Aufschieberitis ist nicht nur ein Laster, sondern auch eine Chance

Aufschieberitis ist nicht nur ein Laster, sondern auch eine ChanceÜber Prokrastination – die chronische Aufschieberitis – habe ich schon häufiger geschrieben. So gut wie jede Autorin kennt sie, denn wer Romane schreibt, ist ganz besonders anfällig für dieses lästige Leiden.

Es ist also der Normalfall, wenn du dein Buchprojekt vor dir herschiebst, wenn du zwar tolle Ideen hast, aber dich nicht zum Anfangen überwinden kannst. Und wenn du dich dann mal aufgerafft und voller Begeisterung die ersten Seiten geschrieben hast, kommt irgendwann ein Kapitel, bei dem du auf Schwierigkeiten stößt und dann für Tage oder Wochen um dein Projekt herumscharwenzelst und lieber E-Mails checkst, dich auf Facebook herumtreibst oder sogar die Küche sauber machst, statt das zu tun, was du ja eigentlich willst – nämlich zu schreiben.

Wie bereits angedeutet, es ist wichtig, dir bewusst zu machen, dass Prokrastinieren kein Phänomen ist, unter dem nur du leidest. So ziemlich jeder Mensch leidet mehr oder weniger darunter. Je selbstständiger man arbeitet, desto häufiger.

Wenn so gut wie jeder Mensch prokrastiniert, muss das chronische Aufschieben auch eine Funktion haben, und nicht nur ein lästiges Laster sein. Tatsächlich stecken hinter dem Aufschieben einige grundlegende Bedürfnisse und Zusammenhänge, die du kennen solltest. Denn wenn du genau weißt, wieso du gerade aufschiebst, kannst du erstens die Aufschieberitis nicht nur besser überwinden, sondern auch davon lernen, um dich als Autorin weiter zu entwickeln.

Warum also prokrastinieren Menschen?

Wir schieben Aufgabe vor uns her, die folgende Merkmale aufweisen:

  • Ihr Erfolg ist ungewiss.
  • Sie verunsichern uns in unserem Selbstwertgefühl.
  • Sie sind langweilig und/oder routinemäßig.

Wie das? Ist Schreiben nicht etwas, das uns glücklich macht? Ja, schon. Aber eben nicht nur. Schreiben ist ein komplexer Prozess – und gerade das Schreiben eines ganzen Romans bringt Aufgaben mit sich, die dem einen mehr und dem anderen weniger liegen. Wäre das nicht so, würden nicht viele Autoren über Schreibblockaden klagen.

Schreibst du nur für dich, ohne die Absicht zu verfolgen, deinen Roman auch zu veröffentlichen, ist der Erfolg deines Projektes kein Thema. Wenn du aber das Ziel verfolgst, deinen Roman Agenten und/oder Verlagen anzubieten, dann ist dieser Erfolg in höchstem Maße ungewiss.

Selbst wenn es dir gelingt, einen Agenten und einen Verlag zu finden und dein Buch zu veröffentlichen – ob und wie gut es sich danach verkauft, ist wiederum im höchsten Maße ungewiss.

Das kann schon einschüchternd wirken. Kein Wunder also, dass dein innerer Schweinehund das Schreiben lieber auf die lange Bank schiebt, um diese Enttäuschung zu vermeiden.

Um Enttäuschungen über ausbleibenden Erfolg zu vermeiden, ist jedoch Aufschieben keine gute Strategie. Denn wenn ich immer aufschiebe, werde ich auch nie Erfolg haben. Eine selbsterfüllende Prophezeiung.

Befriedigender ist es, die Erfolgskriterien dort zu suchen, wo ich auch Erfolg wirklich beeinflussen kann.

Ab wann ist ein Buch erfolgreich? Wenn du 100 oder 1000 Exemplare verkauft hast? 5000? 500.000? 5.000.000? Die Antwort ist nicht leicht. Hinzu kommt, dass du auf die Verkaufszahlen keinen direkten und nur einen geringen Einfluss hast. Mundpropaganda – immer noch das wirksamste Marketinginstrument -, lässt sich durchaus beeinflussen, aber eben nicht erzwingen.

Was du hingegen beeinflussen kannst, ist dein Erfolg beim Schreiben. Du kannst daran arbeiten, bessere Dialoge zu schreiben, spannendere Plots zu entwickeln oder packendere Figuren.

Es ist auch möglich, sich qualitativ zu verbessern. Du kannst einfach mehr Wörter am Tag schreiben. Gelingen dir bisher 500 Wörter am Tag mühelos, versuche dich auf 700 zu steigern. Das ist doch ein gut sichtbarer und messbarer Erfolg.

Ähnlich verhält es sich mit den anderen Kriterien. Schreiben kann dein Selbstwertgefühl negativ beeinflussen. Vielleicht hast du den Eindruck, einfach nicht gut genug zu schreiben.

Hier hilft das Feedback qualifizierter Testleser. Menschen, die geübt darin sind, das Potenzial eines Textes zu erkennen, können dir dabei helfen, dir deine Qualitäten bewusst zu machen. Wenn sie wirklich gut sind, zeigen sie dir auch deine Schwächen auf. Aber keine Sorge, niemand schreibt nur schlecht. Selbst, wenn du das Gefühl haben solltest.

Manchmal kommst du auch beim Schreiben an Punkte, an denen du feststeckst. Deine Geschichte hat deinen Reiz für dich verloren. Oder du musst nach Rechtschreib-, Grammatik- und Zeichenfehlern suchen. Wem macht das schon Spaß?

Natürlich schiebt jeder solche Aufgaben lieber vor sich her.

Aber wenn dich deine Geschichte langweilt – dann läuft grundsätzlich etwas schief. Vielleicht stimmt etwas mit den Figuren nicht? Hast du zu wenig oder zu viel recherchiert? Unter Umständen ist das ganze Projekt nicht so spannend, wie du anfangs gedacht hast?

Überlege dir, wie du den Teil, der dich gerade langweilt, spannender gestalten oder vielleicht einfach weglassen kannst.

Routineaufgaben wie das Korrekturlesen kannst du durch kleine Tricks spannender machen. Lies alle Sätze rückwärts, damit dein Aufmerksamkeit geschärft und dein Verstand gefordert wird. Drucke deinen Text aus und gib ihm ein Layout, das so aussieht, als wäre dein Manuskript schon ein fertiges Buch. Das kann motivieren.

Du musst solche Aufgaben vielleicht auch nicht alleine erledigen. Engagiere einen Lektorin oder frage eine Freundin, ob ihr euch zum Kaffee treffen könnt und plaudert dann über deinen Text oder geht ihn gemeinsam durch.

Alle diese Ideen führen dazu, dass du nicht nur das Aufschieben überwindest, sondern dass du deine Fähigkeiten als Autorin weiterentwickelst. Du musst dir dazu nur bewusst werden, wieso du gerade aufschiebst: Fürchtest du dich vor Misserfolg? Hast du die Sorge, nicht gut genug zu sein oder ist die Arbeit, die vor dir liegt eine zu langweilige Routine?

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13 Antworten auf “Aufschieberitis ist nicht nur ein Laster, sondern auch eine Chance”

  1. Sehr gut auf den Punkt gebracht, besonders schön auch die Lösungsansätze. Danke dafür!
    Was ich bei mir auch oft diagnostiziere, ist mangelnder Input. Beim Schreiben fließt ja viel nach außen, der Pool an Kreativität, Ideen und damit Motivation muss ja auch wieder aufgefüllt werden. Das mag bei jedem Schreiberling anders aussehen: Reisen oder auch kleine Trips, Kunstausstellung, Ausstausch mit anderen Autoren oder ganz klassisch: Lesen.
    Liebe Grüße, Julia

    Gefällt 2 Personen

  2. dankeschön!!
    ich hab mir eine meiner vorlesegeschichten für kinder – ziemlich teures vergnügen – als fotobuch ausdrucken lassen. das macht bei einer lesung richtig was her, die kinder fandens richtig toll 😉 mit bildern und allem. kann ich auch nur weiter empfehlen.
    schönste wochenendgrüße, a

    Gefällt 1 Person

  3. Mein Problem ist, ich lebe seit 17 Jahren in den USA, und habe viel von meinem deutschen Wortschatz verloren, obwohl ich sehr sehr gut in der Schule war und seit meinem 12ten Lebensjahr schreibe.
    Aber, da sitze ich vor meinem iPad und es sprudelt aus mir heraus, bloß dann find ich die Worte nicht mehr. Ich dachte schon darüber nach in englisch zu schreiben, aber da bin ich auch ungenügend „gut“. Das Problem ist, mir hüpfen zweierlei Sprachen zu gleicher Zeit im Kopf herum, ….und Wummmmmm, ich finde das Verb nicht mehr in meinem Kopf.
    Dann springe ich im Wörterbuch hin und her, um das so „ungefähre“ Verb zu finden.
    Mann, ich wäre total aufgeschmissen ohne der modernen Technologie.
    Wenn ich dann meine Dinge nachlese, haut es mir wortwörtlich den Vogel raus, da ich ich denke, ein Erstklässler kann das Tausendmal besser.
    Es ist wie verhext und dadurch bekomme ich dann die schmerzliche „Schreibblockade“.
    Die Idee ist vorhanden, der Wille zum Schreiben tief in mir verankert.
    Jedoch die Worte, oh mei die Worte sind dahingeschwunden.
    Was soll ich tun?
    Danke Marcus, ich liebe deine Tipps.
    You are an awesome writer and teacher.
    Til soon from Michigan, USA
    Danny

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  4. Vielen Dank für den Artikel, er spricht vermutlich vielen Autoren (und anderen vorsichherschiebern) aus der Seele. Ich habe immer sehr zu kämpfen, wenn ich mir selbst und vor allem unterbewusst Druck mache. Gerade Erfolgsdruck halte ich eigentlich gut aus, aber nicht beim Schreiben. Dann sitze ich vor meinem PC und schreibe nur Blödsinn. ABER! Wenn ich diesen Blödsinn am nächsten Tag noch mal lese, finde ich meistens eine bessere Variante die Szene zu schreiben und kann es ändern. Man muss sich wie Du so schön sagst, nur überwinden und sich darüber im Klaren werden, was einen abhält loszulegen. Auch wenn dieser Anfang dann nicht perfekt ist, ist es ein Anfang.

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  5. Prokrastinieren ist toll.. manchmal.. Schön geschrieben, vor allem die Hinweise zur Bewältigung. Ich locke mich siet geschlagenen zwei Jahren mit dem Ziel, mir mein mich seit 4 Jahren beschäftigendes Projekt – und das schreibe ich derzeit tatsächlich nur zum Vergnügen und zur Übung – am Ende als BoD ausdrucken zu lassen, so als richtig echtes Buch, mit Cover und vielleicht sogar Bildern drin (ist erschwinglich und wird auch für ein einziges Exemplar gemacht) und dann ins Regal zu stellen. Das ändert zwar nur wneig daran, dass es manchmal echt anstrengend ist, aber trotzdem bleibe ich dran – und freue mich schon darauf, wenn es endlich dasteht. Ist vielleicht auch ein brauchbares Zwischenziel für den ein oder anderen erntshaften Schreiberling 🙂

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  6. Die Aufschieberitis hab ich (zum Glück) nur beim korrigieren. Nach 200-300 Seiten ist einfach die Luft raus, auch wenn ich mir pro Tag nur ein Kapitel vornehme. Manchmal mach ich ein paar Wochen Pause aber irgendwie ist nach 1-2 Kapitel wieder der Wurm drin. Den Text „buchfertig“ zu formatieren hilft, aber wie prügel ich mich durch die zweite Hälfte durch?

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  7. Mir geht es so, dass ich beim ersten Entwurf meines Romans dem Ende immer näher komme und damit dem Teil, wo es ans Überarbeiten und Korrigieren geht. Davor graust es mich so, dass ich jeden Tag neue Gründe finde, den Roman nicht weiter zu schreiben. Schreiben ist eine Sache – die Geschichte fließt aus mir raus – aber das Überarbeiten …. Ich weiß nicht, wo anfangen und wo weitermachen. Da bräuchte ich so einen schönen 5-Punkte-Plan … 😉

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