Widerstehe der Versuchung, Kurzgeschichten zu schreiben

Widerstehe der Versuchung, Kurzgeschichten zu schreiben-2
Kurzgeschichten sind scheinbar eine gute Idee. Überall gibt es Wettbewerbe, bei denen man sie einreichen kann. Du kennst sie aus dem Deutschunterricht, wo sie als hochliterarisch gelobt und häufig besprochen werden. Alle großen Schriftsteller scheinen sie geschrieben zu haben – warum also nicht auch du?

Und, hey, sie sind kurz, was soll schon passieren? Mal so eine Kurzgeschichte schreiben, auch nur zu Übung – das kann doch nicht schaden …

Doch. Kann es. Und hier einige Argumente, warum du der Versuchung Kurzgeschichten zu schreiben, widerstehen solltest, wenn du eigentlich doch Romane schreiben möchtest.

1. Kurzgeschichten sind eine Form der Prokrastination

Die Aufschieberitis lauert überall und hat viele Masken, wenn du so ein langwieriges und schwieriges Projekt wie einen Roman in Angriff nimmst. Gerade Tätigkeiten, die so wirken, als würden sie mit deinem Romanprojekt zutun haben, bilden eine besonders heimtückische Zeitfalle.

Kurgeschichten sind doch eine tolle Übung, liest du vielleicht auf Blogs oder in Schreibratgebern. Versuche dich erst einmal mit einem kurzen Text, bevor du einen Roman schreibst, ist ein gut gemeinter Ratschlag, den ich immer wieder lese.

Aber Romane schreiben lernst du vor allem, wenn du Romane schreibst. Ja, natürlich können Kurzgeschichten in gewisser Weise eine gute Vorbereitung für das Romanschreiben sein. Das kann aber das Auswendiglernen des Dudens oder das Verfassen von Gedichten auch sein. Natürlich lernst du beim Schreiben immer etwas dazu, ganz gleich, was du schreibst. Doch wenn du Kurzgeschichten schreibst, lernst du vor allem, Kurzgeschichten zu schreiben, nicht das Schreiben von Romanen.

Kurzgeschichten sind verführerisch, weil sie eben so schön kurz sind und deswegen beherrschbarer als ein Manuskript von 100.000 Wörtern. Sie mögen dir vielleicht leichter fallen. Aber eine gute Vorbereitung oder Übung für das Schreiben von Romanen sind sie nicht. Sie halten dich nur davon ab, das zu tun, was du eigentlich möchtest.

2. Kurzgeschichten haben mit Romanen wenig zu tun

Kurzgeschichten und Romane wirken auf den ersten Blick verwandt. Beide erzählen eine Geschichte, beide verwenden dazu Prosa, haben Dialoge, Beschreibungen, einen Spannungsaufbau und so weiter.

Viel wichtiger aber als die Gemeinsamkeiten sind die Unterschiede. Auch wenn es auf den ersten Blick nicht danach aussieht: Kurzgeschichten haben viel mehr mit Gedichten gemeinsam als mit Romanen. Kurzgeschichten leben von der Kürze, also der  sprachlichen Verdichtung. Der Roman ist das genaue Gegenteil. Zu ihm greifen die Leserinnen gerade wegen seiner epischen Breite. Eine Kurzgeschichte ist nun einmal Kurz und muss sich deswegen auch sprachlich stark einschränken, wenn sie denn gut sein soll. Sie lebt von Andeutungen und Leerstellen, die der Roman gerade füllt.

Insofern schadet es sogar deinem Stil, wenn du Kurzgeschichten schreibst. Es kann gut sein, dass du dann beim Romanschreiben deinem Publikum exakt die Dinge vorenthältst, die  sie eigentlich gerne lesen wollen.

3. Kurzgeschichten haben eine stark eingeschränkte Zielgruppe

Das Genre der Kurzgeschichten ist bei Germanisten, Literaturkritikern in Schreibseminaren oder bei Literaturwettbewerben sehr beliebt. Diese stellen aber eine Literatenblase dar, die nicht viel mit dem breiten Publikum für Romane zutun hat. Wenn du dich damit zufrieden geben willst, für eine Elite und für Wettbewerbe zu schreiben, dann sind Kurzgeschichten eine gute Idee.

In der Regel möchtest du aber als Romanautorin ja viele Leserinnen erreichen.

Auf den ersten Blick scheinen Kurzgeschichten durchaus erfolgreich zu sein. Immerhin gibt es viele Kurzgeschichtensammlungen auf dem Markt. Immer wieder erscheinen Anthologien, die auch beworben und gelobt werden.

Aber wirf einen Blick in die Amazon-Charts, auf die Spiegel-Bestsellerliste oder auf beliebige andere Verkaufsränge. Hier tauchen so gut wie nie Kurzgeschichtensammlungen auf. Sie fehlen hier nicht nur in den Top 10, sondern auch in den Top 20, 40, 50 …

4. Mit Kurzgeschichten verbrennst du deinen Namen

Kurzgeschichten sind auch deswegen verführerisch, weil du sie vielleicht in der Regionalzeitung in Form eines Kurzkrimis oder bei einer ähnlichen Publikationsform leicht unterbringen kannst. Leichter jedenfalls als ein Romanmanuskript bei einem großen Publikumsverlag. Das kann kleines, aber schnelles Geld bedeuten und dir eine Plattform liefern, die immerhin ein paar hundert, wenn nicht ein paar tausend Leute lesen. Das klingt doch gut, oder?

Diese Veröffentlichungsform ist meiner Ansicht nach eine Sackgasse. Es ist eine Illusion zu glauben, dass die Leute, weil sie eine tolle Kurzgeschichte von dir lesen, sich Monate oder Jahre später auch an deinen Namen erinnern und dann zu deinem Roman greifen. Für eine Handvoll Leute mag das stimmen. Für die Masse eher nicht.

Vor allem funktioniert das meiner Erfahrung nach nicht bei Lektoren oder Agenten. Denen ist in der Regel ziemlich gleichgültig, ob du Kurzgeschichten irgendwo erfolgreich veröffentlich hast, wenn es darum geht, dein Romanmanuskript zu beurteilen.

Nur, weil der umgekehrte Fall funktioniert, tappen viele in diese Wahrnehmungsfalle. Ja, wenn ein bereits etablierter Autor mit einem Massenpublikum, wie z.B. Stephen King, Kurzgeschichten irgendwo veröffentlicht, die begeistert gelesen werden und sich im Anschluss dann seine Romane super verkaufen, heißt das nicht, dass das bei dir auch klappt.

Wenn du Pech hast, setzt ein gegenteiliger Effekt ein: Die Menschen verbinden mit deinem Namen die netten Kurzkrimis und trauen dir nicht zu, auch einen komplexeren Roman schreiben zu können.

Versuche nicht krampfhaft, dich von »der Masse« abzuheben

Versuche nicht krampfhaft, dich von »der Masse« abzuheben

Auf Tor-online.de ist eine interessante Dokumentation veröffentlicht worden: Warum viele Medien Fantasy-Literatur immer noch ignorieren (und warum uns das egal ist). In ihr macht sich Florian Jung auf die Suche nach Gründen dafür, weshalb ausgerechnet Fantasy einen schwierigen Stand im deutschen Feuilleton hat.

Ab spätestens Minute 04:00 bekomme ich bei dem Video das kalte Grausen. Florian Jung interviewt unter anderem Volker Weidermann vom literarischen Quartett. Darauf angesprochen, ob er Autoren wie Kai Meyer, Bernhard Hennen oder Markus Heitz kenne, antwortet er sinngemäß, dass er nie von ihnen gehört habe und unterstellt ihnen indirekt, dass sie ja auch nicht lesenswert seien, denn es gehe ihnen nur um den Plot und nicht darum, literarisch zu sein.

Er definiert literarisch folgendermaßen: »…ähem, Neuerfindung, von … eine neue Art der Darstellung von …, sind Sie sich, dass sie sich, sind Sie daran interessiert …?«

Okay, ich konnte mir das Transkript seines Gestammels nicht verkneifen, obwohl das natürlich nicht fair ist. Was Weidermann, glaube ich, meint: Literarisch anspruchsvoll sei ein Buch, das sich nicht (nur) auf den Plot konzentriere, sondern innovativ Sprache verwende.

Mich stört weniger die Definition selbst (obwohl ich auch diese für sehr zweifelhaft halte), sondern vor allem die offensichtliche Borniertheit, die seine Mimik und Gestik transportieren. Mir sind da Literaturkritiker wie Denis Scheck lieber, die auch keine Schwierigkeiten damit haben, die Jubiläumsausgabe des Superman-Omnibus‘ oder »Die Tribute von Panem« zu besprechen – und zwar ohne Naserümpfen.

Warum genau stört mich Weidermanns Haltung so sehr?

Zunächst einmal empfinde ich sie als arrogant. Arroganz ist etwas, das ich prinzipiell ablehne. Aber das ist eher eine persönliche Sache, als eine inhaltlich begründete.

Ich teile diese Vorstellung von Literatur nicht, weil mit ihr – wenigstens indirekt, meistens aber sehr unverhohlen – Menschen diskriminiert werden, die bestimmte Formen der Literatur lieben, die in das »literarische« Konzept von Literatur nicht hineinpasst.

Ich erwarte von Literaturjournalismus – wie von jeder Art von Journalismus – Information, Orientierung und Neutralität.

Literaturjournalismus in den Leitmedien ist jedoch fast immer nicht nur tendenziös, sondern sogar  unverhohlen dogmatisch und ideologisch – und auch noch stolz darauf. Etwas das sich keine andere Sparte des Journalismus‘ in dieser Form leisten kann (und will).

Man stelle sich vor, in der Tagesschau würde über die einzig wahre Politik, die zwangsläufig konservativ sein muss, berichtet. Liberalismus oder Sozialdemokratie seien nicht innovativ und »politisch« genug. Andere Politiker als Angela Merkel müsse man gar nicht kennen, denn ihnen gehe es ja nicht um »echte Politik«.

Selbstverständlich ist es in Ordnung, im Rahmen einer Rezension seine eigene Wahrnehmung und individuelle Position zu vertreten. Es ist sogar wichtig. Nur allzu häufig habe ich, wie auch in dem kurzen Interview in diesem Video, den Eindruck, dass dies nicht als eine Meinung unter vielen präsentiert wird, die kontrovers diskutiert werden kann und sollte, sondern als eine Art universeller Maßstab, eine Art von Ersatz-Religion, an der nicht gezweifelt und die nicht in Frage gestellt werden darf.

Mich ärgert das, denn diese Haltung ist für mich das Gegenteil von dem, was sie eigentlich suggeriert. Sie ist eben nicht offen für anderes, sondern engstirnig und verbohrt auf Literarisches fixiert. Sie ist das Gegenteil von Aufklärung, auf die sich der Feuilleton aber gleichzeitig so gerne beruft.

Was mich jedoch noch mehr ärgert, ist die Tatsache, dass Florian Jung als offensichtlicher Fantastik-Fan Weidermann indirekt und bestimmt ungewollt auch noch zustimmt (ca. Minute 22:00): »Ich wünsche mir, dass auch bei Fantastik weniger auf Massenware und mehr auf Qualität geachtet wird.«

Dieser Haltung begegne ich häufig. Sie stört mich sogar noch mehr als die Borniertheit eines Volker Weidermanns, weil sie sich einerseits etwas netter daher kommt, in ihrer Konsequenz aber mindestens genauso ignorant und vernichtend ist.

Was genau soll an »der Masse« prinzipiell schlecht sein? Warum sollen nicht auch die Vielleser eines Genres bedient werden? Was ist schlimm daran, wenn jemand gerne viel liest und dann eben auch die Literatur konsumiert, die exakt für diesen Zweck geschrieben wird? Es wird sich doch häufig beschwert, dass angeblich zu wenig gelesen werde.

Ich empfinde das als Widerspruch. Ich kann an dem Lesen von Literatur (und ich meine eben nicht nur das, was dem Feuilleton gefällt und sich von »der Masse« abhebt) einfach nichts Schlechtes abgewinnen.

Lesen ist einfach prinzipiell besser als Nicht-Lesen. Ich finde es unverantwortlich, Menschen ein schlechtes Gewissen einzureden, weil sie gerne viel lesen.

Außerdem: Ohne Masse kann es auch keine Spitze geben. Denn nur, wenn viel geschrieben wird, kann es auch Werke geben, die sich eben von dieser Mehrheit abheben. Es kann halt einfach keine Elite ohne ihr Gegenstück geben. Nur möchte – in gewisser Weise verständlich – jeder gerne zur Elite, aber nicht zur »Masse« gehören.

Howard Tayler hat das im Podcast Writing Excuses mal sehr schön auf den Punkt gebracht: »Alle wollen gerne J.K Rowling sein, aber niemand Kevin J. Anderson.«

Was er damit meint: Kevin J. Anderson ist ein sehr erfolgreicher Autor. Er verdient mit Schreiben seinen Lebensunterhalt, veröffentlicht mehrere Romane pro Jahr, darunter viele Auftragsarbeiten. Er gilt als verlässliche Größe, weil er Deadlines einhalten kann und Verlagen exakt das liefert, was sie wollen. Und da sich seine Romane sehr gut verkaufen, schreibt er offensichtlich auch das, was das Publikum will.

Er ist nur halt eben nicht originell oder innovativ (schon gar nicht, was seine Sprache angeht). Kaum jemand kann sich an seinen Namen erinnern

J.K. Rowling hat mit »Harry Potter« eine eigenständige Marke geschaffen (obwohl man auch darüber streiten könnte), etwas Unverwechselbares. Anderson schreibt Star-Wars- oder Dune-Romane am Fließband.

Es ist natürlich nichts Schlimmes daran, einem Ideal wie J.K. Rowling nachzueifern. Es ist allerdings in meinen Augen auch nichts Schlimmes daran, als Autorin das Geschäftsmodell Kevin J. Anderson anzustreben. Beides hat seine Berechtigung, weil es sein Publikum findet und für die jeweiligen Menschen wichtig ist.

Darüber hinaus stellt »die Masse«, einen kreativen Pool dar, eine Art Nährboden, aus dem mehr wachsen kann.

Raymond Chandler ist beispielsweise einer der bedeutendsten Krimiautoren des 20. Jahrhunderts und gleichzeitig einer der wenigen, die auch hier und da vom Feuilleton wahrgenommen werden, weil ihn seine Sprache von »der Masse« abhebt (seufz).

Trotzdem hat Chandler als Pulp-Autor begonnen und sich eben genau am Anfang seiner Karriere an dieser »Masse« orientiert. Es war nicht seine Absicht, sich zwanghaft von Groschenheftgeschichten abheben zu wollen. Er tat es mit der Zeit einfach, weil er Geschichten halt so schrieb, wie er sie gerne schreiben wollte.

Diese Ablehnung »der Masse« hat meiner Vermutung nach gar nicht so viel mit Kultur zu tun, sondern mit Psychologie. Ich habe den Eindruck, dass Menschen mit einem geringeren Selbstbewusstsein besonders große Furcht davor haben »in der Masse« unterzugehen, weil sie gern mit aller Macht ein herausragendes Individuum sein wollen und den Gedanken nicht ertragen können, einer unter vielen zu sein, ganz normal, so wie alle anderen auch. Deswegen wollen sie auf keinen Fall das lesen, was alle lesen, und schon gar keine Massenware schreiben.

Ich halte es für ein pubertäres Bedürfnis, unbedingt »etwas Besonderes« sein zu wollen. Fragt man Fünfzehnjährige, was sie später mal machen wollen, antwortet kaum jemand »Sachbearbeiterin«. Alle wollen in diesem Alter »Rockstar«, »Model« oder etwas Ähnliches werden.

Auch daran ist prinzipiell nichts verkehrt – wenn denn das Interesse wirklich ist, sich in diesem Beruf zu beweisen.

Oftmals steckt aber meiner Vermutung nach eher das Bedürfnis dahinter, bewundert und geliebt zu werden. Und zwar eben nicht, wie fälschlich behauptet wird, »um meiner Selbst willen«, sondern dafür, mit aller Macht herausragend zu sein.

Was dabei übersehen wird: Der Gedanke, so wie alle anderen auch zu sein, kann etwas sehr Schönes und Beruhigendes an sich haben. Dazu zu gehören, den Eindruck eines Miteinanders zu bekommen – das alles finde ich nicht schlecht und sogar wichtig.

Um den Kreis zu schließen:

Deswegen finde ich Menschen wie Volker Weidermann und die Gedanken und die Haltung, die sie verbreiten, nicht besonders eindrucksvoll, sondern bestenfalls lächerlich, schlimmstenfalls sogar schädlich. Ich habe den Eindruck, dass diese zwanghafte Abgrenzung von »der Masse« oder »dem Trivialen« eine Haltung ist, die aus einer (post-) pubertären Unsicherheit heraus entsteht. Eine Unsicherheit, die am Ende auch noch glorifiziert und idealisiert wird.

Das Schlimme daran: Sie impliziert, dass Menschen, die sich nicht von »der Masse« abheben, weniger wert seien. Und eben das halte ich für fatal. Promis sind keine besseren Menschen, sondern einfach nur berühmter als die meisten anderen.

Ich halte beides, krampfhaft zur Masse gehören zu wollen oder sich auf Teufel komm raus von ihr abheben zu müssen, für falsch.

Erst, wenn du so weit bist, als Autorin und/oder Leserin dein eigenes Ding durchzuziehen, ganz gleich, ob du dich dadurch von »der Masse« nun abhebst oder eben nicht, tust du genau das, was du wirklich gerne möchtest. Alles andere ist nur eine Anleitung zum Unglücklichsein.

Wie du Kapitelüberschriften gestaltest, hängt von deinem Genre ab

Wie du Kapitelüberschriften gestaltest, hängt von deinem Genre ab

Neulich wurde ich einmal gefragt, wie man denn Kapitelüberschriften zu gestalten habe, wenn man ein Buch schreibt. Für einen Augenblick dachte ich über die Frage nach und zuckte dann mit den Schultern. Als ich in einer ruhigen Minute genauer über das Thema nachdachte, fiel mir ein, dass die Frage falsch gestellt war. Man hat Kapitelüberschriften in seinem Roman erst einmal gar nicht zu gestalten. Du kannst sie gestalten – und wie du das genau tust, hängt von persönlichen Vorlieben, vor allem aber vom Genre ab.

Folgende Möglichkeiten sehe ich in Büchern für Kapitelüberschriften:

  • Kapitel Eins
  • Kapitel 1
  • Eins
  • 1.
  • 1

Manche Autorinnen versehen ihre Kapitel auch gerne mit ganzen Titeln.

Kapitel Eins: Wie alles begann

In allen erdenklichen Varianten kombiniert mit den Schreibwesen der obigen Liste, also auch Kapitel 1: Wie alles begann usw.

Es gibt noch origineller Wege, Kapitel zu überschreiben.

Gelegentlich verwenden Autorinnen den Namen der Pespektivfigur, wie es beispielsweise George R.R. Martin in seinen »Das Lied von Eis und Feuer«-Romanen oder Paula Hawkins in ihrem Thriller »Into the Water« machen.

Andere Autorinnen überschreiben ihre Kapitel mit der Uhrzeit und/oder dem Datum und dem Ort der Szene: Kapitel 1: London, 25. 12. 2014.

Sehr viel seltener sieht man einfach ein * oder auch *** als Kapiteltrenner. Das kommt vor allem im Heftroman vor.

Terry Pratchett verwendet in seinen Scheibenweltromanen ebenfalls keine Kapitelüberschriften.

Wieder andere Autorinnen variieren innerhalb eins Romans sogar die Kapitelbeschriftung.

Ein festes Muster oder gar Regeln scheint es also nicht zu geben. Der Duden sagt dazu nichts. Manchmal gibt es Lektorinnen, die bestimmte Vorstellungen haben, wie Kapitelüberschriften auszusehen haben.

So oder so – du hast die Qual der Wahl. Kannst du jetzt also einfach machen, was du willst?

Ganz so einfach finde ich es nun auch wieder nicht. Es kommt meiner Meinung nach auf dein Fingerspitzengefühl an.

Zum Beispiel passt es zu einem märchenhaften oder epischen Fantasy-Roman ganz gut, wenn über einzelnen Abschnitten so was wie »Kapitel zwei: Der Aufbruch der Gemeinschaft« steht.

Manchmal sind in diesem Genre einzelne Kapitel so lang wie Novellen. Nicht selten sind sie so aufgebaut, dass sie auch als eigenständige Texte gelesen werden könnten. Dann ist es wirklich keine schlechte Idee, diesen Geschichten auch Titel zu verleihen. Ich vermute, dass Fans des Genres das auch so wollen.

Schreibst du einen tempobetonten Thriller, finde ich es besser, nur 1 oder 1. als Überschrift zu wählen. In einem Pageturner will ich nicht durch Kapitelüberschriften aus der Handlung herausgerissen werden. Das gleiche gilt für Datumsangaben oder Ähnliches.

Ich will nicht verheimlichen, dass sogar Autoren wie Sebastian Fitzek oder J.A. Konrath stellvertretend für nicht wenige stehen, die zwar Pageturner schreiben, aber trotzdem wenigstens Erstes Kapitel über ihre Abschnitte schreiben – und manchmal sogar noch mehr.

Um ehrlich zu sein, überlese ich solche Überschriften einfach. Wozu sie also verwenden? Bemerke ich sie bewusst, stimmt etwas mit dem Buch nicht, denn dann ist es in meinen Augen nicht spannend genug.

Dan Wells hat sich in »Ich bin kein Serienkiller«, einem meiner Lieblingsbücher, für einen Mittelweg entschieden. Bei ihm gibt es nur Kapitelnummern, aber erscheint sie aus (EINS). Ich finde, das passt in diesem Fall ganz gut, denn sein Roman ist sehr spannend, aber kein echter Pageturner, da es durchaus nachdenklichere Passagen gibt.

Um ehrlich zu sein, verstehe ich nicht, wieso Autorinnen sich die Mühe machen das Wort Kapitel zu verwenden.

Erstens ist es manchmal streng genommen gelogen, denn machmal verbirgt sich unter dieser Überschrift »nur« eine Szene.

Zweitens ist es eines der klassischen Wörter, die eher überlesen werden. Das Wort wiederholt sich ständig und es vermittelt keinerlei Informationen, die für das Verständnis des Romans wichtig wären.

Ganz persönlich bin ich sogar eher ein Fan der Terry-Pratchett-Methode, weil sie am wenigsten dem Lesefluss im Wege steht. Mir sagen aber viele, dass sie wenigstens gerne Nummern über den Kapiteln haben. So als Orientierung. Auch das kann ich nicht nachvollziehen, aber sei’s drum, packe ich halt Nummern über meine Kapitel.

So macht es zum Beispiel Thomas Harris in »Schweigen der Lämmer auch«. Und das ist immerhin der großartigste Psychothriller der je geschrieben wurde.

Diese Schreibratgeber solltest du als Selfpublisher wirklich lesen

Diese Schreibratgeber solltest du als Selfpublisher wirklich lesen

Der Markt ist überschwemmt mit Schreibratgebern. Vor allem, wenn du auch englischsprachige Bücher übers Schreiben in dein autodidaktisches Fortbildungsprogramm einbeziehst, kann die Orientierung schwerfallen.

Deswegen hier die meiner Meinung nach wichtigsten Bücher, die du wirklich gelesen haben solltest, bevor du dich Hals über Kopf ins Selfpublishing stürzt.

James N. Frey »The Key. Wie verdammt gute Romane noch besser werden«

Wenn du nur einen Schreibratgeber in deinem Leben lesen willst, solltest du diesen hier lesen. Seine Stärke ist, dass er dir eine sehr praktikabel Anleitung zum Schreiben an die Hand gibt, das Ganze mit einem komplett geplattetem und im ersten Entwurf geschriebenem Beispiel unterlegt. Am Ende lernst du auf diese Weise nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch die Heldenreise kennen, das wichtigste Plotmuster schlechthin.

Stephen King »On Writing. Das Leben und das Schreiben«

Wenn du nur zwei Schreibratgeber lesen willst, solltest du Freys »The Key« und Kings Buch lesen. Das ist deswegen sinnvoll, weil King und Frey ziemlich unterschiedliche Ansätze haben. Das tut gut, denn dann siehst du, was so alles möglich ist.

Interessant ist hier aber auch, dass sie am Ende trotz unterschiedlicher Ansätze viele Gemeinsamkeiten haben.

Lies sie einfach hintereinander und du wirst verstehen, was ich meine.

Anne Basener »Heftromane schreiben und veröffentlichen«

Ja, es geht ums Schreiben von Heftromanen und um das Business dahinter. Das ist vielleicht nicht jedermanns Sache, aber ich halte die Kenntnis über das Heftromangeschäft und dessen Techniken gerade für Selfpublisher für ausgesprochen wichtig. Ich finde das auch sehr interessant. Aber selbst, wenn du dich nicht für Heftromane interessierst oder mit dieser Sparte Berührungsängste hast, ist Baseners Buch das beste Buch übers Romanschreiben einer deutschen Autorin, das ich je gelesen habe. Hier lernst du einfach, wie die Profis schreiben. Das kann nicht schaden.

James N. Frey »Wie man einen verdammt guten Roman schreibt«

Macht im Prinzip nichts, was »The Key« nicht auch kann, beleuchtet aber einige Aspekte noch ein bisschen ausführlicher. Lohnt sich.

Dwight D. Swain »Techniques of the selling writer«

Gibt es meines Wissens leider nicht auf Deutsch, aber für dieses Buch lohnt es sich, im Zweifelsfall Englisch zu lernen. Viele Prinzipien, die bei Frey nur angerissen werden, werden hier vertieft und im Detail erläutert. Sehr anschaulich und sehr erhellend.

Blake Snyder »Rette die Katze! Das Ultimative Buch übers Drehbuchschreiben«

Es gibt viele – sehr, sehr viele – Bücher übers Drehbuchschreiben. Schweren Herzens habe ich mich für Snyders Buch entschieden, wenn man nur eins lesen will. Meiner Ansicht nach das Kompakteste.

David Howard und Edward Mabley »Drehbuchhandwerk – Technik und Grundlagen«

Sagt über das Schreiben von Drehbüchern nicht unbedingt mehr oder Besseres als Snyders Buch, lohnt sich aber wegen der vielen konkreten Beispiele. Nach der Lektüre von »Drehbuchhandwerk« guckst du Filme mit neuen Augen und hast auch eine ganz andere Perspektive auf dein eigenes Schreiben.

John Locke »How I sold 1 Million E-Books in 5 Months«

Kein Schreibratgeber im eigentlichen Sinne. Aber neben vielen Marketingtipps und einiger Selbstbeweihräucherung gibt Locke auch Einblick in seinen Schreibprozess, was nicht uninteressant ist.

Überraschende Wendungen machen deinen Roman noch spannender

Überraschende Wendungen machen deinen Roman noch spannender

»Herr Doktor, ich habe das Gefühl, dass mich alle ignorieren.«

»Der Nächste bitte.«

Du kennst sie von Kleinauf aus guten Witzen: Überraschende Wendungen. Sie sind extrem unterhaltsam und damit das A und O packender Romane. Das Publikum wird verblüfft, indem eine begonnene Handlung sich schlagartig in eine unerwartete Richtung entwickelt. Das Prinzip ist alt, nutzt sich aber im Gegensatz zu vielen anderen Spannungselementen kaum ab.

Sie steigern in einem nicht unbeträchtlichen Maße die Spannung, denn wenn du deine überraschenden Wendungen effektvoll einsetzt, wird das Publikum in eine wohlige »Alles ist möglich«-Haltung versetzt, die Erwartungen weckt – die du dann natürlich auch mit interessanten Wendungen und plausiblen Auflösungen erfüllen musst.

 

Überraschende Wendung ganz am Anfang deiner Story

Selten angewandt und heikel sind überraschende Wendungen zu Beginn eines Romans. Hier ist eines meiner Lieblingsbeispiele die erste Szene von Paul Cleaves Thriller »Der siebte Tod«.

ACHTUNG SPOILER: Wir erleben die Handlung aus der Ich-Perspektive von Joe, der Hauptfigur des Romans. Joe fährt die Auffahrt hoch, flucht über die Sommerhitze, verlässt seinen Wagen, geht im Haus geradewegs zum Kühlschrank und nimmt sich ein Bier. Er hört, wie Angela noch duscht, setzt sich an den Küchentisch, beißt in ein Stück Pizza und schlägt die Zeitung auf. Angela kommt unter der Dusche hervor, trocknet ihr Haar, lässt das Handtuch fallen und fragt: »Scheiße, wer sind Sie denn?«.

Eine überraschende Wendung, die aus einem seichten und sehr alltäglich geschilderten Anfang nachträglich eine packende Szene macht.

Am Anfang eines Romans ist es jedoch wirklich schwierig, überraschende Wendungen so hinzubekommen, dass sie nicht verwirrend werden. Das Beispiel in Cleaves Roman funktioniert, weil die Szene wirklich kurz ist. Sonst wäre der Einstieg zu gemächlich und banal.

 

Kleine überraschende Wendungen in jeder Szene

Überraschende Wendungen können auch weniger spektakulär sein: Wenn deine Hauptfigur ein korrekt gekleideter Geschäftsmann ist, aber unter seinem dunkeln Anzug Ringelsöckchen trägt, kann das schon ausreichen, um für ein Schmunzeln auf den Lippen deines Publikums zu sorgen. Mehr braucht es gar nicht, aber du solltest ein Gespür dafür bekommen, in jeder Beschreibung und jedem Dialog auch eine Prise Unerwartetes zu streuen.

 

Überraschende Wendungen am Ende deiner Story

Ebenfalls recht verbreitet ist die überraschende Wendung am Ende einer Geschichte. Paradebeispiel sind Filme wie »The Sixth Sense«.

ACHTUNG SPOILER: In »The Sixth Sense« erfahren wir ganz am Ende, dass die Hauptfigur Malcolm Crow ein Geist ist, was die gesamte Handlung in einem vollkommen neuen Licht erstrahlen lässt. Wir lernen, dass Crow, ohne es selbst zu wissen oder zu wollen, ein unzuverlässiger Erzähler war.

Die große überraschende Wendung erst am Ende deiner Geschichte zu zu präsentieren, kann beim Publikum allerdings auch Enttäuschung bewirken. Gerade beim Mittel des unzuverlässigen Erzählers ist diese Gefahr groß. Machst du das nicht richtig, fühlt sich das Publikum respektlos behandelt: »Wozu habe ich mir jetzt die Story angetan, wenn am Ende doch alles ganz anders war?«

Die Menschen bauen beim Konsum einer Geschichte eine gefühlsmäßige Verbindung zu den Figuren auf. Sie fiebern mit. Wenn am Ende doch alles ganz anders ist, als gedacht, kann das als ein emotionale Betrug empfunden werden. Dann sind die Leute sauer und lesen nie wieder ein Buch von dir, obwohl die Wendung vielleicht sehr klug und spanend ist.

Du musst dir überlegen, welche Reize du dem Publikum als Belohnung präsentierst, die die Enttäuschung, an der Nase herumgeführt worden zu sein, wieder aufwiegen.

In »The Sixth Sense« funktioniert beispielsweise der unzuverlässige Erzähler, weil der Fokus der Geschichte auf Malcolm und seinen Erlebnissen liegt und darauf, dass Coles Konflikt mit seiner Frau durch die Erkenntnis, dass er ein Geist ist, gelöst werden.

 

Die Königsdisziplin: Die große überraschende Wendung in der Mitte

Am wichtigsten ist für jeden Roman die große überraschende Wendung in der Mitte. Alfred Hitchcock hat hier in seinem Meisterwerk »Vertigo« Maßstäbe gesetzt.

ACHTUNG SPOILER: Scottie, ein Polizist im Vorruhestand, soll die suizidgefährdete Madeleine beschatten, um zu verhindern, dass sie sich umbringt. Es gelingt Madeleine jedoch trotzdem, sich von einem Glockenturm zu stürzen, weil Scottie unter Höhenangst leidet und ihr deswegen nicht in die Turmspitze folgen kann, um sie vom Sprung abzuhalten.

Scottie zerbricht an dem tragischen Ereignis, weil er sich in Madeleine verliebt hat. Nach einem Aufenthalt in einer Nervenheilanstalt, bei dem er das traumatische Ereignis zu verarbeiten versucht, trifft er auf die Kassiererin Judy, die Madeleine verblüffend ähnlich sieht. Scottie erkennt mit der Zeit, dass die beiden tatsächlich ein und die selbe Person sind und er Opfer einer Intrige geworden ist.

Er tyrannisiert Judy, um ein Geständnis zu erzwingen und um herauszufinden, warum er in diese Intrige verwickelt worden ist.

Die gesamte Handlung unternimmt eine überraschende Wendung, wenn der Film von einer Mystery-Story (Warum will Madeleine sich umbringen?) zu einer Suspense-Story wird (Wie wird es Scotty gelingen, die Intrige aufzudecken und sich zu rächen?). Mit dem Selbstmord von Madeleine verwandeln sich Stimmung und Zielrichtung der gesamten Story. Im Prinzip erlebt das Publikum zwei verschiedene Filme, die erst rückblickend miteinander zusammenhängen.

Überraschenden Wendungen finden noch auf vielen anderen Ebenen von »Vertigo« statt. Die Figuren verändern zum Beispiel ihre Rollen und ihre Psychologie im Laufe der Geschichte. Sehr eindrucksvoll, sehr effektvoll, komplex und effektiv. »Vertigo« gilt nicht zu unrecht als Meisterwerk.

Ähnlich gehen viele Thrillerautoren vor, zum Beispiel der Autor John Katzenbach in »Der Patient«. Der Psychiater Frederick Starks wird Opfer eines Intrigenspiels des Serienkillers Rumpelstilzchen, der ihn wie eine Marionette nach seiner Pfeife tanzen lässt. Stark sucht den Ausweg, indem er seinen Tod vortäuscht, um dann aus der Rolle des Gejagten in die des Jägers zu wechseln.

 

Je größer die überraschende Wendung den Charakter deines Roman verändert, desto detaillierter musst du sie vorbereiten

Was du solchen Beispielen wie »Vertigo« oder »Der Patient« lernen kannst – ganz gleich, ob du nun Thriller oder Liebesromane schreibst:

Eine große überraschende Wendung in der Mitte muss in der erste Hälfte der Story gut vorbereitet werden. Alle Elemente der ersten Hälfte müssen einen neuen Sinn ergeben, wenn das Publikum sie mit den Informationen aus der zweiten Hälfte betrachtet.

Überraschung ist im Roman nie etwas, das zufällig und unmotiviert geschieht – so wie im richtigen Leben. Das Publikum verzeiht hier vielleicht innerhalb einer Szene eine Wendung, die unerwartet und amüsant ist – wie bei einem Witz.

Eine Wendung, die jedoch so groß ist, dass der ganze Roman einen anderen Charakter bekommt, muss motiviert und vorbereitet sein.

Insofern ist zum Beispiel der unzuverlässig Erzähler zwar eines der effektvollsten (und auch einfachsten) Mittel, um für eine überraschende Wendung zu sorgen, jedoch auch eine, die das größte Risiko birgt. Manche begehen den Fehler, einen unzuverlässigen Erzähler praktisch als Ausrede zu verwenden, eine überraschende Wendung eben nicht minutiös vorzubereiten. Tu das nicht. Sorge auch mit einem unzuverlässigen Erzähler für plausible Wendungen.

Plausibel sind Wendungen, wenn du die Grundlagen für die überraschende Wendungen zu einem früheren Zeitpunkt der Handlung andeutest, wenn dem Publikum alle Informationen so präsentiert werden, dass es im Nachhinein sagen kann: »Wow, was für eine Überraschung, aber das hätte ich eigentlich kommen sehen müssen.« Sieh dir im Zweifelsfall noch einmal aufmerksam »The Sixth Sense« an, wenn du dich nun fragst, wie genau du diesen Effekt hinbekommen sollst.

Coverdesign, YouTube und Bloggen: der selfpublisher Nr. 6 ist da!

Coverdesign, YouTube und Bloggen: der selfpublisher Nr. 6 ist da!

Die Juni-Ausgabe des selfpublishers, dem Printmagazin für Selfpublisher, ist bei mir eingetroffen. Und sie ist randvoll mit wichtigen und interessanten Themen.

Natalja Schmidt vertritt in ihrem Beitrag »Selfpublisher in Verlagen«die These, dass Selfpublisher immer mehr Chancen haben, auch bei großen Publikumsverlagen unterzukommen. Die erfahrene Lektorin und ehemalige Literaturagentin betrachtet den Selfpublishing-Markt als Talentschmiede und einen Indikator für neue Trends. Eine Einschätzung, der ich auf jeden Fall zustimmen würde.

Passend zum aktuellen Vlog der SchreibDilettanten beschäftigt sich in dieser Ausgabe Monika Dennerlein mit einem Vergleich zwischen Selfpublishing und Verlag. Ich schwöre, dass das ein Zufall ist. Sehr praktische Ergänzung zu unserem Video: eine vergleichende tabellarische Übersicht der Vor- und Nachteile der jeweiligen Publikationsformen.

Steffen Meier stellt in seinem Text »Alles bewegt sich fort und nichts bleibt« interessante Thesen zur zukünftigen Entwicklung des Buchmarkts angesichts des Phänomens Selfpublishing auf. Er prophezeit einen grundlegenden Wandel und hält die Wahrscheinlichkeit für gegeben, dass Verlage sogar in absehbarer Zeit verschwinden könnten. Sehr lesenswert und bestimmt kontrovers, wobei ich den meisten seiner Argumente zustimmen würde.

Persönlich hat mir der Artikel der Autorin und Buchbloggerin Stefanie Hasse sehr gut gefallen. Sie klärt darüber auf, was Selfpublisher beim Finden von Buchblogs, die ihre Romane besprechen wollen, falsch machen.

Matthias Matting macht auf Buchpreise für Selfpublisher aufmerksam und rührt dabei ein wenig die Werbetrommel für den überaus attraktiven Deutschen Selfpublisher-Preis, den man sich auf jeden Fall einmal angesehen haben sollte, stellt aber gleichberechtigt auch den Indie Autor Preis und den Kindle Storyteller Award dar. Jeder Selfpublisher sollte hier auf jeden Fall einen Blick riskieren, denke ich.

Ein echter Lebensretter kann der Text von Rainer Dresen sein, der eine neue Reihe »Recht für Selfpublisher« startet. Im ersten Teil geht es darum, wie man Zitate rechtlich einwandfrei einbindet. Solche Artikel machen den Selfpublisher als Magazin zu einer echten Langzeitressource, die man gründlich studieren sollte.

Das Interview mit der Hybrid-Autorin und Bestseller-Selfpublisherin Catherine Shepherd sollte man sich genauso wenig entgehen lassen, wie den sehr charmanten Text von Caroline Brinkmann über die größten Facebook-Fehler, die Sefpublisher so machen. Hier gefällt mir vor allem die entspannte Haltung zum Thema Social Media Marketing, die man am Ende der Lektüre gewinnt.

Im letzten Viertel beschäftigt sich das Heft intensiv mit der visuellen Seite des Selfpublishings: Coverdesign, Video-Lesungen, Buchtrailer und deren Präsentation auf YouTube werden von Andreas Barth und Markus Weber, deren Agentur unter anderem auch das Cover zur deutschen Ausgabe meines Lieblingsbuchs »Ich bin kein Serienkiller« von Dan Wells entworfen hat, Laura Newman und Annika Bühnemann behandelt. Abgerundet wird dieser Themenschwerpunkt mit einem ausführlichen Test des kostenolosen Videoschnittprogramms Shotcut von Jennifer Juffern.

Abgeschlossen wird das Heft mit der kompetenten Genredefinition von Science Fiction von Susanne Pavlovic. Hier fehlt mir allerdings ein wenig der konkrete Bezug zum Selfpublishing. Mich hätte ganz besonders interessiert, welchen Stellenwert und welche Marktchancen SF auf dem Selfpublishermarkt im Vergleich zum traditionellen Buchmarkt hat. Diese Lücke füllt ein wenig dieser Artikel von der Selfpublisherbibel.

Unterm Strich also wieder einmal ein wirklich hervorragendes Heft. Der Selfpublisher ist in meinen Augen wirklich eine unverzichtbare Ressource für alle, die an diesem Thema interessiert sind. Und das sage ich nicht nur aus Eigeninteresse, weil ich ebenfalls mit einem Artikel im Heft vertreten bin. Man findet in dem Prinzmagazin Informationen, die man entweder im Netz vergeblich sucht oder selbst lange recherchieren muss.

Dürfen Dialoge grammatikalische Fehler enthalten?

 

Dürfen Dialoge grammatikalische Fehler enthalten?

Wir sprechen anders als wir schreiben. Das merken wir im Alltag in der Regel nicht einmal und es ist eigentlich auch nicht weiter tragisch. Das sprachliche Gestammel aus verkürzten und/oder unvollständigen Sätzen und falschem Deutsch verstehen wir trotzdem dank Mimik und Gestik unserer Mitmenschen ziemlich gut. Doch wie schreibst du Dialoge, damit sie gleichzeitig realistisch klingen aber trotzdem noch lesbar sind?

Die wenigsten Menschen sprechen grammatikalisch korrekt. Lauschst du nicht gerade der Vorlesung eines Linguistikprofessors, wirst du als aufmerksamer Zuhörer schnell merken, dass sich wenigstens kleinere Schludrigkeiten bei den meisten Sprechern einschleichen. Eines meiner Lieblingsbeispiele ist der falsche Satzbau nach weil:

»Ich konnte nicht früher kommen, weil da war ein Unfall auf der Autobahn.«

Standardsprachlich muss der Satz lauten: »Ich konnte nicht früher kommen, weil ein Unfall auf der Autobahn war.« Noch besser wäre natürlich: »Ich konnte nicht früher eintreffen, weil sich auf der Autobahn ein Unfall ereignete.« Aber so redet nun wirklich so gut wie niemand.

»Weil« ist eine Konjunktion und leitet den Nebensatz ein. Und im Nebensatz steht das finite Verb (also im ersten Beispiel »war«) immer am Ende.

Der Grund für diesen Fehler ist wahrscheinlich folgender: Während wir in der Schriftsprache unsere Sätze häufig planen und überarbeiten können, können wir das beim Sprechen nicht. Häufig wissen wir gar nicht so genau, wie der Satz enden wird, wenn wir ihn begonnen haben. Wenn wir zum Beispiel nach Ausreden suchen, kann das der Fall sein:

»Warum bist du denn schon wieder zu spät?«

»Na, weil … äh, da war ein Unfall.«

Damit klärt sich auch schon die Frage, ob und wann ich in Dialogen diese falsche Grammatik benutzen kann oder sollte und wann nicht. Spielt sie wirklich eine Rolle, weil eben beispielsweise der Sprecher nach einer Ausrede sucht oder gerade irritiert oder abgelenkt ist usw., dann kann es durchaus sinnvoll sein, falsches Deutsch im Dialog zu benutzen. Natürlich kannst du auch versuchen auf diese Weise einen Menschen zu charakterisieren, der aus irgendwelchen Gründen nicht mit der deutschen Sprache ausreichend vertraut ist (einen Engländer zum Beispiel, der gerade Deutsch lernt usw.).

Umgekehrt solltest du auf solche Mittel natürlich lieber nicht zurückgreifen, wenn du beispielsweise einen Richter während seiner Amtsausübung sprechen lässt oder anderes hochgebildetes Personal auftreten lässt. Dann würde es seltsam aussehen, dass diese Menschen sich nicht auch gewählt ausdrücken können.

Das gilt auch für andere sprachliche Fehler, die wir im Alltag gerne machen, in literarischen Dialogen aber eher selten und nur sehr gezielt verwenden sollten.

So verwechseln beispielsweise viele gerne »wie« und »als«: »Ich bin viel schlauer wie du.«

Standardsprachlich muss es natürlich »Ich bin viel schlauer als du.« heißen. Beim Vergleich (»Ich bin genauso schlau wie du.«) verwendet man »wie«, bei der Steigerung »als«.

Anderes Beispiel:

»Wollen wir wetten?«

»Um was?«

Hier ist standardsprachlich als Gegenfrage: »Worum?« angebrachter. Genauso sollte es lieber nicht »In was für einem Land wollen wir denn eigentlich leben?« heißen, sondern »In welchem Land wollen wir leben?«

Nicht: »Wem sein Stift ist das hier?«, sondern: »Wessen Stift?«

Und so weiter. In dieser Richtung gibt es zahlreiche Beispiele von Fehlern oder Schludrigkeiten, die uns mehr oder weniger häufig passieren.

Ein anderes, nicht weniger häufiges Phänomen sind Anglizismen.

So solltest du dir beispielsweise den Einsatz des Wortes »Wirklich« wirklich gut überlegen. Häufig entspricht der Gebrauch eher dem englischen »Really«, wenn wir im Deutschen eigentlich einfacher »sehr« sagen würden.

Das gilt auch für zahlreiche Redewendungen, wie »am Ende des Tages«, die gerade von Politikern oder Journalisten häufig benutzt werden, die es eigentlich besser wissen sollten. Auch hier bietet sich dann eine Möglichkeit, bestimmte Menschen durch den Gebrauch von falschem Deutsch in Dialogen zu charakterisieren.

Ich halte mich gerne an die Faustregel: Im Zweifelsfalls benutzte ich korrektes Deutsch. Zu schnell kann ein absichtlicher »Fehler« doch unbeabsichtigt wirken und somit aufmerksamen Leserinnen das Vergnügen am Text rauben.