Der NaNoWriMo ist auch ein Monat der Toleranz

der-nanowrimo-ist-auch-ein-monat-der-toleranzDer NaNoWriMo ist im vollen Gange. Die Diskussion um ihn ebenfalls. Noch nie zuvor habe ich so viel Zuspruch und gegenseitige Ermutigung auf allen Social-Media-Kanälen erlebt. Die deutsche NaNoWriMo-Community ist auch und vor allem im WWW beträchtlich gewachsen.

Gleichzeitig habe ich es aber auch bisher noch nicht erlebt, dass dem NaNoWriMo so viel Skepsis  entgegengebracht wird. Kein Tag vergeht, an dem ich keinen Kommentar erhalte, wie sinnlos, stressig oder sogar schädlich er doch sei. Der NaNoWriMo wird in einigen Kommentaren als so eine Art Massenhysterie empfunden.

Kurz gesagt: Die einen lieben, die anderen hassen den NaNoWriMo.

Ich vermute, wie man ihn wahrnimmt, hängt eng damit zusammen, welches Selbstbild du von dir als Autorin hast.

Ganz grob gibt es für mich zwei Extreme für die Einstellung von Autorinnen zu ihrem Schaffen:

Die einen sehen das Schreiben hauptsächlich als künstlerisch-schöferischen Prozess, etwas, das sie aus dem tiefsten Beweggrund ihrer Seele heraus tun. Sie wollen über Dinge schreiben, die sie beschäftigen und bewegen, über Themen und Gefühle, die nah an ihrem Leben und Erleben dran sind. Schreibregeln, Genrekonventionen und Leserinnenorientierung begegnen sie mit großer Skepsis, da sie fürchten, damit ihre Authentizität zu verlieren.

Die anderen empfinden das Schreiben von Romanen vor allem als eine logistische Herausforderung. Es gilt, die Aufgabe zu meistern, ein Romanmanuskript fertigzustellen, das am Ende auch seine Leserinnen findet. Diese Autorinnen sind an effizienten Strukturen interessiert. Sie arbeiten produktorientiert und haben den Buchmarkt im Auge. Auch sie bringen beim Schreiben ihre Persönlichkeit und Erfahrungen ein. Allerdings mit dem Fokus darauf, inwiefern dies dabei hilft, ihren Roman auch anderen zugänglich zu machen.

Wie immer gilt, dass es zwischen diesen beiden Typen viele Abstufungen und Mischformen gibt.

Häufig, aber nicht immer, sind erstere eher Discovery Writer. Sie brauchen die maximale Freiheit, weil Schreiben für sie eher eine emotionale Erfahrung ist. Zweitere neigen eher dazu Outliner zu sein, denn für sie ist schreiben ein analytischer Prozess.

Ich jedenfalls bin ein Outliner. Mich hat der NaNoWriMo in dem Augenblick fasziniert, als ich das erste Mal von ihm gehört habe. Ich habe mir von ihm versprochen, Effizienz zu lernen. Ich habe erwartet, Schreibroutinen zu entwickeln. Ich habe ihn von Anfang an als Herausforderung gesehen, meine Grenzen zu testen: Wie gut kann ich unter Druck schreiben? Kann ich unter Druck vielleicht sogar besser schreiben als ohne? Wie kann es mir gelingen, auch ehrgeizige, selbstgesteckte Ziele zu erreichen?

All dies sind Dinge, die mir großen Spaß bereiten. Schreiben ist auch für mich etwas Kreatives, womit ich viele Emotionen verbinde. Vor allem aber ist Schreiben für mich ein Handwerk, also etwas Pragmatisches.

Ja, man muss bestimmt zu einem guten Teil pragmatisch sein, um am NaNoWriMo Vergnügen zu finden. Und Autorinnen, die diese Pragmatismus besitzen oder gerne ausprägen wollen, werden ganz besonders vom NaNoWriMo angezogen, denke ich.

Für mich ist es das Schöne am Schreiben, dass es so viele verschiedene Zugänge gibt und so viele unterschiedliche Ausprägungen. Keine Autorin schreibt wie die andere, jede hat ihre spezielle Sichtweise auf sich selbst und auf ihr Tun. Auch deswegen mag ich den NaNoWriMo, weil er trotz aller Unterschiede so viele zusammenführt, die am Ende ja doch alle das Gleiche wollen: ein Romanmanuskript beenden.

Advertisements

17 Gedanken zu “Der NaNoWriMo ist auch ein Monat der Toleranz

  1. Sehr lustig, dass Du den diesjährigen NaNo offenbar ähnlicht erlebst wie ich!
    Ich befinde mich jetzt im 10 NaNo (Camp und „richtigen“ NaNo zusammen gerechnet) und in noch keinem bin ich auf so viel negative Bemerkung gestossen wie in diesem. Während früher immer nur gesagt wurde „Du musst doch verrückt sein“, kommt heute ganz oft ein „Da leidet doch die Qualität drunter“.
    In den letzten Jahren wurde der NaNo immer als verrückte Ausprägung eines Hobbies gesehen und belächelt, wie z.B. so ein Chor-Flashmob in der U-Bahn oder so. Heute wird gleich gesagt, wenn jeder in einem Monat ein Buch schreibt, ist es kein Wunder, dass so viel schlechte Selfpublisher auf dem Markt unterwegs sind.
    Ist eigenartig wie aus einem belächelten Hobbyauswuchs plötzlich der Bezug zu Qualität und Markt erstellt wird, oder?
    Jedenfalls empfinde ich das im Moment so und begegne negativen Äußerungen bzgl. NaNo darum sehr skeptisch.

    Gefällt mir

    • Zunächst einmal: Wen stört es denn, dass es viele SP-Titel gibt? Und warum? Vielfalt ist doch was Gutes. Qualität liegt im Auge des Betrachters.

      Abgesehen davon hat der NaNoWriMo mit einer vermeidlich schlechten Qualität nichts zu tun, meine ich. Wer sich auf den Webseiten des NaNoWriMo umsieht, wird erkennen, dass es keine zweite kostenlose Ressource im Netz gibt, die sich so sehr für Qualität einsetzt.

      Gefällt 1 Person

      • Die Qualität eines Buches wird niemals von der ersten Fassung des Rohmanuskriptes bestimmt. Man macht im NaNo eben nur die Rohfassung. Erst durchs Überarbeiten wird ein Manuskript gut. Und genau beim Überarbeiten sollte man sich nicht hetzen. Just my two cents

        Gefällt mir

      • Das sehe ich genauso!
        Deswegen empfinde ich die gehäuften negativen Meldungen auch als sehr kritisch (und wenn ich Verschwörungsfanatiker wäre, würde ich jetzt einen Plan der Verlage dahinter sehen. Tu ich aber nicht)

        Gefällt mir

  2. Genau. Etwas härter kann man sogar formulieren, dass nur der ein Schriftsteller ist, der jemals ein Manuskript zu Ende gebracht hat. Unabhängig von der Herangehensweise. NaNoWriMo ist eines von vielen möglichen Werkzeugen. Und man sollte nicht vergessen, dass diese Veranstaltung sich auf unterhaltende Weise mit dem Schreibprozess beschäftigt und dadurch viele Menschen motiviert, etwas einmal selbst zu versuchen.

    Gefällt 2 Personen

  3. Als, so sehr ich den NaNo auch kritisiere, aber schädlich ist er mit Sicherheit nicht. Weil dann wäre das Schreiben an sich schädlich und aktuell geht’s mir, trotz des Schreibens sehr gut 😛

    Also ich zähle mich zur ersten Autoren-Gruppe. Der „künstlerisch-schöferischen“. Ich habe eher unkonventionelle Ideen und begutachte nahe zu jeden Ratgeber und Tipp mit äußerster Skepsis. Ich musste mich schon sehr stark „überwinden“ nach einem bestimmten System (7-Point von Wells) zu plotten, da ich fürchtete, dass dadurch alles zu vorhersehbar wird. Aber eine lange Diskussion im Wortkompass-Forum hat mich dann vom Gegenteil überzeugt.

    Aber den NaNo als Druck, oder Herausforderung sehe ich nicht. Ich habe innerhalb von zwei Monaten ein 150k Manuskript verfasst. Es muss natürlich bis zur Hölle überarbeitet werden, aber 50k Wörter waren für mich nie das Problem.

    Jeder soll halt seinen Spaß am NaNo haben aber er ist halt auch wirklich nichts Besonderes. Das einzige, dass ich ihm abgewinnen kann, ist der Zeitraum, den man eben jedes Jahr mit seiner Familie/Freunden Absprechen kann. Es wirkt effektiver, wenn man sagt „Jetzt ist NaNo“ und nicht „Im November will ich Schreiben“. Aber damit hatte ich halt nie Probleme und dieses Gefühl des Zusammenführens bekomme ich auch in einem Forum, ohne in der Masse der Autoren unterzugehen.

    Gefällt mir

  4. Sehr schöne Zusammenfassung des Phänomens NaNo – meinen Dank. Auch die Idee der „Toleranz“ dabei gefällt mir sehr gut – warum sollte man etwas kritisieren, was Kreativität fördert (wie auch immer)? Gleichzeitig habe ich allerdings schon das Gefühl, dass viele den NaNo zu verbissen, zu wenig spielerisch, zu kämpferisch leben und erleben. Da bleibt der auch hier in den Kommentaren oft betonte „Spaß“ dann doch auf der Strecke – und das ist schade.

    Gefällt 1 Person

  5. Interessant. Mich beschäftigt seit ein paar Tagen auch genau dieses Thema, dass Du oben ansprichst und hatte mir überlegt, einen blog-Beitrag dazu zu schreiben. Vielleicht schreibe ich den auch noch, vielleicht auch nicht, da Du einiges von dem, was mir durch den Kopf ging, bereits zu virtuellem Papier gebracht hast. Ich gehöre auch zu denen, für die das Schreiben ein schöpferischer Moment ist. Ob ich keine Autorin bin, weil ich bisher von meinen 17 Projekten nur 2 halbwegs zu Ende gebracht sei, ist eine Frage der Sichtweise, aber darum geht es mir beim NaNo nicht. Mir macht es einfach Spaß, die ganzen Themen, die ich bisher gelesen/gesehen/erlebt habe, in einem Roman zusammenzuwerfen und etwas Neues daraus zu kreieren. Manches funktioniert, manches nicht und jedes Mal lerne ich etwas Neues dazu. Und ich lerne gerne 🙂 Und letzten Endes kann jede/r selbst entscheiden,ob eine Teilnahme am NaNo ’sinnvoll‘ ist. Was allerdings dabei auch unbedingt (mMn) in Betracht gezogen werden sollte, ist der Austausch im Forum, die Gemeinschaft dort. DAs ist der eigentliche kern des Ganzen. Nicht nur das ´Schreiben, sodnern das Wissen, dass weltweit – tatsächlich weltweit, Menschen sitzen und schreiben, alle mit demselben Ziel und alle mit ihren Möglichkeiten und Fähigkeiten. Liest sich romantisch? Naiv? Rosa Brille? Mag sein, aber ein bisschen Romanze verkrafte sogar ich in meinem Leben – und im Falle NaNos stehe ich auch dazu. Wünsche einen schönen, worterfüllten Sonntag – oder auch einen ganz faulen, je nach persönlichem Geschmack.

    Gefällt mir

  6. Hallo Marcus,

    da ich jemand bin, der zum ersten Mal teilnimmt, weiß ich über dir vergangenen Jahre nicht viel. Außer, dass ich damals immer ein bisschen neidisch darauf war, dass jemand einen ganzen Monat schreiben kann und die Statistiken teilt. Jetzt, da ich selbst ein Teil bin, empfinde ich es als ganz positiv. Ich befasse mich viel bewusster mit meinem Projekt und finde schneller zu Ideen und Lösungen für Situationen, die sich auftun.

    Noch vor dem Start habe ich mich in einer Schreibgruppe wiedergefunden, die fast alle zum ersten Mal teilnehmen und es ist ein sehr guter Austausch über die Erfahrungen, die wir alle machen.

    Ich denke, dass es gut ist, den NaNo auch ein bisschen kritisch zu sehen. Vielleicht sehen manche Leute den NaNo nur mir falschen Augen. Schließlich sind die dreißig keine Deadline fertig zu sein. Denn jemand, der ein Roman mit mindestens 100k Wörtern schrieben kann, nutzt den NaNo vielleicht nur um schnell die Hälfte zu erreichen.

    Gefällt mir

    • Deinem letzten Punkt möchte ich mich gerne anschließen. Es geht meiner Meinung nach nicht darum, in einem Monat einen Roman zu vollenden, sondern durch die Community, die Statistiken und das Gefühl an etwas Weltweitem teilzunehmen, die Motivation dafür zu erlangen, entweder einen neuen Roman zu beginnen, oder zumindest ein großes Stück davon zu schreiben.
      Ich habe dieses Jahr leider keine Zeit am NaNoWriMo teilzunehmen – was ich schade finde – aber das der NaNo erstmal eines ist, eine Chance (!), sollte doch niemand bezweifeln. Unabhängig davon, ob man dem romantischen Ideal anhängt, das Marcus als erstes beschrieben hat, oder vielmehr der Vorstellung von Literatur als Handwerk, als Produkt.

      Allen Teilnehmenden viel Freude

      Beste Wochenendgrüße

      Martin

      Gefällt 2 Personen

  7. Ich liebe das Schreiben, zur Zeit darf ich dieses sogar als eine Therapieform ausüben 😉 , bin aber eine Discovery-Autorin beinahe reinsten Wassers. Ich nehme an, dass es großenteils daran liegt, dass ich mit dem NaNoWriMo nicht zurecht komme. 😉
    Ich wünsche dir weiterhin gutes Gelingen und viel Freude.

    Gefällt mir

  8. Ich hoffe, die Berlin CON war für Markus schön.

    Bei dem Marktgedanken frage ich eigentlich, was damit gemeint ist. More the same, dazu gibt es einen kleinen Artikel im Spiegel, dort wird geschrieben, dass viele Fortsetzungen gescheitert sind, also dieses Konzept funktioniert nicht.
    Effizienz kann es meiner Meinung bei einem kreativen Prozess nicht geben, ohne dass dabei die Qualität sinkt, Kreativität ist mit Umwegen gepflastert.

    Gefällt mir

  9. Ich finde der Nanowrimo hat nichts mit discovery writing oder plotten zu tun. Ich kenne von beidem zahlreiche Autoren, die erfolgreich dran teilnehmen und teilweise Wortzahlen schreiben, die über einen Nano weit hinaus gehen. Für mich ist der Nano ein Motivationsschub pur. Zahlreiche Autoren, die ein Ziel haben, Statistiken, Spiele, battles…
    Die negative Anfeindungen kann ich nicht bestätigen. Im Gegenteil, ich habe in diesem Nanowrimo mehr positive Rückmeldungen bekommen denn je. Bislang kein negtives Wort. Vielleicht liegt es an den Communities, in denen ich unterwegs bin oder das Freunde und Familie ais vergangenen Jahren wissen, wie wichtig dieser Monat für mich ist und das ich trotz der Menge eine Rohfassung mit sehr guter Qualität schreiben kann. Natürlich muss die überarbeitet werden, keine Frage. Aber die Qualität muss nicht leiden, nur weil ich mir diesen Monat die Zeit nehme, mehr als sonst pro Tag zu schreiben. Der Output einer halben Stunde ist bei mir schließlich der gleiche wie im restlichen halben Jahr. Nur das es nicht bei einer pro Tag bleibt, sondern gut und gerne mal vier halbe Stunde oder mehr werden. Es ist einfach eine Frage des Zeitmanagements für mich.
    Frohen Nanowrimo allen Schreibern!

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s