Gewohnheiten und Routine sind nichts Schlechtes für Autoren

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Ich war sehr erstaunt darüber, als ich in einer Diskussion vor nicht allzu langer Zeit lernte, dass die meisten Menschen Routine und Gewohnheiten negativ beurteilen. Für sie ist beides gleichbedeutend mit Langeweile und Stagnation. Ich sehe das ganz anders. Routinen und Gewohnheiten sind für mich als Autor der Schlüssel dazu, große Projekte überhaupt bewältigen zu können.

Plädoyer für die Macht der Gewohnheit

Natürlich gibt es so was wie schlechte Gewohnheiten. Rauchen, zu viel Fernsehen, ungesundes Essen … Jeder kennt wahrscheinlich etwas, das er gewohnheitsmäßig tut und doch lieber lassen sollte – nur geht das nicht so einfach, weil es eben eine Gewohnheit ist.

Aber genau darin besteht die Chance. So schwer es ist, schlechte Gewohnheiten wieder loszuwerden, so sehr können gute Gewohnheiten helfen, Ziele zu erreichen. Ich schreibe täglich. Schreibe ich nicht, werde ich schlecht gelaunt und traurig. Ich brauch keinen Zwang, keine Überwindung oder Motivation, um zu schreiben.

Ich habe nicht das Gefühl ein „Opfer“ meiner Gewohnheit zu sein, oder ein „Gefangener“ meiner Routine. Umgekehrt helfen mir Gewohnheit und Routinen dabei, mich zu entfalten und einen Roman zu schreiben. Ohne ginge es nicht.

Kurze Anleitung zum Entwickeln einer Gewohnheit

So schwer es ist, eine alte, schlechte Angewohnheit loszuwerden, so schwierig ist es auch, eine neue, gute zu etablieren.

Würde ich mit meinen heutigen Erfahrungen Schreiben noch einmal als Gewohnheit entwickeln wollen, würde ich folgendermaßen vorgehen:

Nehmen wir an, du willst früh morgens gerne schreiben. Eine gute Idee. Morgens ist man ausgeruht und konzentriert.

Das schlechteste, was du tun kannst, wäre, zwei Stunden früher als gewöhnlich aufzustehen, um in einem Kraftakt diese Zeit mit intensivem Schreiben zu verbringen. So diszipliniert ist kein Mensch. Das hältst du vielleicht eine Woche durch und dann fällst du mit einem frustrierten Gefühl wieder in die alten Gewohnheiten zurück.

Der Trick beim Entwickeln einer neuen Gewohnheit besteht darin, sie klein und schleichend einzuführen.

Wie sollte das konkret aussehen?

Nehmen wir an, du stehst normalerweise um sieben Uhr morgens auf. Lass den Wecker fortan um fünf vor sieben klingeln. Die gewonnenen fünf Minuten nutzt du dafür, deinen Laptop aufzuklappen (den du am Abend zuvor bereitstellst, eingeschaltet lässt und auf dem dein aktuelles Projekt immer geöffnet ist, damit du deine Schreibzeit nicht darauf verschwendest, deinem Computer beim Booten zuzugucken).

Dann haust du in diesen fünf Minuten in die Tasten, was das Zeug hält. Munter drauf los, ohne dem inneren Kritiker viel Raum zu geben. Nach diesen fünf Minuten machst du Schluss, klappst den Laptop zu und wirfst den ganzen Tag über keinen Blick mehr auf deinen Text.

Am nächsten Morgen machst du das Gleiche. Mit der Bedingung, dir auf keinen Fall das durchzulesen, was du am Vortag geschrieben hast.

So gehst du mindestens die erste Woche vor. Am Ende der Woche – wenn du vielleicht samstags oder sonntags mehr Zeit hast – schaust du dir an, was du geschrieben hast. Mit großer Wahrscheinlichkeit wirst du staunen, wie viel und wie gut das ist.

Die zweite Woche machst du das Gleiche, nur für zehn Minuten usw.

Ich denke, es ist klar, worauf das hinausläuft.

Tipps und Tricks für Fortgeschrittene

Es gibt meiner Meinung nach ein paar Kleinigkeiten, die es beim Entwickeln neuer Gewohnheiten zu beachten gilt. Hier kommen Routinen ins Spiel.

Das Schwierige bei jeder neuen Gewohnheit ist meiner Erfahrung nach das Anfangen. Du brauchst einen Startschuss.

Nimm etwas, dass du gerne machst. Koche zum Beispiel einen Kaffee, schnuppere ein wenig am Aroma, nimm den ersten Schluck – und setze dich dann an den Laptop und fange an zu tippen.

Setze dich auf deinen Lieblingsplatz, höre deine Lieblingsmusik, iss ein Stück Schokolade – was immer dich glücklich macht. Mach es dir so angenehm wie möglich.

Irgendwann ist der erste Schluck Kaffee des Tages auf diese weise untrennbar mit dem Bedürfnis verbunden, zu schreiben. Das Gehirn funktioniert so. Wunderbar, oder?

Wichtig  ist der Umgang mit Rückschlägen. Es wird Tage geben, an denen du nicht zum Schreiben kommst.

Das ist normal und keine Katastrophe. Es bringt nichts, sich deswegen selbst zu zerfleischen und aufzugeben. Selbst mit nur fünf Minuten pro Woche schreibst du mehr, als wenn du gar nicht dazu kommst. Das ist doch toll, oder nicht?

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21 Antworten auf “Gewohnheiten und Routine sind nichts Schlechtes für Autoren”

  1. Das ist ein genialer Trick. Ich versuche so etwas in der Art auch zu etablieren. Scheitert leider momentan viel zu oft daran, dass ich einfach sowieso zu wenig schlafe und einfach nicht wach genug bin.
    Zum Glück kann ich einiges auch noch im Zug schreiben, da ich mit der Regionalbahn zur Arbeit fahre.

    Zum Thema Gewohnheit und Routine. Ich sehe das so wie du und stimme dir hier voll und ganz zu.
    Das Problem wird bei den meisten so sein, dass sie, wie du schon geschrieben hast, Gewohnheit mit „schlechter Gewohnheit“ gleichsetzen. Auf der Arbeit würde ich z.b. ohne Routine und Gewohnheit nicht klar kommen. Ich müsste mir ja über jeden Vorgang neu Gedanken machen.

    Die Gefahr besteht bei Gewohnheiten vor allem darin, dass man irgendwann einfach nicht mehr genau hinschaut und Dinge einfach tut, weil man sie immer so macht. Wenn aber eine Situation eintritt, in der man das eben nicht so machen sollte, dann wäre es ein Nachteil.

    Darum denke ich; Gewohnheiten sind gut, sie zu kennen und im Ausnahmefall von diesen abweichen können ist besser!

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  2. Man sollte schon beachten, welcher Schlaftyp man ist. Wenn man einen Wecker braucht, um wach zu werden, verstösst man regelmäßig gegen seine innere Uhr, deshalb halte ich es auch nicht für ratsam, sich früher wecken zu lassen. Wenn man um diese Zeit schon wach ist, dann kann man gern so früh schreiben.

    Ansonsten halte ich Routine auch für wichtig.

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    1. Das kann man ja auch ändern. Ich bin auch nicht der geborene Frühaufsteher gewesen und habe meinen Schlaf-Wachrhythmus einfach stückchenweise verändert, indem ich immer etwas früher aufgestanden bin und dafür natürlich auch früher schlafen gehe.

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      1. Eben nicht. Im Alter wird man tendenziell eher zum Frühaufsteher und Teenager sind generell Nachteulen. Vielleicht kommt dir das zugute.
        Gegen seinen eigentlichen Schlafrhythmus anzukämpfen, gefährdet die Gesundheit.

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        1. Stimmt durchaus. Aber es macht einen Unterschied ob man solange schläft bis man gemütlich aufstehen kann oder dann schon aufsteht, wenn man zwar körperlich bereits ausgeschlafen hat, aber ein Stündchen mehr natürlich entspannter wäre. Das ist durchaus eine Frage der Einstellung auch wenn man es – du hast es gesagt – nicht übertreiben darf.

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  3. Lieber Marcus,

    wie wahr! Ich glaube diejenigen, die Gewohnheiten verteufeln, merken manchmal gar nicht das sie selbst genau aufgrund von schlechten Angewohnheiten unglücklich sind. Denn auch sich abends vor den fernseher zu setzen, ist eine Gewohnheit. (Vielleicht nicht ganz so zielführend wie das tägl. Schreiben.)
    Die Sache mit dem Startschuss gefällt mir besonders. Das ist meiner Meinung nach einer der Zwecke des NaNo´s. Man fängt mit einem neuen Projekt gleich gut an.

    Grüße

    Martin

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  4. Ein schöner Artikel. Ich habe mich selbst zwar mit der Radikalkur umgestellt, von einen Tag auf den nächsten, weil es bei mir mit dem Rauchen auch so geklappt hat, aber in 99% der Fälle ist es sinnvoll, eine Gewohnheit langsam aufzubauen. Mein 4.30 aufstehen klappt jetzt seit ziemlich genau einem Jahr und seitdem schaffe ich es, zu schreiben.

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  5. Mir ging gerade auf, bei mit hat sich wohl eine schöne Gewohnheit dem Schreiben verknüpft, ohne, dass es mir bewusst war. Über Jahre hinweg bin ich zuerst mit meinem/n Hund/en spazieren gegangen, bevor ich mich hinsetzte und schrieb. Vor etwa einem Jahr verstarb der letzte Hund und plötzlich klappte es auch mit dem Schreiben kaum noch. Für mich stand fest: Zum Schreiben brauche ich einen Hund – und habe wieder einen angeschafft 🙂 Danach lief es wieder.
    So kann es gehen. Und ich bin froh, dass ich nicht versucht habe, dieses Zusammenspiel von Gewohnheiten zu ändern. Ein Hund ist und bleibt das richtige Mittel für mich, um mit dem Schreiben in die Pötte zu kommen!

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  6. Hallo Marcus,
    ich denke auch, dass Routine beim Schreiben gaaaanz wichtig sind. Dazu gehören etwas, dass dich in den „Schreibmodus“ versetzt – wie du auch schreibst, z:B. ein Kaffee – und eine geeignete Tageszeit, ein geeigneter Ort…
    Da es wissenschaftlich erwiesen ist, dass uns Menschen eine Tätigkeit nach 21 Tagen erst (oder schon?) zur Gewohnheit wird, finde ich es auch besonders wichtig, dass man es regelmäßig oder im Idealfall jeden Tag tut. Dann ist es auch viel einfacher, schon allein, weil die Angst vorm ersten Satz oder dem weißen Blatt dann gar keine Chance mehr hat…
    Im März läuft bei uns dazu eine Challenge, mit dem Ziel, 30 Tage zu schreiben. Damit genau das passiert! Ich freue mich, wenn du vorbei schaust – vielleicht mitmachst? Alles dazu findest du hier: http://www.dynebooks.com/30-tage-challenge/
    Den Link zu deinem Text hier werde ich die Tage mal teilen – hoffe, das ist okay?
    Herzliche Grüße,
    Anne vom DyneBooks-Team

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