Woher weiß ich, wann ich aufhören muss, ein Manuskript zu überarbeiten?

Woherweiichwann

Es gibt meiner Überzeugung nach zwei grundlegende Fehler, die man als Autor machen kann: ein Manuskript gar nicht überarbeiten oder es zu viel überarbeiten. Mit dem Editieren zu beginnen, ist relativ leicht. Eigentlich  findet sich immer etwas , das verbessert werden kann. Aber woher weiß ich, wann ein Manuskript fertig ist?

Testleser sind ein zweischneidiges Schwert

Ein guter Weg, herauszufinden, was an einer Geschichte überarbeitungswürdig ist, sind natürlich Testleser. Je aufmerksamer und detailverliebter Testleser jedoch sind (und man will als Autor unbedingt aufmerksame und detailverliebte Testleser), desto mehr offene Wunden werden sie in einem Manuskript finden, die alle „dringend“ überarbeitet werden müssen.

Testleser sind gut, um das Überarbeitungspotenzial eines Manuskriptes herauszuarbeiten. Sie sind nicht unbedingt geeignet dafür, einem Autor klarzumachen, wann es auch mal gut ist mit dem Überarbeiten. Meistens verleiten sie eher dazu, dass man zu viel überarbeitet.

Differenziert entscheiden

Die Lösung kann darin bestehen, möglichst genau auf Anregungen von außen zu hören und sie zu kategorisieren: Betrifft die Kritik ein globales Element des Romans? Soll heißen: Stimmt eine Figur nicht, ist das Ende umplausibel, der Anfang langweilig oder die Perspektive für die Geschichte ungünsitg gewählt? Dann sollte dies mit großer Wahrscheinlichkeit unbedingt überarbeitet werden, bevor das Manuskript einem Verlag oder Agenten angeboten oder im Selbstverlag veröffentlicht wird.

Erstreckt sich die Kritik auf sprachliche Details oder Fragen, die mehr oder weniger vom Geschmack abhängig sind (z.B. „Es gibt zu viele Leichen in der Story“, „Der Roman ist zu blutig/zu wenig blutig.“, „Ich vermisse Details in den Beschreibungen/du beschreibst viel zu viel.“ usw.), sollte man sich sehr, sehr gut überlegen, ob diese Dinge tatsächlich noch überarbeitet werden sollten oder nicht.

Manchmal kann es sinnvoll sein. Manchmal auch nicht. Meistens scheitern Manuskripte an solchen Details allerdings nicht. Leser werden bei so gut wie allen Büchern noch etwas finden, das sie stört. Das lässt sich letztlich kaum verhindern. Und ein Verlagslektor oder auch ein freier Lektor findet ebenfalls noch genug Wunden, in die er seine Finger legen kann.

Deadlines setzen

Deadlines sind ein guter Weg, um der Überarbeitungswut Einhalt zu gebieten. Wenn man Glück hat, gibt es einen Verlag, der einem eine Deadline setzt. Nahezu jeder Autor hasst Deadlines. Die klugen hassen sie, wissen aber, dass sie gut sind.

Habe ich keinen Verlag, der mir im Nacken sitzt, weil ich noch nicht unter Vertrag oder Selfpublisher bin, muss ich mir die Deadlines selbst setzen. Ganz wichtig ist hier, wirklich einen zeitlichen und keinen inhaltlichen Punkt zu fixieren. Eine sinnvolle Deadline ist nicht: „Ich überarbeite noch dieses eine Kapitel, dann höre ich auf.“ sondern „Ich gebe mir bis Ende September Zeit für die Überarbeitung.“

Quantitative Grenzen setzen

Das Problem mit selbst gesetzten Deadlines ist, dass es ja keine Konsequenz gibt, wenn sie überschritten wird (zumindest keine, die ich augenblicklich spüre). Es kann also durchaus sinnvoller sein, sich quantitative Limits zu setzen, wie häufig ein Manuskript überarbeitet wird. Tracy Hickman beispielsweise sagt von sich selbst, dass er nie mehr als drei Überarbeitungen macht. Schaut man auf sein hohes und sehr erfolgreiches Output, scheint das eine gute Idee zu sein.

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35 Antworten auf “Woher weiß ich, wann ich aufhören muss, ein Manuskript zu überarbeiten?”

  1. Einzig der Abgabetermin setzte die Grenze – denn finden kann man immer was. Wenn ich einen alten Text von mir lesen kann, ohne gleich zum Rotstift greifen zu wollen, erst dann ist er wirklich fertig (also fast nie …).

    Aber klar, zu Tode überarbeiten bringt auch nix. Vor allem inhaltlich nicht, irgendwann muss die Geschichte mal stehen.

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  2. Danke Marcus, für einen wieder mal hilfreichen Artikel.

    Als jemand der noch ganz am Anfang steht, sind es gerade solche Dinge, wie das Überarbeiten, bei denen ich nun wirklich noch gar keine Ahnung habe, wie man es am besten angeht. (Ein Artikel über deine Vorhehensweise beim Überarbeiten wäre interessant.)
    Ich weiß gar nicht mehr, wie oft ich meinen Kauderwelsch-Roman editiert habe, bis ich endlich mal ein zufriedenstellendes Ergebnis herausbekommen habe. Liegt wohl auch daran, dass ich von Beginn an keine Ahnung hatte, was ich da überhaupt treibe. Aber wer hat die schon …

    Jedenfalls befindet sich der Spaß gerade in einer Testlese-Phase und ich habe mir vorgenommen, die anschließende Überarbeitung danach zu richten, in welchem Verhältnis die Meinungen zueinander stehen. Stephen King hat mal gesagt, dass es eigentlich nur Sinn macht, zu überarbeiten, wenn eine Mehrheit etwas schlecht findet. Wenn beispielsweise 9 von 10 Lesern einen Charakter schlecht oder zu schwach finden, sollte man da was ändern. Wenn aber 5 den Charakter mögen und 5 nicht, sollte man nicht daran herumdoktorn. Man kann es sowieso nicht allen recht machen. Ich denke, diese Regel ist schon mal ne gute Grundlage, um nicht komplett im Editier-Wahn zu versinken.

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  3. Sehr interessanter Beitrag, vielen Dank. Mir hat mal ein Maler erzaehlt, er koenne manchmal nicht aufhoeren, an einem Bild herumzumalen, weil er sich von dem Modell nicht trennen koenne. Mir ist es gerade so gegangen, auch nach dem zwoelften Ueberarbeitungsgang. (Die Deadline war laengst ueberschritten, „leider“ ist mein Verlag tolerant, und mit der Herstellung draengte es noch nicht.) Irgendwo war mir schon klar, ich tue nichts Sinnvolles mehr, ich koennte sogar Schaden anrichten – aber dem, was du geschrieben hast, zustimmen und es in die Tat umsetzen, sind manchmal zweierlei …

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  4. Interessante Frage.
    Für Tracy Hickman sind drei Überarbeitungen offensichtlich richtig. Für mich auch?
    Ich versuche es bei Sachbuch Kapiteln, Blog Beiträgen, Gast Artikeln und ähnlichen Texten so:

    Nachdem ich in einem Rutsch alles herunter geschrieben habe,
    checke ich den Text hinsichtlich Genre Tauglichkeit und Zielgruppe:
    Eignet sich mein Erguss inhaltlich wirklich als Buchkapitel, oder sollte ich ihn lieber zum Gastartikel, Social Media Post oder einem anderen Format ausarbeiten?

    Gelegentlich bleibt solch ein Text auch einfach im Ordner Entwürfe, weil er zwar einen wichtigen Gedanken ausdrückt, aber noch nicht an der Reihe ist.
    Wenn der Inhalt passt, nehme ich mir meine zum Genre passende handwerkliche Checkliste vor und überprüfe den Text auf:
    Aufbau, Gliederung, Überschriften, Kernaussage, dos und don´ts … .
    Dann schlafe ich darüber.

    Am nächsten Tag muss ich radikal kürzen. Meistens mehrfach.
    Abschweifungen werden weg geworfen oder in dem Entwürfe-Ordner geparkt.
    Wieder schlafen oder eine sehr lange Pause, in der ich etwas ganz anderes mache.

    Danach sind noch einmal die Adjektive und Metaphern dran:
    Punktlandung oder selbstverliebte Angeber Spielerei?
    Zum Schluss prüfe ich noch einmal die Überschriften.

    Ich habe vor, mein erstes Sachbuch live zu schreiben.
    Es geht darum, wie enthusiastische Gastgeber aus der gehobenen Gastronomie hochwertige Dinner Shows und Konzerte als Marketing- und PR Motor einsetzten können.
    Ich werde versuchen, die Leser mit einzubeziehen, und das Buch nach ihren Interessen und Fragen auszurichten.
    Dafür gebe ich den inhaltlichen Rahmen vor und veröffentliche nach und nach die einzelnen Kapitel unter Beirücksichtung der Umfragen Ergebnisse und des bisherigen Feedbacks.

    Deadlines ergeben sich aus dem Rhythmus der Veröffentlichung.
    Das Vorläufige Endergebnis wird vermutlich eine ziemlich umfangreiche, halb geordnete Sammlung von Texten, Checklisten, Links, Whitepapern und Videos sein.
    Diese gilt es, in eine endgültige Form zu bringen und schließlich zu vermarkten.

    Auf diese Weise wird meine Materialsammlung bereits kapitelweise Testleser gehabt haben.
    Ich werde auch wissen, welche Inhalte besonders zur Diskussion angeregt haben.
    Diese kann ich ausbauen und Gegenmeinungen darstellen.

    Mit vielen musikalischen Grüßen aus Bad Driburg,
    Lita Haagen

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  5. Lieber Marcus,

    der Artikel passt für mich gerade sehr gut. Ich habe gerade einen Roman (1.Fassung) von meiner Testleserin zurück. Ich gebe freimütig zu, dass das Urteil nicht gerade positiv ausfiel, aber irgendwie motiviert mich das noch mehr. Sie hat sehr viel angemerkt und Positives nur auf Nachfrage.
    Ich weiß bei den vielen Sachen die sie angemerkt hat gar nicht wo ich anfangen soll. Klar, nicht die Sprache. Aber erst fehlende Szenen oder erst in den alten seltsame Figuren ändern verbessern? Womit fängst du als allererstes an?

    Grüße

    Martin

    P.S. Und was für einen ungefähren Zeitplan hast du (Roman hat momentan rund 500 Seiten müssen aber noch Kapitel eingefügt werden.)

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    1. Ob man mit den Figuren oder dem Plot anfängt, ist so eine Gretchenfrage. Im Endeffekt läuft es wahrscheinlich darauf hinaus, dass du dich fragen musst, ob dein Roman plotbasiert oder figurenorientiert ist. Was steht im Vordergrund? Damit würde ich dann anfangen.

      Zum Zeitplan kann ich so nichts sagen. Ich setzte mir meine immer, wenn ich so ungefähr eine Ahnung habe, was ein sinnvoller Zeitrahmen für die anstehende Arbeit sein könnte. Das weiß ich dann meistens, wenn ich so ca. ein Fünftel der Arbeit geschafft habe.

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  6. Ob ein Roman zu blutig ist oder nicht, Geschmacksache. Ob eine Figur sympathisch ist, Geschmackssache.

    Wann ist ein Buch fertig?
    1. Wenn er für seine Leser unvergeßlich ist.
    2. Wenn die Musik stimmt.

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  7. Hat dies auf Mein Traum vom eigenen Buch rebloggt und kommentierte:
    Marcus Johanus scheint genau zu wissen, an welcher Stelle ich mir gerade im schriftstellerischen Prozess befinde. Denn gerade in den letzten Tagen habe ich ja häufiger erwähnt, dass ich immer noch etwas finde, was ich anders/besser/wieauchimmer machen könnte. Also: woher weiß ich denn jetzt, wann es genug ist mit dem Überarbeiten? Lest selbst!

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  8. Marcus, du hast mal wieder den Kern des Problems erfasst: Wann höre ich mit dem Verbessern endlich auf? Ich bin auch sehr empfänglich für (inzwischen nur noch konstruktive) Kritik.
    Aber mit steigender Erfahrung erkennt man den richtigen Zeitpunkt der Endgültigkeit seines Werkes und kann die Art der Kritik einordnen.
    Bei meiner ersten Trilogie habe ich bestimmt dreimal überarbeitet, die jetzige Coverversion ist das vierte und letzte! Seitdem weiß ich, auf was ich zu achten habe. Die für die Korrekturen Zuständigen und ich sind ein eingespieltes Team und ich hoffe, diese mehrmaligen Überarbeitungen haben sich jetzt endlich erledigt.
    Einmal gebe ich mir aber immer und dann gehen ab jetzt meine Bücher in Druck über meinen Eigenverlag. 🙂

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  9. Mit den Fehlern ist das so eine Sache. Erst recht mit Rechtschreibfehlern in Manuskripten. Ein absichtlicher Fehler nimmt dem Fehler seine Fehlerhaftigkeit. So mag manch einer derartige Fehler als Armutszeugnis ansehen und doch gibt es Situationen, wo Fehler zum Stilmittel werden, in Form einer Mutation:

    http://ichliebemeinentumor.wordpress.com/2015/06/27/ein-armutszeugnis-voller-metaphern/

    Ich gestehe, das ist etwas off-topic, kam mir aber sofort in den Sinn, als ich am Anfang des Artikels von Fehlern las …

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      1. Das macht es natürlich für den Autor leichter, denn durch die Verkündung dieser “fehler“lastigen Absicht, entfällt im Grunde die Fehlersuche seitens des Autors 😉 … praktisch, oder ? Was die Frage aufwirft, was es mit den Mutationen in der Genetik wirklich auf sich hat ? Macht die Natur sich das Leben einfach nur leichter, oder dienen Mutationen einer Absicht, von denen wir nichts wissen können, weil keine derartige Verkündung seitens der Natur vorliegt ? Oder doch ? Krebs genannt …

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        1. Zum Thema „absichtliche Mutationen“ empfehle ich das biologisch wie philosophisch hochinteressante Buch „Das kooperative Gen, Evolution als kreativer Prozess“ von Johannes Bauer, Heyne Verlag, ISBN: 978-3-453-60133-8.

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    1. Jetzt stolpere ich gerade über den Deadline Artikel auch hier drüber. Da kann ich meinen Senf auch dazu abgeben (schmunzel).

      Dem kann ich nur zustimmen. Ich hab es auch schon erlebt, das meine Testleser auch nachträglich noch Änderungen gern gesehen hätten, obwohl die Geschichte schon lange abgesegnet wurde. Auch in einem Autorenteam, wo man sich die Geschichten gegenseitig zuschiebt passiert so etwas. Hier und da muss man dann auch mit den Enttäuschungen fertig werden, die das bei Testlesern auslöst. Auch mir fallen immer wieder Dinge ein, die man noch einarbeiten könnte – aber irgendwann muss einfach schluß und fertig sein. Neue Ideen werden von mir dennoch notiert und für einen (bisher nie geplanten) zweiten Teil genutzt oder für etwas ganz anderes verwendet.

      Und in Sachen Rechtschreibung und allgemein verweise ich gerne auf einen älteren englischsprachigen Artikel von Belinda Polland: Why Grammar dosnt matter

      http://www.smallbluedog.com/why-grammar-doesnt-matter.html

      Im Grunde hat sie sich ähnliche Gedanken gemacht als Professionelle Lektorin. Kurz für nicht englisch sprechende zusammen gefasst: Ihr geht es nicht darum, das Grammatik völlig unwichtig ist. Sondern eher darum das man eine Geschichte mit den kleinsten Kleinigkeiten zu Tode lektorieren und den Autoren den Spaß an ihrer Arbeit versauen.kann. Im Vordergrund die Geschichte und die fertigstellung steht und Fehlerkorrekturen am Ende zum allerletzten Feinschliff werden. und gute Geschichtsideen nicht dem Überlektorat zum Opfer fallen, weil eben die Autoren dadurch die Lust am schreiben verlieren. Auch weil nicht alle Autoren aus den gleichen hoch gebildeten Schichten kommen oder den (hierzulande üblichen) Duden als Bibel, Schreiblebensweise und Religion bis ins kleinste Detail verinnerlicht haben. Gute Ideen erhalten und fördern, statt sie zu tode zu lektorieren ist damit der Kern ihres Artikels, den ich auch hier wieder finde und für absolut richtig halte.

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      1. Da stimme ich dir ebenfalls zu, Klaus. Ich weiß nicht, von wem das Zitat stammt, aber ich finde es gut: „Bücher werden nicht fertig, sie werden veröffentlicht.“ Soll heißen: Die 100% erreicht man ohnehin nicht. Dafür sind solche Projekte zu detailreich. Und es gibt immer Alternativen, die mehr oder weniger gleichwertig sind. Ohne Deadline besteht die Gefahr, dass ewig gebastelt und nie veröffentlicht wird.

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