Schritt für Schritt zu dynamischeren Beschreibungen

SchrittfrSchrittzuWarum lieben wir Geschichten? Weil sie der beste Weg sind Informationen weiterzutragen. Was macht Geschichten zu einem besseren Informationsmedium als, sagen wir, eine Vorlesung oder ein Fachartikel? Dynamik. Eine Geschichte erlebt der Leser, wird von ihr mitgerissen und in Aufregung versetzt. Die wachgerufenen Emotionen machen Informationen lebendig und prägen sich so besser ein.

Das Problem: Aus der Autorenperspektive neigt jeder schnell zur simplen Informationsübertragung. Es ist bequem und effizient. Die Ideen, Gefühle und Bilder sind im Kopf und wollen schnell raus. Einer Geschichte Dynamik zu verleihen, ist ein anstrengender Weg. Aber wenn ich ihn nicht gehe, verkaufe ich einen Fachartikel im Gewand einer Geschichte und produziere damit eigentlich zwangsläufig einen enttäuschten Leser.

Dialoge und Handlungen sind häufig von sich aus dynamische Teile eines Romans.

Eine Handlung setzt Bewegung voraus. Wir Menschen sind so gemacht, dass Bewegung etwas Interessantes für uns ist.

Dialoge sind häufig ein Ping-Pong-Spiel zwischen zwei oder mehreren Figuren. Auch hier entsteht meistens mehr oder weniger von allein Dynamik.

Beschreibungen hingegen sind schwierig. „Das Haus war alt.“ geht uns leicht von der Feder. Eigentlich ist damit doch alles gesagt, oder?

Ist es nicht. Der Satz ist statisch und abstrakt. Reine Informationsübertragung. Im Leser werden keine Emotionen geweckt, er wird nicht mitgerissen und nicht in die Beschreibung – und damit in die Geschichte – hineingesogen. Show don’t tell ist eine gute Faustregel, um sich vor statischen Beschreibungen zu schützen, aber auch nicht der Weisheit letzter Schluss.

In diesen drei Schritten können Beschreibungen dynamischer gestaltet werden:

1. Schritt: Auf ein oder zwei Sinne konzentrieren

Was sieht/hört/riecht/ertastet/schmeckt meine Perspektivfigur gerade? Im Beispiel oben kann das Haus im Wind knarren, muffig riechen oder eine rissige Holzveranda haben, deren Splitter sich in die Haut der Figur graben, während sie die Stufen nach oben steigt. In der Luft kann ein salziger Geschmack liegen.

Eine Sinneswahrnehmung reicht häufig, zwei können funktionieren, drei sind wahrscheinlich zu viel. Wie bei so ziemlich allem, kann auch hier übertrieben werden.

Aber es wird wahrscheinlich nicht schaden, sich bei jeder Beschreibung einmal zu fragen, was denn die Perspektivfigur außer an visuellen Eindrücken noch wahrnehmen kann.

Der Trick dahinter: Eine Sinneswahrnehmung in eine Beschreibung einzuflechten, weckt beim Leser Assoziationen. Jeder hat sich mal einem Splitter eingefangen oder den salzigen Geschmack der Meeresluft auf der Zunge gehabt. Sofort denke ich dabei an Urlaubserlebnisse oder die alte, muffige Hütte in Omas Garten.

Meine Beschreibung erhält also Bedeutung, weil sie an Erinnerungen des Lesers anknüpft und somit tiefer bei ihm auch im emotionalen Gedächtnis verankert wird. Damit besitzt sie die Chance, nicht nur ein statischer Satz auf einem Blatt Papier zu bleiben, sondern zu einem eigenen kleinen Erlebnis zu werden – auch wenn dies nur im Kopf des Lesers stattfindet.

2. Schritt: Gefühle in den Tank packen

Es fällt dem Leser leichter, emotional an die Beschreibung anzuknüpfen, wenn auch die Perspektivfigur beim Anblick des alten Hauses etwas empfindet. Menschen sind soziale Wesen. Die Gefühle eines anderen zu erfahren, bedeutet, sie zu teilen und mit jemanden in Kontakt zu treten – selbst zu einer fiktiven Figur.

Schnürt sich die Kehle der Hauptfigur beim Anblick des Hauses vor Beklommenheit zu? Dreht sich der Magen beim muffigen Geruch um? Klopft das Herz vor Aufregung bei jedem Schritt schneller, den sich die Hauptfigur dem Haus nähert?

All diese Empfindungen wecken beim Leser eine Erwartungshaltung und deuten die Situation. Gefühle sind der Soundtrack eines Romans.

Auch damit kann erreicht werden, dass die Figur eben nicht nur ein statisches Avatar des Lesers in der Geschichte bleibt, sondern dass der Leser zur Figur wird und die Erfahrungen, die die Hauptfigur in der Geschichte macht, nicht nur teilt, sondern selbst erfährt.

3. Schritt: Mit Vorausahnungen arbeiten

Vorausahnungen machen jede Geschichte spannender. Der Trick bei einer Vorausahnung ist, dass der Leser das Gefühl bekommt, dass bald etwas passieren kann, er aber nicht genau weiß, was genau geschehen wird. Somit wird jede Beschreibung spannender.

Betone ich, dass in den Schatten des Hauses alles Mögliche lauern könnte, erwähne ich, dass die Tür einen kleinen Spalt offen steht oder dass im Zaun des Grundstücks ein großes Loch klafft, gebe ich dem Leser in meiner Beschreibung einen Hinweis darauf, dass in dieser Szene noch etwas geschehen könnte.

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10 Gedanken zu “Schritt für Schritt zu dynamischeren Beschreibungen

  1. Danke für den guten Artikel –
    und einen der besten Sinnsprüche, die ich in letzter Zeit gelesen habe:
    Gefühle sind der Soundtrack eines Romans.
    Allerdings würde ich sogar soweit gehen und behaupten, sie sind der Soundtrack des Lebens. Denn nur aus diesem Grund sind sie auch beim Lesen so wichtig.
    Jedenfalls bin ich der Meinung, diese Aussage ist fast ein Tattoo wert, wenigstens aber einen Kalenderspruch ^_^
    Liebe Grüße,
    Sanne

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  2. Sicherlich wird niemand direkt schreiben, dass das Haus alt ist, aber hin und wieder solche Informationen sind nicht schlecht. Manchmal kann man da Anspielungen verstecken, die auch Hinweise auf die Geschichte geben.

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  3. Marcus, Marcus, Marcus. Du hast gerade die Kurzgeschichte, die ich am Montag abgeben muss nochmal ordentlich auf Vordermann gebracht. Sowas inspiriert einfach nochmal.

    Danke dafür.

    Martin

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  4. Ahhh, jetzt juckts mich gleich in den Fingern und ich flitze zu meinem Roman zurück. Vielen Dank für die Inspiration (ich lasse Leser nämlich auch gern mal im Regen stehen mit ihren Empfindungen, daher werde ich sie ein bisschen an die Hand nehmen 😉 ).
    Schönsten Badetag!

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