Die Frage ist nicht, ob du für Kunst oder Kommerz schreibst, sondern für welche Leserinnen

DieFrageistnicht

In der neuen TextArt schreibt Oliver Buslau im Editorial, dass Autorinnen beim Schreiben nicht nur nach dem Markt schielen sollten. Immer wieder stoße ich bei Diskussionen an diesen Punkt, dass Autorinnen doch nicht ihre »Seele verkaufen« dürfen oder nicht »nur das schreiben sollen, was sich verkauft«.

Ich finde diese These falsch, aber nicht, weil ich ihr widersprechen würde, sondern weil sie meiner Meinung nach am Thema vorbeigeht.

Es geht nicht darum, ob ich als Autor »nur« schreibe, um Geld zu verdienen.

Schreiben – genauer: das Veröffentlichen des Geschriebenen – hat immer mit beidem zu tun, mit Kunst und mit Kommerz. Alles andere ist Augenwischerei. Hoffmann & Campe, Reclam oder Suhrkamp sind Wirtschaftsunternehmen, nicht nur Bastei-Lübbe oder Droemer-Knaur. Auch bei renommierten Verlagen muss am Ende des Jahres die Bilanz stimmen, ganz gleich wie sehr sie sich der Kunst und der hohen Literatur verschrieben haben.

Und wer als Autorin nicht bezahlt werden will, muss nicht veröffentlichen oder halt seine Texte kostenlos anbieten.

Wer jedoch viel Geld verdienen will, sollte nicht schreiben, denn es ist einer der denkbar schlechtesten Wege, um reich zu werden, auch wenn die Karrieren mancher Bestseller-Autoren etwas anderes suggerieren. Jeder, der mit der Einstellung »Ich schreib jetzt mal schnell nen Roman und dann fließt die Kohle.« zu schreiben beginnt, wird sehr, sehr schnell mit dem Schreibe wieder aufhören.

Mit anderen Worten: Ich denke, niemand schreibt ausschließlich mit der Motivation, Geld zu verdienen. Es gibt viel einfachere Wege, viel, viel besser bezahlt zu werden. Als Autorin verdienst du in der Regel nicht einmal den Mindestlohn, also eignet sich jeder andere Job wirklich besser dazu.

Wenn ich nicht gerade zu therapeutischen Zwecken ein Tagebuch führe (oder Ähnliches) – dann werde ich in der Regel schreiben, um auch gelesen zu werden.

Die eigentliche Frage lautet also nicht, ob ich als Autorin lieber Künstlerin oder Kapitalistin bin, sondern von welchen und von wie vielen Leuten ich gerne gelesen werden möchte.

Will ich so schreiben, dass ein möglichst großes Publikum Zugang zu meinen Büchern bekommt oder schreibe ich lieber für eine sehr spezielle Nische? Sei sie nun hoch literarisch oder aus anderen Gründen einfach nicht das, was die meisten »die breite Masse«, »den Mainstream« oder »Massenmarkt« nennen.

Wenn mein Herz für Wildwestromane schlägt, dann wäre es natürlich vollkommener Blödsinn irgendetwas anderes zu schreiben – obwohl anerkannter Maßen Western im Roman ein Genre mit einer sehr kleinen Fanbase ist.

Und wenn mein großes Vorbild als Autor Thomas Mann ist, dann eigne ich mich nicht dazu, Heftromane zu schreiben. Warum sollte ich auch? Ich würde etwas tun, was mir nicht entspricht, wäre unglücklich und würde wahrscheinlich schlechte Texte produzieren. Ohne dabei Geld zu verdienen.

Es gibt meiner Überzeugung nach keine Autorinnen, die nur dem Geld hinterherlaufen. Jede Autorin steckt auch Herzblut in ihre Werke. Ja, »sogar« Heftromanautorinnen, über deren Schaffen so häufig die Nase gerümpft wird, weil sie ja »nur« Gebrauchtliteratur schreiben, mögen häufig einfach das, was sie tun und haben eine Leidenschaft für ihr Medium und ihre Genres.

So eine Heftromanautorin verdient, wenn es gut läuft, schätzungsweise so um die 2000,- Euro pro Monat. Vor Steuern. Manche vielleicht mehr, viele eher weniger, vermute ich. Und sie leben in keinem sicheren Angestelltenverhältnis, sondern werden nach abgeliefertem Manuskript bezahlt.

Häufig sind Heftromanautorinnen Akademikerinnen, also das, was man bei uns im Allgemeinen unter recht hoch qualifizierten Arbeitnehmerinnen versteht. Die meisten von ihnen könnten wahrscheinlich besser bezahlte und vor allem sicherere Jobs finden, wenn sie wollten.

Erfolg ist nicht planbar. Lesbarkeit schon. Ich denke, Autorinnen, denen vorgeworfen wird, sie würden dem Geld hinterherlaufen sind in Wahrheit einfach darum bemüht, möglichst lesbar zu schreiben und möglichst viele Leserinnen zu erreichen.

Zumindest kann ich das von mir sagen. Ich habe eine Leidenschaft für Geschichten, die vor allem spannend sind. Ich finde es schön, wenn Menschen Zugang zu meinen Texten finden und ich ihnen diesen Zugang nicht unnötig schwer mache. Klare, einfache Wörter, Sätze und Geschichten stellen für mich einen großen Wert dar, in einer Zeit, in der AGBs und Steuererklärungen undurchschaubar sind.

Ich muss nicht die Undurchdringlichkeit und die Verwirrung der Moderne in meinen Texten widerspiegeln – undurchdringlich und verworren ist die Wirklichkeit schon mehr als genug. Ich finde es persönlich einfach viel wichtiger, zur sogenannten Realität einen Gegenpol zu bilden, um zu zeigen: »Schaut her, so geht’s auch. Mann kann sich auch einfach so ausdrücken, dass andere einen verstehen.«

Ich genieße es auch als Leser, wenn ich mich an deutlichen Gedanken erfreuen kann, die möglichst präzise und verständlich geschrieben sind. Ich finde es schön, wenn ich ein Buch aufschlage und in die Geschichte hineingesogen werde, die Zeit und die Umwelt vergesse und ganz in meinem Kopfkino verlorengehe.

Ja, es gibt andere Literatur, die ihre Leserinnen fordern und entwickeln will. Diese Literatur hat ihre Berechtigung und ich lese sie ja auch. Es gibt nichts an ihr auszusetzen und es wäre schade, wenn es sie nicht mehr gäbe.

Nur schreiben will ich sie nicht.

Mit Kommerz hat das wenig zu tun, sondern einfach mit der Frage, für wen ich eigentlich gerne schreiben will.

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19 Gedanken zu “Die Frage ist nicht, ob du für Kunst oder Kommerz schreibst, sondern für welche Leserinnen

  1. Mal wieder ein interessanter Artikel, bei dem ich kaum widersprechen kann. Aber glaubst du nicht doch, dass es durchaus „Autoren“ gibt, die gezielt den Trends folgen oder halt in einem Genre schreiben, von dem sie wissen, dass es immer gelesen wird? Ich denke da zum Beispiel an die achttrilliarden Liebesromane die täglich aus dem Boden sprießen. Ob diese dann erfolgreich sind, oder einfach in der Masse untergehen sei mal dahingestellt. Aber ich denke doch, dass es „schwarze Schafe“ gibt, die sich eher den Trends beugen, einfach weil es erfolgsversprechender ist.
    Nur haben die dann natürlich ein Problem, wenn der Trend vorüber geht. Young Adult Dystopien sind beispielsweise wohl auch nur eine Momentaufnahme, vermute ich mal. Aber es kann ja kaum ein Zufall sein, dass plötzlich ohne Ende YA-Romane veröffentlicht werden, wo vor ein paar Jahren quasi gar kein Markt für existierte.
    Ich habe da bei mir im Blog auch mal was zu geschrieben. Also zu dem Folgen von Trends und warum das keine gute Idee für einen Autoren ist. Wenn du nichts dagegen hast, verlinke ich das mal hier. Soll auch keine Eigenwerbung sein. Passt einfach nur gut zum Thema: https://michaelsenautor.wordpress.com/2016/05/28/trends-und-warum-ich-ihnen-nicht-folge/ (Wenn der Link nicht erwünscht ist einfach löschen)

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    • Kannst du mir konkrete Beispiele für Autoren oder Autorinnen nennen, die „schwarze Schafe“ sind? Mir fällt keines ein.

      Wer sagt denn, dass die unzähligen Liebesromanautorinnen nicht einfach gerne Liebesromane schreiben, dass sie einfach das lieben, was sie tun?

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  2. Ich habe Probleme, Geschichten nur auf Spannung zu trimmen. Es ist ein wichtiger Aspekt, bitte aber nicht der Einzige.

    Was meint Verwirrung der Moderne? Ist so etwas wie The Wire oder Breaking Bad gemeint? Die ja beide sich nicht auf ein klares Schwarz-weiß-Muster reduzieren lassen. The Wire verlangt auch etwas Konzentration, um sich darin zurecht zu finden, aber es lohnt sich. Das ist aber auch spannend.
    Oder meint es so etwas wie „Die Erfindung der RAF“, die stellenweise ganz witzig ist, aber keinen Spannungsboden hat und auch bestimmte Bildung voraussetzt. Man sollte etwas mit Peter Hacks und Heidegger anfangen können.
    Generell fragt man sich bei manchen Gemecker, haben die Leute keinen Humor, beispielsweise bei Wallace und Joyce.

    Ich bin der Meinung, man sollte sich nicht unnötig kompliziert ausdrücken. Klarheit ist dem Geschwafel vorzuziehen. Ansonsten gilt: Jedes Experiment muss dem Inhalt dienen, ihn strahlen lassen.

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  3. Hallo Marcus,
    ich stimme dir voll und ganz zu. Schreiben macht nicht reich! Aber es ist ein Privileg, welches ich jeden Tag aufs Neue genieße! „Wenn du deine Geschichten nicht schreibst, dann liest sie keiner.“ Es geht nicht ums Geld.
    Es geht um die Anerkennung. Es geht um den Ausdruck in den Augen derer, die dein Werk in den Händen halten und dich fragen: „Das hast du geschrieben?“

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    • Ich weiß nicht unbedingt, ob schreiben ein Privileg ist. Ich habe für mich den Eindruck, dass es vor allem hart erkämpft ist. Ich für meinen Teil opfere auch eine Menge dafür, dass ich Bücher veröffentliche. Und ich bin mir sicher, dass es den allermeisten Autoren ähnlich geht. Deswegen finde ich es immer etwas befremdlich, wenn jemand meint, es gäbe Autorinnen, die nur wegen des Geldes Dinge schreiben würden, die sie eigentlich gar nicht mögen.

      Vielleicht gibt es sie ja, aber ich vermute, dass sie – von wirklich wenigen Ausnahmen einmal abgesehen – nicht lange beim Schreiben bleiben werden.

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      • Ja, Opfer gehören dazu. Das merke ich, die noch ganz am Anfang steht, auch schon. Mir ist es wichtig, stolz auf meine Arbeit zu sein. Ich weiß, dass meine Texte nicht die Welt verändern werden und das ist für mich auch in Ordnung. Aber sie bescheren einigen Lesern hoffentlich ein paar schöne Stunden. Ich tue Gutes.
        In meinem alten Job habe ich ein geregeltes Einkommen verdient. Monat für Monat floss das Geld auf mein Konto. Viel mehr Geld als heute. Doch dieser Beruf widersprach meinen Ansprüchen. Ich wurde krank.
        Wer nur für ein volles Bankkonto schreibt, verpasst die schöne Seite daran.

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  4. Hallo,
    wenn jemand bereit ist, Geld auszugeben, um meine Texte zu lesen, dann ist das das höchste Kompliment, gleichzusetzen mit Anerkennung.
    Natürlich kann ich schreiben, was ich will, aber wenn ich mich nicht an Regeln halte, ist die Wahrscheinlichkeit, einen Verlag zu finden, gleich Null. Damit meine ich zum Beispiel, wie ein Roman aufgebaut sein sollte, Heldenreise etc. Dass das so eng gesehen wird, finde ich ein wenig schade. Mein Eindruck ist, wenn man einen Verlag finden möchte, dann muss man den Regeln folgen, und zwar ziemlich strikt. Und sich an das Verlagsprogramm halten!
    Aber heutzutage kann man doch durch Selfpublishing machen, was man will. Entweder, man sieht sich als freier Künstler, der sich an keine Regeln halten will oder man hält sich an die Regeln und erhöht die Chancen auf einen Verlagsvertrag.
    Allerdings, wenn ich das mit anderen Berufen vergleiche: Ein Schreiner beispielsweise folgt auch Regeln und lernt erst mal drei Jahre lang (oder so), wie man schreinert. Und wenn er eine Kommode baut, muss er genau wissen, wie man Schubladen einpasst, sodass sie nicht klemmen.
    Es ist halt die Frage, wie wichtig dem Schreibenden die öffentliche Anerkennung ist. Jeder, wie er will. Als schwarzes Schaf würde ich aber niemanden bezeichnen wollen. Und: Wer wünscht sich nicht, dass er Erfolg hat?

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  5. Hallo Marcus. Wie immer ein sehr interessanter Beitrag. Ich bin ohnehin ein begeisterter Fan deines Blogs. Habe deswegen auch den link zu deinen Beiträgen auf unsere website gesetzt (www.siebenschreiber.de), hoffe das ist okay für dich.
    Was mir als Kommentar dazu noch einfällt ist dies: wer vom schreiben reich wird sind die, die ohnehin schon „reich“ sind. Soll heißen, wenn du schon einen berühmten Namen hast, beispielsweise Schauspielerin, Journalistin oder Moderatorin bist oder sonstwie in den Schlagzeilen vertreten bist, dann findest du, so scheint es mir wenigstens, problemlos einen Verlag, egal ob deine Schreibe etwas taugt oder nicht. Und gekauft wird das Ganze dann auch noch, weil ja jeder mitreden will.
    Und heutzutage musst du auch nur einen Krimi schreiben, möglichst einen lustigen mit viel Lokalkolorid und schon ist er verkauft. Zumindest kommt es einem so vor, wenn man durch die Buchhandlungen schlendert.
    Nichtsdestotrotz schreibe ich weiter, das was mir gefällt, das was ich selbst gerne lese und halte mich dabei besonders gerne an deine Tipps 🙂

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    • Vielen Dank für den Link, Rena. Das freut mich natürlich.

      Ja, natürlich haben Prominente es leichter, einen Roman oder Buch an den Mann zu bringen.

      Aber man muss da auch keinen Groll gegen hegen.

      Ob sich am Ende die Veröffentlichung auch „lohnt“, also verkauft, ist immer noch eine andere Sache. Charlotte Roches Romane zum Beispiel sind keine Selbstläufer. So weit ich mitbekommen habe, hat sich ihr letzter nicht so gut verkauft.

      Wenn sich das Buch dank des Namens gut verkauft, dann ist das für einen Verlag eine tolle Sache, weil das viel Geld in die Kassen spült, dass dann genutzt werden kann, um kleinere Autoren zu verlegen, die weniger Auflage machen.

      Und, nein, auch einen Regionalkrimi schüttelt man nicht aus dem Ärmel und er ist noch lange kein Garant dafür, reich und berühmt zu werden. Ich würde jedenfalls keinen Regiokrimi schreiben, in der Hoffnung, mir ein halbes Jahr später meine Zigarren mit 100-Euro-Scheinen anzünden zu können.

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      • Nun ja. Ich glaube, wenn es nur nach dem Namen gegangen wäre, hätte Charlotte Roche nicht 2 Millionen Feuchtgebiete-Bücher verkauft, so bekannt war sie nämlich nicht. Es war wohl auch dem Skandal geschuldet.

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  6. Ich schreibe in erster Linie, um mich kreativ „auszutoben“, wobei sich meine Leidenschaft für’s Schreiben stets mit der für’s Fotografieren abwechselt. Derzeit übe ich zweitere wieder weit mehr aus als das Schriftstellern… Obwohl ich wie gesagt eigentlich nicht aus pekuniären Aspekten schreibe, habe ich mich vor einigen Monaten doch sehr gefreut, als ein kleiner, aber feiner Verlag beschloss, einen meiner Romane zu veröffentlichen. 😉

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  7. Die Frage, ob Künstler oder Kapitalist, begegnet mir in letzter Zeit auch häufiger. Es macht mich oft stutzig, weshalb diese Unterscheidung überhaupt gemacht wird. Natürlich ist klar, dass Künstler/Autor Berufsfelder sind, deren Produkt nicht fair bezahlt wird. Es wird erwartet, dass Kunst aus Leidenschaft betrieben wird, auch ohne viel Geld. Dass die Gleichung nicht aufgeht, sollte klar sein. Aber gut, darum geht es ja hier nur am Rand.
    Ich stimme dir zu, dass wohl niemand nur aus finanziellen Gründen schreibt oder wenn, dann schnell mit der Realität konfrontiert wird. Wer ehrlich Bücher schreibt, verdient erstmal nichts. Deshalb ist es nur natürlich sich auf die besonderen Aspekte beim Schreiben zu konzentrieren. Für wen man schreibt, ist da ganz essentiell. Leser sind Menschen, die uns ihre Zeit schenken. Uns und unseren Ideen erst Leben einhauchen und ihnen damit einen echten Wert geben. Ohne sie ist ein Buch nur eine Idee, die einsam stirbt. Das sollte man als Autor nie vergessen.
    +Mika+

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    • Ich weiß nicht, ob ich Künstler bin. Ich sehe mich eher als Entertainer. Ansonsten stimme ich dir zu, vor allem, was die Rolle des Lesers angeht. Wenn ich nicht an den Leser denke, dann muss ich meine Geschichten eigentlich auch nicht aufschreiben, dann reicht es ja, sie für mich in meinem Kopf zu erleben.

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