Warum Antihelden immer beliebter werden

Warum Antihelden immer beliebter werden

Erneut freue ich mich über einen Gastbeitrag des Horror-Experten John Paxing. Ich bin heilfroh, dass mir dieses Thema von einem Gastautor abgenommen wird, da ich bisher geglaubt habe, mit Anti-Helden nichts anfangen zu können. Diese aufschlussreiche Beitrag bringt mich allerdings zum Nachdenken. Vielen Dank dafür.

In klassischen Geschichten sind Helden normalerweise die Guten, und Bösewichte.. Nun ja, die Bösen. Dabei ist der Archetyp des »guten Helden« natürlich eine Illusion. Niemand ist einfach nur »gut«.

Ich meine, ich kenne richtig gute Menschen – absolut selbstlose, nette, hilfsbereite, gute Leute – aber selbst die haben irgend etwas an sich, das ich nicht gut heiße. Scheinbar funktioniert das Leben nicht ohne schlechte Eigenschaften. Und ich will auch beim Lesen, Fernsehen oder Computerspielen längst keinen Protagonisten mehr zuschauen, die einfach nur »gut« sind.

Die Entwicklungen in Fernsehen und Kino zeigen am deutlichsten, dass wir uns immer mehr Antihelden wünschen. Mit »Antihelden« meine ich Protagonisten, deren negative Eigenschaften absichtlich ausgearbeitet werden. Dr. House, Batman (der in »The Dark Knight«) und Max Payne sind solche Helden. Sie lassen Charakterzüge geradezu heraushängen, die eigentlich als unsympathisch gelten.

Dazu zählen Narzissmus (Selbstverliebtheit), Psychopathie (manipulatives, kaltblütiges Verhalten) und Machiavellismus (das eigene Ziel ohne jede Rücksicht und Moral verfolgen, über Leichen gehen). In der Evolutionspsychologie werden diese drei Persönlichkeitstypen als die »Dunkle Triade«* zusammengefasst, und sie gehören zu den unbeliebtesten Charakterzügen überhaupt.

Der bekannteste Antiheld ist vielleicht James Bond. Er bricht regelmäßig das Gesetz, er hat sogar die »Lizenz zum Töten«. Das macht ihn zu einer Ausnahme, zu einem, der über dem Rest der Gesellschaft steht. Er lebt jenseits des »Guten« und »Schlechten«, an dem die anderen sich orientieren sollen. Nur durch seine knallharte, manipulative Art schafft er jede Mission. Ganz klar ist er kein Held mit positiven Qualitäten wie Nächstenliebe, Fairness und Achtung vor anderen. Man kann ihn getrost psychopathisch nennen – wie sonst sollte er nachts ruhig schlafen können? So ähnlich ergeht es dem Punisher, Wolverine und Dexter.

Die Wissenschaft wundert sich, dass wir heute so auf Antihelden stehen, die Eigenschaften der »Dunklen Triade« verkörpern. Denn »schlechte« Menschen – also solche, die gegen bestimmte Regeln verstoßen – werden normalerweise aus der Gesellschaft ausgestoßen. Sie verhalten sich nicht kooperativ. Sie sind egoistisch und richten Schaden an, und deshalb mag sie auch keiner – aus Selbstschutz.

Um in einer Gruppe miteinander klar zu kommen, haben sich bei uns starke Sympathien und Antipathien für bestimmte Verhaltensweisen über den Lauf der Evolution verinnerlicht. Wir haben die Kategorien »Gut« und »Böse« entwickelt, an deren Vorbild sich Gesetze, Moral und Erziehung orientieren. Das Resultat: Jeder gesunde Mensch reagiert emotional ziemlich stark auf Menschen, die sich »asozial« verhalten.

Warum also wünschen wir uns Helden, die ihre schlechten Eigenschaften so offen zeigen? Warum fühlen wir uns mit Antihelden mehr verbunden als mit archetypischen, guten Helden?

Ein Teil der Antwort ist einfach: Natürlich steckt in jedem von uns eine dunkle Seite. Ich bin regelmäßig egoistisch, ich fluche verdammt viel und bin impulsiv, und sicher habe ich auch mal gegen das Gesetz verstoßen. Protagonisten, die keine Spur solcher negativen Eigenschaften besitzen, sind einfach nicht lebensecht und mit ihnen kann man sich schlechter identifizieren. Aber vor Allem werde ich mit ihnen nicht warm, weil sie keine ehrliche Verbindung zu sich zulassen:

Jemandem verbunden zu sein, eine Beziehung zu haben, bedeutet letztlich, sich verletzlich zu machen. Zu perfekte, fehlerfreie Menschen machen mich skeptisch. Irgendetwas scheinen sie zu verbergen, und ich kann sie nie richtig einschätzen. Zeigt mir jemand nicht sein wahres Gesicht, dann bleibt als Konsequenz auch die Beziehung oberflächlich.

Wenn ich aber jemandem mehr von mir preisgebe, inklusive meiner schlechten Eigenschaften und Unzulänglichkeiten, zeige ich damit Vertrauen: Ich vertraue darauf, dass der andere mich nicht verstößt, obwohl ich fehlerhaft bin. Und dass ich dieses Risiko eingehe beweist, dass ich eine echte Beziehung mit ihm möchte.

Deshalb sind Antihelden, die ihre negativen Eigenschaften zeigen, und sich damit verletzbarer, nahbarer und ehrlicher machen, sympathischer als Helden, die einfach nur gut und perfekt sind. Man kann mit ihnen potentiell echte, menschliche Beziehungen eingehen – eines der wichtigsten Dinge, auf denen unser Leben beruht.

Als Schlusswort möchte ich hierzu einen Gedanken zusammenfassen, den ich kürzlich in einer sehr interessanten Dokumentation (»Indie Game: the Movie«) gehört habe:

»Auf Hochglanz polierte, idealisierte Nachahmungen, ohne Macken und Kanten, sind unpersönlich. Wenn etwas dich berühren soll, persönlich werden soll, dann braucht es Macken, Fehler und eine gewisse Verletzlichkeit. Wenn du jemanden betrachtest und keine Verletzlichkeit in ihm entdeckst, dann ist deine Beziehung zu dieser Person wahrscheinlich nicht besonders tiefgründig.«

Als weiterführende Lektüre zum Thema »Evolution von gutem und bösem Verhalten« und »Antihelden in Geschichten« kann ich diesen Artikel empfehlen:

*»The Antihero in Popular Culture: Life History Theory and the Dark Triad Personality Traits« von Peter K. Jonason et al., University of Western Sydney, Australien. Review of General Psychology © 2012 American Psychological Association (2012), 16:2, 192–199. DOI: 10.1037/a0027914

 

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15 Gedanken zu “Warum Antihelden immer beliebter werden

  1. Vielen Dank für den spannenden Artikel. Interessanterweise wäre ich nie auf die Idee gekommen, Bond (und sogar Batman) als Antihelden zu bezeichnen: Immerhin überwiegt bei denen eindeutig das Gute. Bond rettet die Welt, kämpft fürs Vaterland, und Batman ist zwar dunkel, aber eben auch ein Ritter 🙂 Diese Helden kämpfen zwar mit ihren Dämonen, versuchen aber „gut“ zu sein. Für mich ist ein Antiheld einer, bei dem das „Böse“ deutlicher überwiegt, ein talentierter Mister Ripley etwa. Jemand, dem Konventionen egal sind, ein Mörder und Co (Batman z.B. tötet nicht). Und ob es heute mehr zerissene Charaktere gibt als früher? Ich denke da etwa an Hesses Steppenwolf oder Hugos Jean Valjean, an den Grafen von Monte Christo, Kafkas Antihelden, an Shakespears des Handeln unfähigen Hamlet und und und … Wirklich sehr anregende Gedanken – abermals meinen herzlichen Dank!

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      • Batman tötet? Seit wann das denn? Wurde das in den unzähligen Neuerungen von DC Rebirth, New 52 etc. pp. eingeführt? Zu meiner Zeit wurde diese „Schwäche“ von Batman unzählige Male thematisiert, etwa in Frank Millers „Rückkehr des Dunklen Ritters“ – er kann nicht mal seinen Erzfeind Joker besiegen, weil er eben nicht töten kann und will. Falls Du da Infos für mich hättest, wie und wann sich das geändert hat, wäre ich sehr interessiert.

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  2. Zum Thema *zu glatte Helden sind unpersönlich und langweilig*: In der Verfilmung von ‚‚Starship Troopers“ spielt Denise Richards die Rolle der Carmen Ibanez, die derart glatt und überzogen positiv gezeichnet ist, dass sie mir schon wieder fürchterlich streberhaft und zu langweilig vorkommt, um glaubwürdig zu sein. Passt perfekt zu deinem Punkt!

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  3. Ich persönliche sehe das ja auch im historischem Kontext. Der Archetypus des strahlenden Ritters wurde zum Beispiel erst im Mittelalter großflächig verwendet, während die Helden der antiken Epen nicht unbedingt diejenigen sind, denen man Nachts begegnen möchte.

    Interessant in diesem Zusammenhang ist auch, dass die Comics früher, als zwischen 1950 und 1990 (Keine Anrecht auf Richtigkeit der Jahrzahlen) sogar gesetzliche (USA) dazu verpflichtet wurden. eine Art Bildungsauftrag zu erfüllen. Bzw durften sie ansonsten nicht ohne weiteres verkauft werden. Details finden sich in Wikipedia.

    Antihelden treten auch, besonders in der Filmindustrie, wieder mehr in den Vordergrund da sie sich einfacher mit dem scheinbar heute nötigen Gewaltorgien vereinbaren lassen. Wenn in einem Film mal niemand den Kopf verliert, ists doch fast schon eine Kinderfilm.

    So spiegelt der Antiheld wohl auch die Verrohung der Gesellschaft, die Gewöhnung an Gewalt und das fehlen von rechtschaffenden Vorbildern wieder.

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