Wie man eine emotionale Verbindung zum Leser aufbaut

WiemaneineemotionaleDie besten Romane sind jene, die wir nicht aus der Hand legen können, weil wir von Seite zu Seite mit ihren Figuren mitfiebern. Ganz bestimmt gibt es kein Patentrezept, um diesen Effekt bei Lesern zu erreichen. Nicht jeder kann zu allen Geschichten eine emotionale Verbindung aufbauen. Die Bedürfnisse, aus denen zum Buch gegriffen wird, sind zu unterschiedlich. Trotzdem gibt es ein paar Tipps, mit denen man als Autor die Chancen erhöhen kann, eine emotionale Verbindung zum Leser aufzubauen.

1. Plot

Der Plot ist der Pfad, auf dem die Figuren des Romans ihren Weg in die Herzen des Lesers finden. Im Prinzip dient der Plot dazu, die Figuren vor dem inneren Auge des Lesers  lebendig werden zu lassen. Er kann sie in interessanten Situationen erleben und ihre Entwicklungen beobachten.

Für Plots, die den Leser emotional in die Geschichte verwickeln können, ist es wichtig, dass die Wendungen unmittelbar von den Entscheidungen der Hauptfiguren, zu denen der Leser eine Beziehung aufbaut, abhängen.

Wenn die Entscheidungen der Figuren uns als Leser verblüffen und wir mit ihnen mitfiebern, weil sie große, wichtige und/oder bewegende Ereignisse in Gang setzen, tauchen wir emotional in eine Geschichte ein.

Der Plot muss also von den Entscheidungen der Figuren bestimmt werden, damit sie aktiv und gestaltend wirken, denn wir lieben aktive, gestaltende Menschen.

2. Figuren

Der wendungsreichste und dramatischste Plot verpufft, wenn die Leser keine Figuren finden, zu denen sie eine Verbindung aufbauen können. Sympathische Figuren sind schon einmal eine gute Voraussetzung für eine Story, die funktioniert. Aber sympathische Figuren sind wie Fußballer, die wir auf dem Spielfeld anfeuern. Wir mögen sie bewundern, von ihnen unterhalten werden, aber eine echte Beziehung haben wir zu ihnen nicht.

Erst wenn wir eine Figur wirklich verstehen wie unseren besten Freund und mit ihr intime Dinge teilen, die wir nicht einmal uns selbst eingestehen wollen, bauen wir zu ihr eine echte Beziehung auf.

Der Erfolgsfaktor von Stephen Kings Romanen hat viel mit diesem Punkt zu tun. Wir erfahren in seinen Geschichten fast immer traurige, mitleidserregende, schmutzige, perverse und/oder peinliche Details aus dem Leben der Figuren. Und das in der Regel zu einem sehr frühen Zeitpunkt der Geschichte, am besten gleich zu Beginn.

Um diesen Effekt erreichen zu können, ist es notwendig, sich als Autor selbst mit seinen Figuren zu identifizieren. Ich muss alles über sie und ihre intimsten Geheimnisse wissen und selbst eine intensive Beziehung zu ihnen haben, um mit ihnen leiden, erröten und lachen zu können.

3. Zielpublikum

Wie genau man eine emotionale Verbindung zum Leser aufbauen kann, hängt massiv vom Genre und den Erwartungen des Zielpublikums ab. Thriller-Leser wollen in der Regel überraschende Wendungen und ihre Helden in lebensbedrohlichen Situationen erleben. Krimi-Fans mögen meistens kniffelige Rätsel mit verblüffenden Lösungen, die von einem schlauen Außenseiter aufgeklärt werden. Und im Liebesroman möchte der Leser dramatische Beziehungen, rührende Momente und ein Happy End erleben.

Es empfiehlt sich also, sich Gedanken über sein Genre zu machen, besser noch die Zielgruppe oder – noch viel besser – den idealen Leser/die ideale Leserin zu visualisieren.

Manche Autoren haben ihr Genre mit der Muttermilch eingesogen. Fifty Shades of Grey ist meiner Meinung nach unter anderem deswegen so erfolgreich, weil die Romane ursprünglich Fan Fiction waren. Mit anderen Worten – hier schreibt ein Fan für Fans, der schon intuitiv weiß, was sein Zielpublikum möchte. Die emotionale Verbindung ist praktisch vorprogrammiert.

Auch die Wahl einer Hauptfigur hängt massiv von der Zielgruppe ab. Ein Roman, in dem ein pensionierter Journalist einer politischen Verschwörung auf den Grund geht, wird mit großer Wahrscheinlichkeit nur wenige weibliche Teenager ansprechen, dafür aber vielleicht viele Politiklehrer im Ruhestand.

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14 Antworten auf “Wie man eine emotionale Verbindung zum Leser aufbaut”

  1. Ich halte die Figuren für wichtiger.

    Ich glaube, man sollte nicht zu sehr nach der Zielgruppe schielen. Auch bei den Jugendlichen hatte Dr. House zahlreiche Fans, also Menschen können sich auch mit Figuren identifizieren, die nicht das gleiche Geschlecht und Alter haben. Noch ermöglicht das gleiche Geschlecht und Alter nicht gleich Identifikation. Vielleicht ist Zielstrebigkeit viel charismatischer als eine ähnliche Biographie. Und erfolgreiche Bücher haben keine Zielgruppe, sondern Zielgruppen.

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  2. Das ist eine wunderbare Hilfe die ich sicherlich immer mal wieder lesen werde. Es gibt einige Dinge im Leben nicht nur beim Schreiben, die uns sicher bewusst sind und die dennoch, immer mal wieder gehört, uns wieder bewusster wahrgenomnen, auf den rechten Pfad bringen. Viele ihrer Beiträge tun das bei mir. Vielen Dank dafür!

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  3. Danke für den Beitrag! Steht sehr viel Richtiges drin. 🙂 Was ich persönlich noch sehr hilfreich finde ist, dass man sich als Autor mit den eigenen Gefühlen auseinandersetzt. Jeder Mensch ist anders, hat individuelle Begabungen und Stärken (und Schwächen). Nicht jeder kann Krimis schreiben, nicht jeder Liebesromane. … Ich denke also, dass es auch ein guter Ansatz sein könnte, erstmal seine eigene „Gefühlswelt“ zu eruieren, also Erlebnisse in Geschichten zu kleiden, die einen selbst berührt haben.
    Ich finde, dass trägt enorm zur Entwicklung der eigenen Stimme und persönlicher „Vorlieben“, wenn man so will, bei.

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  4. Danke für den Tipp, kleine schmutzige Geheimnisse der Figuren gleich am Anfang zu offenbaren!

    Das konspirative Moment schweißt zusammen.
    Es kann sicher auch geheimnisvoll gestaltet werden, so dass der Leser hofft, den Grund für diese rätselhafte Eigenschaft im weiteren Verlauf der Geschichte zu erfahren.

    Bei vielen heutigen Fernsehkrimis erscheinen mir die persönlichen Probleme der Protagonisten zu konstruiert. Sie sprengen die Logik, weil solche Kommissare im wirklichen Leben nicht diensttauglich wären. Weniger wäre mehr.
    Außerdem treiben diese Probleme oft die Geschichte nicht voran, und sind nur eine unerfreuliche, überflüssige Nebenhandlung.
    Also aufpassen, das der Charakterzug maßgeblichen Einfluss auf die Entwicklung der Handlung hat und plausibel bleibt.

    – – – Zielpublikum bei Romanen:
    die besten Romane werden von jungen Leuten gelesen und im Laufe ihres Lebens immer wieder neu entdeckt. Mit zunehmender Lebenserfahrung findet man weitere Bedeutungsebenen. Für mich als Leser ist es nicht wichtig, welches Alter oder welchen Beruf der Protagonist hat.
    Es ist nicht einmal wichtig, ob die Handlung in einem schmucklosen heutigen Büro, in einem mittelalterlichen Palast oder auf einem fernen Planeten unter vieläugigen Kopffüßlern spielt.
    Die Atmosphäre muss stimmig, und die Handlung in sich logisch sein, das Thema muss als Menschheitsthema mit mir zu tun haben.

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  5. Hi Marcus,

    echt cooler Artikel und ich stimme dir in vielen Punkten zu. Insbesondere denke ich auch, dass aktive gestaltende Charaktere wichtig sind.

    Aber ist dir mal aufgefallen, dass sie oft erst im Laufe der Geschichten aktiv werden? Viele Helden sind am Anfang eher passiv. Harry Potter zu Beispiel, der fängt gerade in den ersten Büchern immer erst dann an zu handeln, wenn er keine Wahl hat. Erst später entscheidet er sich dafür, sein Schicksal aktiv in die Hand zu nehmen. Katniss kann auch erst nicht viel machen, die einzige aktive Entscheidung, die sie getroffen hat, ist sich freiwillig für die Hungerspiele zu melden, damit das Kapitol nicht ihre Schwester abmurkst. Erst später checkt sie überhaupt, was in dieser irren Dystopie eigentlich läuft.

    Ich schätze, da die meisten Helden erst im Laufe der Story an ihren Schwierigkeiten wachsen, werden sie auch erst im Laufe der Gechichte aktiv.

    Außer sie heißen Shinji. Wenn du mal einen wirklich passiven Helden sehen willst, dann guck‘ Neon Genensis Evangelion. ^^

    Yama

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    1. Ja, ist mir aufgefallen. Liegt am Plotschema der Heldenreise. Anfangs verweigert sich demnach häufig der Held dem Ruf zum Abenteuer. Ein ganz menschliche Reaktion, denn niemand verlässt gerne sein gewohntes Umfeld und will die Strapazen einer mythischen Reise auf sich nehmen 😉

      Diese „Passivität“ ist sozusagen ein Trick von Autoren, um den Helden am Anfang der Geschichte dem Leser sympathisch zu machen. Häufig kombinieren wirklich geschickte Autoren diesen Teil des Plots mit Elementen, die z.B. Mitleid beim Leser erzeugen, damit der Leser die Hauptfigur sympathisch findet, obwohl sie passiv ist. Das passiert ja sowohl bei Harry Potter als auch bei den Tributen von Panem. Dort wird es sogar noch gesteigert, indem Katniss sich freiwillig meldet, also sich als selbstlos und aufopferungsbereit zeigt. Sehr heroische Eigenschaften.

      Auch Harry wird in den ersten Passagen zwar als passiv dargestellt, aber auch als kompetent (er hat ja ein verborgenes, besonderes Talent).

      Dieser Abschnitt eines Romans ist immer besonders schwierig, da man aufpassen muss, es als Autor mit der Passivität nicht zu übertreiben. Erscheint die Hauptfigur zu sehr und zu lange als Getriebener, verliert der Leser unter Umständen das Interesse. Lässt man die Phase aus, beseht das Risiko, dass der Leser keine Bindung zur Figur aufbauen kann.

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