Es kann besser sein, nicht das zu schreiben, was du liebst

Es kann besser sein, nicht das zu schreiben, was du liebst»Schreibe, was du kennst« ist einer der häufigsten Ratschläge, die ich in Schreibratgebern gefunden habe. Kein schlechter Ratschlag. Trotzdem bin ich eher ein Anhänger der Variante »Schreibe, was du liebst«. Ein kleiner Unterschied, denn unter Umständen kenne ich ja das, was ich liebe, was mich also brennend interessiert und wofür mein Herz schlägt, nicht unbedingt so gut wie andere Dinge.

Es kann jedoch besser sein, nicht das zu schreiben, was dich elektrisiert.

Eines der berühmtesten Beispiele dafür dürfte Arthur Conan Doyle sein. Beinahe seine ganze Karriere über hat er darunter gelitten, dass Sherlock Holmes seine berühmteste Schöpfung war. Eigentlich hätte er gerne ganz andere Literatur geschrieben.

Dan Wells, einer meiner Lieblingsautoren, sagt von sich, dass er jahrelang erfolglos versucht hat, High Fantasy zu schreiben, weil er diese selbst sehr gerne liest und sich in diesem Genre hervorragend auskennt. Sein Durchbruch – sowohl kreativ als auch kommerziell – gelang ihm mit übernatürlichem Horror.

Ein drittes und vielleicht interessantestes Beispiel ist für mich der Comic-Autor Stan Lee. Er hat solche Figuren wie Spider-Man oder Daredevil und noch viele andere geschaffen, die zur Zeit die Kinoleinwände und TV-Bildschirme dominieren. Mit Fug und recht kann man also behaupten, dass er einer der erfolgreichsten Geschichtenerzähler zur Zeit mit einem enormen (pop-)kulturellen Einfluss ist – wenn er auch eine etwas ungewöhnliche Karriere hinter sich hat.

Dabei war es nicht Stan Lees ursprüngliches Anliegen, Comics zu schreiben oder gar Superheldengeschichten. Wie so viele junge Autoren träumte er in den 1960er-Jahren davon, den großen amerikanischen Roman zu schreiben und in die Literaturgeschichte einzugehen.

Alle drei Autoren haben gemeinsam, dass sie, wie man heute so schön sagt, ihre Komfortzone dessen, was sie lieben, verlassen haben, um ihre größten Erfolge zu feiern. Sie haben eben nicht geschrieben, was sie lieben, sondern eher Dinge, die sie aus verschiedenen Gründen für notwendig erachteten.

Ich lese und höre das häufig: Autorinnen bekunden, dass sie „ihr Ding“ machen müssen, „genau das, was sie gerne wollen“ oder „ihrer Leidenschaft folgen müssen“ und ähnliches. Neil Gaiman ist eines der Gegenbeispiele, die mir einfallen. Ein Autor, der ziemlich kompromisslos das schreibt, wozu er sich berufen fühlt, auf eine sehr persönliche und individuelle Weise – und der damit eine glänzende Karriere gestaltet.

Es ist also nichts Falsches daran, das zu schreiben, was du liebst. Es kann aber auch genauso richtig sein, das zu schreiben, das dich dazu zwing, deine Komfortzone zu verlassen.

Stan Lee hat – ohne es wahrscheinlich bewusst zu wollen – das Superheldengenre dank seines speziellen Hintergrunds als Autor um viele Facetten bereichert. Vor ihm waren die Menschen hinter den Masken in den Comics Abziehbilder, die sich bestenfalls durch ihre Haarfarbe voneinander unterschieden (und häufig nicht einmal das). Beispielsweise mit Spider-Man erschuf er eine komplexe Figur mit einer komplexen Geschichte, deren Leben mit und ohne Maske spannend und ergreifend ist, die sich mit alltäglichen Problemen herumschlagen und mit den Konsequenzen ihres Handelns als Superheld auf einer persönlichen Ebene auseinandersetzen muss. Lauter Aspekte, die das Genre immens bereichert haben und die es zuvor einfach nicht gab.

Arthur Conan Doyle hat dank seines Hintergrunds als Arzt das Krimi-Genre mit seinen forensischen Aspekten und dem rationalen Denken praktisch erfunden. Und Dan Wells hat zumindest seine Nische gefunden, in der er Leser begeistern kann.

Das heißt nicht, dass du nicht schreiben solltest, was du kennst oder liebst. Es bedeutet nur, dass du dir durchaus Gedanken darüber machen solltest, ob es vielleicht andere Genres, andere Herangehensweisen ans Schreiben oder andere Themen geben könnte, die dich dazu zwingen, eine neue Perspektive, ein andere Haltung oder neue Potenziale zu entdecken, die du bisher nicht ausschöpfst.

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13 Gedanken zu “Es kann besser sein, nicht das zu schreiben, was du liebst

  1. Und nicht immer ist das, was man gerne liest, auch das, was man gut schreiben kann :). Manchmal klappt es einfach nicht und es auf Biegen und Brechen zu versuchen, macht nur unglücklich.
    (Ich schreibe übrigens nicht in den Genres, in denen ich auch gerne lese: So lese ich außer Anne Rice und einigen Selfpublishern eigentlich so gut wie gar keine Romane über Vampire. Und außer Panem habe ich noch keine der neueren YA-Dystopien gelesen. Aber ich liebe es, über beides zu schreiben…)
    Man kann das natürlich auch als „Schreibe nach dem Markt“ verstehen – muss es aber nicht. Es gibt Autoren, die sind glücklich damit, nach dem Markt zu schreiben und solide Literatur mit einer kleinen persönlichen Note zu schreiben.
    Und es gibt Autoren, die daran zerbrechen würden.
    Es ist alles so schrecklich kompliziert und individuell… Danke für den Denkanstoß!

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  2. Interessante Überlegung. Mir fallen noch Matthias Altenburg ein, der erst als Krimi-Autor Jan Seghers wirklich Erfolg hatte oder Janosch, der mitnichten „Kinderbücher“ machen wollte. Ist jedenfalls nie verkehrt, mal über den eigenen Tellerrand zu schauen und das handwerklich Machbare abzutasten. Dank und liebe Grüße!

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  3. Conan Arthur Doyle hat wahrscheinlich seine Sherlock Holmes-Figur am Anfang wahrscheinlich auch gemocht. Er hasste es nur, darauf reduziert zu werden. Stan Lee wollte wahrscheinlich in seiner Jugend keine Superhelden schreiben, das heißt aber nicht, dass es nicht geliebt hat, die Figuren zu entwickeln.

    Um es mal umzuformulieren: Als Fan fehlt dir die Distanz, in einem Genre kreativ zu werden, deswegen ist es gut, sich aus der Fanposition zu entfernen.

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  4. Wichtig vielleicht noch dieser Gedanke: Das was zunächst beim Schreiben am einfachsten von der Hand geht, muss nicht das sein, was man am besten macht. Dieser Aspekt korreliert natürlich mit dem Lieben, hat man doch passende Szenen für das allzu bekannte und geliebte Genre häufig im Kopf.

    Sonntagsgrüße

    Martin

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  5. Hi Marcus,

    Da stimme ich dir voll zu.

    Wenn man über seine „große Liebe“ schreibt und damit alleine ist, dann wird man vergeblich auf Buchverkäufe warten. Man muss sich von der Seite betrachten und aus dem Gewohnten aussteigen.

    Ich versuche immer die Mitte zu finden: Zwischen dem, was ich liebe und dem, was Menschen lesen wollen.

    Irgendwo gibt es immer eine Schnittmenge und das ist dann mein Thema 😉

    Ich habe den Beitrag über meine Facebook-Page geteilt, damit andere Schreiber diesen wichtigen Artikel auch sehen.

    Schöne Woche noch und alles Liebe,

    Walter

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  6. Ich glaube dennoch, dass es eben nicht falsch ist, über das zu schreiben, was man liebt. Man muss sich halt nur die Probleme anschauen und sich bewusst sein, was das für Folgen haben kann. Wenn einem alle Verleger sagen, dafür gibt es keinen Markt, darf man sich nicht wundern, wenn das eigene Buch, noch so toll geschrieben, liegenbleibt (wo auch immer, auf der eigenen Festplatte oder als Selfpublisher).

    Aber Rowling hat einen Markt gefunden, den wohl niemand für möglich gehalten hätte: Phantastische Geschichten für Jugendliche, über eine Zaubererschule? „Hanni und Nanni mit Zauberstäben?“ Wer will denn sowas lesen? Und auf einmal ist die Frau erfolgreich, und zwar so richtig.

    Klar, da kamen sicher lauter Dinge zusammen (Verlag, schlaue Werbung), aber nicht zuletzt auch die Tatsache, dass die Frau verdammt gut schreiben kann. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass Harry Potter nicht genau das war, was sie schreiben wollte.

    Und: Hat Stan Lee wirklich „den großen amerikanischen Roman“ schreiben wollen, oder wollte er für „den großen amerikanischen Roman“ gefeiert werden? Mal ehrlich: Klar, ein Nobelpreis in Literatur wäre toll. Aber ich will nicht so schreiben wie ein Thomas Mann oder Günter Grass. Ich will vielleicht so schreiben KÖNNEN (aber nichtmal da bin ich sicher, und so toll finde ich Mann nicht), aber das nicht tun. Ich will Leute unterhalten, zum Nachdenken darf man sie auch bringen, aber nicht so, dass es den Lesespaß verdirbt. Von daher fänge ich einen Hugo viel besser als einen Nobelpreis (um mal von Dimensionen zu reden, in die ich wohl nicht eindringen werde).

    Ich finde, mit dem „Schreib, was du Liebst“ ist man in der Regel gut bedient. Ein Abstecher in andere Gefilde schadet sicher nicht, aber Dinge, die man selbst nicht kennt, sollte man entweder meiden oder sich aneignen. Und Dan Wells ist zwar hauptsächlich Horror-Autor, aber seine Geschichten sind ja nun weit davon entfernt, keine phantastischen Elemente zu haben. Klar, High Fantasy ist anders. Ich halte das aber gar nicht für schlimm, dass er erstmal mit Horror bekannt geworden ist (Partials geht ja auch wieder in eine andere Richtung). Sonst wäre er vermutlich überall als „Im Fahrwasser von Brandon Sanderson“ abgestempelt worden, und das sicherlich zu Unrecht.

    Ich sehe mich selbst als beinharten Fantasy- und SF-Fan, aber ich habe mich auch schon im Steampunk und im Thriller ausgetobt. Nur, dass sind alles keine Sachen, die ich generell ablehne oder doof finde. Historische Romanze sollte ich bleibenlassen, aber das muss man mir eben auch gar nicht erst sagen, das weiß ich auch so, und die lese ich ja auch nicht. Und es wäre für niemanden ein Gewinn, wenn ich das versuchen würde.

    Und: Stan Lee wollte, wie beschrieben, den Superhelden mehr Farbe verleihen, und das hat er getan. Das wird er duchaus auch gemocht haben.

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  7. Ein interessanter Artikel.
    Womit man am Ende Erfolg hat, liegt selten in den Überlegungen dessen, was man schreibt, sondern wer es liest und vielleicht auch warum. Somit hat der Künstler kaum Einfluss auf seinen Erfolg. Ich begann mir zu sagen – Schreib doch was du willst, aber mach es gut. Also begann ich (man glaubt es kaum) Fanfiktions zu schreiben, um mich erst einmal an verschiedene Genres auszuprobieren. Erstaunlich war, dass es nicht Fantasy, Mystery oder Horror war (was mich wirklich begeistert), welches am meisten Anklang fand, sondern mein Humor (ich schrieb eine The Big Bang Theory-FF). Was jedoch die mühseligste Arbeit war und gar nicht lustig im Schreibprozess. Aber so ist es eben. Nun muss ich entscheiden, schreibe ich in Zukunft das, was ich wahrscheinlich am besten kann oder das, was mir am meisten Freude bereitet? Ich habe keine Ahnung und bastle noch an einer Kombi aus beidem – Rick Grimes trifft Sheldon Cooper oder so. 😉

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  8. Ob es für etwas einen Markt gibt, erfährt man erst, wenn man es testet. Mal eine etwas verquere Überlegung, aber ist die Bestsellerwahrscheinlichkeit am höchsten, wenn man davor nicht genau sagen kann, ob es dafür einen Markt gibt.

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  9. Hallo Markus!

    Ein lesenswerter Artikel, solche oder ähnliche Gedanken habe ich mir auch schon gemacht.

    Ich habe auch schon häufig selbst bemerkt, dass ich eigentlich dazu neige, etwas anderes schreiben zu wollen, als das was ich tatsächlich vor hatte zu schreiben. Das zeigt mir schon, dass ich mit der Geschichte an sich nichts verkehrt mache, aber es danach durchaus in einem anderen Genre probieren soll. Damals habe ich Kurzgeschichten geschrieben, die immer wieder einen ähnlichen Stil hatten, eine düstere Stimmung und meist waren die Protagonisten ziemlich Problem behaftet. Manchmal nahm es auch Krimizüge an, obwohl ich dem Genre gar nicht viel abgewinnen kann. 😀

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