Absätze sind die Kamerafahrten des Romans

AbstzesinddieKamerafahrtenIn Romanen sind Absätze unglaublich wichtig, denn sie bestimmen den Lesefluss und lenken die Aufmerksamkeit und das Tempo des Lesers. Letztendlich entscheiden sie darüber, wie spannend ein Roman ist.

Deswegen solltest du dir gut überlegen, wann und wie viele Absätze du in deinen Texten machst.

An vielen Stellen sind Absätze zwingend, wie z.B. beim Beginn einer neuen Szene, dem Dialogwechsel usw. Hier gibt es wenig Spielraum und kaum etwas zu entscheiden.

Beginnt ein neues Thema, ist es in der Regel relativ leicht zu entscheiden, dass auch ein neuer Absatz anfängt. Das gilt vor allem für das Schreiben von inneren Monologen oder ähnlichen Eindrücken einer Figur.

Ein Beispiel dafür aus meinem Roman Tödliche Gedanken:

Hatte ich deswegen so häufig Visionen von ihm? Kontrollierte oder manipulierte er mich auch schon? War ich die Nächste?

Ich starrte auf den Schlüssel, den ich immer noch in der Hand hielt.

Wenn Fulgur entdeckte, dass jemand hier war, dann würde er bestimmt eins und eins zusammenzählen und früher oder später auf mich kommen. Ich musste alles so herrichten, wie vor meiner Ankunft.

Erster Absatz: Patricia macht sich Gedanken über die Pläne des Schurken.

Zweiter Absatz: Beschreibung der Außenwelt, raus aus den Gedanken von Patricia.

Dritter Absatz: Neue Überlegung von Patricia mit einem neuen Thema, nämlich wie sie ihre Spuren verwischt.

Selbst, wenn es den zweiten Absatz nicht gäbe, wäre es gut, nach „War ich die Nächst?“ einen Absatz zu machen, denn es beginnt ein neues Thema. Dies verleiht dem Leser Orientierung. Ein neuer Absatz signalisiert ihm auch, dass etwas Neues beginnt. Der Themenwechsel fällt ihm somit leichter, er muss gedanklich die Informationen nicht selbst kategorisieren und sortieren.

Einen weiterer Effekt, den man mit Absätzen erzielen kann, nenne ich mal die „literarische Kamerafahrt“. Man könnte auch sagen, den „literarischen Schnitt“.

Beschreibungen im Roman sind wie Kamerafahrten, die ein Bild vor dem inneren Auge des Lesers entstehen lassen. Mache ich einen Absatz, verändert sich der Fokus dieser Kamera, ein neues Bild entsteht oder es erfolgt ein Schnitt.

Ein weiteres Beispiel aus dem ersten Kapitel von Tödliche Gedanken:

Im Kurs wurde getuschelt. Manche Schüler warfen mir verständnislose Blicke zu und schüttelten den Kopf, die meisten aber starrten die Uhr über der Tafel an und versuchten offensichtlich, das Pausenklingeln zu beschwören.

Gründorfs Stoppelbart zuckte, während er mit dem Kiefer mahlte. Eine Angewohnheit, die immer zutage trat, wenn er sich zu beherrschen versuchte. Er kniff die Augen zusammen.

Hier kann sich der Leser zunächst vor seinem inneren Auge die tuschelnden Schüler vorstellen. Dann gibt es einen Schnitt oder eine Kamerafahrt und plötzlich ist der Lehrer Gründorf im Bild.

Gäbe es hier keinen Absatz, würde dieser Effekt verpuffen. Der Leser müsste selbst rekonstruieren, wo die Beschreibung der Schüler aufhört und die des Lehrers beginnt – und zwar erst, nachdem er die Informationen gelesen hat.

Ich reiße also den Leser aus dem Fluß und zertrümmere das innere Bild vom Romangeschehen, verhindere das Kino im Kopf, wenn ich keinen Absatz mache.

Stelle ich mir jedoch beim Schreiben das Geschehen selbst wie einen inneren Film vor und lenke entsprechend die Wahrnehmung des Lesers, kann er diesen auch nachempfinden, wodurch die Illusion des Kopfkinos gestärkt wird.

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3 Antworten auf “Absätze sind die Kamerafahrten des Romans”

  1. Hi Marcus,
    Ich stimme dir zu. Mit Absätzen an den richtigen Stellen kann man viel bewirken.

    So kann man bewusst den Lesefluss verlangsamen, wenn man möchte, dass der Leser sich Gedanken für eine Aussage macht. Diese Aussage kann man dann alleine als Absatz stehen lassen – was sie auch schön betont.

    Absätze sind ein stilistisches Mittel, das leider noch immer oft unterschätzt wird, deshalb danke für den Artikel.

    LG, Walter

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