Mitreißende Figuren eines Romans müssen gleichzeitig bekannt und außergewöhnlich sein

MitreiendeFigurenein

Figuren sind für jede Story zentral. Durch sie erleben wir die Geschichte. Mit ihnen fiebern wir mit, Wir bauen eine Beziehung zu ihnen auf, die uns mit dem Plot verbindet.

Damit das funktionieren kann, müssen die Figuren uns bekannt sein und Gemeinsamkeiten mit uns besitzen. Gleichzeitig müssen sie außergewöhnlich und herausragend sein und über Eigenschaften verfügen, die uns fehlen, damit sie interessant sind. Nur wie erreiche ich diesen Effekt als Autor?

Der ausgesprochen erfolgreiche Thriller-Autor J.A. Konrath hat in seinem Schreibratgeber The Newbie’s Guide to Publishing vorgestellt, wie er seine Figuren entwickelt. Seine Methode besticht dadurch, dass sie einfach und übersichtlich ist:

Besonderheit: Was macht die Figur besonders – und zwar in der Beziehung, dass nur sie diejenige ist, die in der Geschichte auch eine zentrale Rolle spielen kann?

Ziele: Welche Ziele (Träume, Wünsche, Ängste) besitzt die Figur?

Makel: Jeder besitzt eine Achillesferse. Da Figuren in einer Geschichte in bestimmten Bereichen herausragend sind, ist es wichtig, dass sie Schwächen besitzen, die sie menschlich machen.

Macken: Verschrobenheiten, seltsame Angewohnheiten und lustige oder hinderliche Rituale tragen dazu bei, dass einem Figuren ans Herz wachsen können und machen sie interessant.

Perspektive: Wird die Perspektive der Figur in der ersten oder in der dritten Person eingenommen? Und warum?

Unterstützung: Kein Mensch ist eine Insel. Welche Figuren unterstützen die Hauptfigur? Jeder  Romanfigur muss sich in einem Beziehungsgefüge befinden, damit wir sie in der Interaktion mit anderen erleben und näher kennenlernen können.

Feinde: Geschichten entstehen durch Oppositionen. Welche würdigen Gegner besitzt die Figur?

Dass Konraths simple Systematik verblüffend gut funktioniert, habe ich festgestellt, nachdem ich diese Stichpunkte an Patricia Bloch, der Protagonistin meines Romans Tödliche Gedanken, durchgespielt habe:

Besonderheit

Patricia Bloch ist eine achtzehn Jahre junge, hochbegabte Schülerin, die kurz vor dem Abitur steht. Sie hat die gleichen Sorgen, die junge Menschen in ihrem Alter haben: Sie fühlt sich von der Welt unverstanden, voller Tatendrang, durch die Enge ihres Lebens in einer Kleinstadt daran gehindert, ihr Potenzial zu entfalten. Mit dem Filter ihrer Hochbegabung werden diese Einegschaften auf die Spitze getrieben. Ihre besondere intellektuelle Reife auf der einen Seite und die dafür mangelnde soziale Kompetenz machen sie zu einer besonderen Persönlichkeit.

Ziele

Patricia will das Kaff Kelltin, das ihrer Begabung nicht gerecht werden kann, schnell verlassen. Abgesehen davon, dass sie ihr Abitur noch nicht hat und noch warten muss, gibt es auch andere Dinge, die sie hindern, dieses Ziel zu erreichen. Insgeheim ist sie in Lias verliebt – gesteht sich das aber nicht so richtig ein. Hinzu kommt, dass sie zwar fachlich ihren Abschluss praktisch in der Tasche hat, ihr loses Mundwerk jedoch kaum im Zaum halten kann. Das könnte ihren Zielen ebenfalls zum Verhängnis werden.

Makel

So begabt Patricia in intellektuellen Dingen ist, fehlt ihr der Sinn fürs Praktische.

Macken

Patricias Leidenschaft ist Psychologie. Sie weiß, dass Fernsehen, Computer und Handys schädliche Einflüsse auf die geistige Verfassung von Menschen haben: Sie lassen einen verdummen. Deswegen weigert sie sich, solche Geräte zu benutzen.

Perspektive

Ich habe mich entschieden, Patricia aus der Ich-Perspektive zu schreiben. Mir war es wichtig, ihre Gedanken und Gefühle direkt den Leser erfahren zu lassen, da diese eng mit der Geschichte zusammenhängen.

Ihr arrogantes Auftreten ist von Unsicherheit begleitet. Wie die meisten Menschen möchte Patricia akzeptiert gemocht werden, wie sie ist. Diese Sehnsucht nach menschlicher Nähe, bei der sie sich selbst allzu oft im Weg steht, bildet das Bekannte für den Leser. Die Ich-Perspektive bietet sich an, diesen inneren Konflikt erfahrbar zu machen.

Unterstützung

Patricias bester Freund ist Ivo, ein herzlicher, pummeliger Computernerd, der nicht dumm ist, aber nicht hochbegabt wie Patricia. Normalerweise würde Patricia sich mit Leuten wie Ivo nicht anfreunden, aber da die beiden zusammen aufgewachsen sind, sind sie wie Bruder und Schwester.

Ivo ergänzt Patricia und kann sie mit Fähigkeiten unterstützen, die ihr fehlen. Er teilt ihr Außenseitertum und zeigt dem Leser, dass Patricia eine emotionale Seite besitzt.

Feinde

Zu Beginn der Geschichte sieht es danach aus, dass Patricias schlimmste Feinde ihre Lehrer sind, die mit ihrem Intellekt nicht mithalten können. Da sie sie langweilen und gleichzeitig maßregeln, streitet sie sich mit ihnen und zieht als Schülerin den kürzeren. Eine Situation, die sie als belastend empfindet – und als existenziell bedrohlich. Wenn sie ihr Abitur nicht machen kann – wie soll sie dann Kelltin verlassen, um woanders zu studieren?

Natürlich stellt sich im Laufe der Geschichte heraus, dass es noch viel, viel bedrohlichere Feinde für Patricia gibt …

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30 Antworten auf “Mitreißende Figuren eines Romans müssen gleichzeitig bekannt und außergewöhnlich sein”

  1. Danke. Sehr interessant, und daher auch ein wirklich guter Einblick, gibt deine Beschreibung über den Umgang hinsichtlich deiner Hauptfigur. Vor allem für diese Darstellung bin ich sehr dankbar, denn sie ist ein Blick über die Schulter in die Werkstatt. Das ist mehr als man manchmal erwartet und bekommt, daher sehr wichtig und gut.

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  2. Den Titel finde ich etwas merkwürdig und nicht sauber. Ich ahne, was du meinst. Man kann auch einen Roman schreiben, ohne dass die Figur vorher bekannt ist. Wahrscheinlich meintest du, dass die Figuren etwas Allgemeingültiges, Elementares oder Universales haben müssen, womit sich viele identifizieren können, aber auch etwas Individuelles, so dass sie einzigartig werden.

    Ich wäre etwas feiner, tiefer und skurriler bei der Ausarbeitung der Figuren. Ich mag den Ausdruck Feind nicht, Antagonist ist mir lieber.

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    1. Hallo Engel,
      die Überschrift dieses Beiterags finde ich auch nicht so gut gelungen.
      Feind / Antagonist:
      Wie wäre es mit „Gegenspieler“ statt „Antagonist“?
      Sagt das Selbe und ist verständlicher.
      Antagonist und Gegenspieler ist allgemeiner. Es kann sich um erklärte, persönliche Feinde handeln. Oder zum Beispiel auch um Kontrast Charaktere, die die Handlung bremsen, um sie wie Wasser aufzustauen, damit sie sich später um so gewaltiger Bahn brechen kann.
      Der Begriff „Feind“ stimmt vermutlich in Patricias Fall.
      Zumindest aus ihrer Ich-Perspektive wird sie diese Lehrer so erleben. Es ist etwas Persönliches, das durch den institutionell gesicherten Vorteil auf Seiten des Lehrers verschlimmert und noch ungerechter gemacht wird. „Feind“ bezieht sich hier vor Allem auf das spätere wirklich Bedrohliche, das so viel schlimmer und existenzieller ist als ätzende, gefährliche Pauker.

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      1. Ich finde klare Begriffe gut. Feind ist deswegen für mich besser als ein Wischi-Waschi-Begriff wie Antagonist. Wozu ein Fremdwort benutzen, wenn es ganz einfache deutsche Begriffe gibt, die selbst Kinder gut verstehen können, ohne ein Wörterbuch zu wälzen? Per Definition ist ein Antagonist eine Figur, die die Pläne des Protagonisten durchkreuzt und ihm Schaden zufügt. Für mich ist das ein Feind.

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        1. Weil ein Gegenspieler kein Feind sein muss. Er kann eine andere Seite der Medaille darstellen, die die gleiche Berechtigung haben kann wie das Ziel des Protagonisten. Der Begriff Gegenspieler hilft dabei, sich vorzustellen, dass dahinter ein Mensch mit auch positiven Eigenschaften steckt.

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      1. Ich hoffe, die gedruckte Version kommt bald. Ich würde Tödliche Gedanken auch gern lesen, aber extra einen E-Book-Reader möchte ich mir nicht zulegen. Aber gedruckt wird der Roman sofort gekauft. 🙂

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        1. Du kannst den Roman ja auch auf einem Smartphone, Tablet oder Computer lesen. Mit der Amazon- oder Tolino-App geht das immer.

          Ich fürchte, es wird noch mindestens ca. 6 Monate dauern, wenn überhaupt … Sicher ist nichts.

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          1. Dann warte ich erst mal noch (momentan suchte ich ohnehin den Dunklen Turm von King), aber gut Ding will ja bekanntlich Weile haben. Ansonsten kann ich immer noch auf meinen Laptop ausweichen. 🙂

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            1. Würde mich freuen, wenn du doch noch deinen Weg zu Tödliche Gedanken findest. Aber ich kann dich gut verstehen. Mir geht es ja umgekehrt genauso. Ich lese praktisch keinen Roman mehr, den es nicht als E-Book gibt …

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          2. Ich möchte auch lieber warten.
            Beruflich starre ich schon genug auf den Bildschirm. Dazu kommen ein paar privat interessante Blogs.
            Zum Schmökern bevorzuge ich ein echtes, gedrucktes Buch.
            Gute Bücher sind wie Freunde. Ich habe sie gerne um mich herum. Wenn ich eines ausgelesen habe, streiche ich liebevoll über seinen Einband, bevor ich es sachte auf einen ausgesuchten Platz im Regal stelle. Von dort aus grüßt es mich beim vorübergehen und erinnert mich an reiche Stunden.
            Außerdem sind gedruckte Bücher schöner zu verschenken.
            Die junge Dame, die ich dafür im Auge habe, kommt bald in das richtige Alter.
            Ein wenig kann ich noch warten.

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            1. Es wird leider eher noch eine Weile dauern. Vor Mitte 2016 werde ich wohl nicht dazu kommen, mich um eine gedruckte Ausgabe zu kümmern. Und sicher ist nichts. Hängt natürlich alles auch davon ab, wie gut der Roman läuft.

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  3. Oh je nach Lesen des Artikels habe ich schon wieder festgestellt, dass ich essentielle Dinge meiner Figuren noch nicht weiß. Danke für die Tipps und die Struktur Vorgabe, ich hab jetzt erst einmal wieder zu tun 😀

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  4. Mir hat der Artikel auch gut gefallen. Aber natürlich kann man alles analysieren. Besonders im Nachhinein. Beim Schreiben eines Buches entstehen meine Figuren oft ganz anders.So eine Liste schränkt ja schon im Kopf ein.
    Ich glaube dir, Markus, dass du das so machst und fein säuberlich prüfst. Das könnte ich selbst nicht. Vielleicht in der Überarbeitung, aber soweit bin ich noch nicht.

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    1. Mir als „drauf los Schreiber“ hilft es sehr, mich mit solchen Fragen auseinander zu setzen.
      Immer wieder lese ich solche Anleitungen und denke darüber nach.
      Ich prüfe meine bereits angelegten Figuren und stelle fest, dass sehr Vieles, was diese Anleitungen und Tipps nahelegen, schon in ihnen angelegt ist, weil es sich natürlich so ergeben hat. Manches ist noch zu undeutlich und kann mit Hilfe dieser Tipps besser herausgearbeitet werden.

      Manchmal komme ich mit einer Figur nicht richtig weiter und sie erscheint mir selbst irgendwie blutleer. Dann frage ich mich: „brauche ich diese Figur wirklich? Wofür eigentlich? Geht es auch ohne sie?“ Dann nehme ich die Figur entweder raus und zeige das, was sie zeigen sollte, anders, oder mir wird klar, welche wichtige Aufgabe sie im Gesamtgefüge hat.

      Trick: Ich stelle mir diese blutleere Person im Geiste vor meinen wuchtigen Chef Schreibtisch und sage zu ihr: „Du bist gefeuert!“
      Dann warte ich, wie sie sich verteidigt. Schließlich hat sie schon etwas Leben und kann auf ihre eigene Art Argumente vorbringen.
      Ich lasse die Figur so lange vor meinem Schreibtisch stehen (unbequem stehen ist wichtig) und mache ihr Vorwürfe, bis sie richtig wütend wird, sich verteidigt, und eine echte Diskussion entsteht.

      Vielleicht so:
      „aber ich bin doch lustig!“
      “Du bist ganz amüsant, aber Du treibst die Handlung nicht voran.“
      „Aber ohne mich würde die humorvolle Seite der Hauptfigur nicht deutlich!“
      „Nur weil die Hauptfigur ein paar Mal über Dich lacht, bist Du noch nicht wichtig. Ich kann die Hauptfigur auch über den Hausmeister lachen lassen.“
      „Aber die Hauptfigur trifft doch die Entscheidung zur großen Reise nur, weil sie durch meinen Humor und meine emotionale Unterstützung die Kraft dazu hat. In sich selbst kann sie ja die Kraft dazu noch nicht haben, die soll sie ja erst auf der Reise entwickeln. Die Parabel, die der Hausmeister ihr erzählt, kann ich ihr auch erzählen. Dann bin ich auch komplexer, ein trauriger, weiser Clown und echter Freund.“
      „Dann brauchen wir den Hausmeister nicht mehr. Der sollte aber im letzten Drittel noch einmal eine Wendung herbeiführen. Kannst Du den Job übernehmen?“
      „Lass uns gemeinsam darüber nachdenken. Als echter Freund brauche ich auch noch ein oder zwei weitere Szenen. Ich könnte ihr auch die wichtige Nachricht überbringen.“
      „Die muss sie aus der Zeitung lesen, sonst klappt das mit dem Journalisten nicht“.
      „Dann bringe ich ihr die Zeitung eben mit und wir frühstücken zusammen.“
      „OK. Versuchen wir das.“

      Als nächster ist der Hausmeister dran.

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      1. Danke für den anschaulichen Tipp, Lita. Das mit dem SChreibtisch.
        Ich habe auch gerade einen Trick gelernt, um etwas über Figuren zu erfahren: Das Körperinterview.
        Stell dir vor, ein Körperteil dieses Menschen könnte erzählen, wie es ihm geht, was ihm so widerfahren ist, etc. Bei dieser Übung sind bei mir zwei Dinge passiert:
        1. Ich habe körperliche, also nachvollziehbare Empfindungen entdeckt und bin von dort auf biographische Stationen im Leben der Figur gestoßen. Der Rücken erinnert sich an den Umzug letztes Jahr, vom Schleppen der großen Kisten. Die Haut kennt jedes Tattoo und kann sich an eine bedeutende Liebesnacht erinnern, etc. Die Lunge weiß, wer was seit wann raucht.
        2. Du erfährst, wie die Figur zu sich selber steht, zu ihrem eigenen Körper und seinen Empfindungen. Das ist etwas, was man eigentlich eher schwierig brainstormen kann, und was einem dann erst in bestimmten Szenen bewusst wird.

        Vorteil: Es verrät ganz viel, was dir ein Mensch bei der Lajo Egri-Methode des Interviews vielleicht nie – oder erst nach ein paar Seiten – verraten würde. Die Leber, der Magen, die Ohren, sind halt ehrlich. 😉
        Klingt erstmal abstrakt, aber ich fand es richtig anregend und frisch.

        André (oberer Post von „anonym“ ist auch von mir).

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        1. „Körperinterview“ klingt erst einmal ziemlich bescheuert, aber ich habe es kurz ausprobiert und war wirklich überrascht!
          Da kam tatsächlich eine Flut von Bildern und Anekdoten. Man hat sofort ganz viele Stimmen, die begeistert und aufrichtig erzählen, was die Figur selbst lieber verborgen gehalten hätte.
          Herzlichen Dank für den Tipp, lieber anonymer André!

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  5. Schöner und gleichzeitig schwieriger Artikel. Schön, weil er stimmig und eindeutig Grundlagen einer Figur aufzeigt. Schwierig, weil mir jedes absolute Wahrheit heischendes Regelwerk fraglich erscheint und dabei doch nur offensichtliches nennt: Unterstützung? Klar, dass eine Figur nicht allein durch ihren Roman stolpert. Macken und Makel? Eigentlich dasselbe nur in Abstufungen.
    Am interessantesten, weil mir selbst überhaupt nicht klar: Hängt die Wahl der Erzählperspektive (Ich oder Er) wirklich von der jeweiligen Figur ab? Ich glaube nicht. Ist eher eine Frage des Erzählens (auktorial oder personal). Also: Sehr schöner und gleichzeitig schwieriger Post 😉

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