Gute Anfänge verführen zum Weiterlesen

GutAnfngeverfhrenzum-2Eigentlich ist es eine Selbstverständlichkeit, dass der Anfang eines Buches – ja, eines Kapitels, einer Szene und eigentlich auch eines Absatzes – den Leser dazu verführen sollte, unbedingt weiter lesen zu wollen. Jeder Autor möchte das natürlich. Doch das ist einfacher gewollt als getan.

Hier drei Vorschläge, die dazu beitragen können, dass der Leser zum Weiterlesen verführt wird:

1. Der erste Satz sollte neugierig machen

Es gibt erste Sätze, die wesentlich mehr dazu verführen, dass der Leser erfahren möchte, wie es weitergeht, als andere. Der erste Satz aus Stephen Kings Shining ist so ein Beispiel:

Schmieriger kleiner Scheißkerl, dachte Jack Torrance.

Hier will der Leser einfach wissen, wer denn nun der schmierige, kleine Scheißkerl ist und warum Jack Torrance so von ihm denkt – und wer Jack Torrance eigentlich ist.

Der erste Satz in meinem Roman Tödliche Gedanken besteht aus wörtlicher Rede und erzielt einen ähnlichen Effekt:

»Das ist das Lächerlichste, was ich je gehört habe«, keifte Herr Doktor Gründorf mit seinem ätzenden sächsischen Dialekt.

Was ist so lächerlich? Wer ist dieser Gründorf? Und wieso „keift“ er?

Beide haben gemeinsam, dass sie keine großen Erklärungen oder Einführung, Beschreibungen oder Erläuterungen beinhalten. Der Leser taucht direkt in die Situation und die Figuren ein und entwickelt automatisch Fragen an den Text.

In den Beispielen wird außerdem sofort ein Konflikt angebahnt. Wen auch immer Gründorf beschimpft und wieso auch immer Jack der Ansicht ist, sein Gegenüber sei ein Scheißkerl – die Szenen werden mit großer Wahrscheinlichkeit nicht harmonisch weitergehen.

2. Führe die Hauptfigur so früh wie möglich ein

King macht mit dem Anfang von Shining alles richtig. Jack Torrence ist die Hauptfigur des Romans und wir lernen ihn auch gleich im ersten Satz kennen.

Es gibt Alternativen. Manche Romane beginnen mit einer Art Teaser. Dan Wells nennt das Phänomen den Eis-Monster-Prolog nach dem Anfang von George R.R. Martins A Game of Thrones: Der Roman beginnt mit einem spannenden Geschehen, das (zumindest für eine ganze Weile) nichts mit der Haupthandlung zutun hat.

Ein Eis-Monster-Prolog ist jedoch der Weg für sehr erfahrene Autoren. A Game of Thrones ist ein sehr, sehr komplexes Buch mit einem extrem komplexen Spannungsaufbau.

Ich würde diese Vorgehensweise für unerfahrenere Autoren nicht empfehlen, da der Spannungsaufbau des Romans auf diese Weise sehr komplex wird. Vor allem ist so ein Anfang schwierig, weil der Leser gleich zu Beginn des Romans mehrmals die Perspektive wechseln muss. So was kann funktionieren, wenn man genau weiß, was man tut.

Es geht aber auch einfacher und nicht weniger effektiv.

In Tödliche Gedanken lernt der Leser bereits im ersten Kapitel Patricia Bloch, die Protagonistin kennen. Er lernt über sie, dass sie ein Außenseiterin ist, die sich jedoch für andere einsetzt und damit wiederum aneckt.

Es gibt einen Konflikt, der jedoch in Patricias Alltagswelt stattfindet. Das eigentliche Verbrechen und die Ereignisse, die die Romanhandlung auslösen, liegen weit davor – aber der Leser lernt sie nicht in einem Prolog kennen, sondern verteilt über den ganzen Roman in Form von Nachforschungen, die die Hauptfigur anstellt.

3. Gib einen Hinweis auf das, was als nächstes kommt

Gute Anfänge füttern den Leser mit Informationen an, verleihen ihm Orientierung und eine Verbindung zur Hauptfigur, lassen aber Vieles offen, um ihn zum Weiterlesen zu verführen.

In Shining endet nach der ersten Szene ein Vorstellungsgespräch, bei dem Jack den Job bekommt, ein einsames, abgelegenes Hotel einen ganzen Winter lang zu überwachen. Der Leser erfährt, dass Jack ein Autor ist, der diese Gelegenheit nutzen will, um sein Buch zu schreiben. Gleichzeitig ahnt der Leser aber, dass etwas schiefgehen wird. So ist das nun einmal mit abgelegenen Hotels im eiskalten Winter.

Kann Jack sein Buch wirklich beenden? Was wird ihm im Hotel alles passieren? Den meisten von uns wird bei dem Gedanken, einsam und abgeschieden für mehrere Monate in Eiseskälte zu leben, ziemlich mulmig zumute. Wir ahnen, dass das nicht gutgeht.

Sehr subtil und effektiv.

In Tödliche Gedanken endet die erste Szene damit, dass Patricia Bloch sich so sehr mit ihrem Lehrer gestritten hat, dass sie zum Schulleiter muss. Was droht ihr für eine Strafe? Es wird deutlich, dass ihr das nicht zum ersten Mal passiert. Warum? Was für eine Person ist sie, dass sie immer wieder Ärger bekommt, obwohl sie doch eigentlich für Schwächere Partei ergreift?

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6 Gedanken zu “Gute Anfänge verführen zum Weiterlesen

  1. Hm. Ich mag unter anderem Anfänge nicht, die aus der Sicht von Personen erzählt werden, die gleich im nächsten Kapitel sterben.
    Ansonsten habe ich erst kürzlich von Lisa Cron gelernt, dass der ideale erste Satz nicht nur die Hauptfigur enthält, sondern auch einen Hinweis auf den zentralen Konflikt gibt.

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    • Da sind durchaus ein paar kluge Gedanken im Artikel.
      Wetter muss man so gut beschreiben, dass der Satz und die Szenerie individuell wirkt und damit unvergeßlich. Viele Geschichten beginnen mit dem Regen, so dass man sich etwas Neues ausdenken muss, um das Interesse der Leser zu gewinnen. Das gilt allerdings für jeden stereotypen Beginn.

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  2. „»Das ist das Lächerlichste, was ich je gehört habe«, keifte Herr Doktor Gründorf mit seinem ätzenden sächsischen Dialekt.“
    Dieser Satz hätte mich dazu motiviert, dass Buch auf der Stelle zuzuschlagen.
    Das Wort „keifen“ ist nicht zuletzt auch lautmalerisch. Es drückt sich in dem „ei“ eine Schärfe des
    Tones aus. Nun ist das mit der Aussprache im sächsischen Dialekt gar nicht zu machen.
    Noch dazu ist „keifen“ eher etwas das Frauen tun, weil es von der Tonlage abhängt. Vergleiche hierzu auch den interessanten Aufsatz von Rainer Paris “ Über das Keifen“ (in Stachel und Speer; 1998)
    Und zuletzt: die Aussage, dass der sächsische Dialekt ätzend ist, diskreditiert, den Sprecher derart, dass mich gar nicht mehr interessiert hätte, was er da eigentlich gehört hat.
    Da werden so persönliche Animositäten reingepackt, die absolut keine Relevanz haben.

    Ansonsten finde ich die Ratschläge sehr sinnvoll.

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