Tödliche Gedanken: Patricia Bloch – Die Entstehung einer Hauptfigur

Entstehung einer Hauptfigur

Anhand meines demnächst erscheinenden paranormalen Thrillers Tödliche Gedanken lässt sich am konkreten Beispiel einmal erläutern, wie vielschichtig und langwierig das Entwickeln einer Hauptfigur eines Romans ist. Am Anfang steht nur eine Grundidee. Es gibt auf dem Weg dahin viele Abzweige und Richtungswechsel. Und es gibt auch eine Menge Überraschungen.

Die Grundidee von Patricia Bloch

Ganz zu Beginn der Arbeit an Tödliche Gedanken stand nicht mehr als die Idee, einen Roman mit einer Hauptfigur zu schreiben, die Gedanken lesen kann. Da ich Steven Goulds  Jumper mochte, lag es für mich nahe, die Hauptfigur von Tödliche Gedanken praktisch eine Art Antwort auf David sein zu lassen, der sich ja teleportieren kann. Demnach musste also meine Hauptfigur auch ein Teenager sein – et voila, ich wusste, dass Tödliche Gedanken im Schulmilieu spielen sollte. Etwas, das mir als Lehrer auch irgendwie nahe liegt.

Die Namensfindung – von Parzival zu Patricia

Da Patricia Bloch am Anfang der Arbeit am Roman noch männlich war, fiel meine Wahl eines Vornamens auf Parzival. Ähnlich wie der Gralsritter sollte auch mein Held sich vom Unwissenden zum Helden entwickeln, irritiert sein von den Wundern die ihm widerfahren und auf der Suche nach Orientierung in der Welt sein.

Und wie wurde aus Parzival dann Patricia Bloch?

Nach einigen Entwürfen war es mein Writing Buddys Axel Hollmann, der mich dazu anregte, aus Parzival Patricia zu machen. „Schon mal überlegt, dass der Roman besser funktioniert, wenn Parzival weiblich wäre?“

Nein, hatte ich nicht. Aber tatsächlich war es so, nachdem ich einige Kapitel probeweise umgeschrieben hatte. Also, Ärmel hochgekrempelt und den Roman erneut überarbeitet, denn wer glaubt, dass man nur den Namen austauschen muss, wenn sich das Geschlecht der Hauptfigur ändert, irrt sich natürlich.

Dabei war ich mir sehr bewusst, dass es durchaus heikel ist, als Mann in einer weiblichen Perspektive zu schreiben. Auf der anderen Seite gibt es auch viele weibliche Autoren, deren Hauptfigur männlich ist. Und immerhin hatte ich ja noch meine Frau als Testleserin und kompetente Beraterin, was die feminine Sichtweise angeht.

Wieso dann also Patricia? Ich mag den Namen schlichtweg und die Bedeutung „von edler Geburt“ gefiel mir ebenfalls. Ich finde, hier klingt mit, dass Patricia etwas Besonderes ist – ein Umstand, der mit fortschreitender Handlung noch eine größere Rolle spielen wird.

Einer meiner Lieblingsautoren ist der Psycho-Erfinder Robert Bloch. Ich wollte schon immer eine Romanfigur mit seinem Nachnamen versehen. Dass manche – wenigstens unbewusst – diesen Namen mit spannenden Thrillern in Verbindung bringen, war ein Nebeneffekt, den ich gerne in Kauf nahm.

Kleine Anekdote am Rande: Meine Autokorrektur will natürlich immer Patricia in Patrizia umändern. Aber da ich ja auch Marcus und nicht Markus bin, habe ich mich konsequent für die Schreibweise mit C entschieden.

Persönlichkeit – konfliktträchtig und begabt

Wie an Geschlecht und Namen, saß ich auch eine ganze Weile an Patricias Persönlichkeit. Und wenn auch die Grundzüge von Parzival und Patricia gleich waren, bedurfte es natürlich auch mit der Geschlechtsumwandlung hier einiger Veränderungen.

Mir war klar, dass Patricia an vielen Stellen in ihrem Alltag anecken musste. Sonst wäre sie keine tolle Romanfigur. Immerhin sollte es viele Konflikte um sie herum geben. Ein weiterer Grund, der mich dazu bewog, aus ihr einen Teenager zu machen. Ein besonders schwieriges Alter, in dem es viele Reibungspunkte mit der Welt der Erwachsenen gibt.

Aber mir reichte das nicht. Für eine Romanfigur erschien mir das Problem des Heran- und Hineinwachsen in die Gesellschaft einfach zu profan. Hochbegabung ist ein Thema, das ich selbst aus der Praxis als ziemlich schwierig erfahren habe. Ich habe oft den Eindruck, dass hochbegabte Kinder und Jugendliche sehr deutlich spüren und auch erfahren, dass sie anders sind. Häufig sind sie auch stolz darauf. Andererseits wollen sie natürlich gerne dazugehören und normal sein. Ein Dilemma, das meiner Meinung nach ideal für eine Romanfigur ist.

Expertise – die besondere Eigenschaft und ein paar Schrullen

Romanfiguren leben davon, dass sie herausragende Eigenschaften und hier und da kleinere Macken besitzen. Immerhin musste Patricia ja auch irgendwie zeigen können, dass sie hochbegabt ist. Da kam mir die Idee, sie zu einer Expertin für Psychologie zu machen. Dies lag nahe, da ich mich selbst für Psychologie interessiere. Darüber hinaus empfand ich dieses Interesse und das entsprechende Fachwissen für eine Achtzehnjährige ziemlich ungewöhnlich, was sie für Leser interessant machen könnte.

Außerdem wollte ich, dass Patricia als eine Ermittlern im Roman auftritt. Und als solche braucht sie eine gute Beobachtungsgabe und Menschenkenntnis. Ein ausgeprägtes Psychologie-Wissen bringt diese Fähigkeiten mit sich.

Patricias herausragende Macke ist, dass sie Handys und Computer ablehnt. Ich fand diese Schrulle für einen jungen Menschen sehr außergewöhnlich. Gleichzeitig empfinde ich sie auch als passend für jemanden, der sich mit Psychologie auskennt und weiß, was die modernen Kommunikationsmittel für die eigene, aber auch für zwischenmenschliche Beziehungen auch handfeste Nachteile und Gefahren mit sich bringen.

Und da ich selbst mein Handy und meinen Computer liebe und quasi ständig daran hänge, empfand ich es nicht nur als eine willkommene Herausforderung, Patricia mit dieser Macke zu schreiben, sondern auch als besonders Reizvoll, mal für die Gegenseite zu argumentieren.

Advertisements

19 Gedanken zu “Tödliche Gedanken: Patricia Bloch – Die Entstehung einer Hauptfigur

  1. Hut ab! 😉
    Von einem Mann zu einer Frau umzuschreiben ist bestimmt nicht einfach, aber ich bin mir sicher die Mühe hat sich gelohnt. Mich würde interessieren wieso es mit einer weiblichen Figur besser funktionieren würde, vor allem da ich das Gefühl habe das Buchhelden im allgemeinen eher weiblich sind als männlich. Zumindest in Jugendbüchern und Fantasy. Bei Thrillern finde ich die Geschlechter sehr ausgeglichen. (:

    Toller und sehr hilfreicher Artikel!
    Liebe Grüße, Jasi

    Gefällt mir

    • Freut mich sehr, dass dir der Artikel was gebracht hat, Jani. Um ehrlich zu sein weiß ich so bewusst gar nicht, was den Text mir Patricia als Hauptfigur besser macht. Es liest sich einfach runder. Aber gut, dass du fragst. Ich muss mal drüber nachdenken.

      Gefällt mir

  2. nachdem ich mich nun seit ca drei stunden durch die blogosphäre des marcus johanus geklickt und die beiträge, teaser und informationen aufgesogen habe wie ein schwamm, muss ich ganz laut DANKE sagen! für mich als autoren-rookie, der „buch-stäblich“ noch in den windeln liegt, ist hier wahnsinnig viel hilfreiches und ermutigendes zu finden 🙂 lieber marcus, jetzt hast du mich als leserin an der backe 😉 ich freu mich schon auf neuen input und wünsche noch einen wunderbaren tag! liebe grüße aus wien, barbara

    Gefällt mir

    • Och, ich vermute mal, dass ich damit leben kann, dich als Leserin an der Backe zu haben. 😉

      Schön, dass dir mein Blog gefällt.

      Und schöne Grüße aus Berlin zurück. Es scheinen sich ja einige Österreicher, speziell Wiener, unter meinen Lesern zu befinden. Muss doch mal wieder nach Wien. Die Stadt ist auch einfach zu schön …

      Gefällt mir

  3. Da ich selbst schon sehr lange an einer Geschichte sitze, helfen mir deine Tipps einfach immer unglaublich viel. Durch deine Beiträge habe ich gelernt, wie wichtig es ist, Charakter und Plote genau auszuarbeiten, und durch deinen Witz und den spritzigen Schreibstil wird man nie müde, deine Seite durchzuklicken. Ich denke, es ist an der Zeit, einfach mal „Danke“ zu sagen.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s