Das perfekte Kapitel

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Jedes Kapitel besitzt einen Spannungsbogen, denn es bildet eine kleine Teilgeschichte in der Gesamthandlung eines Romans. Ein Kapitel hat also, wie auch der ganze Plot, einen Anfang, einen Mittelteil und ein Ende.

Nun gibt es zwei verschiedene Möglichkeiten, den Spannungsaufbau eines Kapitels zu gestalten. Ich nenne sie der Anschaulichkeit halber einmal das Dan-Brown-Kapitel und das George-R.-R.-Martin-Kapitel.

1. Das Dan-Brown-Kapitel

Das hervorstechendste Merkmal eines Kapitels in einem Dan-Brown-Thriller ist seine Kürze. Selten ist ein Kapitel bei ihm länger als zwei oder drei Seiten.

Die Kürze von Browns Kapiteln ergibt sich aus der Spannungstechnik, mit der er arbeitet. Browns Kapitel brechen fast immer kurz nach dem Höhepunkt der Spannung ab. Am Ende von fast jedem seiner Kapitel gibt es eine Entdeckung, Enthüllung, überraschende Wendung, einen Cliffhanger oder etwas Ähnliches.

Wie auch die Spannungskurve, bleibt somit der Leser am Ende eines Kapitels – bildlich gesprochen – in der Luft hängen.

Spannungskurve Dan Brown

Der Effekt, der dadurch erzielt wird, bewirkt, dass der Leser in Aufregung versetzt wird, da ihm die befriedigende Auflösung der Spannung vorenthalten wird. Der Leser wird emotional stark stimuliert und zum Weiterlesen gezwungen. Der Roman wird zum Pageturner.

2. Das George-R.-R.-Martin-Kapitel

Etwas übertrieben gesprochen sind bei Martin die einzelnen Kapitel so lang wie Browns ganzer Roman. Und das liegt nicht nur an der Fülle des Stoffs, sondern auch an seinem Umgang mit Spannung im Kapitel.

Spannungskurve MartinMartin reizt die gesamte Spannungskurve eines Kapitels aus, indem er häufig lange einleitet, die Spannung langsam aufbaut, den Höhepunkt zelebriert und dann auch einen entsprechend großen Nachhall zulässt.

Dies lässt dem Leser nach jedem Kapitel eine Pause und verschafft ihm den befriedigenden Eindruck, eine komplette Geschichte gelesen zu haben.

Das richtige Kapitel für den richtigen Roman

Für welchen Weg ich mich entscheide, meine Kapitel zu gestalten, hängt von vielerlei Faktoren ab:

  • Zunächst einmal sind meine Fähigkeiten als Autor entscheidend und mein Gespür für Spannung. Martins Weg ist wesentlich anspruchsvoller auf allen Ebenen, da er dem Leser am Ende eines Kapitels noch einen Grund liefern muss, den ganzen Roman auch noch weiterzulesen.
    Browns Methode ist in dieser Beziehung einfacher, da ich mich als Autor von Höhepunkt zu Höhepunkt hangeln kann und den Leser nur ausreichend zappeln lassen muss. Dafür muss ich wiederum beim Erfinden überraschender Wendungen besser sein, weil ansonsten das Kapitel schal wirkt und der Leser durch die Wiederholung des Prinzips gelangweilt wird.
  • Wichtiger aber noch ist mein Genre. Martins Erzählweise knüpft an althergebrachte Traditionen an, in denen Kapitel eines Romans episodenhafter waren. Es wird dadurch ein Gefühl der Historizität erzeugt, das natürlich hervorragend zum Fantasy-Genre passt.
    Der Thriller-Leser will das Gefühl der Aufregung erleben, das Brown vermittelt. Kapitel nähern sich hier eher der Schnitttechnik von Action-Thrillern an, die vom Konsumverhalten eher den Wünschen des Zielpublikums entsprechen als das George-R.-R.-Martin-Kapitel.
    Letztlich entscheidet auch die Länge eines Romans darüber, für welche Struktur ich mich entscheide.
    Einen 1000-Seiten-Wälzer kann ich nur schwerlich mit Dan-Brown-Kapiteln gestalten, da dieser spezielle Spannungseffekt auf so langer Strecke irgendwann verpufft.
    Browns Kapitel animieren mich dazu, das Buch in einem Rutsch oder vielleicht in zwei Sitzungen zu lesen. Das wird den meisten Menschen mit einem dicken Schinken nicht gelingen, mit einer 300-500-Seiten-Story hingegen schon.
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9 Antworten auf “Das perfekte Kapitel”

  1. Ich benutze Terry Pratchett Kapitel. Gar keine. Das hat den phänomenalen Vorteil, dass die Strukturen der Spannungsbögen viel variabler sind und die Leser nicht sagen können: „Ich lese nur noch das Kapitel fertig.“ Jeder Akt bleibt in einem kontinuierlichen Fluss.

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    1. Das ist ja spannend. Ich bin ein großer Terry-Pratchett-Fan und gerade sein Weg, mit Kapiteln umzugehen, finde ich hervorragend, da sie auch meinem Lesefluss entsprechen.

      Hast du da bereits Erfahrungen mit Lektoren und Verlagsmitarbeitern gesammelt und erfahren, wie die das finden? Meiner Erfahrung nach stehen die nämlich auf Kapitel und haben auch ziemlich konkrete Vorstellungen davon, welches Genre welche Art von Kapiteln erfordert. Wäre toll zu wissen, ob du mit den Terry-Pratchett-Artikeln beim Lektor durchkommst.

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      1. Eine Story ohne Kapitel? Eine interessante Idee, aber das würde ich mich nicht trauen. Ich weiß auch nicht, ob mir das als Krimileser gefallen würde …

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        1. Eine Anmerkung noch: Ich finde, für mich als Autor sind die Kapitel auch eine Hilfe beim Schreiben. Dadurch werde ich daran „erinnert“, auf Spannungsbögen etc. zu achten. Sie geben nicht nur dem Leser, sondern auch mir eine Struktur.

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  2. „““Der Effekt, der dadurch erzielt wird, bewirkt, dass der Leser in Aufregung versetzt wird, da ihm die befriedigende Auflösung der Spannung vorenthalten wird. (…) Der Roman wird zum Pageturner.“““
    Ich turne in so einem Fall alle pages gleichzeitig, indem ich das Buch frustriert weglege.
    Cliffhanger find ich besonders furchtbar, v.a. wenn im nächsten Kapitel in einen anderen Handlungsstrang gesprungen wird.

    Ich hatte letztens ein Hörbuch zwischen (Die Commonwealth-Saga von P.F.Hamilton), und es hat mich extrem genervt, dass der Mann einen ständig irgendwo hängen lässt und erstmal für Dutzende von Seiten irgend etwas anderes erzählt, das mich in dem Moment nicht mehr im Geringsten interessiert, weil ich nur noch diesen verdammten Cliffhanger aufgelöst haben/wissen will, wie es in dem unterbrochenen Erzählstrang weitergeht. Das krasseste Beispiel ist, dass mitten in Band 3 ein Attentäter ein Versteck in der Wohnung seines nächsten Opfers bezieht und der arme Kerl am Ende des Buches noch immer da sitzt, während der gesamte Rest des Commonwealth beschrieben wird.
    Sowas gibt mir das Gefühl, dass die Autor_in ihrem eigenen Werk nicht traut. Ich meine, wer über die Hälfte eines Buches (oder mehrere Kapitel) hinaus einen Mordanschlag als Informationsgeisel hält, muss doch glauben, dass der einzige Grund, warum jemand weiterlesen könnte, das Interesse am Überleben des angepeilten Opfers ist.
    Allerdings habe ich selbst auch noch nie versucht, eine Geschichte mit 10+ Handlungssträngen zu schreiben, und weiß nicht, welche Entscheidungen so alles in die Strukturierung einfließen, welche Bedingtheiten es gibt usw.

    Ich setze Kapitelmarken nach Gefühl und ans Ende eines mehr oder weniger in sich geschlossenen Entwicklungsschrittes innerhalb der Gesamtgeschichte. Die Länge variiert drastisch und manche enden auf einem Spannungstief, andere auf einem Hoch.
    Zum Schreiben hab ich allerdings alles auf Handlungstage aufgeteilt. Ist besser für den Überblick.

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  3. Ein toller Artikel, besonders deine „Arten“ gefallen mir. Ich schreibe eigentlich immer mit Kapiteln, die so ein gutes Mittelding sind. Als Leser mag ich es auch nicht, wenn Kapitel zu lang sind, weil ich immer nach einem Kapitel Pause mache, um nicht den Faden zu verlieren.

    Ich glaube aber, mal gelesen zu haben, dass Verlage gerne ungefähr gleich große Kapitel haben wollen. Wahrscheinlich sind sie deshalb auch eher weniger begeistert von Terry-Pratchett-Kapiteln.

    Bewusst Spannungsbögen habe ich bisher allerdings noch nie eingebaut, da habe ich heute wieder etwas dazugelernt, was ich beim nächsten Mal sicher anwenden werde. Danke dafür!

    Viele liebe Grüße,
    Kim

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    1. Ist auch meine Erfahrung, Kim, dass Verlage da bestimmte Vorstellungen haben. Ich habe sogar den Eindruck, dass von der richtigen Gestaltung der Kapitel darüber entschieden wird, ob ein Manuskript in Betracht gezogen wird oder nicht.

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