Wieso das, was du nicht schreibst, genauso wichtig ist, wie das, was du schreibst

Wieso das, was du nicht schreibst, genauso wichtig ist, wie das, was du schreibst

Bücher, die aus Bleiwüsten bestehen, lese ich nicht. Autorinnen solcher Bücher sind das Äquivalent zu einer Gesprächspartnerin, die mich nicht zu Wort kommen lässt. Tatsächlich finde ich, dass der Leerraum eines Textes mindestens genauso wichtig ist, wie der Text. Und das liegt nicht nur daran, dass viele Absätze, ein großzügiger Zeilenabstand, große Buchstaben und ein breiter Rand angenehm fürs Auge sind.

Ja, manchmal sind nicht Autorinnen, sondern Verlage dafür verantwortlich, dass ein Buch zu einer Bleiwüste wird. Auch manche Selfpublisher haben das Problem, dass sie Druckkosten sparen müssen und sich dann entscheiden, kleine Buchstaben mit einem geringen Zeilenabstand und schmalen Rand zu wählen, damit sie einen akzeptablen Verkaufspreis für ein Buch wählen können.

Aber das meine ich nicht. Selbst ein eng bedrucktes Buch kann viel Weiß lassen. Nämlich durch kurze Sätze und viele Absätze.

Kurze Sätze und viele Absätze verraten mir in der Regel über einen Text – ohne dass ich den Inhalt kennen muss -, dass dessen Autorin an die Leserinnen denkt. Autorinnen, die ihre Texte auf diese Weise verfassen, wissen, dass Texte ihre Wirkung nicht dadurch entfalten, dass sie möglichst viel auf möglichst engem Raum mitteilen.

Ein wirklich guter Text kann mit wenig Worten einen Gedanken, ein Gefühl oder ein inneres Bild bei der Leserin auslösen, weil es genau die richtigen Worte sind, die die Fantasie befeuern.

Herausragende Autorinnen vertrauen auf ihre Leserinnen, dass sie mitdenken und mitfühlen und mit ihrer Fantasie ergänzen, was weggelassen wird. Die besten Texte stehen nicht auf dem Papier, sondern entstehen im Kopf der Leserinnen.

Je besser die Autorin, desto weniger Worte benötigt sie, um eine große Wirkung zu erzielen.

Eine der berührendsten Geschichten ist für mich Ernest Hemingways Kürzestgeschichte:

»Zu verkaufen:

Babyschuhe. Nie getragen.«

Das ist nicht etwa der Titel der Geschichte.

Es ist die Geschichte.

Sie entfaltet ihre Wirkung nicht dadurch, dass Leserinnen möglichst viel Informationen erhalten, sondern nur die allernotwendigsten. Eigentlich besteht sie nur aus Stichworten und einem Absatz. Die Geschichte dahinter entsteht in der Fantasie der Leserinnen.

Hemingway hat es nicht nötig, Leserinnen zu zeigen, wie genial er Sätze verschachteln, Metaphern erfinden oder eindeutig beschreiben kann. Er vertraut seinem Publikum. Es kann die Geschichte hinter den wenigen, sehr geschickt und bewusst gesetzten Worten selbst ergänzen.

Eine wirklich gute Autorin schreibt für meine Begriffe ihre Texte nicht, damit die Leserin darüber staunen kann, wie genial sie ist, sondern, damit die Leserin beim Lesen merkt, wie genial sie eigentlich selbst ist.

Eine wirklich gute Autorin lässt alles weg, was nur dazu dient, das eigene Können zu beweisen und damit aber die Fantasie ihrer Leserin einengt.

Eine wirklich gute Autorin vertraut darauf, dass sich ihre Leserin das Meiste selbst ausmalen und vorstellen kann. Sie will nicht ihre Geschichte an die Leserin bringen – sie will, dass ihre Geschichte die Geschichte der Leserin wird.

Deswegen ist der Leerraum in einem Buch mindestens genauso wichtig wie der Text. Er ermöglicht es der Leserin, Pausen einzulegen und so der eigenen Muse Zeit zu geben, das Gelesene auch zu verarbeiten.

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19 Antworten auf “Wieso das, was du nicht schreibst, genauso wichtig ist, wie das, was du schreibst”

  1. Die Gabe, eine ganze Geschichte in wenigen Worten zu erzählen wie Hemingway, haben nur Wenige.
    Trotzdem möchte ich auch eine Lanze für Bleiwüsten brechen. Wenn sie gekonnt sind, wie „Das Glasperlenspiel“ von Hesse. Auch mit dem kann sich kaum einer messen.

    Beiden Texten ist zueigen, dass sie genug Leerraum für das Kopfkino lassen. Darauf kommt es an.

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  2. Wie wahr. Ich hab früher 700 Seiten Romane geschrieben und war ganz erstaunt darüber, dass man genauso viel Inhalt auf 350 Seiten bringen kann, wenn man alles streicht, was doppelt vorkommt, vorgekaut wird oder nicht essentiell wichtig ist. Ich bin trotzdem kein Freund von Geschichten, bei denen man jeden einzelnen Satz und jede Lücke analysieren muss, um sie zu verstehen.

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  3. „Die meisten Menschen haben einen heiligen Respekt vor Worten, die sie nicht begreifen können, und betrachten es als Zeichen der Oberflächlichkeit eines Autors, wenn sie ihn begreifen können.“
    Albert Einstein

    Gefällt 2 Personen

  4. Mir ist in diesem Zusammenhang gleich eine „Textstelle“ – sprich Leerstelle – eingefallen, die mich sehr berührt hat: Nach einer Trennung hat die Autorin nicht versucht in Worte zu fassen, wie leer und sinnlos sich die Protagonistin dansch gefühlt hat. Stattdessen füllte sie die nächsten drei Seiten mit den Kapitelüberschriften September, Oktober, November – und schrieb nicht einen Satz auf die sonst völlig weißen Seiten. Das fand ich damals sehr ergreifend und sagte mehr aus, als jede Beschreibung.

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