Am Ende spielt es keine Rolle, ob man Gärtner oder Architekt ist

AmEndespieltes

George R.R. Martin, der Autor der Fantasy-Saga „A Game of Thrones“, hat einmal Autoren in Gärtner und Architekten eingeteilt. Gemeint sind damit sogenannte Discovery Writer oder Outliner. Während die einen ihre Figuren und Plots sorgfältig planen und das Ende ihres Romans kennen müssen, bevor sie den ersten Entwurf schreiben, arbeiten die anderen munter drauf los.

Oft gewinnt man den Eindruck, es verlaufe zwischen diesen beiden Lagern ein tiefer Graben. Mehr und mehr gelange ich zu der Überzeugung, dass das kompletter Unfug ist und Architekten und Gärtner viel mehr gemeinsam haben, als man vielleicht vermuten könnte.

Neulich las ich ein Interview mit Paul Cleave, einem meiner Lieblingsautoren, anlässlich des Erscheinens seines neuen Romans Trust No One. Aus diesem Interview geht hervor, dass er ein Discovery Writer ist, was mich ziemlich umgehauen hat.

Bisher dachte ich immer, er wäre auch ein Outliner, weil seine Romane einfach einen geplanten und strukturierten Eindruck auf mich machten. Dass das Gegenteil der Fall ist, finde ich schon verblüffend.

Als Cleave weiter über seinen Arbeitsprozess berichtete, wurde mir bewusst, wieso mir nie so richtig aufgefallen ist, dass er ein Discovery Writer ist.

Cleaver spricht zwar davon, dass er das freie Schreiben braucht, um seine Gedanken fließen zu lassen und die Story seines Romans zu erleben, als wäre sie ein innerer Film, von dessen Ende er überrascht werden möchte.

Aber auf der anderen Seite gesteht er ein, dass er viel und konsequent überarbeitet, nachdem der erste Entwurf fertig ist.

Wenn ich es mir recht überlege, ist das nicht sehr viel anders als das, was ich als Outliner mache. Denn Autoren wie Cleave nutzen den ersten Entwurf quasi als exzessives Brainstorming, nur dass sie keine kleinen Blasen auf Papier zeichnen oder Treatments anfertigen, sondern gleich etwas Romanähnliches beginnen.

Der eigentliche Unterschied zwischen einem Discovery Writer und einem Outliner liegt also gar nicht so sehr im Ergebnis, sondern eher in der Arbeitsweise. Beide können schließlich zu relativ strukturierten und stringenten Romanen gelangen.

Outliner wie ich brauchen diese Struktur nur bevor sie mit dem eigentlichen Schreiben beginnen. Discovery Writer wie Paul Cleave müssen dies leisten, nachdem der erste Entwurf fertig ist. Ich vermute ganz stark, dass keine der beiden Herangehensweisen einen arbeitsökonomischen Vorteil bietet.

Wahrscheinlicher ist der Grund dafür, dass man entweder das eine oder das andere ist, eher psychologisch bedingt. Während die Outliner wie ich einfach die Sicherheit brauchen, das Ende der Story zu kennen, bevor sie sich ans eigentliche Schreiben machen, muss der Discovery Writer offensichtlich genau diese Freiheit besitzen, um arbeiten zu können.

Am Ende ist es nur eine Frage, ob man die Strukturen im Voraus oder lieber hinterher festlegt.

Ein schönes Beispiel, wie ich finde, dass Schreiben eine sehr individuelle Tätigkeit ist, bei der jeder seinen eigenen Weg finden muss, um zum Erfolg zu kommen. Das macht für mich die Schönheit der ganzen Sache aus.

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34 Antworten auf “Am Ende spielt es keine Rolle, ob man Gärtner oder Architekt ist”

  1. Hallo Marcus,
    Ich habe es mit einem Projekt auch versucht, als Discovery-Writer zum Ziel zu kommen. Im 4. Kapitel hätte ich die ersten Anpassungen im 2. Kapitel vornehmen müssen, weil ich eine spontane Idee umgesetzt habe. Ich gehe mal davon aus, dass Discovery-Writer auch nur mit Wasser kochen und keine Genies sind und dies ständig unterm Schreiben machen müssen. So gut es eben geht. Für mich ist es keine Art zu schreiben. Ich habe nichts gegen das Überarbeiten, aber das Rohmanuskript sollte ich schreiben können, ohne ständig in andere, bereits geschriebene Kapitel wieder einzugreifen. Mir macht das einfach keinen Spaß.
    LG
    Hanna

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    1. Mir geht es ganz genauso, Hanna. Aber Cleave spricht ja in seinem Interview auch davon, dass er sich die ganze Zeit reihenweise Notizen macht. Wahrscheinlich, um genau solche Änderungen, von denen du sprichst, für die Überarbeitungsphase festzuhalten. Ich kann so auch nicht arbeiten, aber, wie im Artikel gesagt, jeder ist da halt anders.

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      1. Genau, du sagst es mit den Notizen. Man stellt sich den Discovery-Writer so vor, dass er nur mit der Kaffeetasse vor dem Rechner sitzt. Ich glaube, es ist oft eine Mischform. Viele planen die Geschichte auch während des Schreibens. Letztlich ist das dann garnicht so weit von den Planern entfernt. Und was das Ende angeht: Das entsteht ja meist auch nicht als Ergebnis konsequenter Planung. Du bist gedanklich in deiner Story und plötzlich siehst du es vor deinem inneren Auge. Wir planen dann eben daraufhin, der DW schreibt sich dort hin.

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  2. Hallo Marcus,

    sehr schön zusammen gefasst.
    Längere Projekte muss ich einfach planen. Die kann ich nicht während des Schreibprozesses erforschen. Das geht in die Hose, wie mir der NaNoWriMo vor ein paar Jahren gezeigt hat.
    Kurzgeschichten kann ich im „Discovery-Mode“ schreiben, obwohl das bei genauerer Betrachtung vielleicht auch nicht stimmt. Denn bei einer Kurzgeschichte habe ich den Anfang, den Mittelteil und vor allem das Ende immer im Kopf. Und im Grunde ist sie somit auch geplant
    Also: In mir ist das Planen verankert. Anders geht es nicht. Aber jeder muss seinen Weg finden.

    Gruß
    Sascha

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    1. Stimmt, Sascha. Je länger ich über das Thema nachdenke, desto plausibler erscheint mir der Gedanke, dass der grundlegende Unterschied zwischen Oultinern und Discovery Writern darin besteht, dass die einen das Ende kennen müssen, bevor sie anfangen, und die anderen es nicht kennen dürfen, weil sie sonst das Interesse an der Geschichte verlieren.

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  3. Ich bewundere Discovery-Schreiber, die Genre-Romane schreiben. Da gehört viel Erfahrung dazu. Klar kann man in der Überarbeitung bspw. romantische Elemente einbringen. Aber, sagen wir, aus einem Krimi einen Thriller zu machen, das wäre ja ein ganz anderes Buch, oder?
    Ich kenne eine deutsche Autorin die sogenannte E- und (!) U-Literatur schreibt und ihre Erotischen Romane immer vorher durchplant, während sie ihren literarischen Roman beim Schreiben „entdeckt“.

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  4. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es auch vom Stoff abhängt. Wenn sich, sagen wir mal, eine Horrorgeschichte von Stephen King einfach mehr oder weniger geradlinig weiterentwickelt, braucht er nicht viel vorplanen. Wenn ein Jeffery Deaver einen verwinkelten Thriller mit vielen Wendungen schreibt, die hinterher plausibel sein müssen, wird der Überarbeitungsbedarf ohne Plan vermutlich so groß sein, dass eine deutlich längere Schreibzeit erforderlich ist.

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    1. Ich verehre Stephen King für seine Lebensleistung und er hat wirklich in meinen Augen einige sehr, sehr gute Romane geschrieben. Bei vielen, die ich nicht beendet habe, hätte ich mir aber gewünscht, er hätte doch mal ein wenig geplant oder noch mehr Zeit in die Überarbeitung gesteckt.

      Aber du hast schon recht. Je einfacher die Story gestrickt ist und je besser und erfahrener ich als Autor bin, desto weniger Planung brauche ich vielleicht.

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  5. Um die Schreibgemeinde vollends zu verwirren: Ich als Discovery-Writer plane nix, muss aber wenigstens ungefähr das Ende meines Romans kennen, um mich dorthin schreiben zu können. WIE ich dorthin gelange, ist jedes Mal ziemlich spannend. Und ob das geplante Ende dann wirklich das Ende ist, steht auch nicht fest.

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  6. Und dann gibt es Leute wie mich, die genau dazwischen sind. Ich kenne immer das Ende des Romans (und habe es oft auch Monate vorher, wenn nicht Jahre vorher, schon geschrieben), arbeite aber ziemlich discoverymäßig darauf zu.
    Es gibt ein grobes Vorgeplotte einzelner Stationen, weil ich weiß: Da muss ich unbedingt hin.
    Aber es gibt ganz viele Aha-Momente beim Schreiben, bei denen ich denke: „Ah, darum wird es in der Szene, die ich vorgeplant habe, genau so und nicht anders verlaufen.“
    Von daher: Ja, am Ende JEDER Methode kann ein Roman stehen 🙂

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    1. Was nun genau in einer Szene passiert, weiß ich meistens auch nicht. Nur die wichtigsten Entwicklungen für den Plot halte ich im Treatment fertig. So ganz ohne Improvisation zu schreiben wäre selbst für mich als überzeugtem Outliner nichts.

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  7. Bevor ich dank eines anderen Schreib-Blogs vor einigen Monaten erst erfahren hatte, dass ich zu den Discovery-Writern zähle, war ich stets regelrecht frustriert, weil ich es nicht zuwege brachte, anhand einer Idee zuerst ein festes Gerüst zu erstellen und die Protagonisten/innen zu entwickeln, sondern einfach munter drauflos schrieb. Mittlerweile weiß ich, dass ich da nicht alleine bin, sondern einige sehr berühmte Autoren/innen es ebenso halten. 😉

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  8. Ich kann eigentlich gar nicht genau sagen, ob ich Architekt oder Gärtner bin. Ich bin irgendwie beides. Ich versuche zu planen, schreibe mir ein grobes Exposé, bevor ich anfange, manchmal plane ich auch detaillierter, je nachdem, wie komplex der Inhalt ist. Dann schreibe ich drauf los und schmeiße ungefähr die Hälfte der Planung wieder um, bis ich dann doch wieder mehr ungeplant schreibe als geplant. Also, es liegt irgendwo dazwischen. Ich habe aber festgestellt, dass sich detaillierteres Plotten durchaus lohnt. Man läuft nicht so schnell auf Sandbänke auf oder hakt an einer Stelle fest, an der man überhaupt keine Ahnung hat, wie man weiterkommen soll. Ich bin schneller, wenn ich ordentlich geplottet habe. Aber nicht immer habe ich Zeit und Lust dazu. Bin also irgendwie ein Gartenarchitekt oder so. 😉

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  9. Ich habe im Zuge meines ersten echten Schreibprojektes auch die ersten Schreibratgeber gelesen. Und viele davon sind überzeugte Planer. Also hab ich, ganz entgegen meiner früheren Gewohnheiten bei Fanfiction, angefangen zu planen…
    Dabei bin ich aber in so ein abgrundtifes Loch gefallen, weil ich mich zwischen 4 Ideen nicht entscheiden konnte, und versuchte mir nen Plan zu machen, der mir immer mehr offene Enden bescherte – dass ich schließlich 3 Monate gar nix geschrieben habe und auch gar keine große Lust mehr hatte mich dran zu setzen. Klarer Fall von Frust.
    Seit ich mich wieder weitgehend überraschen lasse von dem, was meine Chars so anstellen, läufts wieder besser.
    Ich hab da zwar auch ein grobes Gerüst, aber das ist dehnbar, ausbaubar und alles andere als starr.
    Nicht jedermann´s Ding, aber bei mir funktioniert´s! 😉

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  10. Ich finde, das bringt es sehr präzise auf den Punkt.

    Bei mir ist aus einer Schreibübung eine (ungeplante) Beziehung zwischen zwei Figuren entstanden. Eine der Figuren hat sich in der Szene überraschend entwickelt und mich so fasziniert, daß sie mich nicht mehr losließ. Dann kam eine ganze Geschichte nach. Und jede Menge einzelne Szenen, die an bestimmte Stellen der Geschichte gehören und so oder etwas anders verlaufen oder vielleicht auch wegfallen können.

    Das fließt so heraus, und es ergeben sich dadurch weitere Figuren, Plotideen etc. Die tauchen einfach so auf. Für mich fühlt sich das toll an, und wenn ich es mir hinterher anschaue, kommt es mir vor, als hätte sich die Geschichte auf magische Weise selbst geschrieben. Dabei entsteht schon eine Idee vom gesamten Plotverlauf, aber das ist eben alles nicht so sauber wie mit einer vorgefertigten Struktur. Auf dieselbe Art kam ich auch auf Ideen zum Hintergrund, die ich mir notiere.

    Mittlerweile müßte ich mal langsam in die Ausbesserungsphase eintreten. Da wartet eine Menge Arbeit, gerade auf der Ebene der einzelnen Szenen, aber hie und da auch noch bei der Gesamtstruktur. Vieles muß geändert, angepaßt, zusammengeführt und manches noch aufgefüllt werden. Bin gespannt, wann das Projekt wirklich fertig wird.

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  11. Jeder Jeck ist halt anders und man sollte so arbeiten, wie man sich am wohlsten fühlt.
    Alles andere killt nur die Kreativität.

    Ich z. B. lege Anfang, Mitte, Ende fest und schreibe dann ein sehr detailliertes Outline der einzelnen Szenen in Prosa (Tell don’t Schow).
    Dann erst kann ich die erste Fassung schreiben (Show don’t Tell).
    Ohne das Outline wär ich komplett blockiert.

    Es gilt also: Entdecke Deine Arbeitsweise und alles wird gut.

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  12. Wenn man die Story plant und aufschreibt ist es nichts anderes als „discovery writing“ weil man ja auch nicht weiß wie sich einzelne Stichpunkte entwickeln während man das Konzept ausarbeitet. Und wenn man die Story dann umsetzt kann man ja auch vom Plan abweichen wenn einem was besseres eingefallen ist. Outliner nehmen sich nur mehr Zeit als Discovery Writer

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