Figuren entwickeln mit dem Enneagramm – Ein praktisches Beispiel

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Hier nun der zweite Teil des Gastartikels von Alexanders KuprijanowTeil 1 findest du hier.

Jens Becker, Professor für Drehbuch an der Hochschule für Film und Fernsehen „Konrad Wolf“ Babelsberg, legt ein Werkzeug vor, das Autoren unterstützen soll, sowohl bei Charakteren als auch beim Plot. Sein E-Book „Drehbuch-Tool Enneagramm 2.0“ beschreibt ein universelles Modell, das auf dem Enneagramm basiert.

Mein Ansatz: ich möchte das Enneagramm nun praktisch einsetzen, um einen kleinen Charakterentwurf zu schreiben. Die Figur will sich mit den zahlreichen Ungerechtigkeiten um sie herum nicht länger abfinden und schreitet irgendwann selbst entschlossen zur Tat.

Wen haben wir hier?

Frederick, ein junger Mann aus reichem Hause ist ein Langzeitstudent, der keinen Sinn in seinem bisherigen Leben erkennen kann. Sein vielbeschäftigter Vater leitet einen international agierenden Konzern, den sein älterer Bruder als Rechtsanwalt vertritt. Seine Lebenszeit schlägt Frederick tot mit Lesen, Fernsehen, Filmen, Internet und Videospielen. Er ist ständig dem Kontrast ausgesetzt zwischen dem Reichtum seiner Familie und den alltäglichen Missständen in der Großstadt.

Mehr über Frederick weiß ich im Moment nicht und ich will mir ansehen, was das Enneagramm an neuen Einsichten liefern kann.

Was sagt das Enneagramm?

Als Urtyp bietet sich hier die Fünf an – Beobachter, Denker, Geizige. Fünfen sind die klassischen, etwas weltfremden Wissenschaftler. Sie sind zurückhaltend, offen für neue Einsichten und wägen Vor-und Nachteile genau ab, bevor sie etwas tun. Fünfen vermeiden, dass Aufmerksamkeit auf sie fällt. Sie übernehmen nur sehr selten die Initiative und ihre Zurückgezogenheit kann mitunter zum Nihilismus führen.

Insgeheim haben Fünfen Angst davor, ein sinnloses oder hilfloses Dasein zu fristen. Keinesfalls wollen sie zulassen, dass ihre Fähigkeiten ungenutzt verfallen. Sie sind Denker, die in der Lage sind, das große Gesamtbild zu überblicken und es präzise zu analysieren. Fünfen lassen sich schwer auf Bindungen ein, da sie so aus ihrer vermeintlich sicheren Ursprungsposition herausgelockt werden könnten.

Das passt im Grunde ziemlich gut zu dem, was Frederick bislang verkörpert:

Zwischen seinem Vater und seinem Bruder will Frederick nicht weiter auffallen – sie haben ohnehin den Glauben an ihn komplett aufgegeben und sehen in ihm einen Tunichtgut, der sein Leben vertrödelt. Deshalb geht Frederick lieber seinen bevorzugten Beschäftigungen nach, anstatt gegen den bisherigen Kurs anzurudern. Der Grund ist simpel: daheim lebt es sich im Hotel Papa viel bequemer. Anderenfalls müsste sich man sich ja der kalten Welt stellen und sich alleine durchschlagen. Richtig gute Freunde hat Frederick nicht.

Wie kann Frederick sich im Verlaufe meiner Geschichte entwickeln?

Fünfen reifen, indem sie Engagement und aktives Handeln lernen und sich in der Begegnung mit anderen öffnen und ihre geistigen und materiellen Besitztümer teilen. Mit zunehmender Reife lösen sie sich von ihrem isolierten und depressiven Posten. Sie analysieren ihre Lage und nutzen ihr Wissen und ihren Glauben in ihre Fähigkeiten, um an Stärke zu gewinnen. Erhalten die Fünfen Anerkennung für ihre Taten, können sie sich die Stärke der Acht, die kämpferische Aktivität zu eigen machen.

Frederick erkennt, dass die Passivität ihn auf Dauer nicht zufriedenstellen kann. Die Beobachtungen aus seiner sicheren Schneckenhaus-Position heraus stoßen ihm irgendwann sauer auf. Die Kluft zwischen seinem theoretischen Wissen, seinem Anstandsgefühl und den Vorfällen, in die er verwickelt wird, gerät so groß, dass er zu handeln beginnt. Damit lehnt er sich gegen seine Familie auf, sichert sich aber gleichzeitig den Respekt derer, denen er geholfen hat.

Wie schaut es aus mit Fredericks weiteren, potentiellen Eigenschaften?

Die Fünf liegt zwischen der individualistischen, künstlerischen und phantasiereichen Vier und der verlässlichen, loyalen, ängstlich-zaudernden Sechs.

Um seiner neuen Aktivität Ausdruck zu verleihen, sucht Frederick sich nach und nach Gleichgesinnte, von denen er sich Unterstützung erhofft. In der entstehenden Gruppe ordnet er sich zunächst unter, um den anderen zu helfen und sie zu unterstützen. Noch weiß er nicht recht, wie es dort für ihn weitergehen wird, aber er setzt sich zum Wohl des gemeinsamen Zwecks ein – Widerstand gegen Ungerechtigkeit. Dabei bringt Frederick etliche unorthodoxe, kreative und gewinnbringende Ideen ein, von denen die gesamte Gruppe profitiert.

Was hältst du von dem Enneagramm als Behelfstool? Welche Figuren könnte man damit entwickeln?

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3 Gedanken zu “Figuren entwickeln mit dem Enneagramm – Ein praktisches Beispiel

  1. Ich hoffe, das ist nur als Beispiel für uns, um es zu verstehen.
    So plakativ würde mich die Figur, wenn es in dem Text zum Ausgleich nichts anderes Interessantes gäbe, eher stören.

    Gefällt mir

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