Lernpsychologie für Autoren

LernpsychologiefrAutorenSchreibgruppen, Seminare u.ä. helfen beim Lernprozess eines Autors. Trotzdem ist man mehr noch als in vielen anderen Tätigkeiten beim Roman schreiben auf eigenverantwortliches Lernen angewiesen: Es gilt, permanent den eigenen Schreibprozess zu reflektieren, zu hinterfragen und zu justieren, Schwachstellen selbst zu erkennen und dafür zu sorgen, dass man besser wird, wenn man Autor werden will.

Ein paar Kenntnisse darüber, wie Lernen funktioniert, haben mir dabei geholfen, diesen Prozess zu optimieren:

1. „Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen.“

Eine abgedroschene Floskel – mag sein. Aber sie bewahrheitet sich beim Lernen doch immer wieder. Lernen kostet Zeit. Viel Zeit. Die sollte man sich selbst lassen. Es gibt keine Abkürzungen und keine leichten Wege. Das zu wissen, kann beruhigen.

Das Lerntempo ist auch bei jedem unterschiedlich und hat wenig mit Talent oder Intelligenz zu tun, sondern einfach mit unterschiedlichen Lerntypen, Erfahrungen usw. Sich selbst zu kennen und sich selbst Zeit zu lassen ist meiner Meinung nach der Schlüssel zum Lernerfolg.

Wo die Geduld häufig auf die Probe gestellt wird: Rückschläge. Es gibt keinen Lernerfolg ohne Misserfolg. Die meisten Lernprozesse gestalten sich nach dem Zwei-Schritte-Vor-Ein-Schritt-Zurück-Prinzip. Sich selbst Fehler zu verzeihen, ohne dabei den kritischen Blick für die eigenen Stärken und Schwächen zu verlieren ist deswegen unerlässlich für den Lernprozess.

2. „Müßiggang ist nicht immer aller Laster Anfang.“

Für viele ist Lernen vor allem Input. Dabei erfolgt die eigentliche Informationsverarbeitung in den Pausen. Schlaf ist dabei ein wichtiger Faktor.

Leider leben wir in einem Umfeld, in dem Menschen, die viel schlafen und gerne Pausen machen als faul bezeichnet werden, weswegen man sich Pausen stets nur mit einem schlechten Gewissen gönnt, wenn überhaupt. Eigentlich ist das aber verkehrt, denn das Hirn braucht Zeit (s. 1.), um Neues auch zu verarbeiten.

So wichtig es also ist, Pausen zu machen, genauso wichtig ist es allerdings auch, damit wieder aufzuhören. Ewiger Müßiggang führt genauso wenig zum Lernerfolg wie pausenloses Input. Der Clou: Es gibt keine allgemein gültige Regel, wie ein gutes Gleichgewicht zwischen Input und Pausen aussieht. Jeder Mensch ist anders und es gilt in einem ehrlichen und langfristigen (s. wiederum 1.) Prozess herauszufinden, was ein gutes Verhältnis zwischen Lernen und Pausieren ist.

3. „Abwechslung ist das halbe Leben.“

Entscheidend für den Lernerfolg ist auch, wie Pausen gestaltet werden. Während der eine den Waldspaziergang braucht, zockt der nächste ein Ballerspiel, wieder andere lauschen einer Oper und ganz andere Leute können beim Shopping entspannen.

Ich persönlich mag es, mich in Stille und Einsamkeit zu regenerieren. Am liebsten verbunden mit körperlicher Aktivität. Fahrrad fahren oder Laufen sind für mich ideal, um abzuschalten und Gelerntes zu reflektieren oder einfach nur, um das Hirn in den Leerlauf zu schicken. Aber wie gesagt, hier ist jeder anders und Experimentieren lohn sich.

Es empfiehlt sich jedoch, eine zum Schreiben eher unterschiedliche Tätigkeit zu suchen, damit die Teile des Gehirns, die dafür zuständig sind, einfach mal abschalten können.

4. „Übung macht den Meister.“

Das Gehirn bewertet nicht, ob etwas gut oder schlecht ist. Es unterstützt einfach Dinge, die häufig getan werden und versucht das zu vertiefen. So entstehen Süchte und deswegen ist es so schwierig, unerwünschtes Verhalten abzustellen und neue Aktivitäten zu beginnen. Jeder, der sich am Neujahrstag vorgenommen hat, im kommenden Jahr mehr Sport zu treiben, kann ein Lied davon singen.

Um etwas zu verinnerlichen und z.B. mehr Zeit zum Schreiben zu haben oder bestimmte Dinge beim Schreiben zu verbessern, darf nicht lange darüber reflektieren, sondern muss einfach damit beginnen – am besten in kleinen Einheiten, die dann maßvoll aber stetig erweitert werden.

Also nicht: „Von heute an schreibe ich zwei Stunden täglich.“, sondern: „Jetzt setze ich mich mal für fünf Minuten hin. Vielleicht werden nächste Woche zehn daraus.“ usw.

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6 Antworten auf “Lernpsychologie für Autoren”

  1. Die klassische Rechtfertigung für die Pause ist immer wieder Archimedes in der Badewanne. Hätte er sich nicht diese sinnliche Pause gegönnt und statt dessen weiter über Kronen gegrübelt, wäre auch seine Entwicklung nicht weitergekommen. Ich stelle auch gerne mein Gehirn zwischenrein auf „idle speed“. Aber wenn man heute der Siesta anhängt, muss man das „polyphasic sleep“ taufen. Dann darf man 🙂

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  2. Schöne Hinweise, die man nicht nur aufs Schreiben beziehen kann. 1 und 4 sind meiner Meinung nach nicht identisch. Bei 1 geht es darum, mit Rückschlägen umzugehen, während es bei 4 um kontinuierliche Übung geht. In Schreibpausen find ich es vor allem wichtig, auch die Gedanken wirklich mal abzuschalten, denn gerade bei uns Schriftstellern kreisen die ja sonst doch immer nur ums gleiche Thema 😉
    Danke für den Artikel!

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