Schreiben im Café ist produktiver als zu Hause

SchreibenimCafist-2Während die einen finden, Schreiben in absoluter Stille sei das Größte, schwören die anderen darauf, nur im Café und/oder mit Musik auf den Ohren kreativ sein zu können. Wissenschaftlich erwiesen ist inzwischen, dass beide ein bisschen recht haben.

Eine Studie der University of Chicago aus dem Jahr 2012 zeigt, dass ein moderater Geräuschpegel, der uns nur ein bisschen ablenkt, die Kreativität fördert. Mit anderen Worten: Das Jazz-Piano mit geringer Lautstärke ist besser als absolute Stille, Metallica auf volle Hütte eher nicht.

Offensichtlich braucht das Gehirn ein geringes Niveau an Störungen, um nicht 100%ig konzentriert zu sein. Man kann sich das analog zu dem Effekt erklären, dass wir unsere besten Ideen meistens nicht durch hartnäckiges Grübeln gewinnen, sondern unter der Dusche haben, wenn wir eigentlich gerade an was anderes denken. Das Gehirn darf also offensichtlich nicht zu intensiv mit einer Sache beschäftigt sein, um wirklich kreative Leistungen vollbringen zu können.

Besonders geeignet scheint tatsächlich der Geräuschpegel eines durchschnittlichen Cafés zu sein. Wahrscheinlich, weil der Mensch ein soziales Wesen ist und unverständliches Gemurmel ein Gemeinschaftsgefühl und damit Sicherheit signalisiert.

Schön und gut. Mein persönliches Problem mit dem Schreiben in Cafés ist auch weniger der Geräuschpegel. Im Gegenteil. Tatsächlich habe ich auch das Gefühl, in dieser Atmosphäre konzentrierter zu sein. Zumindest habe ich mit dem Schreiben in Bibliotheken ganz gute Erfahrungen gemacht.

Ich brauche zum Schreiben in einem Café allerdings einen Platz mit dem Rücken zur Wand. Denn was ich absolut nicht vertrage, sind Menschen die mir beim Schreiben über die Schulter gucken.

Noch schlimmer sind kontaktfreudige Zeitgenossen, die es gut meinen, aber meinen Schreibrhythmus mit interessierten Fragen stören. Ich bin einfach zu höflich, um Gespräch mit ihnen abzuwürgen, ärger mich aber im Nachhinein über die verlorene Schreibzeit.

Die Lösung für dieses Problem: Coffitivity. Eine kleine und simple App für das Smartphone oder Tablet, die eigentlich keine andere Aufgabe hat, als Caféhaus-Hintergrundgeräusche zu produzieren.

Der Vorteil der App ist nicht nur, dass man das Café jederzeit in der Hosentasche hat und man eben nicht von anderen weniger gewollten Begleiterscheinungen eines echten Cafés abgelenkt wird (wie halt neugierige Gäste und Kellner, laute Musik, überfüllte Räume oder unangenehme Gerüche), sonder auch, dass ich unter verschiedenen Caféhausgeräuschen wählen kann.

Wenn ich das möchte, kann ich auch gleichzeitig Musik hören. Musikflatlines wie Spotify oder last.fm sind eingebunden, der eigene Player kann parallel genutzt werden. Ein kleiner Nachteil ist, dass ich die Lautstärke vom Caféhintergrund und von der Musik nicht getrennt regulieren kann. Aber das wird vielleicht mit zukünftigen Versionen auch nachgeholt.

Coffitivity ist kostenlos. Jeder kann die App also ohne Nachteile testen. Mir persönlich gefällt sie gut. Sie erfüllt ihren Zweck und kommt ohne Schnickschnack aus.

Ob sich der gewünschte Kreativitätszuwachs tatsächlich einstellt, kann ich aus eigener Erfahrung noch nicht bestätigen. Aber ich fühle mich mit den Hintergrundgeräuschen manchmal ein bisschen wohler als mit Musik, da ich schon dazu neige, mich von ihr zu stark ablenken zu lassen.

Advertisements

28 Antworten auf “Schreiben im Café ist produktiver als zu Hause”

  1. Interessanter Tipp, v.a. das künstliche Café-Haus ist eine witzige Idee 😉 Danke auch für den Link zur Studie! Es wäre nochmal interessant zu sehen, was passiert, wenn man die einzelnen Ambiente-Soundtracks einzeln darbieten und als Mediator testen würde. Das Café-Haus schneidet sicher besser ab als „roadside traffic, and distant construction noise“. Dass Musik, die anregend, aber nicht zu überladen ist, die Konzentration steigert, ist ja schon mehrfach nachgewiesen (Mozart-Effekt).. daher schätze ich, es geht theoretisch noch besser als mit Café-Haus-Geschirklappern 😉 Die Mittelwert-Differenzen in der von Dir geposteten Studie sind allerdings schon relativ beeindruckend, finde ich. Auf der anderen Seite sind es natürlich nur Mittelwerte und die persönlichen Präferenzen fallen unter den Tisch; ich kann zB. am besten in totaler Stille schreiben (haben Langzeit-Feldexperimente bestätigt 😉 ) Dem Argument, dass einem die besten Ideen nicht beim Darüber-Grübeln kommen, kann ich im Zusammenhang mit dem Kontext Deines Artikels auch nur bedingt zustimmmen, weil das nur funktioniert, wenn man vorher viel darüber gegrübelt hat und sich das Gehirn dann mal kurz entspannt – wohlgemerkt nachdem man die „mentalen Spuren“ für das Thema gestellt hat, zu dem einem dann unter der Dusche der Geistesblitz kommt. Wie auch immmer, danke für den Artikel – ich freue mich immer, wenn Du (oder ihr bei den Schreibdilletanten) psychologische Erklärungen zum Schreiben heranzieht! 🙂

    Gefällt 1 Person

    1. Ich stimme dir in allen Punkten zu. Ich würde das folgendermaßen sehen: Ich arbeite ja phasenweise an Projekten. In bestimmten Phasen kann ich keine Musik gebrauchen. Gerade beim Überarbeiten, wenn es weniger kreativ und eher akribisch zugeht, brauche ich keine Musik, bzw. stört sie mich eher. Beim Brainstorming und beim Outlinen kann ich Musik auch nicht so richtig gebrauchen. Beim eigentlichen Schreiben dann hingegen schon. Denn da tritt ja genau der Effekt ein, den du beschreibst.

      Kleine Korrektur: Die Studie habe ich nicht gepostet, ich habe nur auf sie verlinkt.

      Gefällt mir

  2. Lieber Marcus,

    ich glaube der Effekt der App und eines echten Cafes ist ein klar unterschiedlicher. Im Cafe geht es doch gerade darum, dass alle Sinne und nicht nur das Hören angesprochen werden. Trotzdem scheint mir die App eine ganz neckische Idee zu sein.
    Ich kann überhaupt nicht im Cafe schreiben, aus dem selben Gründen wie Du. Wenn mich Leute ansprechen, antworte ich in der Regel. Einmal habe ich im Cafe geschrieben und nach zwei Stunden hätte ich den armen Kellner umbringen können, der mich fragte ob was mit dem Tee nicht in Ordnung sei, ob ich noch was wolle etc.
    Vielleicht probiere ich es doch mal aus. Aber am liebsten setze ich immer noch auf passende Musik. (klassische Musik und Filmmusik.)

    Mit den besten Wochenendsgrüßen
    Martin

    Gefällt 1 Person

  3. Hallo Marcus,
    habe ich es doch gewusst. 🙂 Ich liebe im Café zu schreiben. Im Übrigen habe ich da zumeist meinen Stammplatz mit dem Rücken zur Wand (und sogar zur Not mit Steckdose). Einen großen Vorteil vom echten Café zur App hast du vergessen: Es bringt dir jemand den Milchkaffee.
    Herzlichen Gruß,

    Vera

    Gefällt 2 Personen

  4. Hallo Marcus!

    An sich stimme ich Deinem Beitrag voll und ganz zu.
    ABER: Was ist wenn man in einem Kaff wohnt, in welchem es kein vernünftiges
    Café gibt???????
    Das mag in Großstädten durchaus machbar sein.
    Auf dem Lande, oder in sterbenden Kleinstädten ist Schreiben im Café eher eine Illusion.
    Ich spreche aus Erfahrung…

    Gruß Karen

    Gefällt 1 Person

  5. Beim Schreiben habe ich auch fast immer Musik auf den Ohren. Mir ist aber aufgefallen, dass ich produktiver bin, wenn ich Lieder höre, die ohne Gesang sind (meist sind diverse Videospiel-Soundtracks meine erste Wahl). Vor allem deutsche Musik lenkt mich total ab.
    Im Cafe schreiben wäre vielleicht einen Versuch wert, allerdings frage ich mich, ob Gequatsche am Nachbartisch so förderlich ist. Leider lasse ich mich von Stimmen, die über Geflüster hinaus gehen, sehr leicht ablenken.

    Gefällt mir

  6. Was es nicht alles gibt! ^^
    Ich verbinde mit Caféhaus-Atmosphäre nur leider nicht allein die Geräuschkulisse, die eine App sehr gut nachzuahmen vermag. Während ich im Café nur Kaffee trinkend und ohne Laptop sehr häufig in Gespräche verwickelt werde, passiert es mir so gut wie nie, wenn ich das Gerät dabei habe und daran arbeite. Auch die Bedienung hält sich dann fern. Aber die kennen mich auch schon … ^^
    Ich glaube, mir würde die App nicht das gewünschte „Milieu“ ersetzen können, dass mich locker macht zum Schreiben, zum lockere Fäden spinnen, zum Gedanken herauslassen.
    Wenn daheim Feinarbeit oder Korrekturlesen an der Reihe sind, ziehe ich hingegen absolute Stille vor. Da reicht als Geräuschkulisse völlig, wenn ich selbst zeitweise Text vor mich hinbrabble.

    Nichtsdestotrotz war es für mich gerade wirklich sehr interessant, bei dir hier über die Studie zu erfahren und deine Anmerkungen dazu zu lesen. Ebenso die Kommentare!
    Schöner Beitrag!

    Liebe Grüße
    Michèle

    Gefällt mir

  7. Also ich schreibe durchaus gerne im McOffice, wie ich es nenne …

    Ein sehr buntes und inspirierendes Publikum aus allen Gesellschaftsschichten, vom Geschäftsmann zum Notarzt, von der Mutter zum Soldaten.

    An dieser Stelle übrigens einfach mal Danke für dieses Blog, ich lese es regelmäßig.

    Gefällt mir

  8. Ich benutze noisli, das gibt es als Website und als App. Man kann die unterschiedlichsten Geräusche und Kombinationen einstellen: Regen, Gewitter, Wind, Wasser… auch ein Café. Ich schreibe am liebsten bei Kaminfeuer und Gewitter im Hintergrund 🙂

    Gefällt mir

  9. Hallo Marcus,

    du hast mal in dem Podcast -Die SchreibDilettanten- eine ähnliche app mal erwähnt. Eine, mit der man die Geräusche einer Bibliothek hören kann. Ich finde die Folge nur leider nicht mehr. Wie genau hieß diese App? Ich glaube jedenfalls das du die erwähnr hattest und nicht Axel.

    Gruß
    Tanja

    Gefällt mir

  10. Hey,

    irgendwie ist das schon echt witzig. Einerseits habt ihr neurotypischen Menschen einen automatischen Filter im Gehirn, der unerwünschte Nebengeräusche ausblockt, damit ihr euch auf das Wesentliche konzentrieren könnt, andererseits scheinen eure Gehirne dann doch wieder aktiver zu sein, wenn ihr eine leichte Hintergrundkulisse habt. Zumindest laut dieser Studie. Man darf ja auch nicht alle Gehirne über einen Kamm scheren, oder?

    Für mich als Aspie gilt beim Schreiben dasselbe wie überall sonst auch: Je reizarmer die Umgebung, desto besser funktioniert mein Gehirn.

    Deshalb hoffe ich immer noch, dass irgendein kluger Kopf, mal die sogenannte Stille-App erfindet, mit der man all die nervigen Geräusche einfach ausblenden kann.

    Und bis dahin, ein Hoch auf die Ohrenstöpsel. 😉

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s