Unsichtbare Prosa: 6 Regeln

UnsichtbareProsa6Regeln

An einem guten Unterhaltungsroman schätze ich nicht nur den spannenden Plot, sondern auch die hohe Kunst der unsichtbaren Prosa. Brandon Sanderson unterrichtet dieses Prinzip in seinen Seminaren. Er beschreibt in ihnen unsichtbare Prosa mit einem, wie ich finde, sehr treffenden Vergleich:

Unsichtbare Prosa ist wie eine gut geputzte, klare Glasscheibe, die den Blick auf die Dinge dahinter nicht verstellt oder verschleiert (also auf den Plot und die Figuren).

Viele Klassiker des Thriller- und Krimi-Genres verwenden unsichtbare Prosa und erreichen dadurch nicht nur einen hohen Unterhaltungswert, sondern lassen sie auch zeitlos erscheinen.

Das Geheimnis einiger großer Unterhaltungsautoren, die auch heute noch gelesen werden, wie z.B. Arthur Conan Doyle, Dashiell Hammett, Agatha Christie, H.G. Wells, Philip K. Dick oder eben George Orwell, liegt nicht nur allein in ihren gekonnten Plots und erinnerungswürdigen Figuren, sondern vor allem auch an ihrer hohen Lesbarkeit.

Unsichtbare Prosa, oder auch Orwellsche Prosa, folgt sechs einfachen Regeln, die George Orwell in einem seiner Essays festgehalten hat:

1. Benutze nie eine Metapher oder Redewendung, die du bereits mehrfach gedruckt gelesen hast

Abgedroschene sprachliche Mittel machen einen Text nicht nur flach, sie können den Leser auch aus dem Fluss reißen, weil er sich an andere Texte oder Alltagssituationen erinnert fühlt.

Auf der anderen Seite ist es sehr schwierig, Redewendungen, Vergleiche oder Metaphern zu erfinden. Wird man hier zu abseitig, kann die Absicht, unsichtbare Prosa zu schreiben, schnell ins Gegenteil umschlagen.

2. Benutze nie ein langes Wort, wenn es auch ein kurzes gibt

Lange Wörter irritieren und halten beim Lesen auf. Hinzu kommt, dass lange Wörter häufig zusammengesetzte Wörter sind. Auch diese sind für den Leser langsamer zu entziffern als ein kurzes, nicht zusammengesetztes Wort. Demonstration gefällig? Bitte: Autoheckscheibenfensterklorollenhäkelmütze.

3. Wenn es möglich ist, ein Wort wegzulassen, lass es weg

In der gesprochenen Sprache neigen wir dazu, uns wortreich auszudrücken und das Gleiche mehrfach mit verschiedenen Wörtern zu sagen. In Texten, die eine spannende Handlung transportieren sollen, hält dies den Leser auf.

4. Benutze nie das Passiv, wenn du das Aktiv benutzen kannst

Aktiv liest sich besser, weil es dynamischer ist. Das Passiv verschleiert, wer denn eigentlich handelt. Und darum geht es ja in spannenden Texten – starke Figuren vollführen eindrucksvolle Handlungen. Juristen, Politiker oder Beamte nutzen gerne das Passiv, um sich so neutral wie möglich auszudrücken. Als Romanautor will ich das genaue Gegenteil.

5. Benutze nie ein Fremdwort oder einen Fachausdruck, wenn dir dafür auch ein Begriff aus der Alltagssprache einfällt

Fachbegriffe sind für wissenschaftliche Arbeiten gut. In Romanen bergen sie die Gefahr, den Leser auszugrenzen. Gerade Unterhaltungsromane wollen aber ein breites Publikum ansprechen. Fachbegriffe sind für ein spezielles Publikum gedacht, für Insider.

6. Brich jede dieser Regeln, wenn es dir wichtig erscheint

Orwell war nicht nur ein sehr guter, sondern auch ein sehr kluger Autor. Sich sklavische an Regeln zu halten, selbst an seine eigenen, führt zur Engstirnigkeit und formelhaften Texten. Aber wie immer gilt meiner Meinung nach: Regeln sollte ich erst brechen, wenn ich sie beherrsche.

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22 Antworten auf “Unsichtbare Prosa: 6 Regeln”

  1. Danke für den Beitrag, klingt gut, was der Herr Orwell da sagt 🙂

    Wünschte, dass dies auch manche Fantasy-Autoren berücksichtigen würden. Mich stört in diesem Genre nämlich teilweise dieser unbedingte Wille, dem kompletten Roman ein gehobenes Sprachniveau aufzudrücken. Das resultiert dann gerne in hölzern wirkenden Beschreibungen und dem verfälschten Eindruck, so gut wie alle Figuren sprächen ebenfalls auf gleichem Niveau (was dann nicht nur hölzern, sondern schlicht nicht authentisch wirkt).

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      1. Es ist aber auch wichtig, als Autor seine Figuren vorher zu „kennen“
        Wenn man in einem Fantasy Roman beispielsweise beabsichtigt eine Klasse der Hochelben in die Geschichte einzuführen die im Gegensatz zu „normalen“ Elben stehen, und sich durch eine besondere Anmut Weisheit oder Arroganz auszeichnen, kommt es manchmal authentischer rüber, wenn man diesen Angehörigen der Klasse eine eher hohe, gestochene Sprache gibt.
        Leider neigen viele Autoren dazu, dass dann durch die Bank zu machen. Passt es jedoch in die Handlung und zum entsprechenden Wesen oder Charakter finde ich eine solche „pseudomittelalterliche“ Sprache im „gehobenen“ Sprachniveau eher authentisch. Oder beispielsweise wenn man einen Weisen darstellen will. Jemand der sein Leben lang in einer Zitadelle verbringt und Dinge lernt und am Ende sehr gelehrt ist, würde authentischer wirken wenn er Fachbegriffe anbrächte (in einem gewissen Maße).
        Aber ein sehr interessanter Artikel! 🙂

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        1. Freut mich, wenn dich der Artikel interessieren konnte.

          Um ehrlich zu sein, ist gerade dieses Sprachengewurstel für mich der Grund, wieso ich viele Fantasyromane wieder zur Seite lege. Die Autoren in dem Genre, die ich mag, wie z.B. Tracy Hickman oder Brandon Sanderson, kommen auch ohne aus.

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    1. Ich muss gestehen, ich finde „Plotableiern“ gut. Eine einfache, klare Ausdrucksweise ist für mich hohe Kunst. Und Autoren wie Hemingway oder Böll zeige ja auch, dass man damit nicht nur Unterhaltungsliteratur schreiben kann. Orwell, nebenbei bemerkt, ja auch. 1984 ist eines meiner absoluten Lieblingsbücher.

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      1. Helle Helle ist die dänische Variante von einem unsichtbaren und sehr realistischen Stil. Die Sprache ist so nüchtern und herb, dass es mir manchmal zu viel ist. Aber gelesen sollte man sie schon haben. Ob diese Schreibkunst in den Übersetzungen so rüberkommt, weiss ich aber nicht, weil ich sie im Original lese. Sie ist in Hemingways Schule gegangen. 🙂

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      2. Hm, ich muss gestehen, ich freue mich auch gelegentlich über hübsche Vergleiche und solchen Schnickschnack, aber unter zu viel davon verliere ich den Plot. Da sind die Schmerzgrenzen wohl individuell sehr verschieden.

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  2. Ja, da ist schon was dran.

    Aber es kommt auch darauf an, für wen man schreibt, deshalb ist der 6. Punkt so wichtig. Ich lese gerade erstmals Harry Potter und wundere mich sowohl über die Sprache, die mir sehr gefällt (gute Metaphern usw.), aber auch, wie viele Adjektive die Autorin gebraucht. Bei Kinder- und Jugendliteratur gibt es dann andere Regeln, nur das ja gerade Potter auch von vielen Erwachsenen gelesen wird.

    Ich lese deinen Blog sehr gerne.

    Danke für die tollen Beiträge.

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    1. Ich freue mich sehr über das Lob, Eva. Schön, dass dir mein Blog gefällt. J.K. Rowlings Stil finde ich ebenfalls ziemlich gut. Das mit den Adjektiven ist hohe Kunst, denke ich. Im Endeffekt sollte die Regel hier lauten: Wenn du nicht ganz genau weißt, was du mit ihnen tust, dann lass sie lieber weg – meine ich. Und Rowling weiß halt, was sie tut.

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  3. Vielen Dank für diese unnützen und altbekannten „Regeln“. Bitte lieber Marcus, wenn du Tipps gibst, dann doch bitte HILFREICHE! Das da oben sind alles selbstverständliche Dinge. Alles schon überall tausendmal gelesen.
    Außerdem verstehe ich nicht was du mit „unsichtbarer“ Prosa meinst. Ich vermute du willst sagen: man soll gar nicht merken das man einen Text liest den ein Autor erfunden hat. Dazu muss ich aber sagen das ich von den Beispielen nur Sherlock Holmes gelesen habe und es ehrlich gesagt ziemlich trocken fand, da versinkt man nicht drin, man ist bemüht allen abstrusen Hinweisen zu folgen und gleichzeitig nicht einzuschlafen.

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    1. Tut mir leid, dass diese Woche nichts für dich dabei war, Jens. Ich sehe meinen Blog hauptsächlich als eine Hilfe für Schreibanfänger, deswegen widme ich mich immer mal wieder auch den Basics.
      Nein, mit unsichtbarer Prosa ist halt gemeint, dass die Sprache in den Dienst hinter dem Plot zurücktritt. Der Leser soll keine Mühe damit haben, sein Lesefluss soll nicht unterbrochen werden.
      Schade, dass dir Sherlock Holmes nicht gefallen hat. Natürlich gibt’s von Doyle bessere und schlechtere Sachen, aber ich lese ihn eigentlich sehr gerne.

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  4. Natürlich sollte der Stil sich nicht so in den Vordergrund drängen, dass er die Geschichte überschattet, er sollte sie unterstützen, deswegen braucht er nicht unsichtbar zu sein.

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  5. Wie sieht Punkt 5 bei Wissenschafts-Romanen aus (z.b. Michael Crichton)? In solchen Werken werde ich nicht um Fachbegriffe herumkommen und gerade diese manchmal wissenschaftliche Sprache macht die Atmosphäre eines Romans aus.

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  6. Vielen Dank für diese hilfreichen Regeln. Ich finde es wichtig und gut, immer mal wieder die Grundlagen in Erinnerung gerufen zu bekommen. Ich gewinne den Eindruck, dass so mancher „Autor“ sich ein Beispiel an Profimusikern oder Kampfkunstmeistern nehmen sollte. Leute wie Ip Man (Wing Chung), Funakoshi-Sensei (Karate) oder Muhammad Ali (Boxen, der Vollständigkeit halber) waren in ihrem Sport/ihrer Kunst Grossmeister, trotzdem waren sie sich nicht zu Schade die absoluten GRUNDLAGEN (Siu Nim Tau, Heian Shodan und Pratzentrainig) immer und immer wieder zu praktizieren, weil es ihre Grundlage verbesserte und damit auch die fortgeschrittenen Techniken profitierten. Oder ein Virtuose der Geige, des Klaviers oder was immer der aufhört, Tonleitern zu üben macht rückwärts. Und sei es nur, weil er eingebildet wird.
    Wer mir nicht glaubt soll sich doch mal mit einem der grossen messen die noch blöd genug sind, sich mit den „einfachen“ Regeln abzugeben.

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