Show don’t tell – Pro und Contra

Showdonttell-

Kaum ein Schreibseminar, -buch oder -blog verzichtet darauf, neuen Autoren ans Herz zu legen, dass es besser ist zu zeigen, statt zu erzählen. Es entsteht der Eindruck, Show don’t tell sei ein Axiom des Romanschreibens – was auch entsprechend Widerspruch bei vielen hervorruft. Hier ein paar Gründe, die dafür und dagegen sprechen.

1. Show don’t tell ist anstrenegend

Erzählen liegt uns mehr als zeigen. Wenn wir im Alltag von unserem Zahnarztbesuch, unseren Abenteuern im Straßenverkehr oder von der letzten Geburtstagsparty erzählen, tun wir das auch nicht, indem wir unseren Zuhörern das Geschehen lebendig vor Augen führen.

2. Show don’t tell ist aufregend

Der erste Punkt stimmt nur zum Teil. Ich empfehle, einfach beim nächsten Mal, wenn du eine Alltagsgeschichte erzählt bekommst, aufmerksam zuzuhören oder dich selbst dabei zu beobachten, wenn du erzählst. Oft geschieht es, dass der Erzähler an bestimmten Stellen plötzlich anfängt, das Geschehen tatsächlich zu zeigen.

Diese Stellen sind meistens die spannendsten Punkte der Geschichte. Wenn der Erzähler – auch und gerade wenn er kein Romanautor ist – plötzlich ganz in seiner Geschichte aufgeht, weil er ein bewegendes, emotionales Erlebnis mitteilt, verfällt er oft ins Präsens, benutzt Lautmalerei usw., um das Geschehen zu transportieren.

3. Show don’t tell verbraucht viel Platz

Oft wird Show don’t tell mit langen Beschreibungen verwechselt. Manchmal ist es auch ganz richtig, dass mehr beschrieben werden muss, um dem Leser ein Bild vor Augen zu führen. Aber richtig verstanden verkürzt und verdichtet Show don’t tell das Erzählen eher.

„Er war sehr traurig.“ ist nur unwesentlich kürzer als „Tränen rannen ihm über die Wangen.“

Noch stärker wirkt Show don’t tell, wenn ich einen Text durch Symbole verdichten kann. Überreicht der Ehemann seiner Frau statt einer Rose einen Kaktus, dann kann das in einem entsprechenden Kontext mehr aussagen, als eine lange Erzählung über Eheprobleme.

4. Show don’t tell ist ineffizient

Natürlich ist Show don’t tell ein Mittel unter vielen, die es zu nutzen gilt, um eine spannende Geschichte zu erzählen. Der Grund, wieso es von vielen als so dominant empfunden wird, ist wahrscheinlich der, dass es beginnenden Autoren so häufig eindringlich in Seminaren und Büchern ans Herz gelegt wird.

Oft kommt dann der Widerspruch: „Das ist doch total ineffizient. Wenn mein Held von A nach B reist, ohne dass dies eine Rolle für meine Story spielt, ist ‚tell‘ doch viel einfacher als ‚show‘.“

Stimmt. Und es ist nichts gegen „Ich nahm die U-Bahn, um zum Stadtrand zu fahren.“ einzuwenden.

Show don’t tell ist nicht deswegen eine der obersten Schreibregeln, die Einsteigern immer und immer wieder eingebleut wird, weil sie ein Allheilmittel für schlechte Manuskripte ist, sondern weil sie beginnenden Autoren besonders schwer fällt.

Natürlich gilt es stets, das richtige Mittel für den beabsichtigten Effekt zu wählen. Das macht Show don’t tell aber nicht weniger wichtig oder gar falsch.

5. Show don’t tell eignet sich nicht dazu, Gefühle wiederzugeben

Das stimmt zum Teil. Wie bereits erwähnt, kann es manchmal effizienter sein, ein Gefühl einfach zu erzählen.

Meistens aber habe ich den Eindruck, dass Autoren, die beim Darstellen von Gefühlen lieber erzählen statt zu zeigen, ihren Lesern zu wenig zutrauen.

„Seine Augen starrten ins Leere, während er mit den Fingern über den Knauf seines Spazierstocks strich.“

Dieser Satz transportiert zwar kein konkretes Gefühl. Aber aus dem Kontext heraus kann der Leser eine Ahnung bekommen, welches Gefühl die Figur gerade durchmacht.

Mehr noch: Der Leser muss sich selbst überlegen, was genau die Figur empfindet – eine interpretatorische Leistung, die den Leser stärker in die Geschichte einbindet und in ihm selbst Gefühle wecken kann.

Show ist einfach gerade beim Transportieren von Gefühlen schlichtweg offener, so dass der Leser sich eher mit den Figuren identifizieren kann, denn es ermöglicht ihm, mehr von sich in die Empfindungen einzubringen.

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25 Antworten auf “Show don’t tell – Pro und Contra”

  1. Hallo Marcus,

    schöne Zusammenfassung
    SdT ist anstrengend. Stimmt. Daher als Ergänzung, dass SdT für mich auch ganz klar in die Überarbeitungsphase gehört. Bei einem ersten Entwurf ist es eher hinderlich und hält auf.
    Zu SdT noch ein Videotipp: https://www.youtube.com/watch?v=L2j-3dh2Z90
    Dort wird noch mal ganz gut erklärt, was Show und Tell eigentlich ist und wie es sich unterscheidet.

    Gruß und ein schönes Wochenende
    Sascha

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  2. Wieder mal ein sehr interessanter Artikel. Ich denke auch, dass show don’t tell nach wie vor äußerst wichtig ist, wenn man eine packende Geschichte schreiben möchte. Ich versuche auch, meine Geschichten immer wieder zu hinterfragen, ob man das jetzt nicht auch anders zeigen könnte. Meistens mache ich das erst beim Überarbeiten, weil ich sonst dazu neige, mich festzufrickeln.

    Was ich in diesem Zusammenhang auch mal interessant fände (hier oder bei den Schreibdilettanten), wäre ein Beitrag zum Thema sinnvolles Dosieren von wörtlicher Rede. Wann ist es sinnvoll, Informationen in Form eines Dialog zu transportieren und wann sollte man besser zeigen bzw. erzählen?

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    1. Hallo Dirk,
      ich habe eine Anmerkung zu deiner Dialogfrage. Dialog ist Zeigen. Für ein Gespräch mit wörtlicher Rede begibt man sich in die Szene, er sagte/rief/schrie passiert im Hier und Jetzt der Handlung. „Hat er mal wieder seine besondere Freundlichkeit unter Beweis gestellt?“, fragte sie, zeigt sie, ihn und erläutert einen Bezug zu Dritten. Erklären würde hier bedeuten: ,Sie kannte seine abweisende Art und vermittelte zwischen ihm und den anderen.‘

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    2. Hallo Dirk,
      ich habe eine Anmerkung zu deiner Dialogfrage. Dialog ist Zeigen. Für ein Gespräch mit wörtlicher Rede begibt man sich in die Szene. Er sagte/rief/schrie im Hier und Jetzt der Handlung.
      „Hat er mal wieder seine besondere Freundlichkeit unter Beweis gestellt?“, fragte sie. Das zeigt etwas von ihm, von ihr und erläutert einen Bezug zu Dritten. Das zu erklären bedeutete so etwas wie: ,Sie kannte seine abweisende Art und vermittelte zwischen ihm und den anderen.‘

      Viele Grüße,
      André

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  3. Die Mischung aus Erzählen und Zeigen macht deswegen erst den guten Roman, weil dem Leser dadurch auf einer Metaebene gezeigt wird: „Schau mal her, das hier für ich dir besonders plastisch vor Augen, das ist wichtig!“ Leser sind schließlich nicht blöd. Das ist genau wie bei Figuren. Wenn sie ausführlich mit Namen und Beschreibung eingeführt werden, weiß der Leser, dass sie noch wichtig sind. Beschreibt man jeden Statisten wie die Hauptfigur ist das überspitzt gesagt derselbe Fehler wie show don´t tell.

    Beste Grüße
    Martin

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  4. Das Problem bei Show, don’t tell ist ja, dass es viele Anfänger oft als Grimassenbeschreibung missverstehen. Roman ist kein Film. In Filmen entschlüsselt man differenzierte Mimiken und Gestiken sehr schnell, bei einer Geschichte muss man nachdenken, wenn sie länger andauert, sie funktionieren nicht mehr unmittelbar. Mit Sprache kann man auch anders die Stimmung widerspiegeln, ohne in langatmige Grimassenbeschreibungen zu verfallen.

    Bei Show, don’t tell geht es hauptsächlich um Gefühle, es geht darum, Gefühle zu erzeugen und sie nicht zu beschreiben.

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  5. Danke! Als Anfänger liest man das wirklich überall und ist total verunsichert. Es wird einem oft verkauft, als müsse man ständig alles zeigen und niemals erzählen und dann lieste zu Hause ein Buch und die größten Autoren der Welt erzählen dir Dinge und zeigen sie nicht bis ins kleinste Detail. Das verwirrt dann noch mehr!
    Ein Kreuz ist das, mit den ganzen Tipps 😀

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    1. Das Problem hierbei ist einfach, dass es auf die richtige Mischung ankommt. Erzählen und dann im richtigen Moment zeigen, statt zu erzählen. Die Kunst, die ich auch nicht perfekt beherrsche, liegt darin, zu wissen, wann man erzählen und wann besser zeigen soll.

      Leider gibt es dazu keinen Ratgeber, weil es eben auch sehr von der Geschichte abhängig ist.

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      1. Das ist der Knackpunkt 😉 Und wenn man gerade neu in der Szene ist und viele Ratgeber Seiten und Bücher liest und die sagen dir: „Show“, dann ist das echt verwirrend und kompliziert.
        Deswegen lese ich die Beiträge hier gerne, weil auch mal ein Contra kommt und das alles irgendwie realistischer klingt.

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  6. Hi Marcus,
    Danke für den Beitrag, hat mich wieder daran erinnert, mal mehr das Show zu üben.

    Viele Denken, dass „Show don’t tell“ nur für Romane reserviert ist. Meiner Meinung nach gehört es aber in jeden guten Text. Auch in Blogartikel.

    Wie man dieses Prinzip in Blogs verwenden kann, habe ich hier mal beschrieben: http://www.schreibsuchti.de/2014/10/24/schriftsteller-werden-wie-du-lebhafte-geschichten-erzaehlst/

    Der Knackunkt ist, wie Dirk schon gesagt hat, die Mischung. Ich sage, dass Show-Geschichten wie Diamenten sein sollten. Selten. Das macht sie besonders wertvoll.

    LIebe Grüße,
    Walter

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  7. Hi,

    ist das nicht auch eine Sache der Perspektive?
    Bei „Tell“ erzähl/behaupte ich etwas über den Prota (Er war ein Sadist),
    bei „Show“ erzähl ich etwas von dem Prota (Sobald er eine Fliege an der Wand sah, spürte er den Drang, sie zu zerquetschen).
    Ist „Tell“ somit nicht auktorial und „Show“ Perspektive des Prota?

    Ich erzähl am Liebsten per Wahrnehmungen des Prota. Auktorial erzähl ich nur, um Raum und Zeit zu überbrücken, bei wiederholtem Erzählen eines Geschehens oder wenn etwas den Prota nicht emotional berührt.

    Dialog kommt dabei von alleine.

    Gruß Siegmar

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