Warum wir Geschichten über wahre Helden brauchen

Warum wir Geschichten über wahre Helden brauchen

Gemischte Charaktere sind zur Zeit angesagt – also Figuren, die weder eindeutig gut noch böse sind. Sie sind realistisch und erleichtern es dem Publikum, eine Verbindung mit der Hauptfigur aufzunehmen. Denn im wahren Leben gibt es eher selten wahre Helden und niederträchtige Schurken. Trotzdem gibt es gute Gründe dafür, Geschichten mit wahren Helden als Hauptfiguren zu erzählen.

Philip Zimbardo – bekannt durch das Stanford-Prison-Experiment (sehr populär geworden dank der filmischen Umsetzung »Das Experiment«) – macht in seinem sehr bemerkenswerten Vortrag »The Psychology of Evil« deutlich, dass uns die selbe Situation zu drei verschiedenen Handlungen veranlassen kann: Wir können zum Täter werden, zum passiven Beobachter oder zum Helden.

Nehmen wir an, die Hauptfigur unseres Romans wird unvermittelt Zeuge eines Überfalls. Es ist beim Job mal wieder spät geworden, es regnet, die Straßen sind dunkel und die Luft ist schneidend kalt. Als sie die Treppe zum Bahnsteig hinabläuft, hört sie bereits verdächtige Geräusche: Stöhnen, Keuchen, dumpfe Schläge.

Auf dem Asphalt liegt ein Jugendlicher. Reglos. Zwei weitere treten auf den Bewusstlosen ein.

Drei Reaktionsmöglichkeiten definieren, ob es sich bei unserer Hauptfigur um einen Helden, einen Schurken oder einen gemischten Charakter handelt.

  1. Couragiert eilt sie dem bewusstlosen Jugendlichen zur Hilfe.
  2. Sie berauscht sich an der Gewalt, gesellt sich zu den Tätern und tritt ebenfalls auf das Opfer ein.
  3. Schon beim ersten Anzeichen für Gefahr ergreift sie die Flucht.

Hand aufs Herz: Die meisten von uns würden sich gerne wie in Alternative 1 verhalten, werden aber 3. wählen. Zum Glück werden die wenigsten Möglichkeit 2 wählen.

Wir empfinden es als befreiend, literarische Figuren bei Verhaltensweisen wie in Möglichkeit 3 zu erleben, denn unser Gewissen wird erleichtert: Ja, moralisch und zwischenmenschlich nicht gerade eine beispielhafte Handlung, aber eben menschlich.

Viele Romane, Filme und Serien bedienen sich deswegen gemischter Figuren. Wahre Helden empfinden wir als anstrengend, denn sie zeigen uns, wie wir uns verhalten sollten, es aber in der Regel nicht tun. Wir fühlen uns ertappt und in gewisser Weise beleidigt. Statt Unterhaltung bekommen wir ein schlechtes Gewissen. Viele reagieren deswegen auf Heldendarstellung mit Zynismus oder Sarkasmus und bezeichnen entsprechende Geschichten als unrealistisch oder kitschig.

Tatsächlich gibt es aber in der Realität durchaus Heldentum. Immer wieder entscheiden sich Menschen in extremen Situationen dazu, einfach das Richtige zu tun (Zimbardo nennt in seinem Vortrag selbst ein sehr eindrucksvolles Beispiel).

Wie wir uns entscheiden – zum Guten, zum Bösen oder zum Nichtstun – ist in Extremsituationen meistens kein bewusster Prozess. In der Regel übernehmen unsere Reflexe oder unsere Intuition, das über Jahrzehnte erlernte Verhalten und antrainierte Einstellungen das Handeln.

Eben das ist meiner Ansicht nach der Grund, warum es wichtig ist, Geschichten über wahre Helden zu erzählen. Nach Zimbardos Definition sind Helden eben keine Übermenschen, sondern Menschen wie du und ich, die sich in außergewöhnlichen Situation heroisch verhalten. Psychologisch ausgedrückt verhalten sie sich nicht egozentristisch, wie die meisten von uns, sondern »soziozentristisch«. Sie überwinden also ihren Selbsterhaltungstrieb oder auch nur ihre Bequemlichkeit, um anderen zu helfen.

Die Grundlage dafür, dass Menschen sich soziozentristisch verhalten können, nennt Zimbardo »heroische Imagination«. Sind wir in unserer Selbstwahrnehmung eher Schurken oder gemischte Figuren – oder haben wir das Bild von uns, dass wir Helden sind, die nur auf eine Gelegenheit warten, ihr Heldentum auch in der Realität unter Beweis zu stellen.

Nach Philip Zimbardo ist die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen in einer extremen Situation das Richtige tun, umso höher, je ausgeprägter ihre heroische Imagination ist. Hier sehe ich den Ansatzpunkt, die übergeordnete moralische Aufgabe von Autoren von Thrillern, Krimis und entsprechenden TV-Shows oder Filmen: Es ist wichtig, den Zynismus und Sarkasmus, in den uns unser »Ego-Zentrismus« leicht verfallen lässt, zu überwinden und entgegen dem Zeitgeist immer und immer wieder die Heldenreise zu erzählen.

So können unsere Geschichten zu einem kleinen Baustein werden, im Publikum die »heroische Imagination« zu befeuern.

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14 Antworten auf “Warum wir Geschichten über wahre Helden brauchen”

  1. Sehr, sehr interessanter Beitrag – meinen herzlichen Dank. Ich kämpfe schon lange auf der Seite der „Literatur und Kunst kann die Welt sehr wohl verändern“-Anhänger, sodass ich immer begeistert bin, solche – sogar wissenschaftlich fundierten – Argumente zu finden. Nochmals meinen Dank!

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    1. Ich muss mich für dieses positive Feedback bedanken. Und für die Aufmerksamkeit.

      Ich weiß nicht, ob Literatur die Welt verändern kann. Aber mir gefällt der Gedanke, dass sie einen kleinen Beitrag dazu leist könnte, dass manche Menschen sich wenigstens in ihren positiven Einstellugen bestätigt sähen.

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      1. Eben genau das meine ich 🙂 Zum ersten Mal wirklich klar geworden ist mir diese Möglichkeit durch Rilkes „Archaischer Torso Apollos“ mit dieser spannenden Zeile: „… Du musst dein Leben ändern“. Liebe Grüße!

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  2. Ich halte das auch für sehr bedenkenswert und bin mir übrigens sicher, daß Literatur – besonders ähnliches in ausreichender Menge genossen – Realität beeinflussen kann. Allerdings muß ich noch eine Weile über den möglichen Einfluß von Heldendarstellungen nachdenken. Ich kann mich nämlich noch gut daran erinnern, daß ich mich als Kind für einen Helden gehalten habe. Ich glaube, das tun alle Kinder. Und vielleicht war ich es auch. Jedenfalls habe ich viel gekämpft als Kind – auch gegen größere Jungs für kleinere Kinder, manchmal auch einfach für meinen Stolz.

    Aber diese Selbsteinschätzung hat sich geändert, als mir klarwurde, daß ich eher ein vorsichtiger Typ bin und v.a. ungern Dinge riskiere, die mir wirklich wichtig sind. Ich überlege also, was Erwachsene dazu bringt, keine Helden mehr zu sein. Das Gefühl, etwas oder mehr zu verlieren zu haben? Ein ausgeprägteres Bewußtsein für die Risiken? Verantwortungsgefühl für ggf. betroffene Angehörige, wenn man sich umbringen läßt (ist couragierten Leuten Szenen wie der beschriebenen ja auch schon passiert)? Bequemlichkeit? Angelernte Indifferenz, weil sich um unsere Probleme ja auch niemand schert außer uns selbst? Und wo hört Heldentum auf und fängt Dummheit an? Würden wir unserem Kind wirklich beibringen, sich einzumischen, wenn jemand zusammengeschlagen wird, oder eher, daß es abhauen und allenfalls aus sicherer Entfernung die Polizei rufen soll?

    Also: Sehr anregender Beitrag. Kompliment!

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  3. Kitschig wird es ja nur, wenn es stereotyp ist. Eine Übermensch ohne Fehl und Tadel. (z.B. Batman, der den Qualm einer gewaltigen Explosion, in dessen Zentrum er sich befand, wegwedelt und zu Robin sagt: „Zum Glück hatte ich mein Antiexplosionsspray dabei.“) 😉

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  4. Toller Artikel! In meinem Buch Verlassener Stern kämpft die Protagonistin genau mit diesem Aspekt. Sie selbst hat einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn, wird aber von einer Alten Seele in ihrem Inneren zu falschen Entscheidungen verleitet. es war sehr spannend, sich in diese Situation zu versetzen beim Schreiben.

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