Effizient beschreiben

Effizientbeschreiben

Ob ein Roman bis zum Ende gelesen oder vorher aus der Hand gelegt wird, entscheidet sich unter anderem daran, ob es dem Text gelingt, Kopfkino zu erzeugen. Beschreibe ich zu viel, wird die Fantasie des Lesers erstickt. Beschreibe ich zwar wenig, aber die falschen Dinge, kann der Leser sich nicht in die Story hineinversetzen und wird den Roman ebenfalls nicht mehr weiterlesen.

Wie viel ist zu viel?

Klare Richtlinien gibt es nicht. Es ist zu einem guten Teil einfach Geschmacksache, wie detailliert ein Leser gerne Beschreibungen sehen möchte.

Zwei Extreme falle mir hier ein: Die von mir sehr geschätzten Autoren Gregory McDonald und John Scalzi.

McDonald war ein Hardboiled-Krimi-Autor, bekannt mit seinen Fletch-Romanen, der vor allem durch seine pointierten Dialoge glänzte. An Beschreibungen findet man in seinen Roman so gut wie nichts. Er erklärte in einem Interview einmal sinngemäß, dass er es als Autor nicht für seine Aufgabe hält, „innere Bilder“ bei seinen Lesern hervorzurufen, weil der heutige Leser ohnehin schon in der Medienlandschaft mit Bildern so überflutet wird, dass das nicht mehr nötig sei.

Ich habe keine Ahnung, ob John Scalzi sich bei McDonald etwas abgeguckt hat, aber sein Roman Red Shirts verwendet ein ähnliches Prinzip. Red Shirts ist eine Stark-Trek-Parodie. Der Roman spielt zwar in einem anderen Universum mit anderen Figuren etc. Aber im Prinzip weiß jeder Star-Trek-Fan, was gemeint ist.

Auch Scalzis Roman besteht so gut wie nur aus Dialogen und wirklich minimalistischen Beschreibungen dazwischen. Hier funktioniert das ebenfalls  hervorragend, denn wie McDonald meinte, hatte ich beim Lesen automatisch Bilder aus der Star-Trek-Fernsehserie vor dem inneren Auge. Sehr effizient und auch in diesem Beispiel sinnvoll.

Ganz so radikal wie Scalzi oder McDonald muss man natürlich nicht vorgehen. Aber es hilft, wenn man sich beim Beschreiben eines Ortes, von Gegenständen oder Figuren im Roman fragt – kann die Leserin sich das alles auch ohne viele Worte vorstellen? Hat nicht jeder eine Ahnung, wie z.B. eine Schule von innen aussieht? Hat nicht auch jeder automatisch Bilder seiner eigenen Schule, in die er einmal gegangen ist, vor dem inneren Auge, ganz gleich, was ich beschreibe?

Andererseits gibt es Orte, an denen die meisten von uns noch nie waren. Spielt mein Roman auf einer Militärbasis, ist es vielleicht wichtig, detaillierter zu Beschreiben.

Die Antwort auf die Frage ist also weniger eine quantitative als eine qualitative: Kann sich die Leserin die Dinge auch ohne meine Beschreibung vorstellen, reicht vielleicht ein Substantiv aus, um innere Bilder zu wecken. Falls nicht, muss ich ein bisschen mehr als Autor tun – und die Betonung liegt auf ein bisschen.

Alles eine Frage des Details

Die Frage ist also nicht, wie viel kann, darf oder muss ich beschreiben, sondern was genau beschreibe ich denn? Geht meine Hauptfigur in ein Haus, kann ich versuchen, die Architektur, Besonderheiten, Gerüche, Geräusche usw. möglichst detailliert zu beschreiben. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Leser dabei langweilen, ist jedoch groß. Noch größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass viele Details einfach auch wieder vergessen werden.

Effizient ist es an dieser Stelle, sich auf ein besonderes Detail zu konzentrieren. Fällt der Perspektivfigur zum Beispiel beim Betreten eines Hauses ein muffiger Geruch auf, weckt das beim Leser Assoziationen an einen Altbau und nicht an eine High-Tech-Villa. Erwähne ich noch nebenbei, dass eine Tür quietscht, habe ich nicht nur gleich mehrere Sinnbereiche beim Leser angesprochen, sondern auch den zunächst geweckten Eindruck verfestigt.

Stück für Stück setzt sich im Kopf des Lesers ein Puzzle zusammen, das eher aus emotionalen Eindrücken, als aus exakten Beschreibungen besteht. Das führt dazu, dass der Leser die Leerstellen (Welche Farbe hat der Anstrich? Hat das Haus ein Spitz- oder Flachdach … usw.) selbst füllt, zum großen Teil gar nicht bewusst, sondern einfach automatisch, indem er aus seinem Erfahrungsschatz schöpft.

Die Sogwirkung erhöhen mit effizienten Beschreibungen

Der Vorteil bei dieser Vorgehensweise ist, dass die Leserin eher auf einer emtionalen/sentimentalen Ebene aktiviert wird. Sie wird als mündige Leserin eingebunden, die nicht durch viele Details bevormundet, sondern der vertraut wird, dass sie Details selbst beisteuern kann.

Mit dem Schöpfen aus den eigenen Erfahrungen werden auch Gefühle aktiviert, die die emotionale Bindung an den Roman erhöhen. Mit anderen Worten: Das Buch wird schlichtweg spannender, die Sogwirkung wird erhöht.

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13 Gedanken zu “Effizient beschreiben

  1. Bei den Beschreibungen ein gutes Mittelmaß zu finden, fällt mir immer wieder schwer. Als Fantasyautor mache ich mir da immer besonders viele Gedanken, da die Umgebungen/Gebäude/Orte etc. eben keine sind, die man jemals wirklich gesehen hat, sondern wirklich nur im eigenen Kopf existieren. Da ich allerdings Gegner ausschweifender Beschreibungen bin, halte ich mich da oft zu kurz und versuche, die Bilder eher durch Interaktion der Charaktere entstehen zu lassen. Das gelingt mir allerdings auch oft nur so mittelmäßig. Keine leichte Sache.
    Der Tipp, sich auf ein oder zwei bestimmte Details zu konzentrieren, könnte mir da wirklich behilflich sein. Danke dafür.

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  2. Ein sehr informativer Beitrag! Du beschreibst sehr gut, dass gerade die Details, die wir im „normalen“ Leben oft übersehen, für den Text entscheidend sind. Sie regen die Fantasie des Lesers an, der sich dann „Stück für Stück“ sein eigenes Bild macht. Ich bin nicht nur Autorin, sondern auch Filmbeschreiberin, im Team mit blinden Kollegen erstellen wir Audiodeskriptionen für blinde und sehbehinderte Zuschauer. Wir beschreiben in den Dialogpausen die Handlung eines Films. Da wir oft nur wenige Sekunden „Platz“ haben, müssen wir uns auf das Wesentliche konzentrieren. Eine Information pro Satz, mehr geht oft nicht – und es reicht tatsächlich aus. Auch hier gilt, wie so oft im Leben: Weniger ist mehr. 🙂

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  3. Sehr guter Artikel, der mir aus der Seele spricht. Ich gehe meist so vor, dass ich in der Rohfassung einfach nur drauflos schreibe und beim Nacharbeiten dann viele (meist zu viele) Beschreibungen in den Text einbaue. Das soll dazu dienen, den Text authentischer erscheinen zu lassen. Dann merke ich, dass das nicht klappt, weil es ueberladen ist mit zu vielen unnoetigen Zeugs. Und genau dann ist dieser Artikel und die beschriebene Vorgehensweise Gold wert. Vielen Dank!

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    • Der Hinweis fehlt natürlich im Artikel, Gerald, da hast du recht: Die wirklich gute Beschreibung entsteht erst in der Überarbeitung, nicht beim Schreiben des ersten Entwurfs. Da wäre es tödlich, lange nach der gelungenen Formulierung zu suchen. Ich fürchte, was du beschreibst, ist einfach Alltag. Sitze auch ewig beim Überarbeiten an richtigen Beschreibungen und kürze, füge hinzu, kürze wieder usw.

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  4. Ein spannendes Thema, Marcus. Knappe aber gute Beschreibungen sind eine Kunst, denn allgemein viel zu beschreiben mit abgegriffenen Wortkombinationen hilft dem Leser nichts. Häufig kann die Beschreibung des Teelöffels dem Leser schon den ganzen Bankettsaal vor Augen rufen.
    Und natürlich spielt immer das Genre eine Rolle. Gut, Tapetenbeschreibungen wie bei Effi Briest wollen wahrscheinlich die wenigsten lesen, aber Fantasy-Leser stehen jasogar darauf, wenn man ihnen seine Lieblingssorte Pfeifenkraut beschreibt. (Ich konnte es mir nicht verkneifen)

    Liebe Grüße und einen schönen Restsonntag
    Martin

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