Die Welt wartet auf deine Geschichte, auch wenn du im Moment vielleicht nicht daran glaubst

DieWeltwartetauf-2Wenn du gerade am NaNoWriMo teilnimmst, steckst du zur Zeit ungefähr in der Hälfte deines Projekts. Viel liegt noch vor dir, die letzten beiden Wochen waren hart, du hinkst deinem Wordcount hinterher und weißt nicht, wie du Alltag und Schreiben unter einen Hut bringen sollst.

Was dazu beigetragen hat, mich in den letzten Jahren zu motivieren, 50.000 Wörter in 30 tagen zu schreiben, war das Bewusstsein, dass das Schreiben von Geschichten keine eitle Selbstverwirklichung oder ein Spleen ist.

Stan Lee, einer der erfolgreichsten Schöpfer von Figuren und Geschichten, hat sinngemäß gesagt, dass er sich lange Zeit seines Lebens geschämt hat, „nur“ ein Comic-Autor zu sein – bis er erkannt hat, dass Unterhaltung im Leben vieler Menschen eine zentrale Rolle spielt.

Ja, Politiker lenken unseren Staaten, Soldaten verteidigen unser Leben und Klempner sorgen dafür, dass unser Klo wieder spült. Alles zentrale und bewundernswerte Leistungen für unsere Gesellschaft und/oder für den Einzelnen. Schnell wird über Autoren – wenn sie keine Besteller-Autoren sind, die im Rampenlicht stehen und viel Geld verdienen – die Nase gerümpft.

Wenigstens unterschwellig betrachten uns manche als Träumer, Spinner, rücksichtslose Selbstverwirklicher oder was auch immer, die es wagen, sich die Zeit zu nehmen, ihrem skurrilen Hobby zu frönen, obwohl es doch so viel wichtigere Dinge im Leben gibt.

Andererseits kenne ich niemanden, der von Geschichten nicht begeistert ist. Ja, die meisten Männer lesen nicht gerne. Sie befriedigen ihr Bedürfnis nach Geschichten eher mit Filmen oder Spielen. Gerade männliche Kinder und Jugendliche konsumieren ihre Geschichten am liebsten in Form von PC- oder Konsolenspielen.

Am Ende erleben sie Geschichten. Die erfolgreichsten Spiele auf dem Markt sind jene, die nicht nur gute Spielmechanismen, sondern auch eine packende Hintergrundgeschichte besitzen. Und irgendwo müssen diese Geschichten herkommen. Sie stammen von Autoren wie dir. Das vergessen oder übersehen viele.

Ohne Geschichten, gibt es keine Unterhaltung. Selbst beim Sport stricken wir an den Geschichten der Erfolge und Misserfolge oder des Privatlebens unserer Lieblingssportler. Was für eine großartige Story (auf der Ebene des Geschichtenerzählens) bilden die Hintergründe zur Fußball-WM 2006.

Wer je ein Kind gesehen hat, das begeistert es danach ruft, sein Lieblingsmärchen erneut vorgelesen zu bekommen, wer Filmfans beobachtet, wie sie beim Nacherzählen ihres Kinobesuchs in ihrer eigenen Welt versinken oder wie leidenschaftlich die Oma von der Lektüre ihres letzten Krimis berichtet, der merkt, dass uns Geschichten tief im Inneren bewegen, packen, Leidenschaft freisetzen und somit nicht nur ein besonders effektiver Weg sind, Informationen und Erfahrungen weiterzugeben, sondern die Menschen berühren und ein grundlegendes emotionales Bedürfnis erfüllen, das ihnen hilft, den Alltag und schwierige Zeiten zu bewältigen oder wenigstens für ein paar Augenblicke zu vergessen.

Natürlich gelingt das nicht jeder Geschichte mit jedem Menschen. Deswegen sind Selbstzweifel im NaNoWriMo so groß: Wird das je jemand lesen, was ich hier schreibe? Und wenn, wird mein Roman jemandem dann gefallen? Ist das nicht alles viel zu schlecht?

Als ich neulich die Amazon-Rezensionen von Phillip Petersen Paradox durchging – eines meiner Lieblingsbücher des Jahres – war ich schockiert, wie viele echte Zerrisse dieser Roman kassierte. Sie erscheinen zwar zahlenmäßig hinter den positiven Rezensionen in Staubkorngröße, aber ich rieb mir trotzdem die Augen und konnte nicht glauben, wie jemand ein so geniales Buch schlecht finden konnte.

Ich habe zu Patricia Bloch, der Hauptfigur meines Romans Tödliche Gedanken, positives Feedback bekommen. Die meisten Leser meinten, dass sie sich hervorragend mit ihr identifizieren konnten, weil ich ihre Erfahrungen und Gedanken getroffen hätte und die Geschichte sie deswegen berührte. Doch manche fühlten sie von der Figur genervt.

Stan Lee hat die größten Serienhelden der Gegenwart geschaffen, die Monat für Monat Millionen Comicleser weltweit bis heue begeistern und noch viel mehr Menschen regelmäßig ins Kino locken. Trotzdem gibt es Menschen, die mit Superhelden nichts anfangen können.

So ähnlich wird es dir mit deiner Geschichte, mit der du im NaNoWriMo kämpfst, auch gehen. Es wird Leute geben, die sie nicht mögen, genervt von ihr sind oder sogar hassen (ja, so starke Gefühle kann auch deine Geschichte bei anderen auslösen – aber wenn du genauer darüber nachdenkst, dann ist auch das ein Beweis dafür, dass deine Geschichte bewegt).

Wahrscheinlich wirst du nie ein Millionenpublikum wie Stan Lee erreichen oder Preise gewinnen wie Phillip Perterson (obwohl das nicht ausgeschlossen ist). Aber es wird Menschen geben, die durch deine Geschichte berührt, fasziniert und unterhalten werden.

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22 Gedanken zu “Die Welt wartet auf deine Geschichte, auch wenn du im Moment vielleicht nicht daran glaubst

  1. Stan Lee hat auch grandiose Figuren erschaffen. Irgendwo habe ich gelesen, er wollte den großen Gesellschaftsroman schreiben, und ich finde, er hat es getan. Seine Marvelgeschichte sind sein großer Gesellschaftsroman.

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  2. Ich habe letztes Jahr zwei Wochen lang beim NaNoWriMo mitgemacht. Und dann recht genervt aufgegeben. Aber nicht, weil ich keine 50.000 Worte zusammen gebracht hätte. Sondern weil mir diese beständige Spendenfechterei per Mail aber so was auf den Senkel gegangen ist! Und weil sich niemand dafür interessiert, was man schreibt – ich hätte genau so gut das Münchner Telefonbuch in die Tasten hauen können… Der Grundgedanke dieses weltweiten Projekts mag ja ein guter sein, aber was man mittlerweile daraus gemacht hat, das hinterlässt bei mir auch ein Jahr danach immer noch ein ziemliches Gschmäckle.

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    • Ich sehe das so: Der NaNoWriMo ist eine wirklich gute Einrichtung, die sich eben nur über Spenden finanziert. Bekommen das Office of Letters and Light keine Spenden, gibt es den NaNoWriMo nicht mehr. Meiner Erfahrung nach ist das ein schwieriges Modell. Dass sie es deswegen nötig haben, darauf aufmerksam zu machen, finde ich nicht schlimm. Davon abgesehen: Schon mit einem kleinen Beitrag ist die Sache erledigt und man wird von keinerlei Werbung mehr behelligt. Kostet viel weniger als ein Kinobesuch. Dafür bekommt man eine Menge geboten. So richtig kann ich bei der Sache keinen Haken entdecken.

      Der NaNoWriMo ist auch keine Kritikgruppe, in der es darum geht, seine Texte gegenseitig zu lesen. Niemand hat dafür die Zeit, wenn er selbst 50k Wörter in einem Monat schaffen soll. Das finde ich auch vollkommen in Ordnung. Es gilt, sich der Herausforderung in einer Gemeinschaft zu stellen. Wenn ich beim Marathon mitlaufe, habe ich auch keine große Puste, um mich mit den anderen über meinen Laufstil zu unterhalten. Es ist einfach cool, in einer großen Gruppe sich selbst zu überwinden.

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  3. Das Nano-Zeug ist mir wurscht, aber Dein Plädoyer für Geschichten fand ich großartig. Bei dem ganzen Gejammere darüber, dass keiner mehr liest, das E-Book unsere gedruckten Bücher kaputt macht oder Kids nur noch Games zocken, vergisst man nämlich nur gar zu leicht, worauf Du hingewiesen hast: Wichtig sind die Geschichten, wichtig ist die Phantasie. Über welchem Medium sie transportiert wird, ist völlig egal. Danke für die Erinnerung.

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    • Wenn keiner mehr liest, frage ich mich stets, wieso die Buchmessen von Jahr zu Jahr immer voller und voller werden. Ich konnte, als ich Jugendlicher war, nicht beobachten, dass es in meinem Umfeld so unglaublich viele Leseratten gab. Von daher glaube ich, dass sich da nicht viel geändert hat. Lesen ist nicht unbedingt ein Massenphänomen wie Kino oder Unterhaltungselektronik, aber doch eine recht große und stabile Nische.

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    • Ich war neulich bei einem Freund auf der Buchvorstellung seines 10-jährigen Sohnes! Der Junge haut mich regelmäßig von den Socken, mit welcher Ausdauer er schreibt und schreibt und schreibt. Plötzlich sagte er zu mir: „Vielleicht möchtest du was sagen, Bernhard?“ Und da saßen dann so knapp 10 Kinder auf dem Teppichboden und schauten mich an. Ich dachte nur, jetzt bloß das Richtige sagen, die hören Dir zu! Ich habe dann betont, wie wichtig es sei, sich die Phantasie zu bewahren und dass sie das immer verteidigen müssen. Wir brauchen nämlich die Phantasie nicht nur zum Bücher schreiben, sondern auch um Maschinen und Fahrzeuge zu bauen, die uns das Leben erleichtern und was auch immer, auch um Computerspiele oder Software zu programmieren brauchst du Phantasie. Wer schreibt, der hält seinen Kanal zur Vorstellungskraft immer sauber, so sehe ich das. Deshalb ist NaNoWriMo auch nicht unwichtig.

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  4. Lieber Marcus,
    das hast du sehr schön auf den Punkt gebracht. Ich kenne den Moment des Selbstzweifels nur zu gut. Aber sich bewusst zu machen, es gibt Menschen, denen meine Geschichten schöne Stunden bescheren, hilft immer wieder aus dem Loch heraus.
    Herzlichen Dank,

    Vera

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  5. Ein sehr aufbauender, motivierender Beitrag. Zudem möchte ich dir sagen, dass mir die grafische Gestaltung deines Blogs sehr gut gefällt. Ich komme eher von der Fotografie und bin es in meinem Hauptblog gewohnt, jeden Beitrag mit einem Headerbild zu versehen, aber so wie hier, das find ich Klasse.
    LG – Elke

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