Schreibgruppen oder Schreibcoaches sind für Autorinnen unentbehrlich (Sonntagsperlen 1)

Schreibgruppen oder Schreibcoaches sind für Autorinnen unentbehlich

Mit dem heutigen Artikel leite ich die Sonntagsperlen ein, die für die kommenden Wochen meinen Blog gestalten werden.

Zunächst einmal will ich damit den Erscheinungstermin für neue Artikel auf meinem Blog vom Samstag auf den Sonntag verschieben. Das hat für mich intern verschiedene Vorteile – und ich vermute, für Leserinnen meines Blogs macht das keinen großen Unterschied.

Hinzu kommt, dass ich in den Wochen bis Ende August hier ein paar ältere, aber komplett überarbeitete Artikel ins Licht der Öffentlichkeit zerren will, die in meine Augen ein wenig Aktualisierung und mehr Aufmerksamkeit verdient haben.

In diesem Sinne viel Vergnügen mit der ersten Sonntagsperle:

Kluge Autorinnen suchen sich eine Schreibgruppe oder einen Writing Buddy, also einen Schreibkumpel. Sozusagen eine Zweier-Schreibgruppe.

Die Vorteile liegen auf der Hand – (mindestens) vier Augen sehen stets mehr als zwei und zwei (oder mehr) Köpfe haben vielfältigere Ideen als einer. Dein eigenes Schreiben verbessert sich in einem nicht zu unterschätzenden Ausmaß und hinzu kommt das gute Gefühl, kein Einzelkämpfer, sondern eher Teil eines Teams zu sein.

Triffst du dich mit anderen Autorinnen, kommst du allerdings in die Verlegenheit, Feedback geben zu müssen. Klingt einfach, ist aber durchaus mit einigen Tücken verbunden.

Einerseits musst du Fehler benennen, andererseits willst du aber auch mit den Leuten im Anschluss noch gemütlich ein Glas Wein trinken – und nicht die Laptops gegenseitig wutschnaubend in den Rachen stopfen.

Folgende Strategien haben sich meiner Erfahrung nach beim Feedback bewährt:

1. Sei ein Perlentaucher!

Kein Text ist weder perfekt noch nur schlecht. In jedem Text, selbst in veröffentlichten Bestsellern oder anerkannten Klassikern, lassen sich noch Fehler, Ungereimtheiten oder wenigstens Dinge finden, die du ganz anders gemacht hättest.

Die Kunst besteht darin, das zu finden, was einen Text positiv auszeichnet.

Ist der Text vielleicht besonders authentisch? Oder sehr lustig? Traurig? Berührend? Trotz handwerklicher Fehler enthält jeder Text etwas, das ihn einzigartig macht. Das musst du finden und hervorheben.

Wer erst einmal ein positives Feedback bekommt, das aufrichtig und treffend Stärken benennt, hat auch ein offeneres Ohr für Schwächen.

2. Sei kein Erbsenzähler!

Rechtschreibung, Grammatik, Zeichensetzung … Alles wichtige Dinge, die sich aber auch später erledigen lassen. Erst, wenn alle anderen Aspekte eines Textes stimmen, stellt sich die Frage nach der korrekten Sprache.

Viel wichtiger sind Fragen nach der inneren Logik und der Wirkungsabsicht eines Textes. Stimmen zeitliche Abfolgen, psychologische Profile der Figuren, gibt es genug Konflikte, stimmt der Spannungsbogen, funktioniert der Plot etc.?

Es ist wenig förderlich, jeden kleinen Fehler in einem Text aufzuzählen. Das ist erst wichtig, wenn es darum geht, einen Text für die Veröffentlichung vorzubereiten. Diese Arbeit erledigt ein Lektor, keine Schreibgruppe oder der Writing Buddy.

Ein gutes Feedback macht keine Liste von Fehlern, sondern sucht den einen heraus, der alle anderen mehr oder weniger von selbst beseitigt.

3. Frage, bevor du urteilst!

Manche Autorinnen experimentieren gerne. Das ist nicht jedermanns Geschmack. Es bringt aber auch nichts, unbedingt Dinge zu kritisieren, die so gemeint sind.

Feedback ist nicht unbedingt (nur) ein Geschmacksurteil, sondern vor allem die Spiegelung der eigenen Wahrnehmung. Das ist ein kleiner, aber sehr wichtiger Unterschied.

Du kannst z.B. einen Roman, der im Präsens geschrieben ist, ablehnen, weil du so was nicht magst. Du kannst aber erkennen, ob dieses Stilmittel in dem vorliegenden Text sinnvoll ist oder auch nicht. Erfüllt es eine Funktion, erhöht es die Spannung oder verleiht es der Perspektivfigur eine eigene Stimme? Ist das der Fall, dann ist dein Geschmacksurteil eigentlich sinnlos.

Im Zweifelsfall ist es deswegen besser, Feedback als Frage und nicht als Urteil zu formulieren. Mit einer Frage gibst du der Autorin die Chance, Dinge zu überdenken – oder halt eben auch nicht. Auf Urteile reagieren manche Menschen – nicht ganz zu unrecht – mit Ablehnung oder Rechtfertigung. Beides hilft aber niemandem weiter.

4. Lies den Text als das, was er ist!

Du bekommst einen Fantasyroman vorgelesen, liest aber selbst nur Science Ficiton? Krimis sind deine Leidenschaft, mit Liebesromanen kannst du nichts anfangen?

Es bringt nichts, in einem Fantasy-Text die fehlenden Raumschiffe zu benennen und nicht jedem Liebesroman tun Leichen gut.

Hier sind wir meiner Meinung nach bei der hohen Kunst des Feedbacks. Du darfst nicht den Fehler machen, Dinge in den Text hineinzulegen, die du gerne lesen würdest. Klingt logisch, ist in der Umsetzung aber häufig gar nicht so einfach.

5. Sei ein Coach!

Jeder Trainer, der was auf sich hält, benennt nicht nur Schwächen, an denen gearbeitet werden muss, sondern sorgt vor allem – und in erste Linie – für Motivation.

Das Wichtigste am Ende einer Feedbackrunde ist nicht die Information, was es denn alles für Schwierigkeiten in einem Text gibt.

Das Wichtigste ist die Motivation der Autorin, der kritisiert wurde.

Sie muss gleich nach dem Feedback das Gefühl haben, nicht anders zu können, als in die Tasten zu hauen, um die vielen tollen Gedanken, die ihr die Kritik verschafft hat, auch umzusetzen. Und sie muss die Feedbackrunde mit der Überzeugung verlassen, dass sie das Zeug dazu hat, Schwierigkeiten und Schwächen auch überwinden und sich verbessern zu können.

Das ist nicht nur netter, sondern auch einfach logisch. Ohne Motivation nutzt das ganze Feedback nichts. Es ist verschwendet, wenn die Autorin im Anschluss an die Kritikrunde die Tastatur an den Nagel hängt.

Wer noch Testleser, einen Writing Buddy oder eine Schreibgruppe sucht, findet diese vielleicht unter diesem Link bei den Die SchreibDilettanten.

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14 Gedanken zu “Schreibgruppen oder Schreibcoaches sind für Autorinnen unentbehrlich (Sonntagsperlen 1)

  1. Eine schöne Idee mit den Sonntagsperlen. – Zum Thema Schreibgruppen: immer wieder merke ich, wie wertvoll der Austausch mit anderen Autoren für mich ist. Sei es offline bei Tee und Kuchen mit vorlesen der eigenen Texte, brainstorming zu Plot Problemen oder vielen anderen Themen oder online per Skype, Foren usw. Dadurch habe ich so viel gelernt, dass ich mich deutlich sicherer beim Schreiben fühle und meinen eigenen Stil festigen kann.

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  2. Ich kann da voll zustimmen, gemeinsam wird man schneller besser. Eine Anmerkung aus eigener Erfahrung: Wenn man sich in einer Schreibgruppe befindet, die sich ernsthaft mit dem Handwerk beschäftigt, ist es nicht immer so kuschelig, wie man es gern hätte. Nomen est Omen: Federfeuer oder Federteufel zum Beispiel 😉 Gerade am Anfang gibt es viel sachliche Kritik einzustecken, und das reibt ziemlich am Ego. Aber es lohnt sich.

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  3. Ich spiele schon seit einigen Monaten mit dem Gedanken, einer Schreibgruppe beizutreten. Aber …
    Die Frage „Bin ich gut genug?“ hindert mich an der Suche. Doch der Artikel motiviert mich.
    Danke 🙂

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  4. Schreibgruppen sind gut, ich bin seit vielen Jahren in einer solchen Gruppe. Kritik ist tatsächlich das Hauptproblem, denn Texte sind etwas sehr Persönliches, da fühlt man sich schnell angegriffen. Aber ohne fundierte Kritik ist die Gruppe wenig wert. Deine Tipps finde ich gerade deshalb sehr hilfreich. Danke!

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  5. sehr schön geschrieben!

    Vielleicht ein kleine Anmerkung zum „Formuliere als Frage (statt als Kritik)“: in der Kommunikationswissenschaft gilt eine Frage als Aggression, wenn ich Frage „warum hast du das so geschrieben?“ geht mein Gegenüber sofort in den Modus „Rechtfertigung“.

    Die weniger aggressive Form ist die Wiedergabe der eigenen Wahrnehmung (also z.B.: „Ich sehe, dass du um Präsenz schreibst. Mich hat das zuerst irritiert, die meisten anderen Texte sind eher in Vergangenheitsperspektive. Auf mich wirkt das auf den ersten Seiten sehr hektisch und drängend.“)

    Wenn ich das als Frage formuliere „Warum schreibst du im Präsenz?“ überlasse ich es dem Gegenüber, abzuwägen, ob ich das neutral oder kritisierend frage. Und dann ist es einfacher (klärender), erstmal eigene Information zu geben, bevor ich nach Information von meinem Gegenüber fordere.

    Aber das ist vielleicht auch Typ-Frage, vor allem ist es eine Frage an das Vertrauensverhältnis zwischen den beiden Personen, je höher das Vertrauen untereinander, um so direkter kann auch gefragt oder kritisiert werden….

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    • Ich gebe dir natürlich recht. Es ist halt sehr entscheidend, wie ich frage und ob mein Gegenüber auch bereit dazu ist, sich in Frage stellen zu lassen. Dann finde ich Fragen eigentlich ganz gut. Ich zumindest nehme sie dann häufig auf und lasse sie in meinem Kopf kreisen: »Ja, verflixt noch mal, warum habe ich das eigentlich so gemacht?«

      Das Rechtfertigungsbedürfnis ist ein Problem. Aber für mich gehört zu einer guten Feedbackkultur auch, dass derjenige, der kritisieret wird, eben nicht auf das Feedback antwortet, sondern es aufnimmt, weil er weiß, dass die Kritik eben nicht als Aggression gemeint ist.

      Und ja, die eigene Wahrnehmung zu formulieren ist auf jeden Fall auch eine gute Strategie. Eine sehr sinnvolle Ergänzung, vielen dank.

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    • Das Hektische kann ja beabsichtigt sein. Wichtig ist ja, dass die Stilmitteln den Inhalt und Geist der Geschichte befördern, nicht ob sie üblich sind. Ich mag übrigens Präsens in einer Geschichte, es lässt die Geschichte den Leser hautnah miterleben, es wirkt direkter.

      Ansonsten bin ich gegen Punkt 2, je mehr Fehler verschwinden, umso besser.

      Man muss ja keine Warum-Fragen stellen, man kann ja auch fragen, wenn man etwas nicht so verstanden hat.

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  6. Was könnt ihr für Tipps geben um Schreibgruppen bzw. einen Writing Buddy zu finden. Ich suche seit längerem nach beidem, tue mich jedoch schwer damit. Ich finde in der näheren Umgebung auch keine „Autoren-Cafés“ oder dergleichen.

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  7. Ein sehr hilfreicher Artikel – du hast das alles umfassend und gut herausgearbeitet. Ich habe aber, aus meiner Erfahrung heraus, ein paar Anmerkungen:

    Punkt 2: Jeder Testleser (und als solche zähle ich Schreibbuddys) hat andere Stärken. Manche haben einen guten Blick für Logik, andere für Rechtschreibung. Und solange mit dem Autor vereinbart ist, dass das angemerkt werden soll, ist das ok. Man kann als Autor auch Schwerpunkte setzen, auf die besonders geguckt werden soll.

    Punkt 3 und 4: Die Frage, die man sich als Lesender stellen sollte, ist, ob man das nicht mag, weil man es nicht mag oder weil es nicht gut geschrieben ist. Ich finde es aber in Ordnung, wenn man sagt „Mag ich nicht, funktioniert aber im Text“ – das ist für den Text nicht förderlich, aber für das Verhältnis zum Autor. Dadurch merkt mein GEgenüber, dass er mir vertrauen kann – dass ich ehrlich bin, aber seine Ansichten respektiere. Ich merke, dass man auch Fragen einen Unterton verleiht, manchmal unabsichtlich. Zwei andere Lösungen wären: ein Eingeständnis („Ich verstehe nicht, wie du das gemeint hast…“) oder mehr Worte „Für mich wirkt es, als ob…. . Was hattest du im Kopf?“)

    Generell hilft es mir, wenn ich mich auf den Text konzentriere, solange ich Fehler suche – ich gucke, welche Dinge dem Text gut tun und auf welche man verzichten könnte. Und welche ich nicht mag, die dem Text aber nicht schaden 🙂 Beim Schreiben der Kommentare überwiegt aber der Gedanke an den Autor .- der Autor, der lange am Manuskript saß, der seinen Text beschützen will und der es verdient, dass man ihn nett behandelt xD

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  8. Was für eine tolle Idee!

    Ich schwöre darauf, nicht alleine zu schreiben. Der Austausch über die eigene Geschichte mit einer Person des Vertrauens ist sehr wertvoll. Gerade, wenn es mal klemmt und man den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sieht, ist es gut, wenn man jemanden hat, der einem den Weg weisen kann. Es ist auch nicht so, als würde man sich die Arbeit machen lassen. Man schreibt das Manuskript am Ende ja doch selbst, aber mit einem guten Einfluss.

    Ich kann dem dritten Punkt besonders zustimmen, das war anfänglich ein Bedenken meinerseits, ein Genre abzulehnen und aufgrund dessen kein gutes Feedback zu geben. Es hat mir geholfen, den Text so zu nehmen wie er ist. Und dann hat auch das mit dem Lesen und Feedback geklappt.

    Was mir wichtig ist: Schreibpartner, der selbst nicht im gleichen Genre schreibt. Dann kommt man sich nicht in die Quere und kann sich auch auf das andere Manuskript besser einlassen. Zumindest ist das meine Erfahrung.

    Mir hat meine Schreibpartnerin sehr geholfen, mich und mein Manuskript aufzuwerten.Vor allem hat es auch sie dazu gebraucht, an ihrer eigenen weiter zu arbeiten. Es hat also nur Vorteile!

    Liebe Grüße
    Henrik

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