Jede einzelne Stimme deines inneren Schreibteams hat seine Zeit (Sonntagsperlen 4)

Jede einzelne Stimme deines inneren Schreibteams hat seine Zeit

Früher gab es für mich vor allem meinen inneren Kritiker, von manchen auch innerer Lektor genannt. Der innere Kritiker ist die bohrende Stimme in deinem Kopf, die dir einredet, für das, was du gerade tust, nicht gut genug zu sein. Inzwischen habe ich festgestellt, dass es weit mehr Stimmen gibt, die mich beim Schreiben begleiten.

Ja, in mir steckt ein komplettes inneres Schreibteam. Das kann manchmal ganz schön verwirren.

1. Der Visionär

Jede neue Grundidee ist für ihn der große Wurf. Alles andere, was ich bisher geschrieben hast, ist Mist. Deswegen drängelt sich der Visionär am liebsten auch bei laufenden Projekten in den Vordergrund und versucht die Aufmerksamkeit ständig auf was Neues zu leiten, statt beim Aktuellen zu bleiben.

Der Visionär ist super, wenn es darum geht, eine neue Idee zu finden. Aber dann muss er ganz, ganz schnell auf die Ersatzbank verbannt werden, wo er mit den Füßen scharrend unruhig hin und her rutscht, weil er seinen nächsten Einsatz gar nicht erwarten kann.

2. Der Zen-Mönch

Er ermahnt mich dazu, nicht sofort loszulegen, wenn ich eine neue Idee oder ein Problem habe, sondern erst einmal durchzuatmen und nachzudenken. Der Zen-Mönch hilft mir dabei, ohne schon ein konkretes Ziel vor Augen zu haben, die Idee erst einmal reifen zu lassen oder bei einem Problem nach den tieferen Ursachen zu forschen.

Außerdem ermahnt er mich, nicht zu früh zu urteilen oder Ideen zu rasch zu verwerfen, sondern alles erst einmal gleichberechtigt stehen zu lassen, damit ein Projekt auch sein volles Potenzial entfalten kann.

3. Der Personal Trainer

Diese Stimme ist der muskelbepackte Typ, der am Beckenrand steht und mich anschreit: »Schneller! Mehr! Weiter! Mach schon!«.

Der personal Trainer und der Zen-Mönch liegen in einem ewigen Clinch.

Während der Personal Trainer mich zu mehr Härte, Disziplin und Ausdauer antreibt, mahnt mich der Zen-Mönch dazu, eine Pause einzulegen, einen Schritt von der Arbeit zurückzutreten und abzuwarten, was sich so ergibt.

Ich mag den Zen-Mönch irgendwie lieber, aber ich weiß, dass ich auf den Personal Trainer auch nicht ganz verzichten kann.

4. Der Pessimist

Der Pessimist kommt meinem inneren Kritiker noch am nächsten. Er macht nun wirklich alles madig, was ich schreibe, macht sich über jede Ambition lustig und will ständig den ganzen Kram hinschmeißen. Jedes Wort legt er auf die Goldwaage, jedes Plotelement wird überkritisch hinterfragt, jede Figur für nicht gut genug erklärt. Und überhaupt taugt doch alles nichts.

Von allen Mitgliedern meines inneren Teams hasse ich meinen Pessimisten am meisten. Aber auch er hat seine Berechtigung, wenn ich ihm ab und zu mal ein Date mit meinem Personal Trainer spendiere. Denn nur, wenn es mir gelingt, die negativen Gedanken des Pessimisten umzuleiten, um mir einen Ansporn zu liefern, besser zu werden, frage ich ihn um Rat.

An Tagen, an denen ich fürchte, dass der Pessimist die Oberhand gewinnen könnte, lasse ich ihn lieber links liegen und unterhalte mich gleich mit meinem Zen-Mönch. Der ist viel cooler drauf.

5. Der Erbsenzähler

Der Typ ist der beste Freund vom Pessimisten und ich vermute, er steckt auch irgendwie mit dem Personal Trainer unter einer Decke. Er mahnt mich ständig zur besseren Recherche, achtet auf jedes Komma, fragt sich bei jedem Wort, ob es da nicht noch ein besseres gibt und bringt mich dazu, jeden Text zehnmal zu Überarbeiten, um noch ein kleines bisschen mehr Qualität herauszuholen.

Den Erbsenzähler lasse ich am liebsten erst ganz zum Schluss an ein Projekt, sonst hält der sich bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag an einem Satz auf und ich werde nie mit einem Text fertig.

Teamsitzungen

Es gibt Situationen, in denen setze ich mich mit meinem Team an einen Tisch, lehne mich zurück und lasse die einfach mal machen. Dann schaue ich dem lustigen Treiben eine Weile zu und warte ab, was herauskommt. Meistens ist das mehr oder weniger zu Beginn eines Projekts oder wenn ich einen Hänger habe.

In anderen Situationen frage ich gezielt ein oder zwei Teammitglieder um Rat. Im Zweifelsfall höre ich auf meinen Zen-Mönch.

So genutzt, bringt das Team mich weiter. Kritisch wird es, wenn sich unbewusst eines der Mitglieder in den Vordergrund drängt und die Regie übernimmt, ohne dass ich das merke. Denn keines von ihnen ist gut genug, um alleine ein Projekt zu bewältigen und es kommt zu Schreibblockaden. Bewusst eingesetzt hilft mein Schreibteam mir, diese zu überwinden.

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13 Gedanken zu “Jede einzelne Stimme deines inneren Schreibteams hat seine Zeit (Sonntagsperlen 4)

  1. Ich kenne diese vielen Stimmen nur zu gut. Leider habe ich noch keinen Weg gefunden, sie alle an einen Tisch zu bekommen.
    Mein Zen-Meister hält sich gern zurück und die „Aggressiven“ preschen, wie es ihre Natur verlangt, nach vorn 🙂

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  2. Auch wenn ich mich nicht mit dem Schreiben als soches beschäftige kommt mir dieses Team sehr bekannt vor. Gerade wenn es um länger währende Kreativprojekte geht. Einziger Vorteil: es gibt nichts zu lektorieren, juhu!

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