Ziemlich, vielleicht und eigentlich sind eigentlich ziemlich schlechte Wörter – oder vielleicht auch nicht …

Ziemlich, vielleicht und eigentlich sind eigentlich ziemlich schlechte Wörte - vielleicht aber auch nicht ...

Harmlos wirkende Wörter, die wir im Alltag gerne und gefahrlos benutzen, können in einem Roman viel Schaden anrichten. Zu ihnen gehören »ziemlich«, »vielleicht« und »eigentlich«. Sie wirken unscheinbar, sind aber brandgefährlich.

Zunächst einmal sind sie ganz normale Wörter, so wie alle anderen auch, also sind sie weder gut noch schlecht. Das bedeutet: Es kommt darauf an, was man mit ihnen macht.

Natürlich kann und sollte ich sie als Autor auch benutzen. Ich muss mir nur bewusst sein, was ich mit ihnen bewirke. Und eben diese Wirkung unterschätzt man als Autor schnell, da wir im Alltag  »ziemlich«, »vielleicht« und »eigentlich« sehr häufig benutzen, ohne uns was dabei zu denken.

Gerade im alltäglichen – vor allem im mündlichen – Sprachgebrauch sind  »ziemlich«, »vielleicht« und »eigentlich« häufig Füllwörter. Deswegen überhören wir sie meistens. Wir nehmen sie in der Regel nicht ernst. Erst in bestimmten Situationen entfalten sie eine Dynamik, die unangenehm werden kann.

»Na, wir schmeckt dir mein Essen?«

»Ziemlich gut.«

»Wie? Ziemlich gut? Also doch nicht gut?»

»Doch, doch, ich hab doch gesagt, eigentlich ganz gut …«

»Eigentlich? Und uneigentlich?«

Wie zu sehen ist, wirken  »ziemlich« und »eigentlich« in einem an und für sich gut gemeinten Lob abmildernd, relativierend – und machen damit das Lob zunichte. Bei sensiblen Seelen kann das durchaus dazu führen, dass trotz der guten Absicht des Sprechers aus Lob vernichtende Kritik wird.

»Annes Geständnis war vielleicht der größte Haufen Mist, den er je in seinem Leben gehört hatte.« ist ein Satz, der uns leicht aus den Fingern fließt, weil wir in der Regel auch so sprechen.

Bei genauem Hinsehen ist so ein Satz hochproblematisch. Was genau soll der Leser mit ihm anfangen?

Das Geständnis war »vielleicht« der größte Haufen Mist? Also vielleicht aber auch nicht. Was war denn dann der größte Haufen Mist? Gibt es da noch mehr? Falls ja, wieso schreibt der Autor nicht davon? Falls nicht – wieso steht dann im Satz »vielleicht«?

Besonders aufmerksame Leser können also durch ein unbedachtes »vielleicht« in den Wahnsinn getrieben werden. Und das mit Recht.

Noch schlimmer:  »ziemlich«, »vielleicht« und »eigentlich« mindern eine Aussage, wie oben im Beispiel mit dem Lob deutlich geworden ist. Was Beziehungen ruinieren kann, lässt auch die Wirkung ansonsten starker Sätze verpuffen.

»Annes Geständnis war der größte Haufen Mist, den er je in seinem Leben gehört hatte.« ist ein starker Satz. Die Metapher ist vielleicht nicht originell, aber trotzdem sehr kraftvoll. Es ist einfach schade, wenn ihre Wirkung durch ein unbedachtes Wörtchen zerstört wird. Sowas mindert das Lesevergnügen.

Darüber hinaus benutzen wir, wie gesagt,  »ziemlich«, »vielleicht« und »eigentlich« gerne als Füllwörter. Füllwörter haben in einem Roman, in dem bestenfalls jedes Wort genau an seinem Platz ist, einfach nichts zu suchen. Sie verwässern den Text, blähen ihn auf und machen ihn damit langweilig.

Bedeutet das nun, dass ich als Autor  »ziemlich«, »vielleicht« und »eigentlich« gar nicht benutzen darf?

Natürlich nicht. Zum Beispiel in Dialogen haben sie durchaus ihre Funktion, wenn sie einen Sprecher charakterisieren sollen.

Und auch an anderen Stellen des Romans kann man sie benutzen. Gerade Autoren humorvoller Texte können sie benutzen, um zum Beispiel Ironie zu verdeutlichen. Nur muss ich mir eben als Autor bewusst darüber sein, dass  »ziemlich«, »vielleicht« und »eigentlich« – und ähnliche Wörter – nicht so harmlos sind, wie sie auf den ersten Blick wirken.

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20 Gedanken zu “Ziemlich, vielleicht und eigentlich sind eigentlich ziemlich schlechte Wörter – oder vielleicht auch nicht …

  1. Ich neige leider auch dazu, Füllworte wie diese zu benutzen 😀 Aber, je mehr ich schreibe, desto mehr schätze ich diese Worte auch, denn sie sind für mich wie das Ungenaue und das Unbestimmte im Leben. Bei mir ist es auch eine Form des Sich-Herantastens im Text. Im Idealfall schaffe ich damit den Raum und die Zeit, um später darin etwas Genaueres weiter zu entwickeln und den Leser mitzunehmen…

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    • Hier habe ich mich vielleicht missverständlich ausgedrückt: In einem ersten Entwurf sind Füllwörter etc. vollkommen menschlich. Wenn du sie zum Herantasten etc. brauchst, spricht meiner Meinung nach nichts dagegen, sie auch zu verwenden. Im Gegenteil: Ein krampfhafter Verzicht kann ja zum Erliegen des Workflows führen.

      Aber in späteren Überarbeitungen haben die dann einfach nichts mehr zu suchen. Das ist in meinen Augen ein Dienst am Leser.

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  2. Marcus Johanus, schreibt immer sehr ausführlich und verständlich. Bekanntlich lernt „Mensch“ nie aus. Es gibt noch viele andere Autoren, an die wir uns halten können. Diese alle namentlich zu nennen, „sprengt den Rahmen“. Beispiele noch: Matthias Matting, Richard Norden, Ruprecht Frieling und viele mehr, auch Autorinnen nicht zu vergessen. Sie alle helfen uns durch ihre großartigen Tipps uns zu verbessern.

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  3. In den Anne-Satz halte ich das vielleicht gar nicht für so schlimm, schließlich schwächt es den Superlativ und diesen Absolutheitsanspruch ab. Was das Geständnis wirklich der größte Mist oder vielleicht der größte Mist? Ich wäre vorsichtig mit Superlativen.

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    • Das ist ja nicht der Punkt. Klar kann ich bei Superlativen Vorsicht walten lassen. Wenn ich ihn aber benutze, dann darf ich ihn nicht abschwächen. Wozu benutze ich ihn dann?

      Die Aufgabe eines Autors besteht in meinen Augen darin, treffende, einfach Formulierungen zu finden. Wenn ich einen Superlativ abschwäche, drücke ich mich einfach nicht klar aus. Das halte ich für falsch.

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      • Ja, das frage mich auch, warum man den Superlativ verwendet. Ich hätte es als Frage formuliert.

        Manchmal steckt die Präzision in der Abschwächung, sprich im Suchenden, nicht im Absoluten.

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  4. Ich versuche diese Wörter in der Erzählung zu vermeiden. In wörtlichen Reden lasse ich sie meistens drin, weil die meisten Personen tatsächlich so reden… Jemand der häufig zu diesen Worten greift traut sich nicht, genaue Aussagen zu treffen. Das ist auch eine Art der Charaktisierung.

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  5. Hat dies auf Mein Traum vom eigenen Buch rebloggt und kommentierte:
    Gerne reblogge ich wieder einmal einen Artikel von Marcus Johanus, der einen Seitenblick in meine Überarbeitungsunterlagen geworfen haben muss, bevor er sich hinsetzte und ihn schrieb. Denn ich bin mir bewusst, dass ich Füllwörter wie die hier beschriebenen viel zu häufig durchrutschen lasse.

    Dass ich dies weiß, ist allerdings für die Überarbeitung schon die halbe Miete, denn ich kann, dank der Suchfunktion in der Textverarbeitung meiner Wahl, gezielt danach suchen und dann schauen, was ich an den gefundenen Stellen damit mache.

    Wie Marcus schon schreibt, in Dialogen erfüllen Wörter wie „vielleicht“, „ziemlich“ und „eigentlich“ ihren Sinn. Da sollen sie auch stehenbleiben. Aber ansonsten … könnt ihr eigentlich auch bei Marcus weiterlesen ;-).

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  6. Toller Artikel. Solche „Spitzfindigkeiten“ mag ich, denn das sind eben die Details die einen soliden Text zu einem guten machen.
    Ich würde mich Engel, was den Anne-Satz angeht anschließen. In einem solchen Satz wirkt das „vielleicht“ authentischer und glaubwürdiger. Ohne das „vielleicht“ wirkt „er“ platt, unerfahren und unreflektiert. Gerade bei Dingen wie Glaubwürdigkeit, die sich nicht messen lassen, setzt so ein vielleicht Annes Geständnis auf eine Ebene mit „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu bauen“, ohne unreflektiert zu übertreiben.
    Dabei spielt die Position des Wörtchens auch eine Rolle: „Annes Geständnis war vielleicht der größte Haufen Mist“ oder „Annes Geständnis war der vielleicht größte Haufen Mist“ – im ersten Fall ist es eindeutig abschwächend – wie du schreibst – und ich würde es auch vermeiden. Im zweiten erfüllt es den Zweck, den ich beschrieben habe.
    Gestolpert bin ich aber über „Ich finde dein Essen ziemlich gut“. Nach meinem Dafürhalten heißt das: „fast sehr gut“. Ziemlich hat für mich keinen abschwächenden Charakter. Ist das vielleicht regional unterschiedlich? Ziemlich schwierige Frage 😉

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