Es sind die Figuren, Dummkopf!

Es sind die Figuren, Dummkopf!

Bill Clinton gewann 1992 die Wahlen zum US-Präsidenten mit dem Slogan »It’s the economy, stupid!« (»Es ist die Wirtschaft, Dummkopf!«). Etwas allgemeiner ausgedrückt war er also mit einem Motto erfolgreich, das darauf abzielte, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, das den Menschen wichtig ist und sie wirklich bewegt.

In diesem Sinne gilt für Romanautorinnen: »Es sind die Figuren, Dummkopf!«

Einen Roman zu schreiben ist mindestens genauso kompliziert, wie das Führen eines Staates. Wie auch die Politik besteht ein Roman aus vielen, kleinen Bausteinen, die alle zusammenpassen müssen: Sprache, Plot, Atmosphäre, Spannung, Schauplätze usw.

Und wie auch Politikerinnen können sich Romanautorinnen schnell in den vielen, kleinen – und wichtigen – Details verlieren und das Große Ganze aus den Augen verlieren.

Auf das Romanschreiben bezogen bedeutet das: Was Menschen wirklich interessiert, sind andere Menschen. Deswegen sind die Figuren das, was alle an einem Roman am meisten mögen.

Das wird bei einigen Romanen schon alleine dadurch deutlich, dass die Helden der Geschichte auch im Titel stehen, von »Tom Sawyer« bis »Harry Potter«.

Terry Pratchett meinte einmal, dass er häufig gefragt wurde, doch mal wieder einen Roman mit Rincewind oder Granny Wetterwachs zu schreiben. Man merke: Er hatte nicht darüber berichtet, dass er häufig gefragt wurde, doch mal einen Roman über die moderne Kommunikationstechnik zu schreiben, sondern darüber, dass seine Leserinnen mehr über die Figuren erfahren wollten, die ihnen ans Herz gewachsen waren.

Das Thema eines Romans ist nicht unwichtig. Spannung, Sprache, Plot – das sind alles keine bedeutungslosen Details. Aber im eigentlichen Fokus der Aufmerksamkeit müssen die Figuren stehen.

Mit ihnen solltest du dir am meisten Mühe geben. Erschaffe Figuren, die mitreißend und rund sind, zu denen Leserinnen eine Beziehung aufbauen – mit anderen Worten: die sie in ihr Herz schließen können.

Es gibt sehr viele verschiedene Wege, Figuren für einen Roman zu gestalten. Ganz gleich, wie du zu deinen Figuren kommst – am Ende müssen sie vor allem auf die Bedürfnisse deines Zielpublikums zugeschnitten sein.

Dan Brown (»Sakrileg«, »Inferno«) beispielsweise charakterisiert seinen Serienhelden Robert Langdon bewusst sparsam. Seine Romane sind im Prinzip Rätsel, die die Leserinnen und Leser dazu einladen sollen, mitzuraten. Würde Langdon zu markant sein, dann würde er nicht mehr als Identifikationsfigur, quasi wie eine Art Avatar im Computerspiel, funktionieren. Trotzdem besitzt er ein paar Eigenschaften, die so grundlegend und einladend sind, dass ein Großteil der Menschen sich mit ihm identifizieren kann: Er ist kompetent, verletzlich, gibt nie auf, hat Humor und ist attraktiv für das andere Geschlecht.

Chris Carter hat mit Robert Hunter eine Art James Bond erfunden. Hunter ist körperlich topfit und besitzt gleichzeitig Doktortitel. Er hat Erfolg bei den Frauen und ist einer der besten Polizisten, die es je gab. Mit anderen Worten: Er ist ein Universalgenie im Körper eines Olympiasiegers. Hunter lädt also nicht nur zur Wunscherfüllung ein, sondern erhöht dazu noch den Thrill für die Leserinnen und Leser. Wenn schon so ein Supermann den blutrünstigen Serienkillern kaum Einhalt gebieten kann – wie soll es dann erst uns Normalos ergehen?

Harry Potter ist (in den ersten Romanen der Serie) ein mitleiderregender Junge. Er fühlt sich genauso machtlos der Welt der Erwachsenen ausgeliefert, wie es nun einmal Kinder und Jugendliche tun. Das ermöglicht es dem Zielpublikum, eine Verbindung zu ihm aufzubauen. Gleichzeitig ist Harry aber auch der größte Magier aller Zeiten. Das ist natürlich Wunscherfüllung. Harry vermittelt den Leserinnen den Glauben daran, dass auch sie wichtig sein können und in ihnen ebenfalls große Talente schlummern.

Keine Figur lebt für sich allein. Wenn die Figuren im Fokus stehen, dann stehen auch ihre Beziehungen im Fokus. Freundschaft, Liebe und Partnerschaft sind zentrale Themen, über die die Menschen einfach gerne lesen.

Robert Langdon hat in jedem Roman eine Love Interest, also eine weibliche Beziehungsfigur. Auch wenn es in Browns Romanen eher weniger zu Romanzen kommt, so gibt es doch unterschwellig immer die Frage, ob Langdon mit seinem weiblichen Sidekick mehr als nur ein Rätsel verbindet oder nicht.

Robert Hunter hat seinen treuen Partner Carlos Garcia, mit dem ihm eine tiefe Freundschaft verbindet.

Harry Potter hat mit Hermine Granger und Ron Weasley treue Freunde, mit denen er durch dick und dünn gehen kann, selbst wenn es auch immer wieder mal Streit gibt.

Gemeinsam haben alle Figuren, dass wir sie in unser Herz schließen, mit ihnen mitfiebern und uns noch Jahre später an sie erinnern, wenn wir viele Details der Handlung eines Romans bereits vergessen haben.

Solche Figuren brauchst du für deinen Roman. Also solltest du dir mit ihnen wirklich viel Mühe geben.

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12 Gedanken zu “Es sind die Figuren, Dummkopf!

  1. Da ist es ja nur logisch, dass Clinton jetzt auch unter die Schriftsteller geht – zusammen mit James Patterson 🙂 Also auf diesen Thriller bin ich jedenfalls jetzt schon gespannt. Topic: Vielen Dank für diese Erinnerung. Ich denke auch, dass man’s kaum Übertreiben kann mit dem Insestieren auf Figuren-Schöpfung. Mit Dank und Grüßen!

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  2. Absolut richtig! Manchmal geht es ja sogar soweit, dass man die fiktiven Roman-Figuren fast schon für echte Menschen hält. Bei Stephen Kings „The Stand“ erging es mir mit Stuart Redman so, dass ich mich nach dem Lesen und dem mehrfachen Anhören der ungekürzten Geschichte als Hörbuch immer wieder fragte, was der wohl gerade mache… Und Stephen King berichtet ja selbst an mehreren Stellen in den Vorworten seiner Bücher, dass ihn Fans auf das Schicksal des einen oder anderen Charakters ansprechen. Gerade so, als wären es lebendige Menschen! Beeindruckend, wie gut die jeweilige Figur gefasst sein muss, um ein derart starkes Interesse an ihrem weiteren Leben zu erzeugen, so fiktiv es auch sein mochte.

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  3. Bei allem Respekt für das Handwerk des Schreibens, so denke ich doch, dass die Führung eines Staates eine weit größere Herausforderung ist, als einen Roman zu schreiben.
    Natürlich davon ausgegangen, dass das Staatsoberhaupt sich auch Mühe gibt.

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      • Klar, man kann alles sehr komplex angehen. Tolkiens Arbeit ist/war sicherlich ein sehr komplexes Unterfangen. Und dennoch glaube ich, dass man bei einem Roman deutlich weniger bedenken muss als bei einem Staat, weil man auch einfach viel weniger thematisiert/thematisieren kann, was ja auch gut ist. Klar hat man viele Sachen, die man bedenken muss, aber davon, einen Teil der Menschheit anzuführen, ist es denke ich dennoch weit weg.
        Es sei denn man schreibt eine Staatssimulation vielleicht?

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  4. Figuren sind das wichtigste, sie sollten einen unverwechselbaren Charakter haben. Die hier vorgestellten Figuren scheinen mir doch etwas zu beliebig zu sein, so wie du sie hier beschrieben hast. Erst das Konkrete, das Eigene und das Unverwechselbare macht sie wirklich faszinierend und liebenswert. Die Details sind wichtig.

    Welcher Text handelt nicht von Beziehungen, Freundschaft und Liebe? Sorry, das ist in fast jedem Text drin. Themen machen das Ganze speziell: Wie verändern sich Beziehungen, Freundschaft und Liebe durch die neuen Kommunikationsmittel? Darum sind Themen wichtig.

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