Schreiben ist Spaß an der Anstrengung

Schreiben ist Spaß an der Anstrengung

Ich war mal ein durchschnittlicher Läufer. Nicht besonders gut, aber auch kein Anfänger oder Jogger (oder gar Walker, pf …).

Zu meinen besten Zeiten konnte ich 25 Kilometer am Stück laufen und  für eine Strecke unter zehn Kilometern zog ich erst gar nicht meine Schuhe an.

Das ist jetzt aber schon einige Jährchen her.

Ja, ja, es gab irgendwelche fadenscheinigen Gründe, mein Lauftraining schleifen zu lassen, Dinge die irgendwie wichtiger erschienen, anstatt sich dreimal die Woche auch trotz Wind und Wetter in die Laufklammotten zu zwängen und auf die Piste zu gehen. Du kennst das bestimmt.

Hier und da joggte ich so vor mich hin, vielleicht zwei- oder dreimal im Monat, wenn es hochkam.

Nach ärztlichem Rat versuche ich nun wieder meine Laufaktivitäten zu verstärken. Nur gelegentlich den Laufschuhen den Waldboden zu zeigen, reicht halt eben nicht, um wirklich fit zu bleiben.

Techniknarr, der ich bin, besorgte ich mir eine App, um unter anderem wieder Intervallläufe in mein Training zu integrieren.

Intervallläufe sind für mich beim Lauftraining so ziemlich der ekelhafteste Teil. Sozusagen das Exposéschreiben des Laufens.

Zehn-Kilometer-Läufe, Entspannungsläufe, Lauf-ABC … alles okay. Aber Intervalltraining ist nun wirklich ätzend.

Schon nach den ersten zwei Minuten des Intervalltrainings erinnerte ich mich lebhaft daran, warum ich damit aufgehört hatte. Und die nächsten acht Minuten war ich praktisch jede Sekunde versucht, aufzuhören.

Was für tolle Ideen ich auf einmal hatte, welche anderen, wichtigen und sinnvollen Dinge es zu erledigen gäbe. Und gesund kann es doch auch nicht sein, mich so zu quälen. Was weiß denn mein Arzt schon …

Ich bin da sehr kreativ in solchen Momenten.

Doch dann kam der Punkt, auf den ich die ganzen vorangegangenen zehn Minuten sehnsüchtig gewartet hatte (und zehn Minuten können ja soooo lang sein). Dieser Augenblick, der bei mir früher oder später immer beim Lauftraining einsetzt.

Ich meine diesen magischen Moment, an dem die Sache immer noch megaanstrengend ist. Aber plötzlich macht die Anstrengung Spaß. Die ursprüngliche Trägheit ist überwunden, die Muskeln schmerzen nicht mehr ganz so sehr und die Welt hört auf, sich zu drehen.

Auf einmal merke ich: Ja, die Sache ist wirklich ätzend – aber du tust was für dich. Ich meine, dass ich das nicht nur irgendwie weiß. Ich spüre es in diesem Augenblick.

Sowohl körperlich als auch geistig ist das für mich immer ein erhabener Moment. Manche nennen ihn auch Flow. Man kommt bei seiner Tätigkeit in einen Fluss, der einen einfach weiter trägt.

Das Laufen wird dadurch nicht weniger anstrengend. Im Gegenteil.

Mein elektronischer Trainer steigerte die Intensität von Intervall zu Intervall. Aber siehe da, auch das schaffe ich.

Am Ende war ich wirklich am Ende.

Gleichzeitig war ich auch von diesem Gefühl durchflutet, etwas für mich getan, mich überwunden und meine Grenzen ausgetestet und ein kleines Bisschen nach außen verschoben zu haben.

Wieso schreibe ich hier so lange über das Laufen, wenn dies hier ja eigentlich ein Blog übers Schreiben ist?

Ich hole noch ein wenig weiter aus.

Einige mögen es bemerkt haben, zwei Ereignisse haben im November zumindest die Internet-Autorenblase erschüttert: erstens der NaNoWriMo und zweitens die Online Autorenmesse.

Während ich dieses Jahr beim NaNoWriMo nur passiver Zuschauer war, durfte ich bei der Online Autorenmesse dabei sein. Die Veranstalterin und Moderatorin Jurenka Jurk interviewte mich und meinen Writing Buddy Axel Hollmann.

Unter anderem stellte Jurenka uns die Frage nach dem Spaß beim Schreiben.

Ich muss gestehen, dass die Frage mich nachhaltig beschäftigt. Irgendwie verbinde ich mit dem Schreiben keinen Spaß. Zumindest nicht den Spaß, von dem die anderen alle reden.

Würde man einen Konzertpianisten fragen, ob er Spaß am Klavierspiel hat? Oder die Bundeskanzlerin, ob es ihr Spaß macht zu regieren? Hat es van Gogh Spaß gemacht zu malen?

Hm.

Mit Spaß verbinde ich zum Beispiel Kinobesuche, gesellige Abende mit Freunden oder Herumlümmeln auf der Couch nach einem langen Arbeitstag.

Aber nicht einmal Lesen, was ich nun wirklich viel und häufig tue, würde ich mit Spaß in Verbindung bringen.

Genauso würde ich, wenn denjenigen, der mich fragt, ob mir denn das Wiederaufnehmen meines Lauftrainings Spaß macht, eher mürrisch anknurren.

Oft höre ich auch den Kommentar von Nichtläufern: „Wenn Laufen so viel Spaß macht, wieso gucken dann alle Läufer im Park so verbissen und lächeln nicht die ganze Zeit?“

Ich finde, Menschen, die diese Frage stellen, haben einfach keine Ahnung, worum es bei der ganzen Sache eigentlich geht.

Ähnliche Parallelen sehe ich bei vielen Menschen, die den NaNoWriMo verteufeln: „So viele Wörter in so kurzer Zeit runterreißen? Da ginge mir der Spaß am Schreiben verloren.“

Hinter solchen Äußerungen steckt meiner Meinung nach die Überzeugung, Spaß wäre gleichbedeutend mit der Abwesenheit von negativen Gefühlen und Erfahrungen.

Diese Überzeugung teile ich nicht.

Ich fühle mich zum Schreiben getrieben. Es ist nicht so, dass ich den Eindruck habe, eine Wahl zu haben, ob ich schreibe oder nicht. Es ist einfach das, was ich tue.

Schreiben bereitet mir Einiges Kopfzerbrechen. Immer wieder bringt mich Schreiben an meine Grenzen, an Punkte, an denen ich glaube, nicht mehr weiter zu wissen und an denen ich meine Fähigkeiten – und auch meine Persönlichkeit – in Frage stelle. Das ist nicht angenehm.

All das ist sogar ganz schön anstrengend.

Aber wenn doch Schreiben keinen Spaß macht, keine Erholung in der Freizeit bedeutet und eher anstrengend ist, wieso tue ich es dann?

Weil ich Spaß an der Anstrengung habe. Weil ich spüre, wie ich mich beim Schreiben selbst herausfordere, meine Grenzen verschiebe und wachsen kann. Das ist halt nicht in jeder Phase angenehm.

Aber am Ende erfüllend.

Deswegen tue ich mich mit dem Begriff Spaß ziemlich schwer.

Vielleicht liegt es an meiner preußischen Natur, an meiner Erziehung oder was auch immer. Aber Spaß bedeutet für mich Anstrengung, Herausforderung und Entwicklung. Nicht die ständige Abwesenheit von allem, was irgendwie unangenehm ist.

Alles andere ist eher Entspannung. Die ist nicht unwichtig, sogar eher zentral, macht aber auf Dauer auch keinen Spaß.

Entfesselter Tod

Jetzt kaufen als Taschenbuch oder Kindle-E-Book bei Amazon!

Advertisements

20 Antworten auf “Schreiben ist Spaß an der Anstrengung”

  1. Du schreibst mir hier aus der Seele. Denn was du gar nicht nennst, aber ein wichtiger Teil am „Spaß an einer Sache haben“ ist Disziplin. Das hat mir der Nanowrimo gezeigt. Mit Disziplin schaffe ich etwas und das bringt mir dann Spaß bzw. Befriedigung, macht mich stolz. So wie die Disziplin beim Lauftraining dir am Ende Fitness und Spaß bringt. Liebe Grüße Monika

    Gefällt 1 Person

  2. Lieber Marcus,
    vielen Dank für diesen tollen Artikel! Schreiben ist Arbeit – es ist anstrengend und manchmal auch richtig frustrierend, aber am Ende tut es einfach nur gut. Mein Mann meinte nach dem diesjährigen NaNoWriMo, dass ich im November zwar angestrengt gewirkt habe – aber er mich zeitgleich schon lange nicht mehr so entspannt gesehen hat (die Monate vorher habe ich nur wenig geschrieben).
    Und mein Lieblingssatz in dem Artikel, weil Du es – meiner Meinung nach – so wunderbar zusammengefasst hast: „Es ist einfach das, was ich tue.“
    Viele Grüße, Nelly

    Gefällt 1 Person

  3. Sehe ich prinzipiell ähnlich. Allerdings geht es mir nicht so sehr um die Anstrengung. Wenn sich diese einstellt, muss man damit einen Umgang finden, bis es wieder leichter wird. Das ist alles. Bei mir geht es beim Schreiben zum einen um das fertige Werk, das mir vage vorschwebt, zum anderen um den anderen Zustand, in dem ich mich während des Prozesses befinde. Ein Zustand, in dem sich Zusammenhänge und Verknüpfungen zeigen, die sich ansonsten vielleicht nicht finden lassen. Das macht auch Spaß.
    Gruß, Anton

    Gefällt 1 Person

  4. Vielleicht muss man da zwischen Hobby und Leidenschaft unterscheiden.
    Hobbies machen Spaß. Wenn ich Filme gucke und mich mit ihnen beschäftige, habe ich Spaß daran, weil es ein Hobby von mir ist.
    Schreiben ist aber in deinem Fall kein Hobby, sondern eine Leidenschaft. Und die muss ja nicht in erster Linie Spaß bringen, sondern einen auf eine bestimmte Art und Weise erfüllen, was ja weit über den Spaß hinaus geht.
    Allerdings muss man dabei wohl auch die Anfänge betrachten. Wann und warum hat man mit dem Schreiben angefangen? War es nicht auch aus Spaß daran? Wenn es anfangs kein Spaß gewesen wäre, wäre man dann überhaupt dran geblieben? Wie fangen Filmemacher an? Sind die nicht auch erstmal Filmfans wie ich? Und haben die nicht auch erstmal Spaß am Filmemachen?
    Ich denke, wenn sich aus einem Hobbie so eine Leidenschaft entwickelt, dann mag es zwar anstrengend sein, aber eben auch eine Erfüllung bringen, die man sonst nirgendwo findet, wodurch man diese Anstrengung gar nicht mehr wirklich wahr nimmt.

    Gefällt 1 Person

      1. Ich denke, dadurch definiert sich eben auch eine Leidenschaft. Man tut es, weil man es tun „muss“. Weil man ohne nicht leben kann.
        Hobbies beispielsweise können sich auch ändern. Ich war mal großer Fußballfan, aber mittlerweile interessiert mich das kaum noch. Aber Leidenschaften ändern sich normalerweise nicht.
        Bei mir hat das mit dem Schreiben an sich auch schon früh angefangen. Oder sagen wir, das Geschichtenentwickeln. Das Schreiben von Geschichten im größeren Rahmen habe ich erst später für mich entdeckt, nachdem ich in anderen Bereichen versucht habe, meine Kreativität auszuleben. Die haben mich aber alle einfach nicht so erfüllt wie das Schreiben. Manchmal muss man so eine Leidenschaft wohl auch erst für sich entdecken.

        Gefällt 1 Person

  5. Hallo Marcus,

    danke für diesen tollen Artikel! Du sprichst mir ein bisschen aus der Seele. Ich schreibe nicht, weil es mir Spaß macht. Ich schreibe viel mehr, weil es mir gut tut und es das Einzige ist, bei dem ich mir immer sicher war. Der NaNoWriMo hat mich, als ich 2015 das erste Mal dran teilgenommen habe, sehr viel über mich selbst gelehrt und was Diziplin und Zeitplanung alles bewirken können. Es ist wie Sport: Man fällt am Ende ausgepauert ins Bett aber fühlt sich gut dabei. Ich tu zwar nichts für meinen Körper, aber für meine Seele damit. Den Vergleich finde ich sowieso sehr passend. An manchen Tagen muss ich mich regelrecht dazu zwingen etwas zu tun – aber hinterher bin ich froh es getan zu haben. Der Spaß an der Sache sollte natürlich nicht komplett verloren gehen, finde ich, auch wenn er bei meinen „eigenen“ Geschichten eher zweitranging ist. Für Spaß schreibe ich Fanfiktions und die auch wirklich nur wenn ich dazu Lust habe und höre auf, wenn ich keine Lust mehr habe und es mir keinen Spaß mehr macht.
    Jemand hat mir mal gesagt: Schreiben – solange du nicht davon Leben kannst – ist als hättest du zwei Jobs bis an dein Lebensende, nur das du für einen nicht (oder schlecht) bezahlt wirst.

    Gefällt 1 Person

    1. Den Vergleich mit den zwei Jobs finde ich auch gut. Ja, so sehe ich das. Wobei ich ja auch nicht behaupten würde, dass mir mein Erstjob nie Spaß machen würde. Nur ist er auch nicht unbedingt das erste, woran ich denke, wenn es darum geht, Spaß zu haben.

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s