Erfolgreiche Romane überzeugen nicht – sie verführen

Erfolgreiche Romane überzeugen nicht - sie verführenAls Autorin solltest du dein Handwerk beherrschen. Du solltest wissen, wie du einen Plot strukturierst, wie Figuren einer guten Geschichte beschaffen sein müssen, wie du mitreißende Dialoge schreibst usw.

Aber all das ist bestenfalls die halbe Miete, wenn es um das Romanschreiben geht. Handwerkszeug allein verführt keine Leserin dazu, dein Buch zu verschlingen und es mit leuchtenden Augen weiterzuempfehlen.

Handwerk ist beim Schreiben eine wichtige Basis, aber nicht der Faktor, der über den Erfolg deines Romans entscheidet

Die knallharte Wahrheit lautet: Den meisten Leserinnen wird der handwerkliche Aspekt eines Romans nur dann bewusst, wenn in diesem Bereich Fehler gemacht werden. Dann kannst du in deinen Rezensionen später lesen: »… Ungereimtheiten in der Handlung.«, »… war mir die Figur unsympathisch …« usw.

Selten lese ich in Rezensionen so was wie: »Was für ein sauber geplotteter Roman. Hut ab!«.

Wenn Leserinnen aber nicht an ordentlichem Handwerk interessiert sind, was bringt sie dann dazu, ihre Nase in Romane zu stecken und so schnell nicht wieder herauszuziehen? Ist es »die Geschichte«? Sind es »die Figuren«? Oder gar »das Thema«?

Ich denke, die alle diese Dinge und ähnliche sind eher nebensächlich.

Streng genommen bringst du als Romanautorin nicht Geschichten an die Frau, sondern Gefühle.

Emotionen sind meiner Meinung nach der Grund, wieso sich Romane verkaufen, Kurzgeschichten oder Novellen in der Regel eher nicht, obwohl sie ja im Prinzip genauso Geschichten erzählen wie Romane.

Romane sind eine lange Reise auf der Achterbahn der Emotionen

Romane nehmen Leserinnen auf eine emotionale Reise mit. Kurzgeschichten und Novellen sind eher wie ein Spaziergang im Volkspark. Und wenn ich die Wahl habe, für das gleiche Geld für zwei Wochen in den Süden zu fahren oder eine Runde auf dem Karussell im Volkspark zu drehen, dann wäre ich schön doof, mir ein Ticket für den Rummel zu kaufen.

Das Problem ist nur: Strukturen zu erfüllen, Regeln zu befolgen, fehlerfreie Sprache abzuliefern usw. – also mein Handwerk zu erlernen und zu benutzen – ist relativ einfach. Ein wenig wie Malen nach Zahlen. Das lässt sich lernen und überprüfen. Gefühle bei den Leserinnen zu erzeugen – das ist viel, viel härtere Arbeit als alles andere und ob du dieses Ziel auch tatsächlich erreichst, liegt nur zu einem geringen Teil in deiner Hand.

Zu allem Unglück entscheidet der emotionale Eindruck, den dein Manuskript (schlimmer noch: dein Exposé, bestenfalls die ersten Sätze deines Romans) bei einer Leserin, Lektorin oder Agentin hinterlässt darüber, ob es je ein größeres Publikum erreichen wird oder halt eben nicht.

Intime Geheimnisse

Manche Schreibratgeber suggerieren, dass es gewisse Schlüsselwörter gäbe – bestimmte Substantive, Adjektive, Verben -, die du benutzen kannst, um Emotionen zu erzeugen.

Es mag stimmen, dass manche Reizwörter das Interesse wecken können. Ob Reizwörter aber tatsächlich auf Dauer einen Roman tragen können, hängt meiner Meinung nach von ganz anderen Dingen ab.

Was also kannst du tun, um wenigstens eine Chance zu haben, deinen Roman zu einem emotional eindrucksvolles Erlebnis zu machen?

Zunächst einmal gilt es Neugier zu wecken. Auf neues Wissen, neue Welten und die Beziehungen der Figuren des Romans. Fragen müssen möglichst schnell aufgeworfen werden. Je subtiler und gleichermaßen zwingender diese Fragen sind, desto zwingender wollen Leserinnen Antworten.

Worauf genau sind Leserinnen neugierig? Ich denke auf das, was uns im Alltag eher verborgen bleibt.

Das Lesen eines Romans ist im Prinzip Voyeurismus. Leserinnen können an dem Leben anderer Menschen so intim teilhaben, wie es sonst kaum möglich wäre. Diesen Voyeurismus gilt es zu befriedigen.

Was denken, fühlen, fürchten die Figuren? Was gibt es über sie zu erfahren, das ich von meinen Mitmenschen in der Regel nicht erfahre, weil es ihnen zu intim, persönlich und/oder peinlich ist?

Stephen King ist zum Beispiel ein Autor, der den Voyeurismus seiner Leserinnen perfekt bedient. Er hat im Prinzip seine ganze Karriere darauf aufgebaut, über Intimitäten zu schreiben. Gleich in seinem ersten Roman »Carrie« und sofort auf dessen ersten Seiten geht es um Menstruation in der Mädchenumkleide, um Außenseitertum und eine perverse Beziehung einer Mutter zu ihrer Tochter. Hui.

Ja, Carrie kann auch Telekinese. Aber das ist eher nebensächlich. Das ist nicht das, was das Publikum in den Bann schlägt.

Gefühlsmäßige Verbindung zu den Figuren

Aller Voyeurismus, den du als Autorin bedienen kannst, bleibt jedoch wirkungslos, wenn es den Leserinnen nicht gelingt, eine Verbindung zu den Figuren (vor allem zur Haupt- bzw. Perspektivfigur) aufzubauen. Die Figuren eines Romans erleben die vielen spannenden Situationen, in die eine Geschichte sie verwickelt, stellvertretend für die Leserin. Nur wenn die Hauptfigur deinen Leserinnen sympathisch ist oder wenn sie Mitleid mit ihr empfinden, werden sie auch mitgerissen.

Neugier + Sympathie + Mitleid + Voyeurismus = packender Roman?

Im Prinzip ja. Nur leider interessiert nicht jeden Menschen alles gleich. Und auch nicht jeden Menschen spricht alles gleich stark emotional an.

Du musst also eine Vorstellung davon haben, für wen du schreibst. Wie sieht die ideale Leserin aus, die emotional von deinem Roman gepackt und gebannt werden soll und kann? Bestenfalls deckt sich das Bild deiner idealen Leserin auch mit der Persönlichkeit deiner Agentin, die darüber entscheidet, ob und wem sie dein Manuskript anbietet.

In der Regel wird das jemand sein, die so ähnlich ist wie du. Denn die Gefühle, die du beim Träumen und Schreiben deiner Story erlebst, können – wenn du dein Handwerk beherrschst – auf die Leserin überspringen.

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9 Gedanken zu “Erfolgreiche Romane überzeugen nicht – sie verführen

  1. Auch wenn die Rechnung/Formel nicht auf jeden Leser übertragbar ist, was durchaus Vorteile hat, darf man sie nicht unterschätzen. Sie entspricht im Grunde dem Gefühl „kleines Mäuschen“ zu spielen. Und wer hat nicht hin und wieder das Verlangen danach?
    Mir ist die Formel einen weiteren Merkzettel, der über meinem Schreibtisch angepinnt wird, alle Male wert! Vielen Dank für die hilfreichen Tipps!

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  2. Ich weiß, dass Emotionen unter vielen Medienmachern seit geraumer Zeit ein geliebtes Thema. Wahrscheinlich ist es nicht unbedingt falsch, was du geschrieben hast, aber einseitig. Was lösen Emotionen aus? Informationen, der wir Bedeutung zumessen. Liebe und Tod messen wir immer Bedeutung zu, deswegen kommt kein Buch ohne sie aus.
    Manche lösen Geschichten um den Büroalltag Emotionen aus, sonst wäre die „Das Büro“-Romane in den Niederlande nicht zu solchen Bestsellern geworden. Oder neben wir die blaue Blume, eine Metapher der Romantik, ich bin mir sicher, die Romantiker verbanden damit Emotionen, wir können es rational zwar nachvollziehen, aber emotional nicht. Da wären wir wieder beim Inhalt, bei Figuren, Plot und Thema. Es ist nicht zu vernachlässigen, wie hier angedeutet wird.

    Zum anderen halte ich den Kult um die Emotionen für gefährlich. Trump funktioniert durch Emotionen. Emotionen, Emotionen, Emotionen! Er ist eine Emotionsmaschine. Das hat er bei seiner Realitysendung gelernt. Ich will ihn nicht zum Präsidenten, ich halte ihn für gefährlich, weil er sich vermutlich nicht im Griff hat, keine Ahnung von den wichtigen politischen Themen hat. Neben Emotionen muss es noch so etwas wie Haltung, Reflektion und Ratio geben. Emotionen ohne sie sind wie ein gefährliches Raubtier, sie müssen gebändigt werden. Das sollte auch ein Schriftsteller beachten, er hat Verantwortung, vielleicht keine große, aber er hat Verantwortung, was löse ich mit meinen Buch aus?

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    • Es gibt in meinen Augen keinen »Kult um Emotionen«. Es liegt auf der Hand, dass ich ohne eine emotionale Reaktion beim Publikum zu erreichen, auch nicht unterhalten kann. Wenn ich also Unterhaltungsliteratur schreiben will – und darum geht es mir hier – komme ich nicht darum herum, mir auch darüber Gedanken zu machen, wie ich Emotionen schreibe und erzeuge.

      Das Beispiel von Trump erschließt sich mir nicht. Zunächst einmal haben Politik und Unterhaltungsliteratur einfach vollkommen unterschiedliche Funktionen. Bei dem einen will ich meinem Publikum ein paar entspannte Stunden bereiten. Beim anderen geht es um Wohl und Wehe eines Staates, um Existenzen und Schicksale von Millionen. Im Falle von Trump sogar von der ganzen Welt. Ich sehe hier keine Vergleichsebene.

      Ich weiß auch nicht, ob Trump tatsächlich so massiv über Emotionen funktioniert. Zumindest so weit ich das mitbekomme, wollen Trump-Befürworter ihn als Präsidenten, weil er unabhängig ist und nicht zu einem System gehört, dass diese Menschen für korrupt hatten. Ich teile diese Einschätzung nicht, kann aber auch nicht erkennen, was daran über alle Maßen emotional ist.

      Auf der anderen Seite wird es nie einen Wahlkampf geben, in dem Emotionen keine Rolle spielen. Ich weiß auch nicht, ob das so gut wäre. Ja, man sollte eine Wahlentscheidung nicht nur aus dem Bauch heraus treffen. Aber jeder, der behauptet, Sympathien und Antipathien würden dabei keine Rolle spielen, lügt in meinen Augen.

      Aber wie gesagt, dass sind eigentlich Themen, die mit der Rolle von Emotionen in der Unterhaltungsliteratur eigentlich gar nichts zu tun haben.

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      • Niemand behauptet, dass Unterhaltung ohne Emotion geht. Darum ist es nicht unbedingt falsch. Aber mir kommt es vor, dass viele Macher in den Medien den Vorwurfb der Haltungslosigkeit damit abwehren, dass es ihnen doch nur um die Emotionen ginge.
        Und diese Konzentration auf Emotionen machen ein Medienprodukt nicht unbeding besser, weil man vieles so zurecht legt, damit es scheinbar die größte emotionale Wirkung erzielt, da kann man bei manchen Castingformaten sehen. Manchmal ist weniger mehr, zumal man spürt, dass es nicht authentisch ist, sondern gemacht.

        Trump bietet ja kaum fundierte Argumente. Wer Agressionen und Wut gegen Mexikaner oder schürt, der appelliert an die Gefühle, nicht an den Verstand. Sein Wahlkampf bedient und schürt das Gefühl, dass Amerika nicht mehr großartig ist.
        Neben Trump kann man auch Compact erwähnen. In der Zeit der vorherigen Woche gab es einen lesenswerten Artikel über diese AfD-nahe Zeitschrift, Besonders interessant ist die Einschätzung über den Chefredakteur, der ja früher bei linken Blättern aktiv war, schon dort ist aufgefallen, dass er es mit den Fakten nicht so genau nahm.

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        • Wie gesagt, Politik und Unterhaltungsromane bieten in meinen Augen keine Vergleichsmöglichkeiten. Auch Castingshows und Reality-TV sind einfach andere Stiefel. Das lässt sich schwer vergleichen.

          Wenn du meinst, dass es natürlich für einen gelungenen Roman nicht ausreicht, nur ans Gefühl zu appellieren, dann gebe ich dir natürlich recht. Aber das habe ich auch nie gemeint und, hoffe ich, auch nicht geschrieben. Aber das ist halt nicht Thema das Artikels.

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  3. Vielen Dank für diesen Beitrag!

    Das mit den Emotionen war mir klar, aber der Punkt „Voyeurismus“ war mir nicht so bewußt. Ich halte das für vollkommen richtig und würde sagen, daß ich es auch intuitiv erfaßt hatte, aber ich hatte noch nie wirklich darüber nachgedacht. Werde mir wohl auch einen Merkzettel mit „Intimität!“ irgendwo hinheften. 😉

    Bei mir erzeugen neue Erkenntnisse übrigens auch Emotionen. Es geht also nicht nur über Intimität, sondern auch über Aha-Effekte. Das passiert z.B. bei historischen Romanen, wenn sie eine weniger bekannte Perspektive einnehmen (Gisbert Haefs macht das mit Karthago). Oder wenn mich ein Roman wegen dort ausgesprochener Ansichten, Erfahrungen oder Probleme (evtl. inklusive Lösungen) zum Nachdenken bringt. Oder auch wenn ein Fantasy-Roman etwas aufnimmt, was vielleicht tatsächlich Teil unserer Realität ist, aber nicht weit genug erforscht, daß man viel darüber sagen könnte. Mich hätte die Telekinese deshalb wahrscheinlich sogar mehr angesprochen als die Menstruation – aber ich kenne „Carrie“ nicht (vermutlich weil mir Stephen King irgendwie auf den Magen schlägt und ich ihn deshalb schon lange nicht mehr lese). Aber vielleicht ist das auch ein Minderheitenphänomen. 🙂

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    • Jeder ist halt anders. Das ist ja das Tückische daran, wenn man versucht, die emotionale Wirkung eines Romans zu kalkulieren. Man kann bestimmte Leserinnen ansprechen, schließt damit aber praktisch automatisch andere aus. Ich habe zum Beispiel auf Tödliche Gedanken beide Reaktionen erhalten: »Viel zu harmlos.« und »Viel zu brutal.«

      Wenn ich den Hardcore-Thriller-Fan anspreche, schließe ich die Liebseromanleserin aus und umgekehrt.

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