Was ist nur mit den Fans los? Was Selfpublisher aus den Reaktionen auf Star Wars Episode 8: »Die letzten Jedi« lernen können

Was ist nur mit den Fans los? Was Selfpublisher aus den Reaktionen auf Star Wars Episode 8: »Die letzten Jedi« lernen können

Star Wars Episode 8 »Die letzten Jedi« ist für viele das Kinoereignis 2018. Beinahe spannender als der Film selbst sind für mich die Reaktionen vieler Fans: Befürworter und Gegner halten sich die Waage und die Reaktionen fallen in beide Richtungen heftig aus.

Woran liegt das? Und was bedeutet dieses Phänomen für Autoren und Selfpublisher?

Auf Rotten Tomatoes kann man nachlesen, dass rund 50% der Fans Star Wars Episode 8: »Die letzten Jedi« den Film nicht mögen. Was vor allem interessant ist: Über 90% der »Profi«-Kritiker bewerten den Film hingegen positiv.

Es gibt also nicht nur eine Spaltung der Fans, sondern auch eine große Differenz in der Wahrnehmung des Films zwischen dem Kulturbetrieb und dem Publikum.

Beides ist jedoch gar nicht so unüblich. In abgemildeter Form hat es das schon bei anderen Filmen gegeben, wie zum Beispiel bei den DC-Superheldenfilmen »Man of Steel« und »Batman v. Superman«. Auch hier sind die Reaktionen gespalten und es gibt einen deutlichen Unterschied zwischen Fans und Kritikern – nur dass hier die Vorzeichen umgekehrt sind.

Das Phänomen bleibt jedoch mehr oder weniger das gleiche: Fans und Kritiker sind sich uneins. Und die Fanbase ist in sich gespalten. Es scheint sich also bei den Reaktionen auf Episode 8 nicht unbedingt um eine neue Entwicklung zu handeln, sondern eher um deren Höhepunkt.

Ich denke sogar, dass es sich dabei um einen Trend handelt, der nicht auf das Filmgenre beschränkt bleibt, sondern eher so etwas wie eine neue Konsumentenhaltung bedeutet, die auch für Autoren und vor allem Selfpublisher sehr bedeutsam ist. Denn ähnliche Entwicklungen gibt es meiner Meinung nach auch bei Rezensionen von Büchern auf Amazon oder bei Buchbloggern oder Vloggern. Hier sind sie nur noch nicht ganz so durchschlagend und damit offensichtlich.

Ein Grund für mich, über die Ursachen für diese Enwicklung zu spekulieren.

Ich denke, es gibt mehrere Erklärungsansätze, die ziemlich wenig mit der eigentlichen Qualität eines Machwerks zutun haben:

Versprechen an die Story werden nicht eingehalten

Konkret gibt es bei Episode 8 in meinen Augen das Problem einer irreführenden Werbestrategie im Vorfeld der Premiere. Die Trailer versprechen dem Publikum einen anderen Film, als es am Ende bekommt. Die Trailer von Episode 8 betonen das Drama im Film – das dieser durchaus auch vorzuweisen hat. Sie kehren allerdings den Humor unter den Teppich.

Und der Humor ist etwas, das sich im Film massiv von den ersten Minuten an in den Vordergrund drängt. Das ist sozusagen eine Ohrfeige ins Gesicht der Fans, die nach dem Gucken der Trailer einen düsteren und dramatischen Film erwarteten.

Das Erwartungsmanagement ist  jedoch nicht nur durch die Trailer schlecht gehandhabt worden. Der Vorgänger-Film zu »Die letzten Jedi« ist nicht etwa Episode 7 »Das Erwachen der Macht«, wie man vielleicht meinen könnte. Ein ebenfalls eher leichter Film, der Humor und Dramatik ausbalanciert.

Der direkte Vorgänger für Episode 8 ist »Rogue One«. Und dieser Film lebt davon, dass er düsterer und dramatischer ist als jeder Star-Wars-Film zuvor. Die Erwartungshaltung vieler Fans ist damit in diese Richtung gelenkt worden.

Es zeigt sich also meiner Meinung nach, wie unglaublich schwierig und sensibel, aber auch wichtig der Umgang mit Erwartungshaltungen ist. Die Qualität der fertigen Story hat relativ wenig Einfluss darauf, ob und wie ein Machwerk am Ende bei den Fans ankommt, wenn die Erwartungen zuvor in die falsche Richtung gelenkt worden sind.

Zunehmendes »Expertentum« des Publikums

Was Episode 8 meiner Vermutung nach ebenfalls zum Verhängnis geworden ist, ist das im Laufe der Jahrzehnte zunehmende Expertentum der Fans im Hinblick auf das Star-Wars-Universum – aber auch allgemeiner im Hinblick auf das Storytelling und die Filmproduktion.

Nicht wenige Star-Wars-Fans kennen nahezu jeden Roman, jeden Comic und jedes Spiel, das zu dem Franchise je veröffentlich worden ist. Darüber hinaus ist das Publikum dank einer Flut von Making-Ofs und Bonusmaterialien auf DVDs und entsprechender Features auf YouTube immer geschulter in der Analyse von Filmen und besitzt einfach mehr Wissen über Storytelling als noch vor ein paar Jahrzehnten.

Konkret bedeutet das zum Beispiel für »Die letzten Jedi«, dass es ein Problem gibt, was die Entwicklung der Figur Luke Skywalker angeht. In unzähligen Romanen und Comics, die teilweise schon Jahrzehnte vor Episode 8 erschienen sind, hat sich Luke ganz anders entwickelt als im Film.

Regisseur und Drehbuchautor Rian Johnson ist ein großes Wagnis damit eingegangen, einen neuen Luke zu zeigen, also mit dem Bild einer etablierten Figur zu brechen, das sich viele Fans über Jahrzehnte von »ihrer« Figur gemacht haben. Deswegen können viele Star-Wars-Experten gar keine emotionale Verbindung zum »neuen« Luke aufbauen. Sie haben sozusagen bereits eine Beziehung mit ihm geknüpft, die sich so leicht einfach nicht überschreiben lässt.

Aber das Expertentum erstreckt sich halt auch auf viele andere Details, wie zum Beispiel bestimmte technische Entwicklungen innerhalb der Star-Wars-Kinowelt, Kreaturen, die es geben darf oder halt eben auch nicht, wie eine Star-Wars-Story erzählt sein muss und welche Plotelemente es geben muss und welche es nicht geben sollte usw.

Und dieses Prinzip gilt nicht nur für Luke, sondern halt eben auch für viele andere Figuren und Elemente des Films.

Jeder Fan hat bereits »seine« idealen Star-Wars-Filme im Kopf mehrfach abgedreht und somit ein von der Wirklichkeit nahezu unerreichbares Ideal kreiert.

Das neue Selbstbewusstsein und die gestiegene Bedeutung des einzelnen Konsumenten

Mit dem Expertentum geht noch ein gesteigertes Selbstbewusstsein des einfachen Zuschauers einher. Ein Effekt, der durch das Internet und hier speziell durch Plattformen wie Amazon, den eigenen Blog oder Facebook zusätzlich verstärkt wird.

Während es vor ein paar Jahrzehnten noch üblich war, die Kritik den Profi-Kritikern in Zeitungen und im Fernsehen zu überlassen, kann heute jeder im Netz Rezensionen posten, die teilweise nicht weniger sachkundig oder sogar sachkundiger sind als die von Journalisten.

Eine Entwicklung, die ich prinzipiell begrüße, denn sie gibt die Macht im öffentlichen Diskurs über Kultur und Popkultur in die Hände derjenigen, die ja auch am meisten davon betroffen sind.

Der Nachteil an dieser Entwicklung ist allerdings mangelnde Orientierung, da alle Meinungen prinzipiell gleich viel Wert sind. So etwas wie Leitmedien im hergebrachten Sinne gibt es nicht mehr, was Vor- aber eben auch Nachteile hat.

Auf der Plattform Rotten Tomatoes wird »Ich hasse den Film.« im Prinzip genauso gewertet wie eine umfassende Analyse und Interpretation.

Genauso ist es auf Amazon nicht so entscheidend, wie viel oder wie differenziert jemand sich über ein Produkt äußert. Am Ende zählt vor allem, wie viele Sterne  ein Rezensent vergibt.

Das ist in gewisser Weise der Einzug des Drive-by-Shootings in die Kulturkritik.

Konsequenzen für Selfpublisher

Wie bereits angedeutet sind all diese Dinge in meinen Augen für Selfpublisher von ganz besonderem Interesse. Denn mehr noch als bei Verlagsautoren hängt für sie ihre ganze Karriere davon ab, wie viele Sterne ihre Bücher auf Amazon erhalten.

Während der Verlagsautor noch vom Buchhändler empfohlen und unter Umständen sogar mit TV- und Plakatwerbung gestützt werden kann, bleiben dem Selfpublisher fast ausschließlich die Publikumsreaktionen.

Auf den Punkt gebracht müssen sich Selfpubsliher in meinen Augen auf folgende Dinge einstellen:

  1. Erwartungsmanagement spielt eine zunehmend größere Rolle. Es ist ungemein wichtig, dass eine Story auch die Versprechen einhält, die Cover, Klappentext und eventuelle Werbekampagnen im Netz abgeben.
  2. Treue Fans sind das, was sich jeder Selfpublisher wünscht und was er auch anstreben sollte. Sind diese erst einmal gewonnen, ist es allerdings extrem wichtig, diese auch wertschätzend zu behandeln. Ihr Expertentum, das sie sich durch die Lektüre der Romane erwerben, muss mit jedem neuen Roman auch gewürdigt und respektiert werden. Bestimmte Entscheidungen, wie sich beispielsweise die Handlung in einer Romanserie oder deren Figuren entwickeln, müssen sehr, sehr sorgfältig mit diesem Expertentum im Hinterkopf getroffen werden. Mit der Haltung »Das hier ist meine Geschichte und ich kann machen, was ich will.« kommt kein Selfpublisher bei seinem Stammpublikum auf Dauer durch. Es ist wichtiger denn je, sein Ohr am Puls des Publikums zu haben und zu wissen und vor allem auch vorauszusehen, was es von einer Story erwartet.
  3. Jeder Leser ist auch ein potenzieller Kritiker. Das darf nie vergessen werden. Das bedeutet nicht, dass man sich bei jeder Gelegenheit bei jedem einschleimen muss. Es bedeutet aber schon, dass im Umgang mit Fans Etikette dramatisch an Bedeutung gewinnt. Der Autor im Elfenbeinturm, der angehimmelt wird und dessen Publikum alles schluckt, was er von sich gibt, gehört zunehmend der Vergangenheit an.

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8 Antworten auf “Was ist nur mit den Fans los? Was Selfpublisher aus den Reaktionen auf Star Wars Episode 8: »Die letzten Jedi« lernen können”

  1. Das sind alles sehr wichtige Punkte.
    Zum Thema Erwartungshaltung an die Star Wars Filme denke ich Folgendes:

    Der Bruch mit dem Großteil des Canons war unausweichlich oder Disney hätte keinen Spielraum zur Neuentwicklung gehabt. Allen Fans kann man es nicht recht machen. Ich persönlich war eher irritiert mit Film VII, weil er meiner Meinung nach die Handlung von „Eine neue Hoffnung“ recycelt hat.

    Möglicherweise war dieser Effekt von Roge One den Verantwortlichen gar nicht klar. Immerhin wurde das Konzept meines Wissens separat von der Sequel-Trilogie entwickelt und es waren unterschiedliche Teams am Werk. Hier ist es wirklich wichtig, zwischendurch oder in bestimmten Planungsphasen gleich mehrere Schritte zurück zu treten und mit Distanz auf das Projekt zuschauen. Das ist gar nicht so einfach, wenn man tief versenkt an seiner Umsetzung arbeitet.

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  2. Ich weiß nicht, ob die Experten in der Überzahl sind, sie sind zwar lautstärker, aber der Großteil sind wie immer die stillen Konsumenten. Die meisten Hardcore-Fans konsumieren ohnehin, auch wenn sie etwas anderes behaupten, darum sind sie Fans. Und manche Hardcore-Fans kann man irgendwann nur enttäuschen, egal was man macht. Ich würde sagen: Mach dein Ding! Man kann es nie allen Recht haben.

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  3. Hi Marcus.

    Vielen Dank für diesen Artikel. Deine angesprochene Erwartungshaltung finde ich sehr spannend:
    Ich fand den achten Star-Wars-Film großartig. Vielleicht gerade weil ich keinerlei Erwartung hatte (weder positv noch negativ). Ich kenne außerhalb der Filme keine alternative Handlungsfortsetzung (und auch Rogue One habe ich nicht gesehen) und habe mir im Vorfeld auch bewusst keine Trailer angeguckt, weil die für mich, trotz ihrer guten Machart, schon so viel vom Film vorwegnehmen.

    Ich meine bei der Eragon-Buchreihe und dem Kinofilm damals hab ich damals etwas ähnliches gehört: Buchleser fanden den Film schlecht, weil sie den Vergleich hatten und alle anderen Zuschauer fanden den Film gut oder okay.

    Herzliche Grüße
    Ich

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  4. Sehr spannende Gedanken!

    Ich war von Episode 8 als Film positiv überrascht, weil ich Episode VII eher mau fand. Episode 8 war wesentlich besser und als Film sogar richtig gute Unterhaltung.

    Ob es – für mich – aber noch Star Wars war, ist eine andere Frage, weil die ganze Story eben nicht in „mein“ Star Wars-Universum passt, wie es ja auch oben im Beitrag beschrieben wird. Da spielen vermutlich auch demographische Aspekte eine Rolle. Wer nur mit den Episoden IV, V und VI aufgewachsen ist, ist ja Star Wars-technisch ganz anders sozialisiert als jemand, der zusätzlich mit den Episoden I, II und III, den ganzen neuen Comics etc. aufwuchs.

    Viele Grüße!

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