Figuren entwickeln: ein Casting für den eigenen Roman veranstalten

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Manchmal kann es schwierig sein, einen Zugang zu den eigenen Figuren zu finden. Vor allem bei Nebenfiguren ist es gelegentlich knifflig, frische Ideen zu entwickeln und sie plastisch vor dem inneren Auge entstehen zu lassen. Deswegen habe ich es mir zur Angewohnheit gemacht, die Rollen in meinen Romanen zu besetzen wie in einem Film.

Die Idee bekam ich, als ich mich näher mit der Fernsehserie LOST beschäftigte. Ich bin ein großer Fan, nicht nur, weil mich die Story packte und die Figuren mich begeisterten, sondern auch, weil ich das Drumherum der Serie sehr spannend fand.

LOST war seinerzeit Spitzenreiter darin, nicht nur wöchentlich auf dem Fernsehschirm zu existieren, sondern auch sich viral im Internet zu verbreiten. Von kleinen Webisodes bis hin zu interaktiven Spielen wurde die Serie geschickt vermarktet.

Hinzu kam, dass der ganze Casting-Prozess transparent in Dokumentationen festgehalten wurde, ebenso wie der Schreibprozess der Serie, was ich als Autor natürlich sehr interessant fand.

Besonders faszinierte mich, dass Casting und Figurenerschaffung bei LOST Hand in Hand gingen. Soll heißen: Figuren wurden für bestimmte Schauspieler umgeschrieben und andere Figuren wurden sogar für Schauspieler erst erschaffen, einfach, weil die Produzenten und Autoren von den jeweiligen Darstellern begeistert waren und sie unbedingt in der Serie dabei haben wollten.

Dieser organische Prozess begeisterte und inspirierte mich. Es machte in meinem Kopf Klick, als ich das sah, und ich beschloss, das bei meinen Romanprojekten ähnlich zu machen.

Seitdem Suche ich für meine Figuren im Internet nach Bildern von Schauspielern, um sie dann mit den Rollen in meinem Roman zu besetzen. Ähnlich wie die LOST-Autoren lasse ich mich da teilweise manchmal zu Figuren inspirieren, bei anderen habe ich sofort einen Darsteller im Kopf.

Konkret surfe ich über die Internet Movie Database und stöbere im Fotoarchiv oder suche mit Google gezielt nach bestimmten Eigenschaften.

Die Vorteile dieses „Romancastings“ sind für mich folgende:

1. Spaß

Sich ein wenig wie ein Filmproduzent zu fühlen verleiht dem Schreiben am Manuskript einen größeren Projektcharakter. Bekannte (oder auch weniger bekannte) Hollywood- und Serienschauspieler zu „casten“ ist eine Art Spiel. Und das Spielerische tut meinem kreativen Prozess gut.

2. Inspiration

Viele Schauspieler haben ein Image, Standardrollen, mit denen sie besetzt werden, oder verbreiten zumindest eine bestimmte Atmosphäre. Unweigerlich hat man Szenen mit ihnen im Kopf, in denen man sie gesehen und liebgewonnen hat. Das kann den Figuren, an denen man gerade schreibt, mehr Tiefe verleihen und auch zum Plot des Romans beitragen.

3. Abwechslung

Das Erschaffen von Figuren ist einer der mühsamsten Prozesse beim Entwickeln eines Romans. Das gilt vor allem für umfangreiche Projekte mit einem großen Figurenensemble. Die Gefahr sich zu wiederholen besteht durchaus. Ein Casting kann hier helfen, jeder Figur ganz individuelle Züge zu verleihen.

4. Tiefgang

Oft benutze ich Schauspieler auch als eine Art Platzhalter. Brauche ich eine Nebenfigur, gebe ich einfach bei google die wesentlichen Merkmale ein, die mir gerade zu ihr einfallen, lasse mir anzeigen, welche Bilder dazu gefunden werden und wähle dann auf die Schnelle ein Bild und denke mir zu ihm ein paar Hintergründe aus.

Auf diese Weise gelange ich recht schnell zu einer Nebenfigur mit relativ viel Tiefe. Bilder sagen einfach mehr als tausend Worte und mit physischen Eigenschaften, die auf einem Bild deutlich werden, verbinde ich schnell auch charakterliche Eigenschaften und Hintergrundinformationen.

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18 Gedanken zu “Figuren entwickeln: ein Casting für den eigenen Roman veranstalten

  1. Interessante Idee.

    Ich warte bisher immer, bis ich die Figur brauche.
    Dann lasse ich sie die gewünschte Handlung ausführen.

    Als nächstes lade ich sie im Geiste zu mir nach Hause ein, oder gehe mit ihr spazieren.
    Ich frage sie, „warum hast Du das gemacht?“
    Rechtfertigt sie sich? Hält sie mir einen weltanschaulichen Vortrag, oder schweigt sie?

    Ich provoziere meine Figur, schmeichele ihr, stelle ihr Fallen, necke sie.
    Wir reden über Gott und die Welt. Sie erzählt mir, was sie am Wochenende gemacht, was sie im Urlaub erlebt hat, was sie von den aktuellen Nachrichten oder dem Fernsehprogramm hält.
    Unangemeldet tauche ich bei meiner Figur zu Hause auf und teile ihr Neuigkeiten über die anderen Figuren mit.
    Bietet Sie mir eine Getränk an? Entschuldigt sie sich für die unaufgeräumte Wohnung? Ist es wirklich unaufgeräumt oder sogar antiseptisch?

    Wie lange dauert es, bis sie locker wird, und ungezwungen mit mir plaudert?
    Wie äußert sich meine Figur über die anderen Personen? Was hält sie von den Menschen, die ich in meinem wirklichen Leben kenne?
    Ich beobachte dabei, wie sich meine Figur bewegt, welche Sprache sie benutzt, wie sie lacht… .
    Irgendwann kennen wir uns so gut, dass sie mehr von sich persönlich preisgibt.
    Prahlt sie mit Heldentaten aus Ihrer Jugend? Ist sie bemüht, alle Ihre Erfolge auf ihr großartiges Team, ihre verständnisvollen Eltern zurückzuführen und ist das ehrlich?
    Vielleicht ist auch alles furchtbar, das Leben ist ein Arschloch, und alle Anderen sind Schuld?

    Wie reagiert dieser Mensch auf die Anekdoten aus meinem wirklichen Leben? Erzähle ich ihm alles, oder halte ich bestimmte Dinge zurück? Wie verhalte ich mich selbst ihm gegenüber?
    Bewundere ich ihn? Schüchtert er mich ein? Geht er mir auf die Nerven? Würde ich ihn gerne zu meinem Geburtstag einladen?
    Manchmal lasse ich auch einen Radio Moderator, Journalisten oder Blogger ein Interview mit meiner Figur führen. Ich kenne sie jetzt schon ziemlich gut, und weiß, welche Tatsachen sie verschweigt oder verdreht und warum.
    Habe ich das Bedürfnis, diesen Menschen aufzumuntern oder möchte ich ihn beeindrucken? Würde ich ihm gerne mein Herz ausschütten? Möchte ihn am liebsten schütteln und ihm sagen, das es Irrsinn ist, wie er sich verhält?
    Vielleicht ist es Irrsinn, aber er kann nicht anders. Er weiß ja auch nicht alles.

    Es wird kommen, wie es kommen muss.
    Wenn ich dieses Gefühl habe, steht die Figur.

    Ich schreibe diese ganzen Sachen nicht auf, mache mir höchstens nach unseren Gesprächen ein paar Notizen.
    Diese Vorgehensweise macht mir großen Spaß.
    Ob sie dazu taugt, einen durchgeplanten Roman zu schreiben?
    Wenn ich zuerst das Handlungsgerüst detailliert festlege und mir dann die passenden Figuren dazu ausdenke, bleibe ich stecken.

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  2. Das ist eine wundervolle Idee. Ich habe auch schon Fotos von bekannten Persönlichkeiten genommen und versucht, diese als Grundlage neuer Figuren zu verwenden. Habe das aber nie intensiviert.

    Wie kann ich mir das vorstellen: „…gebe ich einfach bei google die wesentlichen Merkmale ein.“ So in etwa: „Bösewicht, intelligent, kalt“?

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  3. Nachdem ich irgendwann entdeckt hatte, dass Scrivener es zuläßt, Chars mit Bildern zu verknüpfen, hab ich mit Begeisterung genau das getan: mir im Internet die passenden Bilder gesucht – und es funktioniert! Wenn ich die Person vor Augen habe, hab ich einen viel besseren Zugang zu ihr, sie wird mir vertrauter, und ich seh sie spöttisch grinsen oder betroffen zwinkern oder was auch immer (oh, und die Augenfarbe, die bis dahin heute grün und morgen braun war, ist endlich konstant in einer Farbe! Hurra!)
    Für mein Fantasy Projekt hab ich bisher auf Models aus Prospekten zurückgegriffen, und bei einigen war völlig klar, dass eine vertraute Berühmtheit dahintersteckte. Aber ja klar, Google +Movie Database?
    Flitzt los und googelt sich den passenden „Ashaar“…
    😉

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  4. So ähnlich mache ich das auch. Beim Entwerfen einer meiner Hauptfiguren von „Starlight Sue“ hatte ich die großartige Schauspielerin Judy Dench vor meinem inneren Auge, allerdings um etliche Jährchen jünger. 😉

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  5. Ich hoffe du gehst nicht auch beim Plotten so wie die Lost Macher vor 😀
    The development process had unfolded so quickly, there was very little time to figure out what all the weirdness meant — when I ask Lindelof how much of the mythology they had mapped out at that stage, he says, „During the pilot? None of it, to be honest with you“

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  6. Ich „caste“ meine Figuren auch- was zum Teil daran liegt, das sich ein visueller Mensch bin. Allerdings sind es nicht zwangsweise Schauspieler, die ich dafür nutze. Das habe ich auch schon gemacht- gerade wenn es sich um ein Comicprojekt gehandelt hat. Bei meinem ersten Roman haben verschiedene Faktoren zusammengespielt. Zum einen hatte ich relativ schnell den richtigen Namen gefunden, was mir immer gut hilft. Dieser Name sollte im krassen Gegensatz zur Person meiner relativ jungen Protagonistin stehen. In diesem Fall ein sehr freches, jungenhaftes Mädchen. Optisch inspiriert hat mich eine Kollegin, während der Name des Mädchens auf einer Freundin beruhte. Ihr Stiefvater wurde ebenfalls aus meinem Bekanntenkreis „rekrutiert“,wobei ich hier eigentlich nur den Namen änderte. Bei ihrer Freundin muss ich gestehen, das ich zwar schon eine gute Idee- aber leider nicht den passenden Namen fand. Während ich mich mit wüsten Überlegungen herumschlug, Babynamen Seiten besuchte und mein Hirn zermarterte lief im Radio „Ich und Elaine“ Super!
    Es wurde also eine Elaine.
    In anderen Fällen, entsteht eine Figur manchmal auch beim Schreiben. In meinem aktuellen Projekt „überfallen“ meine Hauptpersonen in ihrer Not eine scheinbar „Hilflose Person“ eine einsame Frau, die allein im Wald wohnt. Genau wie meine Hauptpersonen war ich ziemlich überrascht, als diese Frau viel wichtiger als geplant für die Geschichte wurde.(hier bin ich dann gern entdeckender Schreiber und lass mich darauf ein.)
    Wenn ich ncht gerade ernsthaft auf der suche nach einer Geschichte bin, sehe ich davon ab „einfach so“ Figuren zu generieren, um vielleicht irgendwann darauf zurückzugreifen. Das Problem ist dabei oft, das ich plötzlich jemanden erschaffe, der sich samt seiner kompletten Lebensgeschichte offenbart und nach einer eigenen Geschichte drängt. Lieber überlege ich, was jetzt gut in die Geschichte passt.

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  7. Hat dies auf Patricia Strunk – Fantasyautorin rebloggt und kommentierte:
    Das ist eine interessante Strategie. In Ansätzen praktiziert das, glaube ich, jeder Autor, dass er im Internet oder in Zeitschriften nach Fotos seiner „Darsteller“ sucht, um sich inspirieren zu lassen und eine bessere Vorstellung von ihnen zu bekommen. Aber ich habe noch nie gezielt Figuren „gecastet“, indem ich bei Google die Eigenschaften eingegeben hätte, die sie besitzen sollen. Muss ich unbedingt mal ausprobieren!

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  8. Danke für den Tipp, Marcus! Das werde ich auf jeden Fall mal ausprobieren. Für einige der Hauptfiguren meiner aktuellen Fantasy-Reihe habe ich mich zwar auch von Fotos und Zeichnungen inspirieren lassen, allerdings nicht konsequent nach diesen gesucht. Es waren mehr Zufallsfunde bzw. hatte ich manche Bilder schon vorher gesammelt, weil ich die Charaktere interessant fand, und ich erachtete sie dann später perfekt für meine Geschichte.

    Interviews habe ich mit meinen Hauptcharakteren auch geführt bzw. einen kurzen Lebenslauf verfasst, um sie kennen zu lernen.

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  9. […] Leider ist als Vollzeitmutter einer sehr lebhaften Zweijährigen meine Arbeitszeit extrem begrenzt. Der Arbeit an meinem Projekt kann ich mich eigentlich nur widmen, wenn sie am Abend bereits schläft. Dennoch sammle ich natürlich auch im Laufe des Tages Ideen, die ich mir, wenn möglich, auch beispielsweise mittels entsprechender Tools auf meinem Smartphone notiere. Nun habe ich eine weitere Nebenbeschäftigung entdeckt, auf die ich im Blog des Thrillerautors Marcus Johanus aufmerksam geworden bin: das Charakter-Casting! […]

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  10. […] Vielleicht ist es interessant für Sie, wie ein Romanautor seine Figuren erschafft? In diesem Beitrag hat Marcus Johanus, Thriller-Autor für Jugendliche und Erwachsene, eine kreative Technik zum Entwickeln von Romanfiguren vorgestellt. Mein Kommentar dazu beschreibt eine weitere Technik. https://marcusjohanus.wordpress.com/2015/07/18/figuren-entwickeln-ein-casting-fuer-den-eigenen-roman… […]

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