Das Problem der sprechenden Köpfe

DasProblemdersprechenden

Dialoge kann es meiner Meinung nach in einem Roman ja eigentlich nicht genug geben. Trotzdem gibt es eine Falle, in die ich tappen kann, wenn ich als Autor gerne Dialoge schreibe. Dieses Problem hat der Großmeister der Spannung, Alfred Hitchcock, „Photographing Talking Heads“ genannt.

Verwende ich über längere Strecken ausschließlich Dialoge, kommt es zum Phänomen der „Sprechenden Köpfe“. Wie Ping-Pong-Bälle werfen sich die Figuren ihre Dialogzeilen zu. Was eigentlich ein spannender Austausch sein sollte, kann zu einem langweiligen Hin und Her werden.

Der Leser bekommt den Eindruck, dass die Figuren nicht lebendig sind und wird damit aus der Szene ausgesperrt, statt in sie hineingezogen zu werden.

Hitchcocks Rezept gegen die sprechenden Köpfe hilft auch beim Schreiben von Romanen: Bewegung.

Alfred Hitchcock war deswegen ein Meister der Spannung, weil er es verstand, die Emotionen der Zuschauer zu wecken. Und er tat dies unter anderem durch Bewegung. Statt wie andere Regisseure einfach die sprechenden Köpfe der Schauspieler im Wechsel ins Bild zu schneiden, überlegte er sich interessantere Alternativen.

Diese Mittel bestehen in originellen Kameraperspektiven, einer sich bewegenden Kamera, spannenden Dingen, die im Hintergrund einer Szene geschehen, originellen Orten, an denen ein Dialog stattfindet usw. Manchmal – und in solchen Dingen zeigt sich ein Meister – macht er auch das Gegenteil und lässt die Kamera nur auf einem Sprecher, um dessen Gesicht und dessen Regungen im Detail zu zeigen und lässt die anderen Dialogpartner im Hintergrund.

Auch als Autor kann ich mich dieser und ähnlicher Tricks bedienen, um spannender zu schreiben und Dialoge nicht zu einem Abschnitt mit sprechenden Köpfen verkommen zu lassen. Im Roman kann ich Bewegung nutzen, um die emotionale Bindung des Lesers ans Geschehen zu intensivieren. Und ich muss nicht einmal viel dafür tun.

Ein gutes, häufig aber ungenutztes Mittel, um Bewegung zu erzeugen, sind Redebegleitsätze.

Ich kann sie nicht nur dafür verwenden, um deutlich zu machen, wer gerade spricht, sondern auch, wie die Figur spricht, wer sie ist, was sie tut, welche Angewohnheiten sie hat usw. Somit sind Redebegleitsätze ein kleines, aber raffiniertes Mittel, das ich gut dosiert einsetzen kann, um im Handumdrehen das Problem der sprechenden Köpfe zu lösen.

Figuren können:

  • das Kinn recken oder senken, auf die Brust drücken
  • den Kopf in den Nacken legen
  • die Brille auf der Nase zurechtrücken, aufsetzen, absetzen, auf die Stirn oder ins Haar schieben,
  • sich die Nase reiben, schnauben, kratzen, kräuseln,
  • den Schweiß von der Stirn tupfen, wischen, reiben, abschütteln,
  • mit dem Bart spielen, an ihm zupfen oder kratzen,
  • usw.

All das und noch viel, viel mehr kann ich in wenigen Worten in einem Redebegleitsatz unterbringen und somit nicht nur bewegter erzählen, sondern auch Figuren dreidimensionaler erscheinen lassen und den Leser somit emotional stärker in die Geschichte ziehen.

Damit dies auch wirklich gelingt, muss ich jedoch darauf achten, eine Balance zwischen dem Bekannten und dem Originellen zu wahren. Einerseits dürfen – und müssen teilweise – manche dieser Redebegleisätze sich wiederholen (um beispielsweise Gewohnheiten einer Figur zu zeigen und sie somit zu charakterisieren). Andererseits wirken zu viele Wiederholungen wiederum ermüdend für den Leser.

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29 Antworten auf “Das Problem der sprechenden Köpfe”

  1. Wie bei vielen Aspekten des Schreibens ist es auch hier eine Gratwanderung, die richtige Dosis zu finden.
    Ich liebe diese Redebegleitsätze und versuche immer, längere Dialogpassagen mit ihnen aufzulockern.
    Sie sind, wohl dosiert eingesetzt, ein tolles Mittel, um unter anderem auch das Innenleben der Figuren zu zeigen. Wie reagiert eine Person auf eine bestimmte Nachricht, wirkt sie nervös, souverän, belustigt?
    Wie du bereits geschrieben hast, kann man mit ihnen die Figuren prima charakterisieren und ihre Macken und Eigenarten zeigen.

    Liebe Grüße und ein schönes Wochenende
    Karina

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    1. Die Dosis ist wie immer der entscheidende Faktor. Allerdings muss ich gestehen, dass ich neulich einen Roman las – ein Bestseller, ich sag aber nicht, welcher -, in dem es zu einer extremen Häufung von Redebegleitsätzen kam. Zunächst dachte ich mir: Iiiieeeeeh. Kann man doch nicht machen. Am Ende hat es mir gefallen.

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  2. Talking head stören bei Comics und Filme (Hitchcock hat Filme gemacht.) deutlich mehr als in der Literatur, da kann man sich schon mal längere Dialogpassagen erlauben, ohne das sich schlecht liest. Hauptsache, die Dialog hat eine eigene, unverwechselbare Dynamik. Manchmal kann da auch: Er zupfte am Bart – stören.
    Bewegung entsteht durch in der Literatur durch Worte, durch die Veränderung der Wort- und Satzlängen, durch verschiedene Sprachebenen und möglichst unterschiedliche Ziele.

    Ansonsten, immer daran denken, dass die Figuren nicht im luftleeren Raum schweben, aber man kann so etwas auch in Dialogen verdeutlichen.

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    1. Ich denke Marcus meinte das mit der Bewegung wörtlich, nicht auf einer Metaebene. Insofern kann ich sie nur bedingt durch Länge der Sätze, Abschnitte etc. „sichtbar“ machen.

      Ich finde zu lange Dialogpassagen lästig. Irgendwann weiss ich dann nicht mehr, wer gerade spricht. Und das haut mich dann viel mehr raus als eine von der gekräuselten Nase auf die Stirn, von der der Schweiss tropft, geschobene Brille. 😉 mein absolutes Antibuch, bei dem ich mich durch die Dialoge kämpfen musste war, ich traue es mich hier kaum zu sagen, „Solaris“ von Herrn Lem.

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      1. Solaris scheint ja ein echtes Trauma bei dir bewirkt zu haben. 😉 Tut mir leid, dass ich dir den Roman empfohlen habe, Marc. Aber es stimmt schon. Lem würde ich nicht unbedingt wegen seiner Dialoge lesen.

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        1. Immerhin habe ich einen Klassiker gelesen. Und ich bin auch noch dabei zu lernen was an einem Buch „gut“ ist. Bestimmt ist Solaris ein Interessantes Buch, aber ich konnte einfach nicht den einen Teil lesen und den anderen (Dialoge) ignorieren. Es ist ähnlich wie mit dem Schluss: 500 Seiten tolle Sci-Fi und auf den letzten 5 Seiten wird alles in die Tonne getreten, vom Autor. Nein, ich rede nicht von Lem, keine Angst. Ist da nun das Buch gut und nur der Schluss schlecht? Für mich nicht. Schluss schlecht, Buch schlecht.

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          1. So etwas wie „gute“ oder „schlechte“ Bücher gibt es meines Erachtens nicht. Manche Romane gefallen mir, andere eben nicht. Mann muss das auch nicht immer tierschürfend begründen. Als Autor sollte man natürlich analysieren können, was man an einem Buch gelungen findet oder nicht. Als Leser finde ich: Erlaubt ist, was gefällt.

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      2. Romane sind keine Filme, bei Filmen ist Bewegung wichtig, der Film kann sie abbilden, denn er arbeitet mit bewegten Bildern, Bücher arbeiten mit Buchstaben, Wörtern und Sätzen.

        Wenn du nicht mehr weiß, wer wer ist, kann es auch am Dialog liegen.

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    2. Wie bereits gesagt, ich habe beides gelesen und beides hat mir auch schon gefallen. Gregory McDonald beispielsweise verzichtet über weite Passagen auf Redebegleitsätze. Lese ich trotzdem gerne, weil er’s drauf hat, dass das eben nicht langweilig oder schal wird. Umgekehrt las ich halt neulich einen Roman mit einer extremen Häufung von Redebegleitsätzen – und der war auch cool. So ganz genau weiß ich noch nicht, woran es liegt, dass mir das mal gefällt und mal nicht. Ich denke, es hängt viel von der Qualität der Dialoge ab, wie du schon sagst.

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  3. Auch Redebegleitsätze (auch Inquitformeln genannt) sind mit Vorsicht zu genießen. Nicht nur im Sinne der Häufung, auch im Sinne einer spürbar gewollten (und damit aufgesetzten) Auflockerung des Dialogs. Wichtigstes Mittel dazu ist aber der Dialog selbst.

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  4. Ich denke, ein weiterer wichtiger Punkt ist, nicht nur die Charaktere und ihre Bewegungen in Inquits zu packen, denn das wird – wie du selbst sagst – irgendwann repetitiv.
    – Die Charaktere sitzen/stehen nur da und bewegen ausschließlich den Kopf oder fummeln an ihren Kleidern rum, sondern lehnen sich an der Wand an, laufen rum, hantieren mit ihrem Besteck, spielen mit dem Buch, das sie gelesen haben, ehe sie von einem anderen Charakter unterbrochen wurden etc. So kann man auch indirekt Gefühlszustände beschreiben, weil man je nach Stimmung anders mit seiner Umwelt interagiert, und die Szene ist an einem Ort verankert.
    – Die Umgebung ist immer noch da und ‚tut‘ auch Dinge. Kaffee wird kalt, Vögel fliegen vorbei, Autos hupen, Regen fängt an oder hört auf, wird stärker oder schwächer, Wolken lösen sich auf, Licht ändert die Farbe etc. Damit verankert man die Szene ebenfalls an einem Ort, erzeugt Stimmung und/oder zeigt das Vergehen von Zeit in einer sinnlicheren Weise als ‚… eine halbe Stunde später…‘.

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  5. Ich denke, die Wahl des Dialogstils und ob der Autor Begleitsätze verwenden sollte oder nicht, hängt vor allem vom Dialog ab. Bei einem ernsten aber noch sachlichen Gespräch in einer Gruppe finde ich das Erwähnen der Körpersprache sehr wichtig, um die Szene lebendig zu machen. Ein hitziger Streit schreit hingegen genau nach dem bemängelten Ping-Pong-Dialog.

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  6. Mit den schönen Sätzen habe ich irgendwann automatisch angefangen, weil ich bei Dialogen schnell den Überblick verliere und die Menge an Ein-/Ausleitewörter begrenzt ist 🙂

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  7. Diese Dialogunterbrecher sind ein ungemein spannendes Thema. Das geht in dieses klassische ¨Show me, don`t tell¨ Problem hinein, nicht?

    Ich habe mit der Zeit herausgefunden, dass ich mir die Szene im Kopf nicht genau genug überlegt habe, wenn ich mir die Handlung dazwischen aus den Fingern zuzeln muss.
    Denn wenn mein inneres Auge genau sieht, was vor sich geht, während zwei Menschen Informationen austauschen, habe ich auch keine Mühe, dem Publikum zu beschreiben, was während des Gesprächs so vor sich geht.
    Oder ich bin mir über die Emotionen der handelnden Figuren nicht im klaren und sehe deshalb selber nicht, wie sich z.B. Heinrich ärgerlich über den Tisch beugt, weil er sich über Gretel unbändig ärgert. Wie sie entsetzt zurück weicht. Oder sich erbost ebenfalls vorbeugt und mit ihrer Stirn an seine knallt. Oder wie sie nervös aufspringt usw.

    Was mich beim Lesen besonders nervt, sind Erklärsätze, die keiner braucht. Wenn zwei debattieren und nach jedem Satz genau erklärt wird, wer jetzt was sagt. – Ja! Ich habs kapiert, Max und Edeltraut sitzen im Auto und reden miteinander.
    Terry Pratchett meint es oft zu gut mit uns. Ca. fünzig ¨… ließ sich Nobby vernehmen¨ könnte man pro Buch sicher mindestens streichen.
    Natürlich ist genauso unangenehm, wenn man eine halbe Seite lang seit der letzten Orientierungshilfe durchzählen muss: A-B-A-B-A-B
    Die Wahrheit liegt wohl in der Mitte.

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  8. Auch Sätze, die sagen, in welcher Gemütsverfassung jemand antwortet, sind noch verbesserungswürdig.
    Wenn die Stimmung nicht durch die Antwort selbst klar wird, kann man sie zeigen.
    Jemand, der bei Tisch während eines Gespräches nervös wird, malt vielleicht mit dem Fingernagel geometrische Muster in die Tischdecke, oder knetet das Weißbrot zu Würfeln.
    Er benutzt Floskeln, weil ihm die Argumente ausgehen. Er beschuldigt, um sich zu rechtfertigen.
    Die Stimme ist hoch und die Rede schnell.

    Der Andere versucht, seine aufsteigende Wut zu beherrschen und presst beide Hände flach auf den Tisch während er tief ein- und ausatmet. Seine Rede wird immer langsamer, leiser, knapper und eisiger. Er wird bis zur Regungslosigkeit einfrieren.
    Wenn er dann plötzlich aufspringt und explodiert, schießt es in donnerndem Stakkato aus ihm heraus. Der Stuhl schrammt jaulend über die Fliesen und kracht ins Buffet. Mit einem Schlag verwandelt sich alles in Tumult und Bewegung.

    Und der Erste? Überflüssig zu erwähnen, das er entsetzt ist.
    Er weicht zurück? Wie?
    Wie eine sprungbereite Raubkatze? Ein winselnder, geschlagener Hund? Wie ein verbranntes Haar, das sich stinkend zusammen kräuselt?

    Jetzt herrscht Stille.
    Auch das muss man nicht sagen. Ein verblasster Mercedes, der sich hustend und knirschend den Schotterweg herauf kämpft und hinter der verdorrten Buchenhecke des alten Freibades verschwindet, vermittelt trostlose Ruhe und ziellose Weite wobei er an bessere Zeiten gemahnt.

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