Verschiedene Phasen des Schreibprozesses müssen von unterschiedlichen Testleserinnen begleitet werden (Sonntagsperlen 3)

Verschiedene Phasen des Schreibproesses müssen von unterschiedlichen Testleserinnen begleitet werdenEs ist für mich wichtig, Texte so früh wie möglich mit anderen durchzugehen. Ich werde sehr schnell betriebsblind für Fehler. Noch schlimmer: Ich übersehe gerne meine Stärken. Um beides zu verhindern, begleitet mich im unmittelbaren Entstehungsprozess mein Writing-Buddy Axel Hollmann.

Irgendwann ist es jedoch an der Zeit, den Entwurf auch anderen Menschen zu zeigen, die nicht unbedingt selbst Romanautorinnen sind. Hier kommt die Alpha-Lerserin ins Spiel. Doch woher weiß ich, wann dieser Punkt erreicht ist – und was genau hat eine Alpha-Leserin eigentlich zu tun?

1. Wenn die Zeit reif ist, ist sie reif …

Ein Entwurf befindet sich für mich im Alpha-Stadium, wenn ich das Triage Editing abgeschlossen habe. Für mich ist dabei wichtig, einerseits nicht zu perfektionistisch zu sein, was schwierig ist, denn natürlich hat mein innerer Kritiker stets etwas zu meckern und es gibt ja auch immer Dinge, die eigentlich noch besser sein könnten. Andererseits muss irgendwann auch der Punkt erreicht sein, an dem es mal gut ist, sonst dauert das Triage Editing ewig und ich werde nie fertig.

Meine Lösung nenne ich das Konzept des fließenden Abgabetermins. Ich setze mir selbst ein Datum, an dem ich fertig sein will.

Ich abreite zunächst drauf los. Sobald sich das Gefühl einstellt, dass ich einen guten Rhythmus gefunden habe, schätze ich ab, wie lange ich noch für die Arbeitsphase brauchen werde.

Hier ist wiederum der Schlüssel zum Gelingen die innere Einstellung. Der Termin darf nicht in Stress ausarten, weswegen ich mir auch gestatte, ihn aus triftigen Gründen ein wenig nach hinten zu verschieben. Ich darf ihn aber auch nicht einfach unbegrenzt verschieben, denn dann wird er sinnlos.

2. Die Form eines Alpha-Entwurfs

Mein Alpha-Entwurf ist nicht der allererste Entwurf, wie man dem Namen nach vermuten könnte, sondern mindestens ein zweiter. Mein Entwurf für die Alpha-Leserin muss bereits als Roman erkennbar sein, ist aber noch lange nicht fertig. Für mich ist ein Entwurf  für meine Alpha-Leserinnen bereit, wenn die Handlung in ihren Einzelheiten steht, aber noch nicht alles perfekt ausformuliert ist.

Der Plot ist für mich das Gerüst des Textes. Deswegen muss er fertig sein, bevor ich mich daran mache, aus dem bisher eher achtlos dahin geschriebenen Text auch gute Prosa zu machen. Dialoge, Beschreibungen usw. habe ich zwar bereits formuliert, damit erkennbar ist, welche Form der Roman am Ende haben soll, aber sprachlich ist das alles noch kein gutes Deutsch, geschweige denn Literatur. Das ist in diesem Stadium aber auch nicht nötig.

Für den Alpha-Entwurf ist nur wichtig, dass die Details der Handlung alle plausibel aufeinander aufbauen und alles so weit formuliert ist, dass die Alpha-Leserin einen Vorgeschmack auf den späteren Roman erhält (Perspektive, Erzählsituation, Erzählstimme, Atmosphäre und Stil werden also bereits angedeutet).

3. Die geeignete Alpha-Leserin finden

Gute Alpha-Leserinnen zu finden, ist schwierig. Für mich muss eine Alpha-Leserin jemand sein, die selbst kreativ arbeitet. Idealerweise schreibt sie auch, aber das muss nicht sein. Eine Alpha-Leserin muss meiner Meinung nach auch keine Literaturwissenschaftlerin, Lektorin oder ähnliches sein. Sie muss einfach nur einen Blick für Unfertiges haben.

Nur wer selbst künstlerisch tätig ist, weiß, dass der Schaffensprozess verschiedene Phasen und Entwicklungsstufen besitzt. In solchen verschiedenen Schichten muss mein Entwurf beurteilt werden. Ich brauche für meinen Alpha-Entwurf praktisch eine Perlentaucherin, die in den Tiefen meines Textes wühlt, die kleinen, glänzenden Prunkstücke holt und den ganzen schmuddeligen Algenkram auf der Oberfläche wegschiebt.

Vollkommen ungeeignet als Alpha-Leserin sind Erbsenzählerinnen und Rechtschreib- und Grammatikexpertinnen. Nichts gegen Erbsenzählerei, das wird später beim Lesen des Beta-Entwurfs sehr, sehr wichtig – also dem Entwurf, in dem die Sprache auf Hochglanz poliert werden muss. Nur fehlt solchen Leserinnen meistens der Blick für das Potenzial eines Textes. Zeigte ich einer qualifizierten Beta-Leserin einen Alpha-Entwurf, würde sie den Ausdruck mit roter Farbe überfluten, was für sie unnötig viel Arbeit bedeutete und mir nur wenig nutzen würde, denn mir ist ja bewusst, dass der Text sprachlich noch nicht perfekt ist.

Auf gar keinen Fall darf der Alpha-Entwurf einer Test-Leserin in die Hände fallen, also einer Leserin, die den Roman zu lesen bekommt, wenn er praktisch fertig ist. Die Test-Leserinnen sind weder Perlentaucherinnen noch Sprachwissenschaftlerinnen, sondern leidenschaftliche Romanleserinnen, die sich für den Schaffensprozess selbst herzlich wenig interessieren – und das ist auch gut so. Eine Test-Leserin könnte jedoch mit einem Alpha-Entwurf gar nichts anfangen, wäre nur irritiert und würde den Text vollkommen zu Recht gelangweilt weglegen.

 

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6 Gedanken zu “Verschiedene Phasen des Schreibprozesses müssen von unterschiedlichen Testleserinnen begleitet werden (Sonntagsperlen 3)

  1. Ich bilde mir zwar ein, dass ich dank eines Hangs zum Perfektionismus durchaus lesbare Alphaversionen abliefere, aber im Grunde: Jupp. Meine Alpha findet Plotlöcher, langweilige Stellen und Unstimmigkeiten, die Beta die miesen Formulierungen, Grammatikfehler und derlei. (Und da ich in der Regel per Verlag ein Lektorat habe, komme ich mit der Mindestmenge an Personen im Vorfeld aus.)

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    • Ich denke, wie viele Testleser man hat, ist gar nicht so wichtig, wenn sie’s halt drauf haben. Wenn man eher ungeübte Testleser hat, braucht man einfach viele.

      Stephen King gibt ja seine Romane auch nur seiner Frau, bevor er sie dem Lektorat übergibt.

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  2. Hey. Ich habe da ein Problem. Obwohl. Ob es wirklich ein Problem ist?! Naja. Also, ich neige dazu zu kurz zu schreiben. Damit meine ich die Dicke des Buches. Man sagt ja, der Inhalt zählt nicht, aber… Ich habe Ihren hilfreichen und guten Beitrag (Heldenreise), wie viele Andere, studiert (um Struktur zu bekommen). Aber irgendwie, macht es nicht klick. Haben Sie evtl. einen Tipp? Einen schönen Tag noch und weiterhin viel Erfolg.

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    • Ich weiß nicht genau, was du damit meinst, dass es nicht Klick macht …

      Tatsächlich denke ich, dass der Umfang eines Manuskripts nicht unwesentlich ist – zumindest, wenn man sich damit bei einer Agentur oder einem Verlag bewerben will. Unter 80.000 Wörtern ist da den meisten ein Buch einfach zu kurz, um es als Roman vermarkten zu können. Warum genau das so ist, kann ich auch nur spekulieren, zumal das nicht immer so war.

      Wenn du deine Romane selbst publizieren als E-Book publizieren willst, ist der Umfang eher zweitrangig. Es gibt viele Self-Publisher, deren Romane 200 Seien oder weniger aufweisen.

      Ich vermute, es ist also ein Relikt aus der Zeit, als es nur Papierbücher gab. Der Kunde will halt für sein Geld was in der Hand haben. Ich lese das jedenfalls häufiger in Rezensionen, dass sich Kunden beschweren, das Buch sei z.B. auf dickem Papier gedruckt und habe besonders große Buchstaben und/oder Zeilenabstände und sei gar nicht 400 Seiten dick usw.

      Ich persönlich kann das als Leser nicht nachvollziehen, da mir die Länge eines Buches egal ist, wenn das Lesevergnügen stimmt. Ich bin auch eigentlich eher ein Freund von kürzeren Büchern als von 1000-Seiten-Schinken.

      Ich denke, du solltest, falls du wirklich mit dem Umfang deines Buches unzufrieden bist, einfach mal gucken, ob es sinnvoll wäre, eine weitere Perspektivfigur einzufügen. Oft lässt sich die Spannung dadurch steigern, dass das Geschehen noch aus den Augen einer weiteren Figur erlebt wird. Häufig ist es ja so, dass man in modernen Spannungsromanen die Perspektive des Helden und des Schurken lesen kann.

      Ich würde allerdings auch vorsichtig sein, die Story nicht künstliche aufzublasen.

      Meine Erfahrung ist auch, dass die Manuskripte von Werk zu Werk immer dicker werden. Die erste Handvoll Manuskripte von Erstautoren sind vielleicht noch recht kurz, weil es auch an sprachlicher Erfahrung mangelt und halt eben recht wenig Perspektivfiguren verwendet werden. Mit der Zeit werden die Storys ganz von alleine komplexer.

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  3. Ich lese sehr gerne, und das Tag und Nacht. Selbst schreibe ich und das ist damit eigentlich auch mein Hobby, aber was ich als Angewohnheit habe, dadurch, dass ich schon so vieles kenne: Ich schaue auf Klischee´s! Situationen, die oft vorkommen, oder sehr klischeehaft sind, sehe ich als langweilig an, was mich vermutlich zu einem Perfektionisten macht, ich bin auch einer. Beim Lesen einer Geschichte achte ich sehr stark auf die Fantasie und Vorstellung des Autors, auf die entstandenen Situationen und Charaktere.
    Glauben sie mir, ich habe schon Geschichten gelesen, die fand ich persönlich schon peinlich, und ich denke, dass jede Geschichte besonders für sich ist. Die undurchdachte Weise, mancher Stücke, ist wohl dann das besondere an ihnen.
    Bei mir ist eine durchdachte Welt sehr wichtig, „random“ schön und gut, aber wenn dabei wichtige Gesetzte, wie (als schlechtes Beispiel) der Prozess eines heranwachsenden Embryo´s ignoriert wird, komme ich damit nicht klar. Was ich mit diesem Beispiel meinte, ein Kind, kann nicht nach 6 Monaten bereits geboren, ausgewachsen und 7 Jahre alt sein.
    Der schlimmste, aller Fälle.

    Wie gesagt, ich bin schon sehr auf Kritik bezogen, und versuche mich nicht durch Begeisterung für den Plot ablenken zu lassen.
    Wenn Sie mal einfach einen Leser brauchen, der auf sowas achtet, ich bin da.

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    • Klischees sind eine heikle Sache. Einerseits bewirken sie einen Wiedererkennungseffekt. Es kann durchaus wichtig sein, den zu nutzen. Andererseits führen sie zu eben solchen Reaktionen, wie du sie beschreibst, weil Leserinnen sich durch sie intellektuell unterfordert oder sogar veralbert fühlen. Was konkret ein Klischee ist und was nicht, das liegt teilweise auch massiv im Auge des Betrachters. Das hängt vom Alter der Leserinnen ab, aber auch davon, wie viel gelesen und welche Medien konsumiert werden etc.

      Meiner Ansicht nach läuft es hier wieder darauf hinaus, dass man sein Zielpublikum gut kennen muss. Der Groschenheftleser braucht und liebt Klischees in bestimmten Bereichen unter Umständen. Jugendliche oder Kinder wollen sie an bestimmten Stellen, an anderen wieder nicht usw.

      Gefällt 1 Person

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