Schnelligkeit wird beim Schreiben völlig unterschätzt

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Jahr um Jahr werden anlässlich des NaNoWriMos die gleichen Argumente ausgetauscht. Während die einen, wie ich, begeistert davon sind, in vier Wochen ein Romanmanuskript zu beenden, schütteln andere nur verständnislos den Kopf darüber, wie man sich denn dazu zwingen kann so viel wie möglich in so kurzer Zeit zu schreiben. Fast immer kommt von den NaNo-Kritikern das Argument, schreiben sei doch eine qualitative Sache, die nichts mit Tempo oder einem Haufen Wörter zutun habe.

Meiner Ansicht nach eine grobe Fehleinschätzung. Schreiben ist sowohl eine quantitative Sache, als auch eine Frage der Qualität. Und es gibt Phasen, in denen es wichtig ist, schnell und viel zu schreiben. Und es gibt andere Phasen, in denen man sich viel Zeit nehmen muss, um Qualität zu erreichen.

Hier mal eine Übersicht verschiedener Arbeitsphasen und des dazugehörigen Tempos – zumindest so, wie ich die Arbeitsweise als ideal empfinde:

Brainstorming: schnelle Phase

Beim Brainstorming der Grundidee geht es nicht darum, viel zu grübeln und zu reflektieren.  Qualitätskontrolle bringt diesen Prozess zum Erliegen. Diese Methode hat nicht umsonst das Wort Sturm in seinem Namen.

Planung: langsame Phase. Sehr, sehr langsame Phase

Beim Planen von Plot und Figuren geht es darum, die Ergebnisse des Brainstormings auszuwerten, zu begutachten, zu arrangieren und zu ergänzen. Diese Phase ist geradezu quälend langsam. So langsam, dass es wichtig ist, sich eine Deadline zu setzen, weil man sonst in ihr versacken kann.

Der erste Entwurf: Wuuuusch!

Es ist meiner Ansicht nach sehr, sehr wichtig, am ersten Entwurf so schnell wie nur möglich zu arbeiten. Je besser man geplant hat, desto schneller ist man hier.

In dieser Phase sind die Selbstzweifel am größten. Denn sie ist die härteste aller Phasen. Aus dem Nichts – nun ja, fast nichts – muss ein Romanmanuskript entstehen. Das ist eine einschüchternde und herausfordernde Aufgabe. Augen zu und durch ist eine wirklich gute Idee.

Beim Schreiben des ersten Entwurfs muss man so schnell sein, dass der innere Kritiker gar nicht mitbekommt, was man da tut. Sonst schlägt er zu.

Vor allem aber ist es wichtig, schnell zu schreiben, damit das Projekt möglichst in seiner Gesamtheit im Kopf bleibt. So ein Roman – selbst ein 50k-Worte Rohentwurf – ist ein unhandlicher Riese mit vielen Tücken. Je schneller ich ihn entwerfe, desto eher gelingt es mir, alle notwendigen Details auch zu beachten.

Der zweite Entwurf: Wuuuusch! Wuuuuuuuuuuusch!

Auch die erste Überarbeitung sollte eher schnell geschehen. Hier kommt es darauf an, alles, was man beim ersten Entwurf geschaffen hat, kritisch zu prüfen und zu verbessern. Es geht um so was wie Plot und Figurenentwicklung. Und wenn ich diese nicht komplett im Kopf habe, kann ich nicht beurteilen, ob alles am Ende stimmig ist.

Ich arbeite hier meistens so, dass ich das ganze Ding schnell lese, möglichst nur in wenigen Tagen, und viele Notizen am Rand mache, die ich dann auswerte.

Der dritte Entwurf: laaaaaaangsam …

Hier kommt es darauf an, viel zu reflektieren und Lösungen für Probleme zu finden, die in den anderen beiden Phasen aufgetreten sind. Das kostet Zeit, die man sich nehmen sollte. Denn hier entsteht Qualität.

Der dritte Entwurf ist bei mir häufig der text, den auch die Alphaleser bekommen. Die Sprache ist noch unausgegoren, aber Plot und Figurenentwicklung habe ich nach meinem besten Gewissen hinbekommen.

Der vierte Entwurf: laaaaaaaaaaaaaaaaangsam …

Der vierte Entwurf entsteht nach der Kritik der Alphaleser. Anmerkung für Anmerkung gehe ich nun durch und wälze jeden Kritikpunkt hin und her und frage mich, ob ich die Änderungsideen wirklich einfließen lasse oder nicht. In diese Phase wird sehr, sehr viel umgeschrieben, wieder gelöscht, noch mal umgeschrieben, nach Backups gesucht, weil der Entwurf vorher doch irgendwie besser war, nur am dann festzustellen, dass er es doch nicht ist usw.

Der fünfte Entwurf: laaaaaaa – okay, es wird klar, was ich meine …

Beim fünften Entwurf wird an der Sprach gebastelt. Nun geht es so richtig langsam. Nachdem nun Plot und Figuren endlich stehen, wird jedes Wort auf die Goldwaage gelegt und jeder Satz unter der Lupe betrachtet. Und es wird gefeilt, gefeilt, gefeilt …

Jetzt kommt in gewisser Weise die spannendste Phase. Der vierte Entwurf geht zu den Betalesern, also dem Kreis aus Leuten, die aus der Perspektive des späteren Lesers auf den Roman gucken.

Anschließend wird das Feedback der Betaleser eingearbeitet. Hier gibt es meistens nicht mehr so viel Arbeit wie nach der Rückmeldung der Alphaleser, aber einige Überarbeitungen sind doch meistens fällig.

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34 Gedanken zu “Schnelligkeit wird beim Schreiben völlig unterschätzt

  1. Okay, mir wird immer mehr klar, dass ich komplett anders arbeite. Ich schreibe 1000 bis 1500 Worte pro Stunde, plane kaum und es gibt bei mir meistens keinen zweiten Entwurf. Geschweige denn einen dritten. Erste Überarbeitung: Ich arbeite am Erstentwurf und tausche einzelne Szenen aus, kürze Sätze und stelle sie um, achte auf die Konsistenz und den Ausdruck. Die DIaloge bleiben meistens so, wie ich sie beim ersten Mal geschrieben habe, außer ich ändere Szenen und muss sie anpassen. Meine zweite Überarbeitung ist der Schliff zum Schluss, beim dritten Mal lese ich ihn mir diesmal laut vor und ändere ganz kleine Winzigkeiten. Alles in Allem finde ich den NaNo ganz gut, aber ich brauche ihn nicht, um 50000 Worte in einem Monat zu schreiben.
    Die Vernetzung mit anderen Schreibenden ist ein eindeutiger Vorteil im NaNoWriMo.

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    • Ja, inzwischen schaffe ich es auch, weit mehr als 1500 Wörter am Tag zu schreiben. An den meisten, guten Tagen ist es mindestens das Dreifache. Allerdings brauche ich dann doch meistens mehr als zwei Überarbeitungen, um alles zu schleifen. Wobei bei mir die Sprache gar nicht mal so sehr im Fokus des Überarbeitung steht. Ich knabbere am meisten am Plot und hier an den vielen fummeligen Details, die stimmen müssen.

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  2. Jeder macht so, wie er kann.
    Ich kann nicht mit zehn Fingern schreiben und somit auch nicht so schnell.
    Also kann ich das auch gleich in eine vernünftige Form bringen, das spart mindestens einen, wenn nicht gar zwei der „schnellen“ Überarbeitungen.
    Aber was bitte schön sind „Bettleser“? *ggg*

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    • Zehnfingersystem beherrsche ich auch nicht. Aber ich habe sehr, sehr viel Praxis beim Tippen, weil ich schon als Kind auf Schreibmaschinen getippt habe. Ist also eine Frage der Übung und Routine. Und schnelles Tippen ist meiner Meinung nach wirklich wichtig. Wäre ich nicht ohnehin ziemlich schnell, würde ich auf jeden Fall das Zehnfingersystem lernen. Oder mir ein wirklich gutes Diktierprogramm zulegen 😉

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  3. So arbeitet halt jeder anders. Für mich wären diese schnellen „wuuuuusch-Phasen“ nichts. Und das Konzept, das ich im Kopf habe, das ist soweit ausgearbeitet, dass ich alles niederschreiben kann. Anhand meiner Notizen behalte ich auch den roten Faden.

    Ich gehöre eben zu den Autoren, die extrem schnell schreiben können – so richtig am PC mit zehn Fingern (nach 35 Jahren ist man man fast so schnell wie die eigenen Gedanken, die aufgeschreiben werden wollen) -, und die dann nach den täglichen 500 – 1000 Wörtern die Arbeit noch einmal reflektieren, grobe Schnitzer beheben und sich weitere (handschriftliche Notizen) machen. Ich weiß, dass ich mit meinen Buchkladden und dem roten Stift in der Hand ein Schreib-Dinosaurier bin, doch genau das ist es, was mir Spaß bringt. Ich habe meine Kladde und da steht alles wichtige zu meinen Projekten drin. Müsste ich erst den PC, Laptop, Tablet oder so anstellen – nö, keine Lust.

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    • Die Tippgeschwindigkeit ist das eine.
      Aber gerade gute Ideen brauchen Zeit, sonst rutscht man zu leicht ins Klischee ab. Das meiste nimmt die Denkarbeit in Anspruch, nicht die Schreibarbeit.

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      • Ich brauche das, Marcus. Damit nicht plötzlich der blonde Protagonist zu einem dunkelbraunen mutiert oder der Nachname eines Nebendarstellers sich verändert. Auf Notizzettel verzichte ich schon lange. Es kommt alles in das Buch zu der jeweiligen Reihe. Ob nun Infos zu Gesetzestexten, die ich für meine Romane brauche, oder auch die Jahreszeit, zu der die Geschichte spielt. Ab Teil 5 oder so, bin ich sicher froh, wenn ich diese Infos habe.

        Aber mir ist schon klar, dass Du dafür Deine Computerprogramme hast, die für Dich alles verwalten. Das würde mich kirre machen. 🙂

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  4. Ich habe im letzten Jahr zum ersten Mal am NaNo teilgenommen und es hat mir sehr viel gebracht. So viel wie im November habe ich selten geschrieben. Die Routine war schnell da und der Austausch mit anderen hat mich enorm angespornt.
    Meine einzige negative Kritik betrifft das Wörterzählen in bspw. Wordwars. Dort schreibt man ja in einer vorgegeben Zeit so viel man kann, ohne an den Inhalt zu denken. So wird aus dem Schreibprozess ein Wettbewerb und das kann Spaß machen, aber ich kann mir (das klingt jetzt hart, ich weiß) nicht vorstellen, dass bei 1000 Wörtern in 15 Min. wirklich ein brauchbarer Text herauskommt. Aber gut, vielleicht kommt es auf das Zusammensein und den Spaß an.
    In dem Sinne, danke für diesen Beitrag.
    + Mika +

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    • Die Wordwars muss man ja nicht mitmachen. Habe ich auch noch nie. Abgesehen davon glaube ich, dass es wirklich keine Rolle spielt, in welchem Zeitraum ein Text entsteht. Ich habe schon in einer Stunde 100 Wörter geschrieben, die der letzte Dreck waren und in einer halben 1500, die einfach klasse sind. Teilweise ist es auch einfach Zufall. Am Ende ist es meiner Meinung nach aber immer besser, in möglichst kurzer Zeit möglichst viel zu schreiben, um hinterher viel überarbeiten zu können.

      Habe da neulich ein interessantes Interview mit Nora Roberts gelesen, wo sie den Nagel auf den Kopf getroffen hat: Schlechten Text kann ich immer überarbeiten. Was aber nicht da ist, kann ich auch nicht verbessern. Darauf kommt es meiner Meinung nach an.

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  5. Beim NaNoWriMo habe ich letztes Jahr auch teilgenommen und habe enorm durch die schnelle Arbeitsgeschwindigkeit profitiert. Zuvor habe ich noch nie so viele Wörter innerhalb einer Zeit geschrieben. Dadurch fallen keine Ausreden an und das Manuskript fliegt nur so davon. Dadurch bekommt das Buch das erste Grundgerüst, welches man nach dem November schön überarbeiten kann und dann kann man sich auch ruhig die Zeit lassen, die für die nötige Qualität auch vorhanden sein sollte.

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  6. Meine ersten Texte habe ich relativ zügig mit nur einem groben Plan im Hinterkopf herunter geschrieben und ich war von der eigenen Schreibgeschwindigkeit erstaunt. Es hatte sich ein wirklich toller Workflow eingespielt und die Sache schien mehr oder weniger von selbst zu laufen. Ein paar Schreibratgeber später, hatte ich das Gefühl mich tot zu plotten und dieselben Texte ewig zu drehen. Heute würde ich meine Arbeitsweise am ehesten so beschreiben: Gute Ausarbeitung der Figuren vornehmen (gedanklich reicht da auch), Ende, Anfang und nur ein paar wichtige Plothooks definieren und dann ab ins Wuuuuusch. Dann noch ein Durchgang vor den Testlesern und dann vielleicht nochmal einen danach. Aber dann ist Schluss. Irgendwann kommt sonst nur noch die Verschlimmbesserung.

    Ich muss aber sagen, ich finde es sehr spannend zu lesen, wie unterschiedlich ihr alle so arbeitet. 🙂

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  7. wie gesagt .. ich bin ja eher die malende gestaltende Zunft – aber die erste Idee ist schnell da – dann kommt die Erstfassung ( also die Skizze) – dann die Reinfassung ( Endfassung der Skizze) und zum Schluss sozusagen das Reinheitsgebot ( die Farbigkeit mit all seinen Facetten)

    Ich habe angefangen ein Kinder und Jugendbuch zu schreiben. Gut ein Plot …. mach ich mir eben Kurznotizen in der richtigen Reihenfolge ( geht nur übers grübeln wie hier angesprochen ) – danach habe ich mir in aller Ausführlichkeit eine Skizze ( also ausführliche Stichpunkte gemacht mit Aufhänger/ Wendepunkt1 / Mittelpunkt / Wendepunkt 2 / dann das Haupt Thema der Gipfel der Begeisterung / der dramatische Höhepunkt und zum Schluss die komplette Auflösung der Tatsachen die so in dem Buch vorkommen – wie gesagt ich bin ein Neuling im Schreiben) – komm mit der Aufteilung aber richtig gut zurecht
    Ab und an beim Schreiben gibt es Punkte die man hinzufügt / ausschmückt um mehr Spannung oder Belustigung zu erreichen. Da ich zeitgleich an bildnerischen Arbeiten tätig bin – kommen mir Gedanken die ich vorher nicht eingeplant hatte. Aber wenn ich im Schreibfluss bin – dann geht es auch schnell.
    Aber ich sage auch immer schön „Eile mit Weile“ manchmal muss man etwas reifen lassen. Ich glaube bei Krimis und Liebesgeschichten aller Art geht das Konzept auf.

    Diesen Blog hier finde ich als deutlichen Vorteil für mein neues Projekt. Alles andere wird sich wohl finden. Danke

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  8. Es klingt wie eine Offenbarung. Hast du denn irgendwann, so am Anfang deiner Laufbahn als Autor, auch mal das Gegenteil versucht? Ganz langsam und mit Bedacht zu schreiben? So als wäre die erste Fassung die letzte?

    Viele Grüße,
    André

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  9. Ich finde, dein Artikel trifft es auf den Punkt. Es gibt Phasen, in denen man die Gedanken im Kopf nicht so lange liegen lassen sollte. Das führt dazu, dass man den roten Faden verliert, so meine Erfahrung. Nach langen Pausen muss ich meine schon geschriebenen Worte meistens erst noch einmal durchlesen und das frisst viel von dem Flow.

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  10. Es geht doch nichts über den Nanowrimo! Ich liebe ihn, bin süchtig nach ihm, ohne ihn würde ich gar nichts zustande bringen. Die Arbeitsweise vom Nano finde ich großartig, da kann ich meinen Gedanken freien Lauf lassen, bearbeitet wird dann danach.

    Deinen Fahrplan notiere ich mir mal, den finde ich äußerst interessant. Aber ich fand auch schon deine Thrillervorlage für den Scrivener toll^^

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  11. Hey,

    ich würde gerne NaNoWriMo nutzen, weil ich denke es würde mich sehr motivieren. Doch es beginnt ja erst im November. Gerne würde ich aber schon in den kommenden Sommer anfangen (viel Zeit). Deswegen habe ich zwei Fragen: Kann man NaNoWriMo auch so voll nutzen, oder funktioniert es nur im November? Gäbe es eine Alternative zu NaNoWriMo?

    Grüße

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