Stephen Kings Bleistift – oder: Schreibtipps sind keine Schreibregeln

Stephen Kings Bleistift - oder: Schreibtipps sind keine SchreibregelnManche Autorinnen haben ein schwieriges Verhältnis zu Schreibtipps, wie ich sie in diesem Blog oder in dem Vlog Die SchreibDilettanten, den ich mit Axel Hollmann zusammen moderiere, gebe. Auch viele andere Autorinnen oder Schreiblehrerinnen machen ja mehr oder weniger das gleiche, wie z.B. schreibmeer.com, Richard Norden oder Stephan Waldscheidt.

Dazu eine kurze Anekdote: Der Teilnehmer einer Konferenz mit Stephen King soll einmal folgende Frage gestellt haben: »Hey, Stephen, du bist einer der erfolgreichsten Autoren aller Zeiten. Welchen Bleistift benutzt du, damit ich auch so gut schreiben kann wie du?«

Was diese Anekdote zeigt: Es gibt Extreme, mit Schreibtipps umzugehen.

Das eine Extrem, das in der Anekdote zum Ausdruck kommt, ist das der beginnenden Autorin, die sklavisch alle Schreibtipps buchstäblich befolgt, bis hin zum »richtigen« Schreibgerät, mit dem der Erfolg dann sozusagen garantiert ist.

Das andere Extrem ist das Gegenteil davon: Autorinnen, die sämtliche Schreibtipps ablehnen. Diese Haltung wird mit scheinbar rationalen Argumenten gerechtfertigt, wie zum Beispiel, dass Regeln dazu führen, dass die eigene Kreativität getötet wird usw.

Beide extrem sind problematisch (so wie Extreme ja immer problematisch sind). Bleiben wir beim zweiten Fall, denn er ist komplizierter.

Das Problematische an dieser Einstellung ist die Tatsache, dass sie eigentlich stimmt. Schreiben ist ein individueller, kreativer Prozess und Regeln können diesen Prozess zum Erliegen bringen.

Nur sind Schreibtipps eben keine Schreibregeln. Es bringt nichts, sie wie Gesetze zu behandeln, denn es gibt keine Autorinnenpolizei, die vorbeikommt, Manuskripte prüft und Strafzettel ausstellt, weil bestimmte Dinge in einem Text nicht vorkommen.

Schreibtipps sind nicht dazu gedacht, sich wie in der Anekdote beschrieben, sklavisch an sie zu halten. Jede Autorin unterscheidet sich in kleinen, aber wichtigen Details. Somit bringt es nichts, die eigene Tätigkeit ganz nach den Regeln einer bestimmten Autorin auszurichten.

Schreibtipps sind Empfehlungen erfahrener Autorinnen, nach dem Motto: »Sieh her, das mache ich so. Ich habe jahrelang daran gearbeitet, mir diese Technik anzueignen. Vielleicht ist für dich auch was dabei, das dir weiterhilft.«

Es bleibt einem nicht erspart, selbst genau zu prüfen, welche Schreibtipps einem gerade weiterhelfen und welche nicht. Es kann an vielen Dingen liegen, dass ein Schreibtipp gerade zum aktuellen Zeitpunkt für eine Autorin nicht gut ist.

So ist zum Beispiel der Tipp »Show don’t tell« häufig für beginnende Autorinnen gut, denn die meisten neigen dazu, zu viel zu erzählen und zu wenig zu zeigen. Für etwas erfahrenere Autorinnen ist der Tipp wiederum nicht immer geeignet, da sie eher Unterstützung dabei brauchen zu entscheiden, wann es gut ist zu erzählen und wann eben nicht.

Menschen, die entweder Schreibtipps unreflektiert befolgen oder kategorisch ablehnen, versuchen meiner Vermutung nach auf einem schnellen Weg an das Ziel zu gelangen, eine gute Autorin zu werden, ohne zu überprüfen und auszuprobieren, ob ein Tipp zu ihrem Entwicklungsstand und ihrer Persönlichkeit passt.

Leider gibt es jedoch meiner Überzeugung nach keinen schnellen Weg dahin, eine gute Autorin zu werden. Es gibt nur eine lange, lange Reise mit einem ungewissen Ziel, deren Weg mit vielen Versuchen und Irrtümern gepflastert ist.

Advertisements

23 Gedanken zu “Stephen Kings Bleistift – oder: Schreibtipps sind keine Schreibregeln

  1. So manche „Hobby“Autoren glauben wirklich, dass man durch solche Tipps und/oder Hilfestellungen den Bestseller schreibt.
    Ende der 90er hatte ich mal ein Schreibseminar an der VHS gehalten mit dem Titel „Von der Idee zur Geschichte“. Es gab in der darauffolgenden Woche eine schlechte Bewertung einer Teilnehmerin, in der sie anführte, sie dachte, sie würde in den drei Tagen einen Roman schreiben….

    Gefällt 1 Person

  2. Mit den Tipps ist das so eine Sache. Das sehe ich als Anfänger auch so. Ehrlich gesagt glaube ich, dass es keine wirklichen Tipps geben kann, die für jeden hilfreich sind, außer solch banalen wie, „korrekte Rechtschreibung“, „richtige Grammatik“, „Interpunktion“, „Wortwiederholungen“ etc. Manchmal werde ich das Gefühl nicht los, dass die Tippgeber von z.B. Scifi-Romanen ihre eigenen Werkzeuge auch für Liebesromane empfehle wollen. Und da, spätestens da kräuseln sich bei mir die Nackenhaare. Noch eine kleine Anmerkung zu deinem Blog: Du sprichst immer von AutorIN. Das finde ich gut und richtig. Dann aber von „seiner“ Tätigkeit zu sprechen ist absurd, oder?

    Gefällt mir

  3. Mit der Kreativität ist das so eine Sache. Da gibt es kein Richtig oder Falsch. Man lernt nie aus. Gerade als Anfänger sollte man deshalb offen sein und Tipps ausprobieren. Nur so findet man zu seinem eigenen Stil und tritt nicht auf der Stelle.
    Außerdem ist experimentieren unheimlich spannend. Ich will schließlich nicht mein Leben lang nur eine Eis-Sorte schlecken, sondern teste mich durchs ganze Sortiment 🙂

    Gefällt 1 Person

    • Es kommt vor allem darauf an, was ich beim Schreiben erreichen will. Deswegen ist es durchaus sinnvoll sich anzugucken, wer die Quelle für Schreibtipps ist. Ich sag’s mal so: Will ich Liebesromane schreiben, die sich gut verkaufen, werde muss ich mir keine Schreibtipps von Ray Bradbury aneignen.

      Gefällt mir

  4. Jaa … ich hatte bislang eher das (Miss-)Vergnügen mit Leuten der Klasse 1: Die Regeln waren gepaukt und wurden entweder zu jeder (un)passenden Gelegenheit vorgebetet oder das Pauken brauchte so viel Energie, dass die Reflexion über das Gelernte zu kurz kam und aus den Ideen keine Texte entstanden.

    Gefällt mir

  5. Ich denke, man sollte hier das „Was“ und das „Wie“ unterscheiden.
    Es gibt einige Naturgesetze des Geschichtenerzählens, bei deren Missachtung einfach nur unlesbarer Schrott rauskommt. Diese Naturgesetze sagen dir, „was“ du beachten musst um eine Geschichte gut zu erzählen.
    Wie du diese Naturgesetze umsetzt, das ist dann dein Schreibstil, deine Stimme, ist u. a. genreabhängig.
    Ist nur meine Meinung.

    Gefällt mir

  6. Für eine nächste Nummer bei den Dilets. : Wann beschreibe ich und wann nicht.
    Bei meinem ersten Werk bekam ich vom Lektor Show don’t tell Rüffel. Hatte mir vorher und auch jetzt noch ein paar Bücher in dem Genre, in dem ich schreibe, gekauft und gelesen, und sie sind voll von Infodump. Dialoge gibts eher weniger. Würde dazu gerne mal eure Meinung hören.

    Gefällt mir

  7. Regeln, bzw. Einschränkungen beachten (müssen) kann durchaus zu mehr Kreativität führen. Ich komme aus der künstlerischen Fotografie und habe lange Zeit nur mit einem einzigen Objektiv und ohne Blitzeinsatz gearbeitet. Grenzen sind eine Herausforderung, die das Hirn dazu zwingen, Wege zu finden. Ich weiss noch nicht, ob ich schreiben werde, aber wenn, dann will ich mir Regeln, Grenzen, einen Rahmen setzen, innerhalb dessen ich mich bewege. Dass Schreibtips nicht automatisch zu einem Bestseller führen, sollte jedem klar sein. Eine Kamera bedienen können führt ja auch nicht automatisch zu einem teuer verkauften Kunstwerk!

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s