Das Genre eines Romans zum Plottwist zu machen ist schwierig, aber möglich

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Es gibt einige erfolgreiche Beispiele für Romane, deren Plottwist ein Genrewechsel oder deren Settingprämisse ein Genremix ist: Marion Zimmer Bradleys Darkover-Serie, Terry Brooks‘ Shannara sind eine Mischung aus Fantasy und Science Fiction.

Manche Thriller von Michael Crichton oder Philipp Kerr mischen dieses Genre mit einigen SF-Elementen. Dan Wells‘ Serienkiller-Reihe stellt eine Mischung aus Horror und Thriller dar. Horror und Fantasy sind ohnehin stark miteinander verbunden, so dass es hier zahlreiche Überschneidungen gibt.

Mein Debüt-Roman, »Tödliche Gedanken«, ist ebenfalls eine Crossgenre-Geschichte. Deswegen bewegt  mich das Thema.

Ich bin mit Steven-Spielberg- und Steven-King-Storys großgeworden. Meiner Meinung nach zeichnen sich viele ihrer Plots dadurch aus, dass sie im Hier-und-Jetzt, im Alltag stark verankert sind und sich von dort aus in eine vom Rezipienten unerwartete, fantastische Richtung entwickeln. Meistens hin zu einem Twist, der das Genre vielleicht nicht immer auf den Kopf stellt, aber doch seine Grenzen wenigstens dehnt.

Eine große Veränderung in dieser Erzählweise, die bis in die 1990er Jahre populär blieb, bestes Beispiel ist hier die TV-Serie X-Files, ereignete sich meiner Wahrnehmung nach mit dem Erfolg von »The Sixth Sense« von M. Night Shyamalan.

Spoiler (für den unwahrscheinlichen Fall, dass du »The Sixth Sense« noch nicht gesehen haben solltest):

Dadurch, dass am Ende des Films enthüllt wird, dass Malcolm Crowe ein Geist ist, wird das Genre der Geschichte verändert. Bis dahin könnte es noch sein, dass die übernatürlichen Elemente des Films nur in der Fantasie von Cole Sear existierten.

Erst durch das Ende wird deutlich, dass »The Sixth Sense« eine Geistergeschichte ist und kein Psycho-Thriller, wie man bis dahin annehmen könnte.

Einen ähnlichen, wenn auch weniger subtileren Twist, besitzt »The Matrix«, der im selben Jahr erschien. Spoiler: Während vor dem Schlucken der Pille der Zuschauer glaubt, »The Matrix« spiele in unserer Welt und es gäbe nur ein paar unerklärliche Ereignisse, weiß er danach, dass die ganze Welt eine Illusion ist. Aus einem mysteriösen Cyberpunk-Thriller wird eine dystopische SF-Geschichte.

Beide Filme waren meiner Ansicht nach für die Erwartungshaltung der Rezipienten an eine Cross-Genre-Geschichte prägend.

Für mich ergeben sich daraus zwei wichtige Eigenachaften, die Cross-Genre-Storys heute aufweisen müssen, um eine Chance zu haben, positiv beim Publikum anzukommen:

Erstens sollten die Genres dicht beieinander liegen.

Ein SF-Roman mit Fantasy-Elementen (oder umgekehrt) nimmt das entsprechende Publikum eher positiv auf, da meistens ohnehin SF-Leser gerne Fantasy lesen und umgekehrt.

Beachtet man das nicht, ergeht es einem z.B. wie den Machern von »Firefly« oder »Cowboys vs. Aliens«. Das Mischen von SF und Western ist etwas, das mir persönlich großes Vergnügen bereitet hat, da ich beide Genres mag. Aber zumindest bei Western-Fans kamen beide Werke nicht gut an. Und beim breiten Publikum, dass beide Nischen-Genres nicht mag, ohnehin nicht.

Zweitens ist das Timing des Twists entscheidend.

Die Erzählstrategie von »Sixth Sense« ist Extrem klug, denn der Twist lässt die Geschichte nicht irgendwo in der Geschichte gemächlich von Szene zu Szene das Genre wechseln, sondern auf einen Schlag zum Schluss.

Eine Kombination aus beiden Strategien – verwandte Genres mit einem geschickt gesetzten Twist zu kombinieren – können dazu führen, dass der Leser beim Genrewechsel mitgeht und das Leservergnügen für ihn gesteigert und nicht ruiniert wird.

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3 Antworten auf “Das Genre eines Romans zum Plottwist zu machen ist schwierig, aber möglich”

  1. Gute Beispiele!
    Wobei ich „Sixth Sense“, „Matrix“ und „Firefly“ sehr mag und „Cowboys vs. Aliens“ einfach nur grottig finde. Ich glaube, bei dem Film konnten sich die Macher nicht entscheiden, ob sie sich selbst ernst nehmen wollten und das merkt man als Zuschauer. Wir alle können über komische Sachen lachen oder unmögliche akzeptieren, aber es muss uns überzeugend rüber gebracht werden.
    Das überzeugend rüberbringen, ist letztlich auch der Punkt, der ein Cross-Genre überzeugend macht. Ich erinnere mich an eine Thriller-Serie, in der es 5 oder 6 Teile lang wie in einem normalen Thriller zuging und dann plötzlich hat der Held übersinnliche Fähigkeiten. In den Büchern wurde das oft genug angedeutet, sodass ich es problemlos geschluckt (und geliebt) habe, aber in einem anderen Buch einer ähnlichen Reihe, war das der Grund für mich die Reihe abzubrechen. Da hat es nicht gestimmt und wirkte so, als wollte der Autor mit seiner Reihe einfach nur auf einen Zug aufspringen. Es war nicht überzeugend.
    Dazu möchte ich noch anmerken, dass solche Genrewechsel für mich einen sehr großen Reiz ausüben!

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    1. Subtil sollte man den Genrewechsel ankündigen, so dass man nicht so überrascht ist, dass man verärgert ist.

      Aus der Kombination von zwei Genre entsteht meistens etwas Neues und Interessantes.

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