Warum ich Selfpublisher geworden bin

warum ich selfpublisher geworden bin

Vor ziemlich genau fünf Jahren habe ich an dieser Stelle einen Beitrag darüber verfasst, warum ich mich (noch) gegen den Selbstverlag entscheide. Inzwischen ist von mir nicht nur die Novelle »Lelana« im Selfpublishing erschienen, sondern auch mein neuer Roman »Entfesselter Tod«. Ich bin sogar dem deutschen Selfpublisherverband beigetreten. Was hat mich dazu bewogen, meine Meinung zu ändern?

Zunächst einmal muss ich gestehen, dass meine Vorurteile gegenüber dem Selfpublishing ganz typisch entstanden sind: Ich habe etwas abgelehnt, ohne es selbst zuvor gemacht zu haben.

Deswegen war »Lelana« für mich ein wichtiger Schritt, den ich auch ganz bewusst gegangen bin. »Lelana« ist ja eine Novelle. Das Risiko und der Zeitaufwand waren also überschaubarer als bei einem Romanprojekt. Und das Experiment hatte mir gezeigt: Ja, Selfpublishing hat seine Nachteile – aber eben auch Vorteile. Genauso, wie die Veröffentlichung in Zusammenarbeit mit einem Verlag.

Seit »Lelana« hat es mich schließlich gereizt, den Schritt zu wagen, auch eine größeres Projekt im Selfpublishing zu verwirklichen. Das Manuskript von »Entfesselter Tod« kam mir da sehr gelegen.

Als frühes Fazit kann ich folgende Punkte festhalten, die mich vom Selfpublishing überzeugt haben:

1. Selfpublishing gehört die Zukunft

Ich bin der festen Überzeugung, dass sich Selfpublishing in einem noch größeren Maße verbreiten wird, als es bereits der Fall ist. Der Weg zum Selfpublishing wird immer einfacher. Die Angebote für Selfpublisher werden immer besser und günstiger.

Verlage erfüllen viele wichtige Funktionen auf dem Buchmarkt und werden das auch in Zukunft noch weiter tun. Ich denke allerdings, dass sie auf lange Sicht eine entscheidende verlieren werden – und zwar die des Gatekeepers.

Bisher ist bzw. war es so, dass die Verlagslektoren darüber entschieden habe, welche Projekte ins Programm übernommen werden und welche nicht. Das bedeutet, dass sie nach ihren Maßstäben entscheiden mussten, welches Manuskript Potenzial hat und welche Autorin gut genug ist, um veröffentlich zu werden.

Inzwischen ist immer häufiger zu beobachten, dass Verlage erfolgreiche Selfpublisher unter Vertrag nehmen. Eine logische Entwicklung. Statt risikoreich selbst Autorinnen aufzubauen, können Verlage dank Selfpublishing in der Praxis sehen, was funktioniert, um dann die vielversprechendsten Kandidatinnen ins Programm zu nehmen.

Anstatt eine zentrale Person darüber entscheiden zu lassen, wer veröffentlichenswert ist und wer nicht, wird dieser Prozess auf absehbare Zeit sozusagen demokratisiert. Das passt in eine liberale Gesellschaft, die aus selbstbestimmten Menschen bestehen, die für sich entscheiden können, was sie gerne lesen. Ich bin ein großer Fan der liberalen Gesellschaft und selbstbestimmter Menschen.

2. Sooooooo schwierig und zeitaufwändig ist Selfpublishing nun auch wieder nicht – und es lohnt sich

Ja, es kostet Ressourcen, sich mit Selfpublishing zu beschäftigen, die für das Schreiben verlorengehen. Das lässt sich nicht beschönigen. Die Frage ist allerdings, was man dafür im Gegenzug erhält.

Rückblickend bereue ich es nicht, mich mit Selfpublishing beschäftigt zu haben. Im Gegenteil. Es hat mir großen Spaß gemacht und ich habe eine Menge gelernt.

Am Ende ist Selfpublishing ein wichtiger Teil der Digitalisierung. Sich mit dieser nicht auseinanderzusetzen, halte ich für einen großen Fehler. Denn ich bin überzeugt, dass sie unser aller Leben noch viel, viel massiver beeinflussen wird, als wir das jetzt noch für möglich halten.

Mit dem Federkiel im stillen Kämmerlein seine Manuskript auf Pergament zu kritzeln mag aus verschiedenen Gründen seinen Reiz haben – aber auf diese Weise läuft man Gefahr, die wichtigsten Entwicklungen auf dem Buchmarkt zu verpassen.

Als Selfpublisher erwirbt man Fähigkeiten und Know How, das auch jenseits der Autorinnentätigkeit wertvoll ist. Das ist mir auf jeden Fall die Zeit wert.

Abgesehen davon sind all die Tätigkeiten, die man als Selfpublisher neben dem Schreiben ausüben muss, auch keine Hexerei. Es gibt viele Angebote und viel nutzerfreundliche Software, die einem das Leben da sehr leicht machen können.

3. Alle Autorinnen werden zunehmend auch Selfpublisher sein

Niemand wird auf Dauer von dieser Entwicklung verschont bleiben. Die Verlagsautorin, die nur noch schreibt und sich darauf verlässt, dass der Verlag Lektorat, Korrektorat, Coverdesign, Marketing, Vertriebswege usw. schon in seinem Sinne erledigt, ist ein Auslaufmodell wie der VW Diesel.

Ja, es gibt sie noch. Aber diese Autorinnen werden zunehmend aus der Welt der Bücher verschwinden.

Als Nachwuchsautorin wird auch schon heute von Verlagsseite erwartet, in all diesen Bereichen kräftig mitzumischen. Und je mehr Ahnung man von Verlagsdingen hat, desto besser.

Verlage werden sich in Zukunft immer mehr darauf verlassen, dass ihre Autorinnen zum Beispiel auch kompetent darin sind, sich in den sozialen Medien zu bewegen. Der Unterschied zwischen Selfpublishern und Verlagsautorinnen, aber auch klassischen Verlagen, E-Book-Verlagen, digitalen Imprints und Print on Demand wird immer weiter verschwimmen.

Autorinnen werden in Zukunft vermehrt Hybridautorinnen sein, die sowohl selbst ihre Bücher verlegen, als auch mit Verlagen zusammenarbeiten.

Dieser Themenkomplex bildet das Umfeld, in dem sich Autorinnen eigentlich auch schon heute bewegen müssen. Deswegen sollte man sich damit auch auskennen und wissen, was man tut.

Entfesselter Tod Preview Klappentext

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16 Antworten auf “Warum ich Selfpublisher geworden bin”

  1. Hallo Marcus,

    und genau diese Erkenntnis bestärkt mich meinen Selbstverlag umzusetzen. Wenn ohnehin die eigentliche Arbeit am Autor verbleibt, dann leuchtet die Übernahme eines Verlages nicht mehr ein, der dann ohne viel Zutun das 2-3 fache der Tantiemen des Autors erhält. Und das für welche Gegenleistung?
    Sicher, das finanzielle Risiko trägt man dann nicht. Aber wenn man ehrlich ist: hat man die Marketingmaschinerie richtig angeschmissen, sind die Kosten relativ schnell wieder drin.

    VG
    Andreas

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    1. Zur Verteidigung der Verlage: Noch haben sie den Vorteil, dass sie dich in den Buchhandel bringen können, was dir als Selfpublisher weniger gelingen wird. Hinzu kommt, dass das Übernehmen des finanziellen Risikos nun auch nicht gerade ein kleiner Beitrag ist. Man muss da schon eine ganze Menge Bücher verkaufen, um seine Kosten wieder reinzukriegen. Von Gewinn ganz zu schweigen.

      Last but not least: Prestige. Die meisten Menschen beeindruckt es mehr, wenn du sagen kannst: XY hat mich verlegt.

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  2. Was mich interessiert: Fühlst du dich auf diesem Weg sicherer, weil du zuvor die Verlagserfahrung gemacht hast und dir so ja auch schon Leser gewinnen konntest? Und wirst du in einigen Monaten vielleicht davon berichten, wie sich beide Wege unterscheiden, wenn es um den erfolgreichen Absatz der Romane geht?
    Davon ab aber: Viel Erfolg 🙂

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    1. Vielen Dank für die Erfolgswünsche.

      Ich kann schwer beurteilen, wie ich mich fühlen würde, wenn ich nicht zuvor in Zusammenarbeit mit Midnight veröffentlicht hätte.

      Ob ich durch den Verlag neue Leser gewonnen habe, die mich jenseits meiner Social-Media-Tätigkeiten oder der SD noch nicht kannten, weiß ich nicht.

      Vielleicht werde ich darüber berichten. Mal schauen. Hängt davon ab, ob es sich zu berichten lohnt.

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  3. Lesenswerter Blogpost, reich an Erfahrung. Mir fehlen ein wenig die zahlreichen kleinen und engagierten Independent-Verlage. Wo würdest Du diese in Deiner Gegenüberstellung Selfpublishing vs. Verlage verorten?

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  4. Das glaube ich zwar auch, dass sich Selfpublishing langfristig mehr und mehr behaupten wird, aber ich störe mich an dem Begriff „demokratisieren“. Das ist doch Quatsch zu glauben, der Leser/die Leserin entscheide über den Erfolg (Erfolg=Verkäufe) eines Buches. Es ist doch wohl vielmehr so, dass es wie bei einem Verlag auch, vermarktet werden muss! Es muss sichtbar sein in der Fülle der restlichen selbstveröffentlichten Werke (und nicht nur der). Vermarktung um Sichtbarkeit und Kaufinteresse zu induzieren war früher ausschlaggebend, ist es heute genauso, und wird sich auch nicht ändern. Und was Marketing mit Selbstbestimmung zu tun hat, möchte ich auch mal wissen … Das gilt übrigens für beide Seiten: ich will (oder muss) doch verkaufen, was anderen gefällt und kaufe doch nur, was ich wahrnehmen kann, also, was mir im bequemsten Fall als für mich richtig vorgesetzt wird – durch das Marketing, denn dafür ist es da.
    Das war jetzt nich böse gemeint, nur ich sehe das anders bzw. verstehe es nicht.

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  5. Zu Punkt 1: Ich glaube das gilt vor allem für nicht englischsprachige Autoren. Für Verlage ist das Risiko Verluste zu machen viel geringer, wenn sie einfach schon erfolgreiche Bücher übersetzten statt neue Autoren aufzubauen. Man muss sich nur mal den riesigen YA Markt ansehen der komplett vom Ausland dominiert wird. Die einzige deutsche und erfolgreiche YA Serie ist die Edelstein-Triologie.

    „Warum ich Selfpublisher geworden bin“
    Du nennst gute Gründe, aber wenn jetzt Heyne, Bastei Lübbe, Droemer, .. ankommen würden und dich unter Vertrag nehmen wollen, würdest du immer noch selbst verlegen?

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    1. Kommt natürlich ein bisschen auf die Konditionen an, aber so prinzipiell wäre ich gerne bei einem Publikumsverlag. Das ist ja auch keine Entweder-Oder-Geschichte. Ein Buch – öde eine Reihe – bei einem Verlag unterzubringen und zu veröffentlichen, kann ja viel bewirken. Das heißt dann ja nicht, dass der Verlag dann auch das nächste Buch oder die nächste Reihe verlegen will.

      Ich vermute wirklich, dass Hybrid-Autoren das Modell der mittelbaren Zukunft sind. Einige machen das ja bereits. Und die sagen sinngemäß: Die Reichweite erlangen sie über den Verlag. Das meiste Geld verdienen sie als Selfpublisher.

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  6. Für mich hat ein Verlag vor allem 2 Vorteile.

    1. Jemand mit Expertise und Erfahrung findet mei Werk so gut, dass er bereit ist, dafür Geld zu bevorschussen. Das ist gut fürs Ego und für die Sicherheit, die jungen Autoren oft fehlt.

    2. Und das schreibst Du bereits: Der Buchhandel. Aktuell (!) ist der Buchhandel vor Ort noch das Medium der Wahl. Ich gehe davon aus, dass sich dieses Verhältnis in den künftigen Generationen verschieben wird, aber noch werden Bücher dort besonders gut verkauft.

    Der dritte Vorteil ist einfach mehr Zeit fürs Schreiben. Aber wenn ich sehe, wie schnell man diese Zeit woanders vertrödelt, kann man sicherlich auch durch besseres Zeitmanagement noch einiges herausholen.

    Selfpublishing ist, wie in deinem Fall, dann natürlich interessant, wenn die Verlagszustimmung schon vorliegt. Dann hat es die Vorteile der vollen Kontrolle, dass die eigene Kreativität hinaus gepustet werden kann, Schnelligkeit und und und.

    Mir würde ein Verlag reichen, der ein Lektorat, Buchsatz und ein Cover macht und mir den Rest überlässt. Vielleicht liegt da ein Modell der Zukunft: Keine Vollverlage, sondern Hybridverlage, die nur diese Kosten wieder reinspielen plus ein wenig Gewinn. Die Digital Imprints gehen ja in diese Richtung, wobei ich vermute, das dort die Vergütungsmodelle nicht hinreichend gut sind.

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    1. Du sagst es: Ich denk Hybridautorinnen sind zumindest in der nahen Zukunft das Modell der Wahl. Ich hätte den Selfpublishing-Schritt auch nicht gewagt, wenn es zuvor nicht das Feedback von Ullstein gegeben hätte.

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  7. Spannend. Ich bin insofern interessiert, weil ich einen Verlag suche. Da ich die deutsche Sprache nicht 100% beherrsche, zumindest nicht für ein Buch zu veröffentliche, aber ich doch in Deutsch veröffentlichen will, versuche ich Information zu finden. So habe ich dieses Blog entdeckt und bleibe gerne dabei. Viel Erfolg, Marcus!

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