Plotten für Autoren, die Plotten hassen: Die »›Ja, aber …‹ und ›Nein, und …‹«-Methode

Plotten für Autoren, die Plotten hassen: Die »›Ja, aber ...‹ und ›Nein, und ...‹«-MethodeGeorge R.R. Martin teilt die verschiedenen Typen von Autoren, wie ich finde, ganz treffend in Gärtner und Architekten ein.

Gärtner – auch Pantser oder Discovery Writer genannt – hassen es meisten, zu wissen, wie ihre Geschichten ausgehen, bevor sie mit dem Schreiben des Manuskripts beginnen, weil sie dann ihr Interesse an dem Projekt verlieren.

Gärtner kommen mit dieser Einstellungen an zwei Punkten gelegentlich in Schwierigkeiten:

1. Sie haben häufiger als Architekten, also planende Autoren – oder auch Outliner oder Plotter – das Problem, dass sie in einer Story stecken bleiben, weil sie nicht wissen wie es weitergeht.

2. Den Plots von Gärtnern fehlt es manchmal an Struktur, überraschenden Wendungen und Spannung. Viel Material, das sie während des Schreibprozesses entwickeln, müssen Gärtner komplett neu schreiben, wenn sie in die Überarbeitungsphase gehen, weil z.B. das Ende nicht mehr zur Mitte passt, hier und da die Spannung nicht dicht genug ist usw. Das kann frustrierend und zeitaufwändig sein.

Für beide Probleme gibt es eine Lösung: eine einfache Plot-Hilfe, die einen nie ins Stocken geraten lassen und einem Text mehr Spannung verleihen, ohne minutiös das Geschehen vorauszuplanen: Die »›Ja, aber …‹ und ›Nein, und …‹«-Methode.

Die Ausgangssituation

Mit einem haben in der Regel Gärtner keinerlei Schwierigkeiten: Mit der Ausgangssituation, der ersten Szene. Der tolle Anfang  ist ja meistens das, was den Gärtner zum Schreiben anregt.

In der ersten Szene muss es eine Frage geben, ein Ziel, das die Perspektivfigur in ihr erreichen will. Und es muss ein Hindernis geben, dass der Figur im Weg liegt, das sie überwinden muss, um ihr Ziel zu erreichen.

Nehmen wir an, unsere Hauptfigur, Richard »Richy« Steiner, ein Reporter, will zu Beginn des Romans zum verabredeten Interview-Termin mit dem Finanzminister Bertram Tauber. Seit der Verabredung des Termins hat sich ein Skandal ereignet. Schwarze Kassen der Partei von Minister Tauber sind aufgetaucht. Richy reibt sich schon die Hände. Das Interview erhält eine vollkommen neue Wendung.

Als er beim Büro des Ministers erscheint, will ihn die Sekretärin jedoch nicht zu Herrn Tauber vorlassen – wegen irgendwelcher fadenscheiniger Gründe. Richy ist natürlich wild entschlossen, sein Interview trotzdem zu bekommen.

Eine spannende Ausgangssituation. Was wird Richy tun? Wie schafft er es, an der Sekretärin vorbeizukommen?

Prinzipiell gibt es zwei mögliche Antworten: Ja, er schafft es. Nein, er schafft es nicht. Aus beiden Alternativen lässt sich die Handlung weiterspinnen.

»Ja, aber …«

Spannender wird es jedoch, wenn die grundlegende Frage einer Szene nicht nur mit Ja oder Nein beantwortet wird. Die Dramatik eines Romans lebt von Komplikationen.

Die entstehen, wenn die zentrale Frage der Szene zum Beispiel mit »Ja, aber …« beantwortet wird.

Ja, Richy schafft es, an der Sekretärin vorbeizukommen, aber wie aus dem nichts taucht ein Bodyguard auf und verpasst dem neugierigen Reporter einen ordentlichen rechten Haken. Dass kann Richy nicht auf sich sitzen lassen … Und schon geht es rund.

Mysteriöser?

Ja, Richy schafft es an der Sekretärin vorbei, aber das Büro des Ministers ist leer. Wo ist er hin? Auch die Sekretärin ist sichtbar verblüfft. Eben war er noch da …

»Nein und …«

Andere Möglichkeit: Nein, Richy gelingt es nicht, an der Sekretärin vorbeizukommen.

Damit wäre die Geschichte allerdings vorbei. Es muss also noch etwas anderes geschehen.

Und er bekommt Ärger mit seinem Chefredakteur. Wie kann er sich so eine Story nur entgehen lassen? Entweder, er schafft es, in 24 Stunden doch noch zum Minister vorzudringen, oder er ist entlassen.

Der Druck wird erhöht. Die Spannung steigt.

Ein nicht endender Kreislauf

Richy ist verzweifelt. Fieberhaft überlegt er, was er tun kann, um doch noch zum Minister vorzudringen. Die 24 Stunden laufen unerbittlich ab – kommt er kurz vor seiner Deadline auf die rettende Idee?

Ja. Er telefoniert rum und findet heraus, dass Minister Tauber eine Villa am Stadtrand besitzt, die er vor der Öffentlichkeit geheim hält. Sein Rückzugsort. Richy beschließt, ihn dort aufzusuchen, aber jemand hat die Reifen seines Autos zerstochen. Das Messer steckt noch im Gummi. Daran klebt ein Zettel: »Finger weg!«.

Nein, Richy ist vor Angst wie gelähmt, die 24 Stunden verstreichen, ohne dass ihm eine rettende Idee einfällt. Und er greift in seiner Verzweiflung zur Flasche – als seit dreizehn Jahren trockener Alkoholiker. Eine Abwärtsspirale beginnt für den armen Richy, an deren Ende er sich als Obdachloser in der Gosse wiedefindet.

Schnell entwickelt sich auf diese Weise ein Plot voller Hindernisse und Wendungen, ohne dass ich im Vorfeld viel geplant haben muss.

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12 Gedanken zu “Plotten für Autoren, die Plotten hassen: Die »›Ja, aber …‹ und ›Nein, und …‹«-Methode

  1. Danke, Marcus. Das hilft nicht nur für die Ablehner des Plottens. Ich bin gerade bei einem Stufendiagramm und möchte die Methode direkt mal in die Planung einfließen lassen.

    Schönes Wochenende wünscht
    Martin

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  2. Punkt 2 gegen das Gärtnern halte ich für ein Vorurteil.
    Die Gärtner kennen vielleicht ihre Pflanzen, sprich Figuren, aber wissen nicht, wie der Garten am Ende aussehen wird.

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  3. Wenn ich das so lese… Punkt 1 klatscht mir so ins Gesicht 😉 Also ich gebe zu, ich bin der geborene Gärtner….
    Allerdings Punkt 2 würde ich auch – zumindest bei mir – einschränken. Spannung bekomme ich schon hin.

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  4. Hey Marcus,
    diese Methode („yes, but…“ – „no, and…“) kannte ich schon aus einer Folge der Writing Excuses, trotzdem hat mir diese anschauliche Gegenüberstellung hier sehr gut gefallen.
    Richy tut mir am Ende richtig leid 😦

    Der Begriff für Discovery Writer ist allerdings „Pantser“, statt „Panser“. Unabhängig davon finde ich das Wort reichlich dämlich und bezeichne mich selbst lieber weiterhin als (manchmal plottenden) „Discovery Writer“. 😉

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  5. Ooooooh, ich arme, kleine Gärtnerin stecke mal wieder im Gestrüpp meines Romanfragments fest. 😉 Danke für deinen Artikel, ich hoffe, dass ich demnächst aus diesem Gestrüpp wieder heraus findn werde. 😉

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  6. Hallo Marcus,
    danke für diesen überaus hilfreichen Artikel. Ich war früher auch ein „Discovery Writer“ (ich habe strikte Abläufe in der Schule kennen und hassen gelernt), was aber dazu geführt hatte, dass meine beiden ersten Geschichten (oder eher Versuche) im Sande verlaufen sind und jetzt irgendwo in den Untiefen der Festplatte meines Rechners vermodern. Bei meinem dritten Versuch habe ich diese „ja, aber und nein, und“-Methode angewandt und auf einmal habe ich Überblick, den ich vorher nie hatte. Ich kann diese Methode nur empfehlen.

    LG Lars

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