Drei Argumente für das flexible Stufendiagramm

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Als planender Schreiber habe ich in Diskussionen mit entdeckenden Schreibern häufig die Erfahrung gemacht, dass diese das Stufendiagramm mit einem Korsett vergleichen, das Autoren beim Schreiben einengt.

Dieses Bild gefällt mir natürlich nicht, weil ich ein Stufendiagramm als Bereicherung erfahre und nicht als etwas Negatives.

Ich habe lange überlegt, mit welchem Vergleich ich kontern könnte. Neulich fiel mir eine ein: Meiner Ansicht nach sind Stufendiagramme keine Korsetts, sondern eher orthopädische Stützen. Sie engen mich nicht ein, sondern passen sich flexibel an und geben mir dort Halt, wo ich ihn brauche.

Zugegeben manchmal zwicken oder drücken sie ein wenig. Das liegt dann entweder daran, dass ich gegen sie arbeite, statt sie richtig zu nutzen. Oder sie sind falsch eingestellt. Im Zweifel liegt es also nicht an der Stütze, wenn ich mich mit ihr unwohl fühle, sondern an dem falschen Umgang mit ihr.

Ein Stufendiagramm muss nichts Starres sein. Sie kann sich beim Schreiben des ersten Entwurfs entsprechend neuer Ideen, die mir beim Schreiben einfallen, auch verändern.

Wozu dann überhaupt ein Stufendiagramm? Brauchen diese Stütze nur gebrechliche Autoren, die aus eigener Kraft nicht mehr gehen können? Ich denke nicht:

1. Ich bin beim Schreiben des ersten Entwurfs unabhängig von Inspirationen

Als ich noch ein Discovery Writer war, brauchte ich stets einen Einfall, wie es weitergehen kann, um mich an meinen Entwurf zu setzen. Manchmal kamen die Ideen beim Schreiben oder ich hatte schon eine, bevor ich mich an den Schreibtisch setzte. Dann war alles gut. Hatte ich sie nicht, kam ein Projekt ins Stocken – was dann meistens auch seinen Tod bedeutete.

Mein Stufendiagramm erarbeite ich komplett, bevor ich mich an den ersten Entwurf setze. So merke ich, ob es mir gelingt, eine Handlung für einen Roman aus meiner Grundidee zu entwickeln, bevor ich die ersten einhundert Seiten meines Manuskripts geschrieben habe. So spare ich eine Menge Zeit und Frust.

Das heißt aber nicht, dass ich nicht neue Ideen, die mir beim Schreiben einfallen, in das Stufendiagramm einarbeite.

Das Stufendiagramm verhindert also keine Ideen oder das Entwickeln neuer Wendungen. Es (unter)stützt mich, wenn mir nichts einfällt und zeigt mir, ob meine Idee etwas taugt, bevor ich mit dem eigentlichen Schreiben beginne.

2. Ich kann besser mit Unterbrechungen umgehen

Früher hat es mich um den Verstand gebracht, wenn ich aus dem Schreibfluss gerissen wurde. Als entdeckender Schreiber brauchte ich stets eine ganze Weile, um mich warmzuschreiben.

So schön es auch ist, ganz im Schreiben zu versinken und stundenlang sich nur seiner Romanwelt zu widmen – in der Praxis sind diese Stunden häufig aufgrund anderer Verpflichtungen, die mir das reale Leben so abverlangt, zu Minuten geworden.

Als entdeckender Schreiber konnte ich in Minutenhappen nicht schreiben. Ich musste stets erst in die Story reinkommen. Inzwischen reichen mir zum Runterreißen von ein paar hundert Wörtern auch nur eine Handvoll Minuten. Binnen von Sekunden weiß ich mit einem Blick aufs Stufendiagramm, was ich gerade schreiben muss und kann mich ohne lange Eingewöhnungsphasen an den Entwurf setzen.

3. Ich habe mein Projekt stets ganz im Blick

Stecke ich mal in einem Kapitel fest, lasse ich es links liegen und schreibe einfach das nächste. Später kann ich dann zurückkehren und das ausgelassene Kapitel vervollständigen.

Ich muss auch nicht lange Prosatexte lesen, wenn ich wissen will, was genau vor zwei, drei Kapiteln geschehen ist (falls mir Details der Handlung entfallen sind usw.). Meine Stufendiagramme bestehen aus möglichst kurzen Zusammenfassungen einzelner Kapitel, so dass ich mir schnell einen Überblick verschaffen kann. Meistens reicht mir ein entsprechender Blick auf eine Karteikarte.

Auch hier ist wieder Flexibilität Trumpf: Ich kann einzelne Kapitel in Form von Karteikarten in Scrivener hin und her schieben, verändern oder löschen – vor, nach oder während ich am ersten Entwurf sitze.

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8 Antworten auf “Drei Argumente für das flexible Stufendiagramm”

  1. Natürlich muss man beim Discovery-Writing am Ball bleiben.

    Man kann auch beim Discovery Writing munter durcheinander losschreiben, man muss nicht alles so chronologisch aufschreiben, wie man es im Endprodukt liest.

    Je mehr Handlungsstränge, umso weniger kann man vorausplanen, weil es sich alles bedingt, da kann eine Szene viel mehr verändern, was man im Vorhinein nicht berücksichtigen kann und es wirft auch alles über den Haufen, was man sich davor überlegt hat.

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    1. Hm, kann mir kaum vorstellen, wie das funktioniert. Ich kann mich ja noch nicht einmal an alles erinnern, was ich vor einer Woche geschrieben habe. Wie weiß ich bei einem Romanprojekt, was ich vor 200 Seiten in die Tasten getippt habe? Nun, vermutlich ist mein Gedächtnis einfach ein Sieb.

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  2. Hallo Marcus Johanus,

    aus Ihren bisherigen Beiträgen konnte ich bereits herauslesen, dass Sie ein planender Schreiber sind und ich finde vieler Ihre Artikel sehr informativ und hilfreich. Hier also erstmal ein Kompliment: ich konnte von Ihrem Blog bereits vieles lernen und an meinen Fähigkeiten feilen. Daher freue ich mich auf weitere Erfahrungsberichte beziehungsweise Tipps zum Schreiben. Natürlich gilt Ihnen auch ein Danke, für die Publikationen und der Wissensweitergabe. ( Mein Lieblingsgebiet. Wenn niemand erblasst oder zutiefst verletzt wird, fehlt für mich der Kern der Frucht, der Keim, das Herz …

    So so. Da bin ich kleiner Mischling, der schon ein Stückchen gelaufen ist, aber noch etliche große Stücken vor sich zu liegen hat. Manchmal bilden diese Brocken auch einen Berg. Plötzlich steht da eines dieser Hyperbolischen Hindernisse vor mir. Manche tragen den Namen Grammatik, andere Erfahrungs- oder Informationsmangel sowie das allgemein bekannte Obstakel Schreibblockade zusammen mit seinem Gefolge der Einfallslosigkeit, Inspirationsmanko, Motivationskiller und wie sie nicht alle heißen … Die Einbildung schleicht sich auch gelegentlich ein, aber eine Halluzination besteht nur aus heißer Luft.
    Die Hürden zeigen sich in verschiedenen Ausführung. Manchmal sind es Flüsse oder Schluchten und andere Male Berge, Mauern oder ähnliche, trivial betrachtet unbezwingbare Barrikaden. Dazu trägt Lord Wetter mit seiner Vielseitigkeit natürlich auch seinen Teil bei, aber nicht mit mir. Stehe ich vor einem Fluss, baue ich mir eine Brücke und gehe hinüber. Die Berge und Mauern versuche ich meist erst zu verschieben, aber schlussendlich konstruiere ich mir einen Haufen aus Irgendwas und klettere einfach hinüber. Stürzte, Schrammen und blaue Flecke gehören dazu. Welcher Autor kann von solchen Strapazen, welche das Leben nun mal mitbringt, kein Buch schreiben?
    Hört sich leicht an, ist es für mich auch. Franz Kafka sagte bereits vor ca. 100 Jahren, dass Wege dadurch entstehen, dass man sie geht.
    Peter Pan, Pippi Langstrumpf, Aladdin, Faust und viele weitere abstrakte und realistische Persönlichkeiten machen es vor und nachmachen ist keine Herkules Aufgabe, schon gar nicht, wenn man seinen Glauben bewahrt. Solange man nicht vergisst wer der autoritäre Erzähler ist, vergisst man auch nicht, wie man sein Leben glücklich gestaltet.
    Fundamental ist es bei mir wohl der Optimismus, Mutter Natur mit ihren Wundern, die Musik, Neugierde und Lebensfreude sowie Freiheit, was mich so leichtfüßig macht und vor allem natürlich der Spaß an der ganzen Sache. (Abgesehen von den Menschen, die mich lachen lassen.)

    Schlussendlich möchte ich Ihnen zu Ihrem Beitrag noch sagen, dass dieser, wie auch viele bisherige Veröffentlichungen super Hilfen sind und mir einen anderen, zum Teil auch neuen Blickwinkel zeigen. Verschiedene Perspektiven, bieten verschiedene Ansichten/Betrachtungsweisen/Urteile etc. Die sind praktisch. Wie bereits gesagt, freue ich mich schon auf den nächsten Blogeintrag und hoffe, dass dieser Erfahrungsaustausch etwas Gefallen wecken konnte.

    Viele Grüße von der Havel
    Micky

    PS: Fehler sind nicht schön, aber haben Charakter 😉

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