Große Geschichten handeln immer von Leben und Tod

GroeGeschichtenhandelnimmeEs gibt ein Thema, das so universell ist, dass es jeden Menschen berührt: der Tod. Und wo Tod ist, gibt es auch Leben. Aber muss es nun in jeder Geschichte um den Tod gehen? Was, wenn du keine Horror-Story, keinen Krimi oder Thriller schreibst, in denen Leichen ja mehr oder weniger zur Tagesordnung gehören?

Ja, auch dann ist der Tod ein wichtiges, zentrales Thema für die Geschichte, das den Leser auf jeden Fall berühren wird. Auch in einem Liebesroman, einer Space Opera oder in einem Fantasy-Epos gehört der Tod auf jeden Fall ins Zentrum der Geschichte.

Warum ist der Tod so wichtig?

Sterben ist ein wirklich universelles Thema. Jeder Mensch muss sich früher oder später mit ihm auseinandersetzen. Es führt wahrhaftig kein Weg daran vorbei. Das ist für die meisten nicht schön. Aber eben darum ist es ein so wichtiges Thema, das auch in der Literatur behandelt werden muss.

Praktisch jeder verbindet Gefühle, Sorgen, Ängste und Erwartungen – und mit zunehmendem Alter auch Erfahrungen – mit dem Tod. Deswegen spielt er auch in den Geschichten, die wir erzählen, eine so große Rolle.

Am einfachsten wird dies an den sehr erfolgreichen Genres des Zombie-Filmes oder der paranormal Romance-Romane deutlich. Hier steht der Tod im Zentrum, allerdings auf eine spielerische oder romantisierende Art und Weise. Deswegen sind diese Genres gerade auch bei Jugendlichen sehr beliebt, weil sie sich auf einer „ungefährlichen“ Ebene mit dem Tod auseinandersetzen können.

Hinzu kommt, dass der Tod ein Tabuthema ist. Die meisten Menschen sprechen, ja denken nicht einmal gerne darüber. Somit ist der Tod ein klassisches Thema für Literatur, denn es ist eine der wichtigen Aufgaben von Geschichten, sich mit Dingen auseinanderzusetzen, die im Alltag gemieden werden.

Muss meine Geschichte nun einen hohen Bodycount haben?

Kein Actionfilm ohne Leiche. Meistens gibt es in ihnen Dutzende, wenn nicht Hunderte. Auch hinter den teilweise lächerlich hohen Bodycounts vieler Actionfilme, steckt die Faszination am Tod, wenn auch auf eine wiederum sehr distanzierte, indirekte Weise.

Tatsächlich muss in einer Geschichte nicht eine einzige Figur sterben, damit sie das Thema Tod berührt. Der Tod steht auch indirekt für einen Neuanfang, für das Ablegen oder Überwinden eines alten Zustands und dem Beginn eines neuen.

Wenn die Hauptfigur den Job wechselt, die Brücken zu ihrem alten Leben abbricht und in eine neue Stadt zieht, stirbt ihre alte Identität und es beginnt en neues Leben.

Wie zentral soll der Tod in meiner Geschichte sein?

Wie groß die Rolle des Themas ist und wie ernsthaft oder spielerisch, direkt oder indirekt es behandelt wird, wie pessimistisch oder optimistisch – all das ist eine Frage der persönlichen Vorlieben, des Genres und des Zielpublikums.

Eine schwarze Komödie über Krebspatienten im Hospiz könnte bei Jugendlichen, die weniger von dem Thema in der Realität betroffen sind, besser ankommen, als bei reiferen Menschen, die vielleicht schon persönliche Erfahrungen damit gemacht haben.

In einem Liebesroman ist es wichtig zu zeigen, was der Tod mit den Figuren macht, wie sie auf ihn reagieren und sich emotional mit ihm auseinandersetzen. In einer Horrorstory kann der Tod vielfältig eine Rolle spielen, sollte aber in der Regel bedrohlich sein.

Wichtig ist am Ende, dass ich als Autor für das Thema sensibilisiert bin und bewusst entscheide, welche Rolle es in der Geschichte spielt, weil es eben so wichtig und vielfältig ist. Viele Leser lehnen eine Geschichte ab oder suchen sie gerade deswegen, weil sie das Thema Tod auf eine bestimmte Weise, die sie anspricht oder eben abstößt, behandelt.

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25 Antworten auf “Große Geschichten handeln immer von Leben und Tod”

    1. Ich würde dir widersprechen. Der Tod ist deswegen das zentrale Element einer guten Erzählung (für mich neben der Liebe!), weil er Werden und Vergehen mit einbezieht. Auch die Entwicklung ist nur die Vorbereitung auf das Vergehen, das widerum den Tod als Endpunkt hat.
      Der Bildungsroman würde klassischerweise mit den von dir genannten Themen des Werden und Vergehens gestaltet werden. Hier stimmt deine These. Aber schließlich geht es doch dabei immer nur um die Frage, wie man sein Leben richtig nutzt, damit der Tod unweigerlich folgende Tod nicht sinnlos ist. Es werden Fragen nach Sinn und Existenz in der eigenen Umwelt gestellt.
      Der wohl bedeutendste Bildungsroman des vorangegangenen Jahrhunderts – Der Zauberberg – handelt doch auch davon, dass Hans Castorp einen Zweck für sein Leben finden will. Dies vor dem Hintergrund einer morbiden (!) Welt und dem herannahenden Tod. (Im Zauberberg kommt wie gesagt noch die Liebe hinzu, die Prämisse wäre also Tod durch Liebe. Meiner Meinung nach beinahe eine Lebensparabel, denn verallgemeinert wäre es doch nichts anderes, als das das Leben unweigerlich zum Tod führt, oder nicht, ist doch die Liebe Ausdruck des menschlichen Lebens und steht dem Tod gegenüber. Oder nicht?)

      Der Kommentar ist doch etwas länger geworden und ich enzschuldige mich schonmal für die umständliche Ausdrucksweise. Aber danke Marcus und Engel für den Denkanstoß.

      Martin

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      1. Manchmal ermöglicht der Tod erst eine weitere Entwicklung. Wären wir da, wenn die Dinosaurier nicht ausgestorben.

        Nicht nur bei Bildungsromanen ist Werden und Vergehen ein wichtiges Thema. Werden und Vergehen kann man so unterschiedlich definieren. Man kann eine Geschichte ohne den Tod schreiben, aber keine Geschichte ohne Werden und Vergehen. Das Vergehen kann sich im Wandel einer Vorstellung oder im Ende einer Liebe widerspiegeln. Und, und, und.

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        1. Auch wenn ich das Buch selber sehr gerne mag, kann ich dich durchaus verstehen. Es ist schon ein sehr anstrengender Genuss. (Unter uns: Manche Kapitel waren auch mir zu langatmig 😉 )
          Da sind mir die Novellen manchmal auch lieber. (Hoffe, du bist Mann nicht ganz abgeneigt.)

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                1. Das kommentier ich jetzt mal nicht 😉
                  (Heinrich ist für den modernen Romancier vielleicht das bessere Vorbild als Thomas, gerade weil er häufig mehr Humor und auch – zumindest für seine Zeit – Kürze beweist. Kürze ist vielleicht nicht Thomas Stärke… )

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                    1. „Alles Große ist ein Trotz.“ (Th. Mann) Ob er dabei auch an seine eigenen Romane gedacht hat?
                      Ich glaube die Kunst des Kürzens ist das eigentlich schriftstellerische, denn erst durch die Kürzung wird aus einem Gewirr aus Wörtern Literatur.

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  1. Hat dies auf Mein Traum vom eigenen Buch rebloggt und kommentierte:
    Marcus Johanus hat mir, wieder einmal, ein Gedankenstöckchen hingeworfen, an dem ich nicht vorbeilaufen kann, ohne es mit den Zähnen aufzunehmen, darauf herumzukauen und zu schauen, wonach es eigentlich genau schmeckt.

    Er schreibt von der zentralen Rolle, die das Leben und vor allem dessen Ende, der Tod, in den meisten Geschichten einnimmt. Das kann auf vielfältige Weise der Fall sein.

    Er kann ein stiller Begleiter sein, wenn in einer Familiengeschichte das Dahinsiechen eines lieben Familienteils beschrieben wird. Oder er ist die Hauptattraktion in einem Horrorroman, in dem Dutzende von Leibern zerfetzt, geschändet und verspeist werden. Ihr kennt die Sorte.

    Aber nachdem ich den grundsätzlichen Überlegungen von Marcus wenig bis nichts hinzuzufügen weiß, habe ich einmal überlegt, wie es in meinem eigenen Oeuvre eigentlich um den Tod bestellt ist. Und ich komme zu dem Schluss, dass er ein ewiger Begleiter meiner Figuren ist, der in jedem einzelnen meiner Romane seine Opfer fordert.

    Nun schreibe ich das, was man gemeinhin als „Genre“ zusammenfasst. Das sind Horrorromane, Thriller, ein oder zwei Krimis, Science-Fiction. Da sollte man meinen, dass es keine gesonderte Erwähnung braucht, dass Menschen sterben.

    Nur wenn ich im Geiste so die einzelnen Geschichten durchgehe, dann stelle ich fest, dass es nicht in jedem Roman wirklich nötig gewesen wäre, einen Menschen sterben zu lassen. Ich gebe zu, mindestens einmal eine Figur nur deswegen über die Klinge habe springen lassen, weil ich dachte, dass zu diesem Zeitpunkt der Geschichte ein Aha-Effekt ganz gut tun würde.

    An anderer Stelle ist der Tod einer Romanfigur wiederum alternativlos, um die Geschichte überhaupt im Fluss zu bewahren. Ich denke da an mein zuletzt abgeschlossenes Manuskript „Der Beobachter und der Turm“. Wenn es da nicht an einer Stelle zu einer Eskalation der Handlung durch einen Todesfall käme, würde das ganze Konstrukt wie ein Kartenhaus in sich zusammenfallen.

    Wie Marcus schon richtig am Ende seines Artikels schreibt: Wichtig ist, dass ich bewusste Entscheidungen treffe, welche Rolle das Thema Tod in meinem Roman spielen soll. Das tue ich, soweit es im Rahmen des von mir betriebenen Discovery Writing möglich ist.

    Ich denke seit vorhin, als ich den Artikel erstmals las, nur über die Frage nach, ob ich mein eigenes Verhältnis zum Tod in meinen Geschichten überdenken „muss“. Teile meines Kopfs sagen „ja“. Aber der größte Teil meines Bauchs sagt „nein“. Das ist sehr spannend, wenn auch verwirrend.

    Für mein momentanes Manuskript „Die Welt der stillen Schiffe“ ist die Entscheidung bereits gefallen. Und ich kann sagen, dass es eine folgerichtige Entscheidung ist. Es handelt sich um eine Horror/Mystery-Geschichte. Ich fürchte, mit Todesopfern ist zu rechnen.

    Und, Hand aufs Herz, irgendwie würde doch was fehlen, wenn da keine wären, oder?

    Oder!?

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