doch das gilt heutzutage eigentlich für alle Autorinnen, ganz gleich, wo und wie sie veröffentlichen. Man denke nur daran, wie viele abgefahrene Marketingaktionen sich Sebastian Fitzek einfallen lässt, obwohl man vielleicht glauben sollte, dass er das nicht „nötig“ habe oder dass diese eigentlich sein Verlag organisieren müsste.

Du solltest nicht vergessen: Bekommst du die Gelegenheit, bei einem Digitalimprint zu veröffentlichen, arbeitest du mit Verlagsprofis zusammen. Du wirst von denselben Leuten betreut, die auch die Autorinnen des Printbereichs betreuen. Du erhältst nicht nur ein professionelles Cover, sondern auch einen professionellen Klappentext, Lektorat, Korrektorat und wirst über die digitalen Kanälen eines Publikumsverlags vertrieben und beworben.

Fazit: Ja, es hat Nachteile bei einem digitalen Imprint zu veröffentlichen. Doch Nachteile lauern überall. Die Vorteile digitaler Imprints sollten nicht zu leichtfertig abgetan werden. Natürlich sind diese Vorteile nichts für jemanden, der ohnehin gerne und gut alle Aufgaben, die eine Veröffentlichung mit sich bringt, erledigen kann und will. Für alle anderen sind digitale Imprints in meinen Augen durchaus mehr als eine Veröffentlichungsform dritter Klasse.

Versuche nicht krampfhaft, dich von »der Masse« abzuheben

Versuche nicht krampfhaft, dich von »der Masse« abzuheben

Auf Tor-online.de ist eine interessante Dokumentation veröffentlicht worden: Warum viele Medien Fantasy-Literatur immer noch ignorieren (und warum uns das egal ist). In ihr macht sich Florian Jung auf die Suche nach Gründen dafür, weshalb ausgerechnet Fantasy einen schwierigen Stand im deutschen Feuilleton hat.

Ab spätestens Minute 04:00 bekomme ich bei dem Video das kalte Grausen. Florian Jung interviewt unter anderem Volker Weidermann vom literarischen Quartett. Darauf angesprochen, ob er Autoren wie Kai Meyer, Bernhard Hennen oder Markus Heitz kenne, antwortet er sinngemäß, dass er nie von ihnen gehört habe und unterstellt ihnen indirekt, dass sie ja auch nicht lesenswert seien, denn es gehe ihnen nur um den Plot und nicht darum, literarisch zu sein.

Er definiert literarisch folgendermaßen: »…ähem, Neuerfindung, von … eine neue Art der Darstellung von …, sind Sie sich, dass sie sich, sind Sie daran interessiert …?«

Okay, ich konnte mir das Transkript seines Gestammels nicht verkneifen, obwohl das natürlich nicht fair ist. Was Weidermann, glaube ich, meint: Literarisch anspruchsvoll sei ein Buch, das sich nicht (nur) auf den Plot konzentriere, sondern innovativ Sprache verwende.

Mich stört weniger die Definition selbst (obwohl ich auch diese für sehr zweifelhaft halte), sondern vor allem die offensichtliche Borniertheit, die seine Mimik und Gestik transportieren. Mir sind da Literaturkritiker wie Denis Scheck lieber, die auch keine Schwierigkeiten damit haben, die Jubiläumsausgabe des Superman-Omnibus‘ oder »Die Tribute von Panem« zu besprechen – und zwar ohne Naserümpfen.

Warum genau stört mich Weidermanns Haltung so sehr?

Zunächst einmal empfinde ich sie als arrogant. Arroganz ist etwas, das ich prinzipiell ablehne. Aber das ist eher eine persönliche Sache, als eine inhaltlich begründete.

Ich teile diese Vorstellung von Literatur nicht, weil mit ihr – wenigstens indirekt, meistens aber sehr unverhohlen – Menschen diskriminiert werden, die bestimmte Formen der Literatur lieben, die in das »literarische« Konzept von Literatur nicht hineinpasst.

Ich erwarte von Literaturjournalismus – wie von jeder Art von Journalismus – Information, Orientierung und Neutralität.

Literaturjournalismus in den Leitmedien ist jedoch fast immer nicht nur tendenziös, sondern sogar  unverhohlen dogmatisch und ideologisch – und auch noch stolz darauf. Etwas das sich keine andere Sparte des Journalismus‘ in dieser Form leisten kann (und will).

Man stelle sich vor, in der Tagesschau würde über die einzig wahre Politik, die zwangsläufig konservativ sein muss, berichtet. Liberalismus oder Sozialdemokratie seien nicht innovativ und »politisch« genug. Andere Politiker als Angela Merkel müsse man gar nicht kennen, denn ihnen gehe es ja nicht um »echte Politik«.

Selbstverständlich ist es in Ordnung, im Rahmen einer Rezension seine eigene Wahrnehmung und individuelle Position zu vertreten. Es ist sogar wichtig. Nur allzu häufig habe ich, wie auch in dem kurzen Interview in diesem Video, den Eindruck, dass dies nicht als eine Meinung unter vielen präsentiert wird, die kontrovers diskutiert werden kann und sollte, sondern als eine Art universeller Maßstab, eine Art von Ersatz-Religion, an der nicht gezweifelt und die nicht in Frage gestellt werden darf.

Mich ärgert das, denn diese Haltung ist für mich das Gegenteil von dem, was sie eigentlich suggeriert. Sie ist eben nicht offen für anderes, sondern engstirnig und verbohrt auf Literarisches fixiert. Sie ist das Gegenteil von Aufklärung, auf die sich der Feuilleton aber gleichzeitig so gerne beruft.

Was mich jedoch noch mehr ärgert, ist die Tatsache, dass Florian Jung als offensichtlicher Fantastik-Fan Weidermann indirekt und bestimmt ungewollt auch noch zustimmt (ca. Minute 22:00): »Ich wünsche mir, dass auch bei Fantastik weniger auf Massenware und mehr auf Qualität geachtet wird.«

Dieser Haltung begegne ich häufig. Sie stört mich sogar noch mehr als die Borniertheit eines Volker Weidermanns, weil sie sich einerseits etwas netter daher kommt, in ihrer Konsequenz aber mindestens genauso ignorant und vernichtend ist.

Was genau soll an »der Masse« prinzipiell schlecht sein? Warum sollen nicht auch die Vielleser eines Genres bedient werden? Was ist schlimm daran, wenn jemand gerne viel liest und dann eben auch die Literatur konsumiert, die exakt für diesen Zweck geschrieben wird? Es wird sich doch häufig beschwert, dass angeblich zu wenig gelesen werde.

Ich empfinde das als Widerspruch. Ich kann an dem Lesen von Literatur (und ich meine eben nicht nur das, was dem Feuilleton gefällt und sich von »der Masse« abhebt) einfach nichts Schlechtes abgewinnen.

Lesen ist einfach prinzipiell besser als Nicht-Lesen. Ich finde es unverantwortlich, Menschen ein schlechtes Gewissen einzureden, weil sie gerne viel lesen.

Außerdem: Ohne Masse kann es auch keine Spitze geben. Denn nur, wenn viel geschrieben wird, kann es auch Werke geben, die sich eben von dieser Mehrheit abheben. Es kann halt einfach keine Elite ohne ihr Gegenstück geben. Nur möchte – in gewisser Weise verständlich – jeder gerne zur Elite, aber nicht zur »Masse« gehören.

Howard Tayler hat das im Podcast Writing Excuses mal sehr schön auf den Punkt gebracht: »Alle wollen gerne J.K Rowling sein, aber niemand Kevin J. Anderson.«

Was er damit meint: Kevin J. Anderson ist ein sehr erfolgreicher Autor. Er verdient mit Schreiben seinen Lebensunterhalt, veröffentlicht mehrere Romane pro Jahr, darunter viele Auftragsarbeiten. Er gilt als verlässliche Größe, weil er Deadlines einhalten kann und Verlagen exakt das liefert, was sie wollen. Und da sich seine Romane sehr gut verkaufen, schreibt er offensichtlich auch das, was das Publikum will.

Er ist nur halt eben nicht originell oder innovativ (schon gar nicht, was seine Sprache angeht). Kaum jemand kann sich an seinen Namen erinnern

J.K. Rowling hat mit »Harry Potter« eine eigenständige Marke geschaffen (obwohl man auch darüber streiten könnte), etwas Unverwechselbares. Anderson schreibt Star-Wars- oder Dune-Romane am Fließband.

Es ist natürlich nichts Schlimmes daran, einem Ideal wie J.K. Rowling nachzueifern. Es ist allerdings in meinen Augen auch nichts Schlimmes daran, als Autorin das Geschäftsmodell Kevin J. Anderson anzustreben. Beides hat seine Berechtigung, weil es sein Publikum findet und für die jeweiligen Menschen wichtig ist.

Darüber hinaus stellt »die Masse«, einen kreativen Pool dar, eine Art Nährboden, aus dem mehr wachsen kann.

Raymond Chandler ist beispielsweise einer der bedeutendsten Krimiautoren des 20. Jahrhunderts und gleichzeitig einer der wenigen, die auch hier und da vom Feuilleton wahrgenommen werden, weil ihn seine Sprache von »der Masse« abhebt (seufz).

Trotzdem hat Chandler als Pulp-Autor begonnen und sich eben genau am Anfang seiner Karriere an dieser »Masse« orientiert. Es war nicht seine Absicht, sich zwanghaft von Groschenheftgeschichten abheben zu wollen. Er tat es mit der Zeit einfach, weil er Geschichten halt so schrieb, wie er sie gerne schreiben wollte.

Diese Ablehnung »der Masse« hat meiner Vermutung nach gar nicht so viel mit Kultur zu tun, sondern mit Psychologie. Ich habe den Eindruck, dass Menschen mit einem geringeren Selbstbewusstsein besonders große Furcht davor haben »in der Masse« unterzugehen, weil sie gern mit aller Macht ein herausragendes Individuum sein wollen und den Gedanken nicht ertragen können, einer unter vielen zu sein, ganz normal, so wie alle anderen auch. Deswegen wollen sie auf keinen Fall das lesen, was alle lesen, und schon gar keine Massenware schreiben.

Ich halte es für ein pubertäres Bedürfnis, unbedingt »etwas Besonderes« sein zu wollen. Fragt man Fünfzehnjährige, was sie später mal machen wollen, antwortet kaum jemand »Sachbearbeiterin«. Alle wollen in diesem Alter »Rockstar«, »Model« oder etwas Ähnliches werden.

Auch daran ist prinzipiell nichts verkehrt – wenn denn das Interesse wirklich ist, sich in diesem Beruf zu beweisen.

Oftmals steckt aber meiner Vermutung nach eher das Bedürfnis dahinter, bewundert und geliebt zu werden. Und zwar eben nicht, wie fälschlich behauptet wird, »um meiner Selbst willen«, sondern dafür, mit aller Macht herausragend zu sein.

Was dabei übersehen wird: Der Gedanke, so wie alle anderen auch zu sein, kann etwas sehr Schönes und Beruhigendes an sich haben. Dazu zu gehören, den Eindruck eines Miteinanders zu bekommen – das alles finde ich nicht schlecht und sogar wichtig.

Um den Kreis zu schließen:

Deswegen finde ich Menschen wie Volker Weidermann und die Gedanken und die Haltung, die sie verbreiten, nicht besonders eindrucksvoll, sondern bestenfalls lächerlich, schlimmstenfalls sogar schädlich. Ich habe den Eindruck, dass diese zwanghafte Abgrenzung von »der Masse« oder »dem Trivialen« eine Haltung ist, die aus einer (post-) pubertären Unsicherheit heraus entsteht. Eine Unsicherheit, die am Ende auch noch glorifiziert und idealisiert wird.

Das Schlimme daran: Sie impliziert, dass Menschen, die sich nicht von »der Masse« abheben, weniger wert seien. Und eben das halte ich für fatal. Promis sind keine besseren Menschen, sondern einfach nur berühmter als die meisten anderen.

Ich halte beides, krampfhaft zur Masse gehören zu wollen oder sich auf Teufel komm raus von ihr abheben zu müssen, für falsch.

Erst, wenn du so weit bist, als Autorin und/oder Leserin dein eigenes Ding durchzuziehen, ganz gleich, ob du dich dadurch von »der Masse« nun abhebst oder eben nicht, tust du genau das, was du wirklich gerne möchtest. Alles andere ist nur eine Anleitung zum Unglücklichsein.

Wie du Kapitelüberschriften gestaltest, hängt von deinem Genre ab

Wie du Kapitelüberschriften gestaltest, hängt von deinem Genre ab

Neulich wurde ich einmal gefragt, wie man denn Kapitelüberschriften zu gestalten habe, wenn man ein Buch schreibt. Für einen Augenblick dachte ich über die Frage nach und zuckte dann mit den Schultern. Als ich in einer ruhigen Minute genauer über das Thema nachdachte, fiel mir ein, dass die Frage falsch gestellt war. Man hat Kapitelüberschriften in seinem Roman erst einmal gar nicht zu gestalten. Du kannst sie gestalten – und wie du das genau tust, hängt von persönlichen Vorlieben, vor allem aber vom Genre ab.

Folgende Möglichkeiten sehe ich in Büchern für Kapitelüberschriften:

  • Kapitel Eins
  • Kapitel 1
  • Eins
  • 1.
  • 1

Manche Autorinnen versehen ihre Kapitel auch gerne mit ganzen Titeln.

Kapitel Eins: Wie alles begann

In allen erdenklichen Varianten kombiniert mit den Schreibwesen der obigen Liste, also auch Kapitel 1: Wie alles begann usw.

Es gibt noch origineller Wege, Kapitel zu überschreiben.

Gelegentlich verwenden Autorinnen den Namen der Pespektivfigur, wie es beispielsweise George R.R. Martin in seinen »Das Lied von Eis und Feuer«-Romanen oder Paula Hawkins in ihrem Thriller »Into the Water« machen.

Andere Autorinnen überschreiben ihre Kapitel mit der Uhrzeit und/oder dem Datum und dem Ort der Szene: Kapitel 1: London, 25. 12. 2014.

Sehr viel seltener sieht man einfach ein * oder auch *** als Kapiteltrenner. Das kommt vor allem im Heftroman vor.

Terry Pratchett verwendet in seinen Scheibenweltromanen ebenfalls keine Kapitelüberschriften.

Wieder andere Autorinnen variieren innerhalb eins Romans sogar die Kapitelbeschriftung.

Ein festes Muster oder gar Regeln scheint es also nicht zu geben. Der Duden sagt dazu nichts. Manchmal gibt es Lektorinnen, die bestimmte Vorstellungen haben, wie Kapitelüberschriften auszusehen haben.

So oder so – du hast die Qual der Wahl. Kannst du jetzt also einfach machen, was du willst?

Ganz so einfach finde ich es nun auch wieder nicht. Es kommt meiner Meinung nach auf dein Fingerspitzengefühl an.

Zum Beispiel passt es zu einem märchenhaften oder epischen Fantasy-Roman ganz gut, wenn über einzelnen Abschnitten so was wie »Kapitel zwei: Der Aufbruch der Gemeinschaft« steht.

Manchmal sind in diesem Genre einzelne Kapitel so lang wie Novellen. Nicht selten sind sie so aufgebaut, dass sie auch als eigenständige Texte gelesen werden könnten. Dann ist es wirklich keine schlechte Idee, diesen Geschichten auch Titel zu verleihen. Ich vermute, dass Fans des Genres das auch so wollen.

Schreibst du einen tempobetonten Thriller, finde ich es besser, nur 1 oder 1. als Überschrift zu wählen. In einem Pageturner will ich nicht durch Kapitelüberschriften aus der Handlung herausgerissen werden. Das gleiche gilt für Datumsangaben oder Ähnliches.

Ich will nicht verheimlichen, dass sogar Autoren wie Sebastian Fitzek oder J.A. Konrath stellvertretend für nicht wenige stehen, die zwar Pageturner schreiben, aber trotzdem wenigstens Erstes Kapitel über ihre Abschnitte schreiben – und manchmal sogar noch mehr.

Um ehrlich zu sein, überlese ich solche Überschriften einfach. Wozu sie also verwenden? Bemerke ich sie bewusst, stimmt etwas mit dem Buch nicht, denn dann ist es in meinen Augen nicht spannend genug.

Dan Wells hat sich in »Ich bin kein Serienkiller«, einem meiner Lieblingsbücher, für einen Mittelweg entschieden. Bei ihm gibt es nur Kapitelnummern, aber erscheint sie aus (EINS). Ich finde, das passt in diesem Fall ganz gut, denn sein Roman ist sehr spannend, aber kein echter Pageturner, da es durchaus nachdenklichere Passagen gibt.

Um ehrlich zu sein, verstehe ich nicht, wieso Autorinnen sich die Mühe machen das Wort Kapitel zu verwenden.

Erstens ist es manchmal streng genommen gelogen, denn machmal verbirgt sich unter dieser Überschrift »nur« eine Szene.

Zweitens ist es eines der klassischen Wörter, die eher überlesen werden. Das Wort wiederholt sich ständig und es vermittelt keinerlei Informationen, die für das Verständnis des Romans wichtig wären.

Ganz persönlich bin ich sogar eher ein Fan der Terry-Pratchett-Methode, weil sie am wenigsten dem Lesefluss im Wege steht. Mir sagen aber viele, dass sie wenigstens gerne Nummern über den Kapiteln haben. So als Orientierung. Auch das kann ich nicht nachvollziehen, aber sei’s drum, packe ich halt Nummern über meine Kapitel.

So macht es zum Beispiel Thomas Harris in »Schweigen der Lämmer auch«. Und das ist immerhin der großartigste Psychothriller der je geschrieben wurde.

Diese Schreibratgeber solltest du als Selfpublisher wirklich lesen

Diese Schreibratgeber solltest du als Selfpublisher wirklich lesen

Der Markt ist überschwemmt mit Schreibratgebern. Vor allem, wenn du auch englischsprachige Bücher übers Schreiben in dein autodidaktisches Fortbildungsprogramm einbeziehst, kann die Orientierung schwerfallen.

Deswegen hier die meiner Meinung nach wichtigsten Bücher, die du wirklich gelesen haben solltest, bevor du dich Hals über Kopf ins Selfpublishing stürzt.

James N. Frey »The Key. Wie verdammt gute Romane noch besser werden«

Wenn du nur einen Schreibratgeber in deinem Leben lesen willst, solltest du diesen hier lesen. Seine Stärke ist, dass er dir eine sehr praktikabel Anleitung zum Schreiben an die Hand gibt, das Ganze mit einem komplett geplattetem und im ersten Entwurf geschriebenem Beispiel unterlegt. Am Ende lernst du auf diese Weise nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch die Heldenreise kennen, das wichtigste Plotmuster schlechthin.

Stephen King »On Writing. Das Leben und das Schreiben«

Wenn du nur zwei Schreibratgeber lesen willst, solltest du Freys »The Key« und Kings Buch lesen. Das ist deswegen sinnvoll, weil King und Frey ziemlich unterschiedliche Ansätze haben. Das tut gut, denn dann siehst du, was so alles möglich ist.

Interessant ist hier aber auch, dass sie am Ende trotz unterschiedlicher Ansätze viele Gemeinsamkeiten haben.

Lies sie einfach hintereinander und du wirst verstehen, was ich meine.

Anne Basener »Heftromane schreiben und veröffentlichen«

Ja, es geht ums Schreiben von Heftromanen und um das Business dahinter. Das ist vielleicht nicht jedermanns Sache, aber ich halte die Kenntnis über das Heftromangeschäft und dessen Techniken gerade für Selfpublisher für ausgesprochen wichtig. Ich finde das auch sehr interessant. Aber selbst, wenn du dich nicht für Heftromane interessierst oder mit dieser Sparte Berührungsängste hast, ist Baseners Buch das beste Buch übers Romanschreiben einer deutschen Autorin, das ich je gelesen habe. Hier lernst du einfach, wie die Profis schreiben. Das kann nicht schaden.

James N. Frey »Wie man einen verdammt guten Roman schreibt«

Macht im Prinzip nichts, was »The Key« nicht auch kann, beleuchtet aber einige Aspekte noch ein bisschen ausführlicher. Lohnt sich.

Dwight D. Swain »Techniques of the selling writer«

Gibt es meines Wissens leider nicht auf Deutsch, aber für dieses Buch lohnt es sich, im Zweifelsfall Englisch zu lernen. Viele Prinzipien, die bei Frey nur angerissen werden, werden hier vertieft und im Detail erläutert. Sehr anschaulich und sehr erhellend.

Blake Snyder »Rette die Katze! Das Ultimative Buch übers Drehbuchschreiben«

Es gibt viele – sehr, sehr viele – Bücher übers Drehbuchschreiben. Schweren Herzens habe ich mich für Snyders Buch entschieden, wenn man nur eins lesen will. Meiner Ansicht nach das Kompakteste.

David Howard und Edward Mabley »Drehbuchhandwerk – Technik und Grundlagen«

Sagt über das Schreiben von Drehbüchern nicht unbedingt mehr oder Besseres als Snyders Buch, lohnt sich aber wegen der vielen konkreten Beispiele. Nach der Lektüre von »Drehbuchhandwerk« guckst du Filme mit neuen Augen und hast auch eine ganz andere Perspektive auf dein eigenes Schreiben.

John Locke »How I sold 1 Million E-Books in 5 Months«

Kein Schreibratgeber im eigentlichen Sinne. Aber neben vielen Marketingtipps und einiger Selbstbeweihräucherung gibt Locke auch Einblick in seinen Schreibprozess, was nicht uninteressant ist.

Mein erstes Regionaltreffen des Selfpublisher-Verbandes

Berliner Regionaltreffen des Selfpublisher-Verbandes

Letzten Mittwoch, den 24.05.2017, war ich im Kreuzberger Kulturhaus Lettrétage zum Berliner Regionaltreffen des Selfpublisher-Verbandes eingeladen. Eine Einladung, die ich natürlich nicht ausschlagen konnte, zumal mit Anja Saskia Beyer und Babsy Tom zwei prominente Selfpubslisherinnen die Ehrengäste waren, deren Auftritt ich nicht verpassen wollte.

Präsentiert wurde der Abend von Ruprecht Frieling, der schon alleine einen Abend wert ist und ebenso souverän wie witzig eine gleichermaßen anregende und entspannte Atmosphäre erzeugte.

So kam es nicht nur zu Lesungen der beiden Autorinnen, einer Vorstellung ihrer Biografien, einiger ihrer Romane und ihres Genres, sondern auch zu einem sehr regen und lebhaften Austausch mit dem Publikum.

Das lag auch an dessen kompetenter Besetzung, da sich dort unter anderem die ebenfalls prominenten Selfpublisherinnen Tanja Neise und Nika Lubitsch tummelten.

Nun muss ich gestehen, dass der thematische Schwerpunkt des Abends – Liebesromane – nicht unbedingt mein Vorgarten ist. Trotzdem fand ich es aber durchaus spannend, mehr über das Genre zu erfahren. Es schadet ja nicht, über den eigenen Tellerrand hinaus zu sehen. Hinzu kommt, dass es am Rande durchaus auch um eher allgemeinere Fragen des Selfpublishings ging.

Ruprecht Frielings humorvolle, aber nie herablassende Art, dem Thema zu begegnen, war ein Erlebnis. Man konnte merken, dass er persönlich recht wenig mit Liebesromanen anfangen kann, aber durchaus bereit gewesen ist, ihm professionell und wertschätzend zu begegnen.

Der Abend klang in einem inoffiziellen Rahmen aus. Ich bekam die Gelegenheit, ein paar Worte mit Nika Lubitsch zu wechseln, den Ehrengästen, die ich bisher nur von Facebook her kannte, die Hand zu schütteln und kleinere Einblicke in ihre Arbeitsweise zu bekommen, was ich sehr interessant fand.

Dies war mein erster Besuch eines Regionaltreffens des Selfpublisherverbandes, aber ganz sicher nicht mein letzter. Viele interessante Menschen tummeln sich dort, die Atmosphäre ist ausgesprochen anregend und es lassen sich neue Kontakte knüpfen.

Sehr positiv möchte ich hervorheben, dass es eben keine kaffeefahrtähnlich Werbeveranstaltung des Verbands ist. Natürlich kann man an solchen Abenden dem Verband beitreten – muss es aber auf keinen Fall. In dieser Richtung wird von den Veranstaltern keinerlei Druck aufgebaut, sodass das ganze Event eher den Rahmen eines gemütliche, aber informativen Beisammenseins hat.

Ich zumindest bin noch kein Mitglied des Selfpublisher-Verbandes, werde das aber in der nächsten Zukunft auf jeden Fall ändern.

Wer Näheres zum Selfpublihser-Verband erfahren möchte und/oder einfach nur einmal nachsehen will, ob, wann und wo in seiner Nähe ein Regionaltreffen stattfindet, kann dies natürlich auf der Website des Verbandes tun:

http://www.selfpublisher-verband.de

Warum Antihelden immer beliebter werden

Warum Antihelden immer beliebter werden

Erneut freue ich mich über einen Gastbeitrag des Horror-Experten John Paxing. Ich bin heilfroh, dass mir dieses Thema von einem Gastautor abgenommen wird, da ich bisher geglaubt habe, mit Anti-Helden nichts anfangen zu können. Diese aufschlussreiche Beitrag bringt mich allerdings zum Nachdenken. Vielen Dank dafür.

In klassischen Geschichten sind Helden normalerweise die Guten, und Bösewichte.. Nun ja, die Bösen. Dabei ist der Archetyp des »guten Helden« natürlich eine Illusion. Niemand ist einfach nur »gut«.

Ich meine, ich kenne richtig gute Menschen – absolut selbstlose, nette, hilfsbereite, gute Leute – aber selbst die haben irgend etwas an sich, das ich nicht gut heiße. Scheinbar funktioniert das Leben nicht ohne schlechte Eigenschaften. Und ich will auch beim Lesen, Fernsehen oder Computerspielen längst keinen Protagonisten mehr zuschauen, die einfach nur »gut« sind.

Die Entwicklungen in Fernsehen und Kino zeigen am deutlichsten, dass wir uns immer mehr Antihelden wünschen. Mit »Antihelden« meine ich Protagonisten, deren negative Eigenschaften absichtlich ausgearbeitet werden. Dr. House, Batman (der in »The Dark Knight«) und Max Payne sind solche Helden. Sie lassen Charakterzüge geradezu heraushängen, die eigentlich als unsympathisch gelten.

Dazu zählen Narzissmus (Selbstverliebtheit), Psychopathie (manipulatives, kaltblütiges Verhalten) und Machiavellismus (das eigene Ziel ohne jede Rücksicht und Moral verfolgen, über Leichen gehen). In der Evolutionspsychologie werden diese drei Persönlichkeitstypen als die »Dunkle Triade«* zusammengefasst, und sie gehören zu den unbeliebtesten Charakterzügen überhaupt.

Der bekannteste Antiheld ist vielleicht James Bond. Er bricht regelmäßig das Gesetz, er hat sogar die »Lizenz zum Töten«. Das macht ihn zu einer Ausnahme, zu einem, der über dem Rest der Gesellschaft steht. Er lebt jenseits des »Guten« und »Schlechten«, an dem die anderen sich orientieren sollen. Nur durch seine knallharte, manipulative Art schafft er jede Mission. Ganz klar ist er kein Held mit positiven Qualitäten wie Nächstenliebe, Fairness und Achtung vor anderen. Man kann ihn getrost psychopathisch nennen – wie sonst sollte er nachts ruhig schlafen können? So ähnlich ergeht es dem Punisher, Wolverine und Dexter.

Die Wissenschaft wundert sich, dass wir heute so auf Antihelden stehen, die Eigenschaften der »Dunklen Triade« verkörpern. Denn »schlechte« Menschen – also solche, die gegen bestimmte Regeln verstoßen – werden normalerweise aus der Gesellschaft ausgestoßen. Sie verhalten sich nicht kooperativ. Sie sind egoistisch und richten Schaden an, und deshalb mag sie auch keiner – aus Selbstschutz.

Um in einer Gruppe miteinander klar zu kommen, haben sich bei uns starke Sympathien und Antipathien für bestimmte Verhaltensweisen über den Lauf der Evolution verinnerlicht. Wir haben die Kategorien »Gut« und »Böse« entwickelt, an deren Vorbild sich Gesetze, Moral und Erziehung orientieren. Das Resultat: Jeder gesunde Mensch reagiert emotional ziemlich stark auf Menschen, die sich »asozial« verhalten.

Warum also wünschen wir uns Helden, die ihre schlechten Eigenschaften so offen zeigen? Warum fühlen wir uns mit Antihelden mehr verbunden als mit archetypischen, guten Helden?

Ein Teil der Antwort ist einfach: Natürlich steckt in jedem von uns eine dunkle Seite. Ich bin regelmäßig egoistisch, ich fluche verdammt viel und bin impulsiv, und sicher habe ich auch mal gegen das Gesetz verstoßen. Protagonisten, die keine Spur solcher negativen Eigenschaften besitzen, sind einfach nicht lebensecht und mit ihnen kann man sich schlechter identifizieren. Aber vor Allem werde ich mit ihnen nicht warm, weil sie keine ehrliche Verbindung zu sich zulassen:

Jemandem verbunden zu sein, eine Beziehung zu haben, bedeutet letztlich, sich verletzlich zu machen. Zu perfekte, fehlerfreie Menschen machen mich skeptisch. Irgendetwas scheinen sie zu verbergen, und ich kann sie nie richtig einschätzen. Zeigt mir jemand nicht sein wahres Gesicht, dann bleibt als Konsequenz auch die Beziehung oberflächlich.

Wenn ich aber jemandem mehr von mir preisgebe, inklusive meiner schlechten Eigenschaften und Unzulänglichkeiten, zeige ich damit Vertrauen: Ich vertraue darauf, dass der andere mich nicht verstößt, obwohl ich fehlerhaft bin. Und dass ich dieses Risiko eingehe beweist, dass ich eine echte Beziehung mit ihm möchte.

Deshalb sind Antihelden, die ihre negativen Eigenschaften zeigen, und sich damit verletzbarer, nahbarer und ehrlicher machen, sympathischer als Helden, die einfach nur gut und perfekt sind. Man kann mit ihnen potentiell echte, menschliche Beziehungen eingehen – eines der wichtigsten Dinge, auf denen unser Leben beruht.

Als Schlusswort möchte ich hierzu einen Gedanken zusammenfassen, den ich kürzlich in einer sehr interessanten Dokumentation (»Indie Game: the Movie«) gehört habe:

»Auf Hochglanz polierte, idealisierte Nachahmungen, ohne Macken und Kanten, sind unpersönlich. Wenn etwas dich berühren soll, persönlich werden soll, dann braucht es Macken, Fehler und eine gewisse Verletzlichkeit. Wenn du jemanden betrachtest und keine Verletzlichkeit in ihm entdeckst, dann ist deine Beziehung zu dieser Person wahrscheinlich nicht besonders tiefgründig.«

Als weiterführende Lektüre zum Thema »Evolution von gutem und bösem Verhalten« und »Antihelden in Geschichten« kann ich diesen Artikel empfehlen:

*»The Antihero in Popular Culture: Life History Theory and the Dark Triad Personality Traits« von Peter K. Jonason et al., University of Western Sydney, Australien. Review of General Psychology © 2012 American Psychological Association (2012), 16:2, 192–199. DOI: 10.1037/a0027914